Besuch aus Saint Joseph, 25. Juli

In der Bahnhofshalle laufen die Züge über die breite, zweispaltige Anzeigetafel, auf der ich nach einem ICE aus Richtung Berlin suche. Hatte er nicht eine dreistellige Nummer?, frage ich mich unsicher, obwohl ich die Nummer genau wie die Ankunftszeit des Zuges den gesamten Vormittag im Auge und im Gedächtnis behalten habe, das mich jetzt plötzlich im Stich lässt, vielleicht, sage ich mir sofort, weil ich ein wenig aufgeregt bin, obwohl es dafür genau genommen keinen Grund und auch keine Veranlassung gibt. Doch was soll man machen, die Aufregung kommt ohnehin, wann und wo sie will, und natürlich fast immer in den unpassendsten Momenten, sie lässt sich ganz einfach nicht kontrollieren und deshalb greife ich nach meinem Telefon, um mir ein weiteres Mal die Fahrtnummer und die Ankunftszeit des Zuges anzusehen. Als ich meine Hand an die Tasche meiner kurzen, grauen Hose führe, denn es ist warm an diesem Freitagnachmittag mitten im Juli, fällt mein Blick auf die verschwommenen, von der Geschwindigkeit des Gehens verwischten Gesichter der Reisenden, zahllose Körper mit Rucksäcken und Taschen, Rollkoffern und Fahrrädern, die in Richtung Ausgang strömen, in dessen Nähe ich mich erst vor einer Minute aufgestellt habe. Wie immer in Bahnhofshallen, Museen und Kirchen vermischen sich die Stimmen der Menschen ins Undeutliche, es ist, als haftete diesen hohen, steinernen Gebäuden etwas an, das zur Sprachlosigkeit und zum Missverständnis führt, an diesen Orten, denke ich, während ich auf mein Handy starre und mir zum hundertsten Mal die Zugnummer 586 in Richtung München einzuprägen versuche, an diesen Orten zählt das vereinzelte Sprechen nichts, es geht im Chaos anderer Stimmen unter, in einem sich ausbreitenden Murmeln, das knapp unterhalb der Deckengewölbe aufgrund mir unverständlicher Gesetze des Schalls und der Akustik hängen bleibt.

Ich suche den ICE 586 auf der Anzeigetafel und finde ihn sofort. Der Zug hat nur fünf Minuten Verspätung, was ganz unglaublich ist, denn einige andere Züge auf der Tafel werden bereits mit siebzig Minuten Verspätung angekündigt. Ich mache mich auf in Richtung Gleis, nehme die Treppen, denn ich habe keine Lust mich in das Pulk all jener einzureihen, die wie willenlose Bergarbeiter auf der Rolltreppe nach unten befördert werden, und steige zwei Minuten später eine weitere Treppe hinauf, die mich aus der Unterführung nach oben zum Bahnsteig bringt. 

Als ich oben ankomme, ist der Steig völlig überfüllt. Wahrscheinlich treffen hier in Kürze zwei verspätete Züge an den beiden gegenüberliegenden Gleisen ein und ich begreife, wie aussichtslos es ist, in diesem Chaos jemanden ausfindig machen zu wollen. Am Gleis ist es total voll, tippe ich deshalb in mein Telefon, ich warte in der Eingangshalle auf dich.

Zurück im Bahnhof nehme ich denselben Platz ein, den ich vor fünf Minuten verlassen habe und beobachte nun abwechselnd die Anzeigetafel und die mir entgegenkommenden Menschen. Ich halte nach André Ausschau, mit dem ich in Berlin studiert habe und der seit ungefähr zehn Jahren in den USA lebt, dort promoviert hat und mittlerweile als Assistant Professor an einer amerikanischen Universität lehrt. André, den ich auf einem Gang des sprachwissenschaftlichen Instituts in Potsdam vor mehr als sechzehn Jahren kennenlernte, in einem Außenstandort der Universität mit dem schrecklichen Namen Golm

Ich habe ihn seit etwa vier Jahren nicht mehr gesehen, auch wenn mir die genaue Berechnung dieses Zeitraums überaus schwer fällt. Das letzte Mal muss es um Weihnachten herum gewesen sein, in einer Bar in Berlin, in der wir uns mit vielen anderen Freunden getroffen hatten. Draußen lag Schnee, was wir alle aus irgendeinem Grund ganz wunderbar fanden, denn Schnee gab es doch kaum im Winter und jetzt plötzlich tauchte er also wieder auf und verwandelte die Stadt nicht in etwas Märchenhaftes, sondern etwas Ungemütliches, Schmutziges und Kaltes. Schwere Flocken fielen in das warme Orange der Laternen und sammelten sich auf dem Bürgersteig und die Menschen liefen in dicken Wintermänteln herum und versuchten, auf dem glatten Kopfsteinpflaster nicht auszurutschen.

André und ich hatten uns damals vor dem Treffen mit den anderen in einem thailändischen Imbiss verabredet. Ich saß bereits an einem Tisch, das Restaurant war komplett leer und es flimmerten ein paar stumm geschaltete Flachbildschirme an den Wänden, als er mit kurz rasierten Haaren und einem dicken, beigen Strickpullover aus dem Second Hand im Restaurant erschien. Er hatte sich zu mir an den Tisch gesetzt und für einen Augenblick war ich nicht in der Lage gewesen, etwas zu sagen, mit einem Mal, vielleicht, weil wir uns nach Jahren des Zusammenwohnens so lange schon nicht mehr gesehen hatte, spürte ich meine Nervosität in aller Deutlichkeit und machte mir diese idiotische Gefühlsregung zum Vorwurf. Du triffst hier einen alten Freund, sagte ich mir, warum wirst du so nervös? Es ist doch überhaupt nichts dabei.

Dieselbe Aufregung spüre ich auch jetzt in der Bahnhofshalle. In den letzten vier Jahren haben André und ich uns selten geschrieben, wir haben nie miteinander telefoniert, niemals eine längere Mail gewechselt. Ich kann mich nicht einmal an den Namen der Stadt erinnern, in der er mittlerweile lebt und arbeitet, ich weiß nicht, was seine Freundin macht, die immer noch dieselbe Freundin ist, die er damals, während eines Austauschsemesters, im Goethe-Institut in Glasgow kennenlernte, ich weiß nicht, was er in den letzten Jahren erlebt hat, wo er überall gewesen ist. Nur selten und meist aus heiterem Himmel tauchte ein Lebenszeichen von ihm auf und er schrieb, sich gerade in Brasilien zu befinden oder in Yucatan oder Rom. Über diese Ortsangaben kamen wir nie hinaus, als teilten wir dem anderen in der Hoffnung unsere Standorte mit, mit dieser unbestimmten Information bereits alles Notwendige zu sagen.

Ich stehe und warte und werde nervös. Der ICE muss in der Zwischenzeit angekommen sein, auch wenn die Ansagen auf den Gleisen hier in der Bahnhofsvorhalle unerklärlicherweise nicht zu hören sind. Vielleicht aber habe ich sie auch einfach überhört. Ich rechne, dass André etwa fünf Minuten brauchen wird, um aus dem Zug zu steigen und durch die Unterführung zu mir zu gelangen, schließlich kennt er diesen Bahnhof nicht, er ist noch nie in dieser Stadt gewesen. Meine Aufregung ist jetzt nicht mehr zu ignorieren und plötzlich fällt mir eine andere Aufregung ein, die mich völlig verblüffte, eine Aufregung, die ebenfalls Jahre zurückliegen muss, damals, als ich zum ersten Mal C in Marseille besuchte. Mit dem TGV fuhr ich über Karlsruhe in die Stadt am Mittelmeer, C holte mich am Bahnhof ab und später in der Wohnung erklärte mir seine Freundin Pauline, sie hätte ihn noch nie so erlebt, er wäre den ganzen Morgen aufgeregt gewesen.

„Weshalb?“, wollte ich wissen.

„Weil du uns heute besuchst natürlich.“

Ich konnte es nicht glauben. C war aufgeregt, weil ich ihn besuchte? C, der immer so abgeklärt und gelassen wirkte, den nichts aus dem Gleichgewicht warf? Ich musste lächeln. 

Im Hintergrund taucht ein Kopf mit dunkelblonden Haaren auf, der die meisten Reisenden ein ganzes Stück überragt. Ich weiß sofort, dass sich mir da André nähert und behalte recht. Mit einem etwas schlurfenden Gang und phlegmatischer Ruhe nähert er sich mir, er trägt ein rotes T-Shirt mit Sonic-Youth-Aufdruck, eine schwarze, aufgekrempelte Hose und abgelaufene, weiße Turnschuhe. So weit ich von meinem Standort aus erkennen kann, hat er nur einen Rucksack und eine kleine Bauchtausche dabei. Eine Bauchtasche, denke ich und muss lächeln, das ist neu.

Als sich unsere Blicke begegnen, macht André große Augen. Ich winke ihm zu, setze mich in Bewegung und Momente später umarmen wir uns und klopfen uns gegenseitig auf den Rücken.

Professore“, sage ich, „da bist du ja endlich.“

Diese Anrede habe ich mir schon vor Tagen zurecht gelegt, finde sie aber in genau jenem Moment völlig idiotisch, als sie mir über die Lippen geht. Aber da ist es natürlich bereits zu spät.

André lacht, wir tauschen ein paar schnelle Worte aus. 

„Was ist denn mit deinen Armen los?“, fragt er und zeigt auf meine Tätowierungen, die er noch nicht kennt.

„Ach die“, antworte ich etwas verlegen. „Die sind auf der Reise dazugekommen.“

„Auf eurer Weltreise?“

Ich nicke.

Wir lassen die Bahnhofshalle hinter uns und betreten den in der Sonne liegenden Vorplatz. Die Hitze ist spürbar, allerdings auch nicht gnadenlos und ich überlege, ob ich mit André nachher noch in den Park gehen soll oder ob wir die Stunden bis zum Abend in meiner Wohnung verbringen. Schließlich gibt es so viel, über das wir reden müssen, so vieles, das wir vom anderen nicht wissen.

André besorgt sich ein Ticket für die Tram, wir steigen ein und fahren durch die Stadt. Ich versuche ihm so etwas wie eine abgespeckte Stadtführung zu geben, kenne mich aber selbst nicht gut genug dafür aus. Um ehrlich zu sein, bin ich kaum in der Innenstadt, ich meide die Fußgängerzone so gut es nur geht.

„Da ist der Wasserturm“, sage ich und André schaut sofort interessiert aus dem Fenster der Straßenbahn. „Das ist so etwas wie das Wahrzeichen hier.“

„Warum?“, will er wissen.

Ich schaue ihn überrascht an.

„Gute Frage“, erkläre ich dann. „Das weiß ich selbst nicht.“

An den Haltestellen steigen Leute ein und wieder aus, bald drängt sich alles in den Gängen. In der Tram ist es heiß, wir müssen unsere Masken tragen und ich beginne zu schwitzen. Allerdings fällt mir auch auf, wie weit sich meine Nervosität zurückgezogen hat, ich kann sie kaum noch spüren. Nur ein Rest ist übrig geblieben, aber dieser Rest rückt mehr und mehr in den Hintergrund, denn André und ich sprechen miteinander, als hätte wir uns nicht vier Jahre lang weder gesehen noch gehört, sondern lediglich ein paar Monate. Es gibt keine Scheu, keine Sprachlosigkeit, nicht einmal eine jener unangenehmen Pausen, in denen keiner so recht weiß, was er sagen soll, in denen sich das Gespräch in ein ernstes Geschäft verwandelt, eine anstrengende Aufgabe sogar, der man nicht wirklich gewachsen ist.

Eine Viertelstunde später führe ich André durch unsere Wohnung. Er folgt mir gespannt, sieht sich die Bücherregale im Flur an und will wissen, warum in meiner Proustausgabe alles voller Zettel ist. Weil ich mir einige Passagen markiert habe, natürlich, gebe ich zurück. Welche Passagen? Woher soll ich das wissen? Dafür habe ich sie mir doch markiert und das ist vierzehn Jahre her!

Ich zeige ihm unser Schlafzimmer mit meinem Arbeitsplatz, singe ein Loblied auf den Hinterhof, in dem die Buche und die Birke wachsen. Dann stehen wir im Wohnzimmer, in dem es nicht besonders viel zu sehen gibt und machen uns schließlich in die dunkle Küche auf. Draußen auf dem Balkon hängt alles voller Wäsche und diese Wäsche schluckt das Licht, so dass es in der Küche wirkt, als herrschte draußen Dämmerung, der Einbruch der Nacht.

„Möchtest du einen Kaffee?“, frage ich.

„Na klar.“

„Brauchst du Milch? Ich glaube nämlich, dass wir keine mehr haben.“

„Ich kann den Kaffee schwarz trinken, kein Problem.“

Während ich die Kaffeemühle bearbeite, fällt mir wieder auf, wie heruntergekommen unsere Küche auf einen Fremden wirken muss. Früher hatte ich für so etwas keinerlei Blick, das Heruntergekommene machte auf mich sogar Eindruck, beruhigte mich, es kam mir entgegen, denn alles Neue stieß mich ab und weckte mein Misstrauen. Jetzt plötzlich aber sehe ich die Gebrauchsspuren an unserer Spüle und den weißen Hängeschränken, die man wahrscheinlich vor dreißig Jahren an Ort und Stelle platzierte und obwohl ich in den letzten beiden Tagen wie ein Derwisch alle Räume unserer Wohnung geputzt habe, komme ich gegen den hartnäckigen Schmutz doch nicht an, die Wohnung ist ganz einfach in die Jahre gekommen. 

Ich denke an unsere Dusche, die nie richtig warm wird, obwohl der Durchlauferhitzer auf Höchsttemperatur eingestellt ist, ich denke an den schwachen Wasserdruck im Bad, an das alte gelbbraune Linoleum in der Küche, an unseren Balkon, den man nicht betreten kann, weil er unter einer Altglassammlung, nie bepflanzten Blumentöpfen und Klettersachen völlig untergeht. Leben meine Freunde nicht ganz anders?, denke ich mit einem Mal und erinnere mich an aufgeräumte und ordentliche Zimmer, in denen alles sauber und hell ist, sich alles am richtigen Platz befindet.

André scheint meine kurzzeitige Verwirrung nicht zu bemerken. Um ehrlich zu sein, äußert er sich in keiner Weise zu unserer Wohnung. Weder sagt er, ihr wohnt hier aber recht beengt, noch teilt er mir mit, eine so wahnsinnig gemütliche Wohnung würde es in den USA nirgendwo geben. Stattdessen sitzt er am Küchentisch und hört meinem Bericht über das Viertel zu, über die Impfkampagne, die von der Stadtverwaltung vor einigen Wochen umgesetzt worden ist, um auch die Problembezirke zu versorgen. Dann spreche ich über die kleineren Cafés und Restaurants der Gegend.

„Hast du heute Abend Lust, etwas essen zu gehen?“, frage ich irgendwann.

„Klar, warum nicht. Kannst du etwas empfehlen?“

„Wir haben ein sehr gutes Thairestaurant um die Ecke und dann noch eine kleine Kneipe mit günstigem Essen. Alles vegan, aber wirklich gut. Die Kneipe erinnert mich ein bisschen an das Morgenrot, falls du dich daran noch erinnern kannst.“

„Das Morgenrot auf der Pappelallee?“

„Genau das“, sage ich und muss lächeln. „Aber vielleicht warten wir noch, bis K kommt und dann bestelle ich einen Tisch.“

„Auch gut“, erwidert er.

K und André kennen sich noch nicht. Bei unserem letzten Treffen in Berlin war ich mit ihr frisch zusammen und sie verbrachte die Weihnachtstage bei ihren Eltern. Erst im darauffolgenden Jahr fuhren wir zum ersten Mal quer durch Deutschland, um zunächst bei meinen Eltern zu feiern und dann im Kreis von Ks Familie.

„Hast du Lust auf ein Stück Kuchen?“, frage ich ihn. „Wir haben eine ziemlich gute Bäckerei um die Ecke, die ist stadtbekannt.“

„Warum nicht?“, sagt er.

Ich schalte den Herd aus, auf dem bereits die Espressokanne steht, aber noch nicht geköchelt hat und wir ziehen uns im Flur wieder unsere Schuhe an. Bis zur Bäckerei brauchen wir nur zwei Minuten. Sie befindet sich in einer Parallelstraße und ist jetzt, kurz nach drei am Nachmittag, kaum besucht. 

„K holt sich meist ein Stück Himbeerbaisertorte, die kann ich wärmstens empfehlen.“

„Was für ein schmutziges Wort“, sagte André mit einem Lächeln.

Ich blicke ihn verständnislos an.

„Baiser“, erklärt er. „Das sagt kein Franzose, auch wenn es sich hartnäckig in Deutschland hält.“

„Warum?“

„Naja, weil es eher was mit dem Geschlechtsakt zu tun hat. Baiser, du weißt schon. Ums Küssen geht es da nicht.“

„Was sagen die Franzosen denn dann?“, will ich wissen und fühle mich wie ein unwissender Provinzler.

„Meringue“, erwidert André, der überall gelebt hat und wahrscheinlich ein waschechter Kosmopolit ist. Er ist kein Weltreisender, wie es sie heute überall gibt, sondern ein wirklicher Weltbürger mit Freunden in Italien und Portugal, Frankreich und Estland, den USA und Brasilien. Gegen ihn bin ich nichts weiter als ein Tourist, der es nur unter größten Anstrengungen und für einen sehr begrenzten Zeitraum aus Europa hinaus geschafft hat.

Später sitzen wir wieder in meiner Küche, ich habe mir ein Stück Mohnkuchen besorgt, André hingegen ein Stück Käsekuchen, der Kaffee steht vor uns auf dem Tisch und André spricht über seine Zeit an einer Universität in den Südstaaten. Zwei Jahre, wie er sagt, die ganz unglaublich gewesen sind, eine Art Qual, aber das habe ich erst später realisiert, als alles bereits vorbei war. Zwei Jahre, in denen er sein fensterloses Büro mit einem anderen Dozenten des Germanistikinstituts teilen musste, einem Colonel der US-Army mit mehreren Masterabschlüssen und perfekten Deutschkenntnissen, einem sechzigjährigen Mann mit Bürstenhaarschnitt, tief christlich, erklärt André, unvorstellbar bigott, jeder wusste, dass er eine Waffe trug, auch wenn man sie nicht sah und auch sein Auto war voller Waffen, wie es in den Südstaaten ja auch üblich und normal ist, das fällt nur einem Ausländer auf. Ein Chauvinist und Macho, der unablässig sprach, ohne auf den anderen zu achten, der den anderen nur gebrauchte, um selbst gehört zu werden, obwohl auch das nicht ganz klar geworden ist, denn womöglich, sagt André, hat er sich selbst schon längst nicht mehr gehört und verstanden, ein Mann, der eigentlich fertig war, die Einsätze im ersten Irakkrieg und später in Afghanistan müssen ihn vollkommen kaputt gemacht haben, auch wenn er über diese Einsätze nur in Andeutungen sprach, obwohl er über alles andere ständig und pausenlos redete, den Krieg allerdings ließ Colonel Parks aus, als hätte es ihnen nicht gegeben, als wäre da zwar etwas, aber als würde es sich nicht lohnen, über eine solche Nebensächlichkeit zu sprechen, obwohl natürlich allen am Institut klar gewesen ist, dass etwas passiert war auf diesen Auslandseinsätzen, etwas, dass den Colonel unablässig zum Reden veranlasste, ihn regelrecht dazu zwang und als wüsste er nur zu genau, was im Schweigen auf ihn wartete, etwas, das kein anderer sah, etwas, dem er allein begegnen würde, dem er sich nicht gewachsen fühlte.

„Warum geht jemand von der Armee ausgerechnet in die Literatur?“, frage ich André verwirrt, obwohl es dafür ja genügend Beispiele gibt.

„Das kann ich dir auch nicht sagen“, erwidert er. „Aber der Typ war völlig verrückt, das kann ich dir sagen. Das einzige wovon er faselte, war Kästner, Kästner war sein großer Held.“

„Ausgerechnet Kästner?“, rufe ich, wie vor den Kopf gestoßen. „Das ist doch total irre!“

André nickt. Die Vorliebe des Colonels für Kästners Prosa sei genauso verrückt und widersprüchlich gewesen wie vieles andere an ihm auch. Obwohl er deutsche Sprache an einem Liberal Arts College unterrichtete, hatte er für Frauen nichts übrig und war als waschechter Sexist innerhalb des Lehrkörpers verschrien. Gleichzeitig sprach er von seiner Frau fast zärtlich, als träten ihm im nächsten Moment Tränen in die Augen. Beim einzigen Besuch, den André mit seiner Freundin im Haus von Colonel Parks notgerungen absolvierte, führte der Militär ein Zimmer mit besonderer Zärtlichkeit vor, jenen Raum nämlich, den seine Frau für ihre täglichen Bibelstudien nutzte oder vielmehr zu benutzen hatte, während sich der bis an die Zähne bewaffnete Offizier in einem angrenzenden Zimmer seinen humanistischen Kästner-Studien hingab. 

Ich breche in Lachen aus.

„Irre!“, wiederhole ich. „Das ist doch alles nicht wahr.“

„Diese zwei Jahre mit Colonel Parks waren ein einziger Alptraum“, schiebt André nach. „Du kannst gar nicht glauben, wie froh ich bin, aus diesem fensterlosen Verließ wieder heraus gekommen zu sein. Ich habe mich danach wirklich gefühlt, als hätte ich etwas Unfassbares überlebt, etwas, das mich richtig mitgenommen hat, das mich manchmal regelrecht sprachlos werden ließ. Selbst jetzt rede ich noch mit der gleichen Fassungslosigkeit wie damals, obwohl es ja bereits zwei Jahre her ist und wir mittlerweile Hunderte von Kilometern in Richtung Westen gezogen sind. Ich rede über alles, als würde ich über ein Trauma sprechen, ich begreife es selbst nicht ganz.“

André lacht ein verblüfftes, noch immer unsicheres Lachen, als wäre er sich nicht vollständig sicher, ob sein ehemaliger Bürokollege nicht im nächsten Moment in meine Küche treten würde, um einen Monolog fortzusetzen, der vor etwa zwei Jahren ein abruptes, von Außen herbeigeführtes Ende genommen hatte und als ich das denke, erinnere ich mich plötzlich an ein Krankheitsbild, von dem ich irgendwann einmal las, eine Sprachstörung, die ganz anders ist als typische Erkrankungen wie die Aphasie und ich suche nach dem Wort, während sich unvermittelt ein Schlüssel draußen im Flur bemerkbar macht, ein Schlüssel im Schloss unserer Wohnungstür und ich sehe André an, der meinen Blick mit in die Höhe gezogenen Augenbrauen erwidert, und dann denke ich, Logorrhoe, stimmt, das war es, Colonel Parks Logorrhoe, der krankhafte, niemals durchbrochene Redefluss, der keinerlei Bedeutung besitzt und nur die Stille und Leere zu verdrängen versucht, die uns außerhalb des Sprechens unüberwindbar umgibt, eine Stille, die für den Colonel unerträglich geworden war und tödlich, so unerträglich und tödlich, dass er das Sprechen zur Waffe machte, um sich in seinen freien Stunden mit den geliebten Kästner-Studien zu betäuben, dann, wenn er stumm zu Hause saß und es nur noch einen Sprechenden für ihn gab, nur noch diese einzige, trügerische Stimme im Kopf, der sich am Ende wahrscheinlich genauso wenig vertrauen ließ, wie den zerbrechlichen Stimmen der anderen.