Besuch bei den Eltern (2), 19. Juli

Ich gehe die Straße am Waldrand entlang, ich folge der Fahrbahn, denn es gibt keinen Weg. Hin und wieder überholt mich ein Auto, ich höre, wie die Leute abbremsen und dann wieder schneller werden, vielleicht fragen sich die Menschen im Inneren der Fahrzeuge, was ich da mache, obwohl das vollkommen klar ist, ich will den Hügel hinauf und dann laufe ich durch die Wiesen, aber bevor ich die Wiesen erreiche, muss ich erst den Wald hinter mich bringen und die Eschen, Buchen und Linden, die links neben der Straße wachsen, gegenüber den Häusern der Siedlung, diese Bäume, in denen sich die Waldvögel am Morgen versammeln, deren Rufe schwer voneinander zu unterscheiden sind, auch wenn mir natürlich auffällt, dass sie ganz andere Stimmen haben als die Vögel der Stadt. 

Ich folge der Straße, die Autos überholen mich, ich laufe an der Bushaltestelle vorbei, die Häuser wirken verlassen, als würden sie nicht bewohnt, manche von ihnen sind riesig, obwohl man sie nur für eine einzige Familie gebaut hat, ihre Dimensionen sind obszön, eine regelrecht vulgäre, abstoßende Größe und ich weiß, sobald ich ihre Betonmauern passiere, mit denen sich die Bewohner vor den Blicken der anderen schützen, wie sehr ich es hassen würde, in diesen Häusern zu leben. Begegne ich zufällig ihren Bewohner, was früher manchmal vorgekommen ist, sehe ich weg, ich grüße nicht, ich sage nichts, aber ich spüre die Blicke, denn in dieser Siedlung kennt jeder den anderen, auch wenn er mit ihm selten spricht und wenn ich den Bewohnern über den Weg laufe, möchte ich, dass sie mich sehen und sich fragen, wer das ist, wer durch ihre Straßen läuft und dass sie darauf keine Antwort bekommen, nur die flüchtige Spitze meines verborgenen Blicks und genauso wenig bekommen sie ein Wort, das auf einen freundlichen Gedanken schließen lässt, sondern einfach nur dieses unverrückbare Schweigen, mit dem ich die riesigen Häusern und ihre Bewohner hinter mir lasse und die monströsen Garagen samt den immer glänzenden Autos, als müsste das alles unbedingt so sein.

Ich erreiche später die Felder, der Wind hat einigen Schaden angerichtet und das Korn an vielen Stellen niedergelegt, es in wirren Mustern auf die Erde gedrückt. Das Getreide sieht aus, als würde es verfaulen, überhaupt regnet es in diesem Sommer viel zu viel, mein Vater hat es mir erklärt, denn er besitzt eine Art Füllhorn im Garten, das den Niederschlag misst. Der Regen fällt in einen Trichter aus durchsichtigem Plastik, auf den man eine Skala aufgedruckt hat, so dass sich leicht ablesen lässt, in welchem Zeitraum wie viel Regen gefallen ist. Der Regen fällt zentimeterweise, es braucht nur wenige Stunden, das Füllhorn füllt sich, das Wasser steigt an und in das Wasser und den Regen mischt sich der Sturm, der durch die Felder pflügt und das Getreide zu Boden drückt, aber nie das ganze Feld, sondern immer nur eine merkwürdig begrenzte Zone, die für jede Ernte verloren ist, wie ich annehme, ohne mir aber wirklich sicher zu sein.

Ich gehe durch die Felder auf einem asphaltierten Weg voller Schlaglöcher, ich blicke in das Tal und auf weitere Waldstücke, die sich bis zum Horizont ziehen, dazwischen liegt die Stadt, eine eigentlich nichtssagende Stadt, die aus der Entfernung keinerlei Eindruck macht, eine Stadt, die sich problemlos vergessen lässt, die Menschen darin, in diesen aus der Distanz so winzig und unbedeutend erscheinenden Häusern, würden sicher etwas anderes dazu sagen, für sie ist ein Leben in dieser Stadt weitaus mehr, als leicht zu vergessen, so etwas fällt nur jemandem ein, der durch das Feld geht und weiß, dass er auch wieder verschwinden kann, dass er nichts zurücklässt und ich erinnere mich an den letzten Sommer, als ich genauso wie heute durch die Felder lief, denn mein Spaziergang ist eine Wiederholung, ich laufe diesen Weg fast immer, sobald ich bei den Eltern bin, es ist ein leicht zu findender, nicht allzu anstrengender Weg, der sich beliebig verlängern lässt, da er später in einen Wald führt und eine Art Kreis beschreibt, mich somit zurück zum Ausgang führt und damit zum Haus meiner Eltern, das dem Waldrand gegenüberliegt mit den hohen Buchen, Eschen und Linden und darüber ist dann der Himmel, wie hier auf dem Feld, in dem ich im letzten Sommer die Lerchen sah, die aus dem Nichts nach unten stürzten, es wirkte so, als stürzten sie lebensmüde in das in der Sonne stehende Getreide, nur um sich kurz vor dem Boden eines Besseren zu besinnen und den anhaltenden Fall wieder aufzufangen und aufgeregte Schreie auszustoßen, Schreie größten, unmissverständlichen Glücks, die mit der Jagd zusammenhingen, wie meine Mutter mir später erklärte, denn tatsächlich reizt die Vögel nicht der Fall, sondern die Aussicht auf Insekten, was mir aus irgendeinem Grund nicht passte, ich hätte es lieber gehabt, wenn die Lerchen ohne jeden Nutzen aus dem Himmel stürzten, nur zum eigenen Vergnügen.

Ich folge dem Weg und sehe die Eiche schon von weitem, es ist der größte und älteste Baum hier oben. Ein Schild gibt ihr einen Namen und ich lese diesen Namen, lese Kalte Eiche, ein Baum, den man auf sechshundert Jahre schätzt und der gerade stirbt, er trägt noch Blätter, befindet sich aber in einer Phase der Rückbildung und Altersschwäche, nachdem ihn der Wind circa Vierzehnhundertfünfzig auf diesen Hügelzug wehte, auf dem es gegen den Sturm offensichtlich niemals Schutz gegeben hat, denn deshalb heißt der alte Baum auch Kalte Eiche, hier oben pfiff immer ein kalter Wind, seit sechshundert Jahren der immergleiche, kalte Wind. 

Ich trete an den Zaun, den man um die Eiche herum in einem weitläufigen Rechteck errichtet hat. Die Schilder weisen mit Nachdruck auf die Gefahr, sich direkt unter der Krone aufzuhalten, denn jeden Augenblick kann einer der schweren Äste brechen und hinabstürzen, das Holz ist alt und trägt nicht mehr so, wie es früher getragen hat, und auch aus diesem Grund sind zwei oder drei der mächtigsten Äste mit Metallseilen am massiven Stamm befestigt, ein Stamm, um den herum sechs Menschen passen, die sich an den Händen halten, wie ich auf dem Schild lese, was ein merkwürdiges Maß ist, das nur bei Bäumen zum Einsatz kommt und immer nur hier. Vielleicht stammt dieses Maß aus einer frühen Phase der menschlichen Geschichte, die Bäume waren nah, man näherte sich ihnen auf diese körperliche Weise und stellte dadurch ihr Alter fest, ein alter Baum war ein Baum, um dessen Stamm sich fünf oder sechs Menschen verteilten und einander an den Händen hielten, für einen jungen Baum brauchte es nur zwei. 

Ich laufe weiter in Richtung Wald, ich möchte hier an dieser Eiche nicht zu lange stehen, denn ich komme immer nur auf idiotische Gedanken, ich rechne stets die Generationen aus, die dieser Baum gesehen hat, als versuchte ich, ein Barockgedicht zu zitieren, und komme unweigerlich auf zehn, falls man jeder Generation sechzig Jahre gibt, aber ich bin mir nicht sicher, ob für die Berechnung der aufeinanderfolgenden Generationen tatsächlich sechzig Jahre angesetzt werden müssen oder etwas mehr oder weniger, wahrscheinlich gibt es auch für diese Berechnung eine Formel, die ich nicht kenne. Dann denke ich, dass in jedem Jahrhundert, in jedem Jahrzehnt seit Vierzehnhundertfünfzig, Menschen wie ich selbst vor diesem Baum standen, um sich etwas ähnliches zu fragen, auf das sie doch nie eine Antwort bekamen, was hat dieser Baum alles gesehen, was hat er alles überlebt und dann denken alle stets dasselbe, Krieg, verschwindende Städte, wieder auferstehende Städte, Reisende und Eroberer und Besiegte zu Fuß, auf Pferden, im Auto und irgendwo im Unsichtbaren die Geburt von Königen und Heiligen und Menschen, über die man später schreibt und liest, die sich als genauso beständig erwiesen wie dieser Baum, der nichts anderes tat, als an einer Stelle starrsinnig und gegen alle Wahrscheinlichkeit Jahrhundert um Jahrhundert zu wachsen und zu widerstehen, was seine einzige, aber beachtenswerte Leistung blieb, eine Leistung, die am Ende doch sehr selten ist und mich durcheinander bringt, fast wie in Vertigo, denke ich, aber dann sage ich mir, hat mich die Zeit schon immer durcheinander gebracht, gerade dort, wo sie plötzlich ihre Verbindlichkeit verliert wie in diesem seit Ewigkeiten hier oben wachsenden Baum, der sechshundert Jahre lang nicht daran dachte, zu brechen, vom Blitz getroffen zu werden oder einfach einzugehen, der ja tatsächlich außerhalb der Zeit und des Verfalls stand für mehr als ein halbes Jahrtausend, sechshundert Jahre lang außerhalb allen menschlichen Maßes und der noch ein paar Jahrzehnte hier oben stehen wird, auch wenn die Wissenschaftler ihn bereits aufgegeben haben, denn auch das, sage ich mir, kommt in seiner Geschichte wohl nicht zum ersten Mal vor, die Zweifler muss es immer gegeben haben, sie zweifeln nicht aus Unwillen, sondern aus Leichtsinnigkeit und ich erreiche den Wald und betrete ihn, der Wald ist klar vom Feld zu unterscheiden, es braucht nur einen Schritt und dann ist der Weg kein Weg mehr, der durch ein Feld führt, sondern ein Weg, der im Wald liegt, der kühl ist, auf dem sich der Geruch der Kiefern mit der Nässe der Erde mischt und über mir stehen die beweglichen Wipfel der Nadelbäume und schwanken unruhig und selbstvergessen im Wind.