Besuch aus Saint Joseph (2), 27. Juli

Weit unterhalb des Hügels sehe ich die Kinder auf der Holzkonstruktion eines gestrandeten Schiffs. Sie spielen, als machte ihnen die drückende Luft nichts aus, die Schwüle, die ein Gewitter ankündigt, dessen erste Ausläufer als geschwollene, graue Zungen bereits den Himmel bedecken und während ich die Muster verfolge, mit denen die Kinder über diesen, aus der Entfernung fast winzig erscheinenden Spielplatz rennen, erratische Muster, wie ich denke, unberechenbar und deshalb frei und ehrlich, spüre ich, wie sehr die Hitze auch André zusetzt, der neben mir auf seinem blauen Metallstuhl zentimeterweise vor und zurück rutscht, als fiele es ihm schwer, eine bequeme Position zu finden. 

Vor einer halben Stunde haben wir versucht, mit Ks Jahreskarte über einen Nebeneingang in den Park zu gelangen. 

„Das ist überhaupt kein Problem“, sagte ich, „du scannst einfach den Strichcode und schon bist du drin. Ks Foto ist dabei ganz egal, der Scanner sieht schließlich nicht, ob der Besitzer auch zur Karte passt.“

Als wir uns wenig später durch das Drehkreuz schlängelten, tauchte zu meiner vollständigen Überraschung ein junger Typ aus so etwas wie einem Bauwagen auf. Er trug eine gelbe Warnweste und kam ohne zu zögern auf uns zu.

„Darf ich mal eure Eintrittskarten sehen, bitte“, sagte er und mein Herz begann aufgeregt zu schlagen, auch wenn ich äußerlich vollkommen ruhig blieb. Zumindest war ich davon überzeugt.

Ich hielt meinen Ausweis in die Höhe und der andere verglich mein Gesicht mit dem aufgedruckten Foto, ohne sonderlich überzeugt zu sein. Dann musterte er André und den Ausweis von K und zögerte sofort.

„Das da auf dem Foto ist eine Frau“, sagte er und wirkte mit einem Mal weniger gefährlich als schüchtern und irritiert. Fast so, als müsste er gegen seinen Willen diese unangenehme Situation in Ordnung bringen.

„Das kann doch nicht sein!“, antwortete ich, um so zu tun, als hätte ich das alles und besonders die Verwechslung von Anfang an geahnt. 

„Hast du wieder die falsche Karte eingesteckt?“, warf ich André zu und hoffte, dass er meine Finte verstand. Aber er erwiderte nur irritiert und verständnislos meinen Blick.

„Wir legen unsere Jahreskarten in der WG immer an dieselbe Stelle“, erklärte ich dem Parkwächter. „Wahrscheinlich hat er sich aus Versehen die falsche Karte geschnappt. Das ist schon mal passiert.“

Ich schob ein Lächeln nach, dass gewinnend wirken sollte.

„Tut mir leid“, gab der Wachmann ungerührt zurück, der ähnliche und sicher auch weitaus bessere Erklärungen auswendig zu kennen schien und mit keiner Wimper auf meine Geschichte reagierte. „Ich darf nur Leute reinlassen, die mit dem Foto auf der Karte übereinstimmen. Ihr müsst wieder gehen.“

„Kannst du keine Ausnahme machen?“, fragte André ohne jeden Anflug von Nervosität.

Der andere schüttelte betroffen seinen Kopf, was mir sofort ein schlechtes Gewissen machte. Mit einem Mal sah es so als, als würden wir ihn in eine ausweglose Lage bringen, als drängten wir ihn eine Ecke, indem wir an seine Mitmenschlichkeit appellierten, obwohl er einfach nur gezwungen war, seinen Job zu tun. Genau dafür hatte man ihn schließlich eingestellt, er sollte Leute wie uns aus der Menge der übrigen Besucher filtern.

„Alles klar“, hörte ich André sagen, „wir gehen einfach wieder. Tut uns leid.“

„Kein Problem“, erwiderte der Parkwächter erleichtert. „Ich könnte wirklich Ärger bekommen, müsst ihr wissen.“

„Stimmt, tut uns leid“, schob auch ich nach und wir machen kehrt.

Als wir die Drehtür hinter uns gebracht hatten und wieder draußen im unteren Luisenpark standen, schaute ich André an.

„Ich wollte nicht, dass er Ärger bekommt“, erklärte er.

„Geht mir genauso.“

„Und jetzt?“

Ich dachte einen Augenblick nach.

„Wir könnten einfach zum Haupteingang laufen und dir eine Tageskarte holen. Die kostet nicht viel und der Park ist wirklich schön. Er ist sogar echt sehenswert.“

„Ist es noch weit bis zum Eingang?“

„Zehn Minuten, nicht mehr.“

„Dann machen wir das.“

„Super.“

Eine halbe Stunde später stehen wir vor den Vogelvolieren im hinteren Teil des Parks und schauen uns eine Schneeeule an.

„Die ist ja riesig“, sage ich begeistert.

„Das hätte ich wirklich nicht gedacht“, erwidert André.

Ich bin froh, dass wir die Volieren auf Anhieb gefunden haben und dass ihm die Tiere gefallen. Aus irgendeinem Grund habe ich immer das Gefühl, mein Besuch dürfe sich auf keinen Fall langweilen. Ich bin stets für die gute Laune der anderen verantwortlich.

„Nur schade, dass die Vögel hier nicht fliegen können“, sagt André. „Die Käfige sind ja winzig.“

„Ein Trauerspiel.“

„Absolut.“

Wir laufen weiter, weichen Familien mit kleinen Kindern aus, die unter wildem Geschrei in Richtung der Käfige stürmen. Im Vorbeigehen fällt mir ein eigenartiger Vogel mit einem faustgroßen Körper auf, der auf hohen, stelzenartigen Beinen geht und einen unwahrscheinlich langen, dafür aber dünnen und an der Spitze nach oben gebogenen Schnabel besitzt.

„Was soll das denn sein?“, sage ich und zeige auf das Tier, das in diesem Moment stehen bleibt und mich ansieht, als fühlte es sich durch meine Frage unangenehm berührt. „Das ist doch wohl ein Witz!“

André beginnt zu lachen. 

„So einen habe ich ja noch nie gesehen!“, sagt er. „Der ist ja total lächerlich!“

Der Vogel trippelt mit schnellen Schritten davon, als hätte ihn unsere Beleidigung tödlich getroffen. Allerdings kommt er nicht besonders weit, denn sein Käfig bietet auf den ersten Blick kaum Rückzugsmöglichkeiten, er ist vollgestopft mit zahllosen anderen Artgenossen, kleine, große, manche zu zweit, viele allein. Eine zusammengewürfelte Gruppe hat sich um ein Wasserloch herum versammelt und scheint lethargisch zu überlegen, ob sich das Ertrinken lohne oder ob man einfach weitermachen soll wie bisher. Währenddessen fliegen Spatzen in die Voliere hinein und wieder heraus und machen sich am Futter der exotischen Geschwister zu schaffen. Ihre Körper sind klein genug, um durch die Maschen der Drahtverschläge zu passen und das, denke ich, muss für die anderen Vögel das eigentliche Martyrium sein, eine Freiheit, die greifbar, aber doch unmöglich ist. Fast wie bei Tantalos, vor dem das Wasser und die Früchte Reißaus nahmen, sobald er zu trinken oder zu essen versuchte.

Während wir weiter durch den Park spazieren, fällt mir wieder einmal auf, wie riesig diese Anlage eigentlich ist und wie viel Arbeit in ihr steckt. Mein Blick fällt auf aufwendig gestaltete Beete und Bepflanzungen, die Wiesen sind grün und wirken gesund, manchmal kommen wir an unbekannten Bäumen vorbei, die möglicherweise aus Asien oder Südamerika stammen und die mir deutlich vor Augen führen, wie wenig ich in der Lage bin, Bäume zu unterscheiden, ihre Namen zu kennen. Mein gesamtes Wissen erschöpft sich in einigen wenigen Bezeichnungen, in Linde, Kastanie, Buche und Esche. Ich würde noch eine Araukarie erkennen, aber auch nur deshalb, weil man sie im Deutschen Andentanne nennt und ich irgendwann dieses unglaubliche Gebirge sehen möchte, das im Rücken von Santiago de Chile liegt.

„Der Park ist wirklich schön“, sagt André, als wir uns dem asiatischen Teehaus nähern, vor dem sich eine Menschenmenge angesammelt hat. Leute machen Fotos, viele Touristen darunter, wir müssen keine Masken mehr tragen, zumindest für eine gewisse Zeit und das verleiht dem Ganzen ein wenig Normalität oder aber ein Gefühl von Nostalgie.

„Ja“, erwidere ich, „mit den Parks, die wir in Berlin hatten, ist das alles nicht zu vergleichen. Am ehesten wahrscheinlich mit dem Botanischen Garten, aber der Mauerpark oder Volkspark, die sahen doch im Sommer immer aus, als wären sie tot.“

„Man hat sich direkt in den Staub gesetzt.“

„Genau.“

Ich überlege kurz, ob sich darin unser Alter äußert, in diesem Gefallen an einem gepflegten Park, der Eintritt kostet und nicht jedem zur Verfügung steht. Ich denke an die merkwürdigen Vögel und die Spatzen, die ein- und ausgehen, wie es ihnen passt und ich denke zurück an die Jahre, die ich mit André in Berlin verbracht habe. Der Staub hat uns damals nicht interessiert, wir haben ihn nicht einmal wahrgenommen. Und wir hätten über Menschen gelächelt, die wie wir, zwei Männer Ende dreißig, durch einen kostenpflichtigen Park spazieren, um die Vorzüge von Ordnung, Rasenpflege und gut angelegten Beeten zu bewundern. 

Doch dann denke ich plötzlich, dass in einem Mann, der sich dem Ende der Dreißig nähert, und der noch genauso gern im Staub der vertrockneten Parks sitzt, wie er es mit Anfang zwanzig tat, auch keine Rettung liegt. Auch in seinem Festhalten, in seiner Ablehnung, macht sich die Lüge bemerkbar, denn er nimmt den Staub am Ende deutlich wahr, er sieht die vertrocknete Wiese, er erkennt sie und macht sich aus Trotz über die Lust am Gepflegten lustig, als läge darin bereits ein tieferer Unterschied und nicht etwa eine bloße, austauschbare Vorliebe, vielleicht sogar nichts anderes als Heuchelei. Die Lüge macht sich immer bemerkbar. Sie holt schließlich jeden ein, niemand kommt an ihr vorbei. Die Frage liegt nur darin, wie groß die Lüge wird, die man sich auflädt, unfreiwillig auflädt sogar und wie lange man in der Lage ist, die Lüge zu ertragen. Jeder bleibt am Ende mit seiner Lüge allein, auch wenn er glaubt, der Ausverkauf existiere bloß für die anderen. Mit Anfang zwanzig allerdings weiß man davon nichts und die Lügen warten im Hintergrund, sie haben die Schwelle noch nicht übertreten, weil sie von der Zeit wissen, die ihnen bleibt. Die Zeit spielt von Anfang an auf der Seite der Lüge, Lüge und Zeit gehen Hand in Hand.

„Was Colonel Parks jetzt wohl macht?“, frage ich André, als wir uns zwei der blauen Metallstühle schnappen und sie auf einen Hügel unter eine Gruppe hoher Pappeln stellen. Unter uns liegt der Spielplatz mit dem aus Baumstämmen gezimmerten Holzschiff in seiner Mitte.

„Daran will ich lieber nicht denken“, erwidert André. „Wahrscheinlich macht er sich gerade wieder an ein paar junge Studentinnen ran.“

„Obwohl er so bibeltreu ist?“

„Das ist ja kein Hindernis.“

„Stimmt.“

Ein Windstoß setzt die Blätter über uns in Bewegung, das Laub rauscht, ich kann das Gewitter bereits fühlen, auch wenn noch kein Tropfen gefallen ist.

„Die Studenten in Alabama waren so merkwürdig. Ich bin so froh, dort weg zu sein.“

„Warum merkwürdig?“

André denkt kurz nach.

„Sie waren alle gleich. Es ist schwer zu erklären, aber am Ende hatte ich in meinen Kursen tatsächlich nur einen einzigen Studenten sitzen. Einen Archetypen sozusagen.“

„Und wie sah der aus?“

„Alle waren weiß, obwohl Alabama ja in den Südstaaten liegt, alle waren total homogen. Auf dem Campus herrschte eine eigenartige Konformität, bis in die Kleidung hinein. Und dabei waren ja alle jung, erst Anfang zwanzig.“

Er holt Luft.

„Die Mädchen glichen einander wie in einem Horrorfilm. Glatte, blonde, lange Haare, schön gescheitelt. Dazu ein ausgewaschener Pullover in Übergröße mit dem Logo eines Footballteams und Hot-Pants, die unter dem Pullover verschwanden, so dass die Mädchen eigentlich immer so aussahen, als wären sie untenrum nackt. Und die Typen waren noch schlimmer. Helle slacks, also Khakihosen in Beige, und darüber Polohemden in Pastelloptik. Und alle waren genauso gekleidet, genau in dieser Einheitskluft, als hätte man sie endlos kopiert und in den Campus eingefügt. Die totale, umfassende Konformität!“

„Aber es muss doch auch Punks oder so etwas gegeben haben. Ich meine, die waren doch jung.“

„Nein, wenn auf dem Campus jemand mit gefärbten Haaren herum lief, dann war das zwangsläufig ein überalterter, eitler Professor, der seine grauen Strähnen nicht ertrug. Und alle sprechen dich mit dieser merkwürdigen Unterwürfigkeit an. Es ist keine Höflichkeit, sondern eine ernste, ganz devote Unterwürfigkeit.“

Ich blicke ihn fragend an.

„Alle sagen yes, Sir. Thank you, Sir!

„Was? Deine Studenten haben dich wie bei der Armee mit Sir angesprochen?“

„Ja!“

„Das darf doch nicht wahr sein.“

„Ist es aber. Ich konnte es anfangs selbst nicht fassen.“

„Also gab es nichts Alternatives, keine Gegenkultur oder so etwas?“

André schüttelt energisch seinen Kopf.

„Nicht im Ansatz. In der Stadt selbst gab es nicht einmal einen Buchladen.“

„Du nimmst mich auf den Arm.“

„Sehe ich so aus?“

Ich lächele ihn herausfordern an.

„Kann sein“, sage ich dann.

„Tue ich aber nicht. In der Stadt, in dieser Universitätsstadt mit dreißigtausend Studenten, gab es keinen einzigen Buchladen.“

„Unglaublich.“

„Ja.“

Wir schweigen uns für eine Sekunde an, in der André Atem holt.

„Als ich in meinem Kurs zur zeitgenössischen German Culture einen Film von Ulrich Seidel gezeigt habe“, setzt er dann fort, „wären die mir fast an die Kehle gesprungen.“

„Welcher Film war das?“

Paradies Liebe.“

„Der ist doch total gut! Verstörend, aber gut.“

„Die haben das überhaupt nicht begriffen, nicht im Ansatz. Die konnten mit dieser Direktheit nicht umgehen und mit einer Protagonistin, die moralisch schlecht ist, die keine Heldin ist, sondern andere willentlich ausnutzt, eine Sextouristin eben. Und die dann auch noch ganz doppeldeutig wird, weil sie am Ende eben nur nach Liebe und Nähe sucht, weil sie ein Mensch ist, aber ein Mensch, der sich regelrecht unmenschlich verhält.“

„Und das haben deine Studenten nicht verstanden?“

„Die waren ausnahmslos schockiert. Warum?, wollte ich von ihnen wissen. Weil das keine liebenswerte Heldin sei, mit der man sich identifizieren könne, bekam ich zurück. Warum wollt ihr eine liebenswerte Heldin, die gibt es doch draußen, in der richtigen Welt, genauso wenig. Da ist der halbe Kurs fast ausgetickt und an die Decke gegangen.“

„Das ist doch nicht wahr!“

„Doch und dabei halten die sich alle für absolut aufgeklärt, wittern ständig die Unterdrückung einer Minderheit, was ja auch gut ist, was ja letzten Endes auch für ihre Sensibilität spricht, aber dass diese Frau in Seidels Film als zwiespältige Kolonisatorin auftrat, das haben sie überhaupt nicht verarbeiten können. Dass am Ende das widersprüchlich Menschliche durchkam, das machte meinen Kurs wahnsinnig, denn im Film gab es nicht einfach nur Schwarz und Weiß, die Guten und die Bösen, sondern es gab eine Böse, die in Ansätzen auch gut war, weil sie Mitleid weckte, weil sie sich nach Liebe sehnte, verlassen und einsam war. Und das ging einfach nicht, diese Graustufen durfte es nicht geben. Die Welt ist doch klar, zeigt mit die Bösen und ich zeige euch die Guten, es ist doch alles ganz einfach!“

„Mein Gott.“

„Ja.“

„Nicht zu fassen.“

„Und das waren alles gläubige Christenmenschen, frei nach Luther. Aber in Seidls Film haben sie den Menschen nicht erkannt, sondern nur den Teufel. Und selbst das haben sie nicht richtig auf die Reihe bekommen, denn auch der Teufel hat zwei Seiten.“

Wir schweigen uns an.

„Aber genug von der Uni. Ich habe das alles erst in der letzten Woche Chris und Ulrike erzählt und langsam wird es langweilig.“

„Chris und Ulrike?“

Unser gemeinsamer Ausflug an den Teufelssee taucht plötzlich vor mir auf, damals, als ich mit Chris zusammen in der WG wohnte und wir an einem Sommerabend mit unseren Rädern hinaus gefahren waren. Später hatte uns eine Wildschweinfamilie direkt am Wasser überrascht.

„Sind die beiden noch zusammen?“, will ich wissen.

„Ja, alles ist noch wie gehabt.“

„Und was machen sie?“

„Sie studieren.“

„Immer noch?“

André lacht.

„Ja, das sind jetzt echte Langzeitstudenten. Aber sie arbeiten natürlich auch nebenher. Ich glaube, sie sind nur noch pro forma eingeschrieben, wenn mich nicht alles täuscht.“

„Wo arbeiten sie?“

„Chris macht so etwas wie Wissenschaftskommunikation, aber genau weiß ich es nicht. Und Ulrike arbeitet in irgendeiner Stiftung. Oder war es eine Agentur? Ich blicke da nicht richtig durch.“

„Ich habe die beiden seit acht oder neun Jahren nicht mehr gesehen.“

„So lang ist das her?“

Ich nicke.

„Irgendwie habe ich mal wieder den Anschluss verpasst. Ich habe mich einfach nicht mehr gemeldet.“

„Ja, das fällt dir nicht leicht.“

Ich schaue ihn an. Aus irgendeinem Grund trifft mich seine Bemerkung, wahrscheinlich weil sie etwas anrührt, das ungeschützt in mir liegt, das nicht von der Hand zu weisen ist. 

„Ich weiß auch nicht warum“, versuche ich mich zu erklären, „aber nach ein paar Jahren ist es für eine Nachricht zu spät. Ich tue mich in dieser Beziehung wirklich schwer.“

André nickt.

„Eigenartigerweise“, sage ich dann, „habe ich dich für genauso schwerfällig gehalten. Aber im Gegensatz zu mir hast du noch mit allen Kontakt. Du hast unsere Berliner Freunde nie aus den Augen verloren.“

„Ein paar natürlich schon, aber den Großteil treffe ich regelmäßig. Ich bin ja auch fast jedes Jahr in Berlin. Bis auf die Pandemie natürlich, da sind wir aus den USA nicht rausgekommen.“

Ich sehe in Richtung des hölzernen Schiffs. Für einen Moment liegt der Spielplatz merkwürdig ruhig, die Kinder stehen still und nehmen die schweren Wolken über ihren Köpfen nicht wahr. Auch die Mütter und Väter am Rand wirken regungslos, die Menschen haben sich verwandelt, sind wie ein Standbild eingefroren und dann taucht das Rauschen wieder auf, das Rauschen des Laubes über mir, durch das der Wind pflügt und plötzlich spüre ich einen Tropfen auf meiner Haut. Ich sehe nach oben, aber ich sehe nur das Laub der Pappeln, dichtes, dunkelgrünes Laub, eine einzige Ebene von zweifelhafter Geometrie, die sich nach oben in Richtung des unsichtbaren Himmels verjüngt, aber das ist von hier unten, von meinem Platz aus, nur undeutlich zu erkennen. Das Licht des Nachmittags wirkt abendlich, als hätte uns die Dämmerung eingeholt. Und während ich mich frage, wie spät es wohl ist, fällt ein zweiter Tropfen auf meine Haut.

„Gleich wird es regnen“, sage ich.

André schaut nach oben, dann blickt er mich an.

„Meinst du, wir sitzen hier gut?“

„Unter den Bäumen?“

„Ja.“

Ich nicke.

„Vielleicht wird es nur ein kurzer Schauer.“