Donnerstag, 22. Juli

Als ich nach Hause komme, steht das rechte Fenster im Schlafzimmer offen, obwohl niemand in der Wohnung ist. K muss es vergessen haben, als sie heute morgen verschwand und während ich mich innerlich über ihre Vergesslichkeit beschwere, die keinerlei Schaden angerichtet hat und damit unerheblich ist, laufe ich die wenigen Schritte zum Fenster hinüber und öffne den linken Flügel, anstatt den rechten zu schließen. Dann setze ich mich an den Schreibtisch, klappe meinen Rechner auf, drehe mich im Stuhl in Richtung Hinterhof und stelle die Füße auf das Fensterbrett. Die Bäume im Hof sind zum Greifen nah, uns trennen nicht mehr als zwei Meter und zwei Meter zählen nicht als Entfernung, ein solcher Abstand ließe sich leicht überwinden, tatsächlich, denke ich dann, sitze ich weniger in meiner Wohnung, als dass ich draußen sitze und das ist ein Glück. Ich greife nach meinem Rechner, um diesen einfachen Gedanken aufzuschreiben, während Jutta Hipp und Zoot Sims über die Lautsprecher laufen und draußen ein sanfter Wind die trägen Blätter bewegt, die Schatten verwischt, die Lichter in Unordnung bringt. Das ungeordnete Licht, sage ich mir, das träge Laub, die hellen Schatten. Die verschwiegenen Schatten, das weiche Laub und das geduldige Licht. Diese drei Bestandteile machen jetzt, in diesem Augenblick, den gesamten Hinterhof aus, drei Elemente, die eine Einheit bilden und die Frage nach der Beschaffenheit ihrer Verbindung macht keinerlei Sinn.

Ich habe am Morgen begonnen, in Agnar Mykles Das Lied vom roten Rubin zu lesen und war so geschockt von der Wirkung seiner Sprache, dass ich zu K, die neben mir im Bett lag, sagte, es sei unglaublich, dass ein solches Buch in den Fünfzigerjahren erschienen ist und nicht erst vor fünf Jahren, die Sprache ist so jung und voller Gegenwart, sie ist so nah und angefüllt mit Leben. In der deutschen Literatur gibt es zur selben Zeit nichts Vergleichbares, nicht einmal Ansätze, in den Fünfzigern schrieben alle am Krieg und diejenigen, die beispielsweise wie Peter Weiss mit seinem Kutscher experimentierten, waren hölzern und reines Papier, in ihren Büchern steckte keinerlei Glut. Während ich spreche, merke ich, wie sich mein Puls beschleunigt und ich zu einem weitschweifigen Monolog anheben will und glücklicherweise fällt mir das alles rechtzeitig auf, so dass ich plötzlich verstumme, um einfach weiterzulesen.

Jetzt, am Nachmittag, es ist noch nicht einmal zwei und auch das ist ein weites, offenes Glück, um diese Zeit zu Hause zu sein und schreiben zu können, jetzt denke ich an Agnar Mykle und möchte einen Anfang notieren, der seinen Anfängen gleicht.

Ich würde schreiben: Es gab eine Zeit. Es gab eine Zeit, in der wir früh zu Bett gegangen sind, um vor dem ersten Licht wieder aufzustehen. In der wir uns durch die totenstillen Zimmer bewegten, jeder auf Zehenspitzen und mit stockendem Atem, in der wir die Türen leise hinter uns schlossen, so leise, dass wir es selbst kaum bemerkten.

Das wäre ein Anfang wie bei Agnar Mykle und später käme ein Schiff, denn bei den Norwegern besteigt man irgendwann immer ein Schiff und fährt hinaus auf den Fjord. Ich habe es erst in dieser Woche wieder in Hamsuns Pan und Victoria gelesen, zwei Romane, die voller Fjordreisender sind. Man besteigt ein Schiff, man wartet auf die Abfahrt, ein Glockenzeichen ertönt, auf das ein zweites und dann ein drittes folgt und auf dem Kai stehen Menschen und winken der Abfahrt mit weißen Taschentüchern zu, um sich schließlich umzudrehen und einen Pfad hinaufzulaufen. Der Blick fällt auf den Rücken eines Menschen, der sich entfernt, dessen Gestalt zusammenschrumpft und man weiß, dass man diesen Menschen nie wiedersehen wird. Es gibt einen ausgetretenen Pfad, es gibt die Häuser aus Holz im Hintergrund, darüber liegen die vom Schnee überzogenen Gipfel der Berge.

Ich selbst folge nach der Arbeit auf meinem Fahrrad dem Fluss. Das Hochwasser der letzten Wochen ist verschwunden und über den Ufern hängt plötzlich ein schwerer Geruch wie am Meer. Die Wiesen, auf denen tagelang das Wasser stand, haben in der Sonne zu faulen begonnen und die Fäulnis riecht nach Algen und Tang. Mit einem Mal scheint das Meer, das so weit weg ist, sehr nah, ich fahre an den Grenzen eines Meeres entlang, das noch auf einen Namen wartet, ich fahre an einer neu entstandenen Küste entlang, ich rieche den Salzgeruch des Meeres und nicht den Geruch, den ein Fluss verströmt, der über die Ufer getreten ist. Da ist das Meer und der Himmel darüber und die Schwäne, die in Gruppen an den Ufern stehen und sich über das verschwundene Wasser wundern, sind in Wirklichkeit zu groß geratene Möwen. Man könnte auf die Ankunft hochseetauglicher Schiffe warten, es gibt genügend Bänke hier oben am Ufer und sobald ich einen Menschen auf einer solchen Bank entdecke, bin ich der Meinung, er müsste unweigerlich auf das Auftauchen der riesigen Schiffe warten, die jedes Gebäude in der Stadt überragten.

Ich sauge die Luft tief ein, die aus dem Hinterhof in unser Schlafzimmer strömt, mein Brustkorb weitet sich, ich fühle, wie die Luft in die Lunge fließt, ich fühle das Kitzeln des Luftstroms in meinem Rachen, er ist ein wenig kühl, obwohl es warm draußen ist. Ich atme aus und dann wieder ein. Alles atmet, die Bäume, die Menschen auf ihren Balkonen, die Tauben im Laub, die zwielichtigen Krähen. Alles atmet diesen Sommer ein, atmet das Leben ein, stößt die verbrauchte Luft wieder aus. Milliarden von Körpern, deren Atem eine eigene Zeitrechnung ist, ein versteckter Sekundenzeiger, über den man sich keine Gedanken macht, der Atem der Vögel, der Bäume, der Unbekannten. Der Menschen am Fluss, der Schwäne und Möwen am neuen Meer, der im Schatten spielenden Kinder. Der stockende, aus dem Tritt geratene Atem. Der Atem, der erneut beginnt, nach einer langen Pause, wie aus dem Nichts. Der Atem, der auf allem liegt als gewichtsloser Glanz, ein verbindlicher Hauch, der hin und wieder in den Blättern wühlt, ihre Muster durcheinander bringt und sie dann in Ruhe lässt, als wäre überhaupt nichts geschehen, als hätte es diese Bewegung und das Rascheln nie gegeben.