Besuch bei den Eltern, 9. bis 11. Juli

Vor dem Haus meiner Eltern führt eine schnurgerade Straße den Hügel hinauf. Sie läuft an den Häusern entlang und an einem Waldstück, das diesen Häusern gegenüberliegt und aus hohen Eschen und Buchen besteht. Eine ganze Reihe vielleicht fünfundzwanzig Meter hoher Eschen, die man vom Wohnzimmer aus in ihrer Unbeweglichkeit beobachten kann, denn manchmal scheint es selbst auf Höhe der Kronen keinerlei Bewegung zu geben. Die Blätter stehen still, als wären sie eingefroren, die Äste und Zweige schaukeln nicht, alles Grün ist an einen einzigen, festgeschriebenen Fleck gebunden, der erst dann zerfällt, wenn sich eine schwarze Krähe in die Unbeweglichkeit setzt und damit alles Gleichgewicht zerstört, ein zerbrechliches Gleichgewicht, das sich unter der geringsten Berührung verliert. Die Eschen sind schlank, ihre Stämme leuchten aus der Entfernung weniger hell als die der Buchen und da die Bäume eng an eng stehen, bilden sie erst sehr weit oben eine Krone aus, was ihre Schlankheit noch betont. Die Spitzen der Bäume greifen ineinander über, sie erzeugen eine dichte Ebene, durch die sich der Regen erst aufwändig arbeiten muss und falls man während eines Schauers durch das Waldstück läuft, kann es sein, dass der Boden völlig trocken bleibt, als hätte es den Regen nicht gegeben, als existierte der Regen in einem anderen Bereich der Stadt, des Tages, der Wirklichkeit.

Ich bin gestern, ziemlich spät am Abend, mit dem Zug angekommen, ich habe mich gleich nach der Arbeit auf den Weg gemacht, um die viereinhalb Stunden lange Fahrt hinter mich zu bringen, was sich am Ende weniger zog, als ich anfangs dachte, zumal ich auf der gesamten Strecke nur ein einziges Mal umsteigen musste. Als ich in den Hauptbahnhof einfahre, beginnt es draußen zu regnen. Vor einer halben Stunde habe ich an meine Familie geschrieben, um zu fragen, ob mich jemand abholen könne und jetzt sehe ich dort draußen auf dem Bahnsteig Felix stehen, den Mann meiner Schwester.

Die Tür des Abteils öffnet sich und ich lasse die Leute hinaus, trete dann selbst in den Gang und setze meinen Rucksack auf. Er sieht mittlerweile ziemlich abgewetzt aus, was mich innerlich erleichtert, denn darauf warte ich schon eine ganze Weile. Ein neuer Rucksack wirkt, wie eigentlich alle neu gekauften Gegenstände und Kleidungsstücke, merkwürdig falsch und ich kann die Denkweise des britischen Adels gut nachvollziehen, der neue Hosen und Jacken erst von den eigenen Angestellten einige Tage lang eintragen ließ, damit die Kleidungsstücken ihren aufdringlichen, neuen Charakter verloren. Die weiße Sohle neuer Turnschuhe beispielsweise stößt mich ab, weil in ihnen keinerlei Leben steckt, sie haben keine Geschichte, kein Zeichen eines Gebrauchs. Die Gegenstände in meinem Leben sollen eine für alle sichtbare Geschichte besitzen, das verlangt meine verquere Eigenliebe, ich will, dass andere denken, dieser Rucksack ist schon überall gewesen. Ein solcher Gedanke färbt auch auf seinen Besitzer ab, sage ich mir, und macht ihn dadurch interessanter und obwohl das alles mehr als idiotisch klingt, lege ich auf diese Eitelkeiten doch besonderen Wert. Ich mag das Abgetragene, Ausrangierte, selbst das Kaputte, obwohl ich weiß, wie unsinnig und manieriert diese Gedanken sind, die ich mir hin und wieder zum Vorwurf mache, ohne von ihnen allerdings loszukommen.

Auf dem Bahnsteig umarme ich Felix, der gut einen Kopf größer ist als ich selbst, dafür aber ein paar Jahre jünger, und sage ihm, er sei der erste, der mich seit meinem Studium direkt am Zug und nicht erst auf dem Parkplatz des Bahnhofs empfange. 

Felix schaut mich ungläubig an.

„So einen Service bekommt nicht jeder“, sagt er dann.

Wie nehmen die Treppen nach unten, durchqueren die kleine Bahnhofshalle, die das Muster jeder provinziellen Bahnhofshalle abgeben könnte und steigen schließlich in das Auto, einen weißen Dacia-Pickup mit einer schwarzen Plane über der Transportfläche, den Felix und meine Schwester gerade für den Umbau des Hauses benutzen, das bis vor zwei Jahren mein Elternhaus gewesen ist. Bis zu jenem Zeitpunkt, um genau zu sein, an dem meine Eltern plötzlich erklärten, sie hätten ein neues, lange leerstehendes Haus am Stadtrand gekauft und würden bald umziehen, was meine Schwester und mich ziemlich überraschte, denn natürlich hatten unsere Eltern mit keinem über ihren Plan gesprochen.

Felix steuert den Dacia durch die Stadt. Wir unterhalten uns über den Fortschritt der Arbeiten an seinem neuen Haus, das das Haus meiner Kindheit ist, wir sprechen über meine Großmutter, die sich vor wenigen Wochen in ihrer Wohnung beim Abhängen einer Gardine die Schulter gebrochen hat. Eine fünfundachtzigjährige Frau, die nicht abwarten kann, bis ihr jemand hilft, die sich auch keine Hilfe holt, sondern einfach auf eine Leiter steigt, um Gardinen abzunehmen, die nicht gewaschen werden müssten, weil sie immer blütenrein sind, doch das verneint meine Großmutter selbstverständlich vehement. Die Gardinen mussten gewaschen werden, erklärt sie mir einen Tag nach meiner Ankunft, als ich sie mit dem Auto zum Mittagessen abhole und sie erklärt es so, als könnte dieses Urteil nur derjenige bezweifeln, der von echter Sauberkeit bloß eine ungefähre Vorstellung besitzt und damit die zweifelhafte Einrichtung seines Lebens offenbart.

„Was soll man machen?“, sage ich zu Felix, während wir an einer Ampel halten. „Man kann ihr nicht verbieten, auf eine Leiter zu steigen, wenn sie das unbedingt will.“

„Die Gardinen waren völlig sauber!“

„Das schreckt sie nicht ab. Du kennst sie ja. Sauberkeit geht bei ihr über alles.“

Felix lächelt. Er arbeitet als Krankenpfleger im Uniklinikum und ist dadurch einiges gewohnt. Die gebrochene Schulter meiner Großmutter stellt für ihn so etwas wie eine Nebensächlichkeit dar, weil sie nicht lebensgefährlich ist und damit auch nur geringfügig Aufmerksamkeit verdient. Seine Station ist voller Leuten, die ihre Krankheit liebend gern mit der gebrochenen Schulter meiner Großmutter vertauschen würden.

Etwa fünf Minuten später erreichen wir den Wald und damit den Hügel. Wir folgen der ansteigenden Straße, die hier unten noch weite Kurven beschreibt, folgen ihr mitten durch die hohen, tiefgrünen Bäume hindurch, die breite Schatten auf uns werfen. In regelmäßigen Abständen ist die Fahrbahn von gepflasterten Rinnen durchzogen, um die Geschwindigkeit des Verkehrs zu reduzieren. Wir bringen diese gepflasterten Vertiefungen im Schritttempo hinter uns und schaukeln, sobald wir durch sie fahren, wie in einem Slapstick-Stummfilm von links nach rechts.

„Bleibst du eigentlich nur über das Wochenende?“, fragt Felix.

Ich nicke.

„Ich muss Montag wieder auf Arbeit“, sage ich dann. „Also fahre ich sicher Sonntagnachmittag zurück.“

„Gefällt dir dein neuer Job?“

Ich denke kurz nach.

„Er ist ganz in Ordnung. Die Leuten wirken jedenfalls nett. Aber ich bin ja erst eine Woche dabei.“

„Was genau machst du noch mal?“

„Forschungsdaten“, sage ich.

„Klasse. Und was soll man sich darunter vorstellen?“

„Wir digitalisieren beispielsweise Firmenverzeichnisse und die Wirtschaftswissenschaftler bauen daraus komplizierte Auswertungen. Genau kann ich es auch noch nicht sagen. Es scheint jedenfalls einen Haufen Projekte zu geben.“

„Und das macht dir Spaß?“

„Wie gesagt, ich stecke ja noch nicht richtig drin. Gerade springe ich durch alle Abteilungen und lerne viele Leute kennen. Mal sehen, wann etwas Ruhe einkehrt. Ich bin ja nur halbtags da.“

„Damit Zeit zum Schreiben bleibt?“

„Das war mein Plan.“

„Sehr gut.“

„Und ihr habt gerade Urlaub?“, frage ich nach einer kurzen Pause.

„Genau. Um die Arbeiten am Haus endlich voranzubringen. Wenn du den Leuten nicht pausenlos auf die Nerven gehst, tut sich einfach nichts. Es ist wirklich ganz unglaublich.“

Wir überfahren erneut eine der gepflasterten Schwellen und schaukeln wie abgesprochen von einer Seite auf die andere.

„Macht ihr mit euren Handwerken keine Termine aus?“

„Na klar machen wir das. Aber das hat überhaupt nichts zu bedeuten. Die kommen und gehen, wann sie wollen. Egal, ob die Arbeit erledigt ist oder nicht.“

Wenig später bremst Felix behutsam ab. Wir halten vor einem Zaun, hinter dem sich der große Garten meiner Eltern befindet. Der Garten beschreibt einen weiteren Hügel, auf dessen Scheitel sich das Haus befindet, von dem man von hier unten nur das oberste Stockwerk sehen kann. In weniger als zwei Jahren haben meine Mutter und mein Vater das Gestrüpp und Brachland des vernachlässigten Vorgartens in einen wirklichen Garten verwandelt, in dem es nun Beete gibt und junge Obstbäume, ein Stück Wildwiese und Rosenstöcke, Sonnenblumen und zwei hohe Kiefern. Es gibt Sträucher, einen kleinen Bereich, auf dem merkwürdigerweise Schilf wächst, sogar einen von Seerosen bedeckten Teich, der allerdings nur ein kleines, dreißig Zentimeter tiefes, rundes Becken ist. Die Seerosen haben in diesem Sommer zum ersten Mal geblüht, was meine Mutter in zahlreichen Fotoserien akribisch festgehalten hat, während sie mir am folgenden Tag bei einem Rundgang durch den Garten erklärt, wo Frauenmantel und Akelei zu finden sind, Lichtnelke, Nachtkerze und Gipskraut. Wieder einmal fällt mir auf, dass sich Unkenntnis und Blindheit ergänzen, sich vielleicht sogar gegenseitig bedingen. Sobald man mir einen Namen für die Pflanze nennt, die ich gerade in den Augen habe, taucht sie tatsächlich erst für mich auf. Davor ist dort nur ein Etwas, ein Hintergrund, der so unbestimmt erscheint, wie das meiste andere auch und ich denke an den einzigen Satz, den ich aus einem sprachphilosophischen Seminar behalten habe, dass die Grenzen meiner Welt eben tatsächlich vor allem die Grenzen meiner Sprache sind. Aber das erwähne ich meiner Mutter gegenüber nicht, die mit einer kleinen Gartenschere herumläuft, um sich am Hibiskus zu schaffen zu machen.

Auch die lange Auffahrt zu den Garagen ist neu. Das helle Kopfsteinpflaster wurde von zwei portugiesischen Arbeitern in einem sich ergänzenden Halbkreismuster verlegt. Auf dem Boden gehen Halbbögen kunstvoll ineinander über. Ich kann mir nicht ansatzweise erklären, wie man ein solches Muster aus nahezu quadratischen Steinoberflächen herstellt, ohne das an den geraden Rändern der Auffahrt Lücken oder Brüche entstehen. Die beiden Arbeiter brauchten nur zwei oder drei Tage für die gut fünfzig Meter lange Strecke, was mein Vater jedes Mal zur Sprache bringt, wenn er stolz über diese fachmännische Arbeit spricht.

„Die gesamte Auffahrt in drei Tagen“, sagt er bewundernd, „das ist doch wirklich nicht zu fassen!“

Als ich mit Felix das Haus betrete, sitzen die anderen bereits am Küchentisch und nach der Begrüßung machen wir uns gemeinsam über die Reste her, die vom Geburtstagsessen meiner Mutter übrig geblieben sind. Da ich erst vor einer Woche meine neue Stelle angetreten habe, gab es keine Möglichkeit, mitten in der Woche frei zu bekommen und deshalb habe ich die eigentliche Feier, die an einem Mittwoch stattfand, verpasst. Jetzt hole ich meinen Besuch nach. Außerdem haben sich einige Verwandte für das Wochenende angekündigt. Nachzügler, sagt meine Mutter. Ich schnappe ihren angespannten Untertun sofort auf.

Meine Mutter wirkt müde und gestresst, als ich mir ein weiteres Rippchen auf meinen Teller ziehe. Sie ist froh, dass ich gekommen bin und jetzt am Küchentisch sitze, aber ich sehe ihr an, dass die Geburtstagsfeier anstrengend für sie war und sie auch jetzt nicht entspannen kann. Sie denkt an die nächsten Gäste, an die kommenden Wochenenden, an die vielen anstehenden Besuche. Ein paar ihrer Tanten und Onkel kommen morgen und sie wäre lieber allein. Genau wie für mich bedeuten auch für meine Mutter Familientreffen in erster Linie Stress, wir gleichen uns in dieser Beziehung bis aufs Haar.

Nachdem wir gegessen und einige Neuigkeiten ausgetauscht haben, ziehen wir in das Wohnzimmer um, von dem aus der Waldrand gut zu sehen ist. Mein Vater bietet mir einen Cognac an, danach einen Whiskey. Ich sage zuerst ja zum Cognac, den ich bereits kenne, entscheide mich dann aber in letzter Sekunde doch noch für den Whiskey. Den restlichen Abend über nippe ich an meinem Glas, trinke es allerdings schließlich nicht aus. Wieder einmal fällt mir auf, dass ich für Whiskey absolut nichts übrig habe, doch aus irgendeinem Grund, vielleicht, weil mir insgeheim der Gedanke gefällt, ich hätte Ahnung davon und würde mich in dieser Beziehung ein wenig auskennen, versuche ich immer wieder, mich daran zu gewöhnen. Dabei weiß ich sehr genau, wie gleichgültig mir alle Genussdinge sind. Meine Zunge ist für sie nicht fein genug, außerdem halte ich ausgesuchte Getränke und besonders aufwändiges Essen für Zeitverschwendung und unterstelle denjenigen, die sich dafür interessieren, einen Hang zur Übertreibung, da sie das, was man schnell und praktisch erledigen kann, mit einem unverhältnismäßigen Aufwand zelebrieren.

Auf den Kommoden im Wohnzimmer stehen zahllose Blumenbuketts mit Glückwunschkarten, die restliche freie Fläche ist von Büchern und anderen Geschenken bedeckt. Meine Mutter ist sechzig geworden und deshalb fiel die Feier entsprechend groß und die Geschenke ebenso reichlich aus. Das meiste davon hat sie noch nicht angerührt, bislang blieb dafür keine Zeit. Im Laufe des Abends allerdings sieht sie sich hin und wieder eine Grußkarte an und greift schließlich nach einem Fotobuch.

Ihre beste Freundin aus Schulzeiten hat ihr dieses Buch geschenkt, eine Frau, an die ich mich nur undeutlich erinnern kann, deren Gesicht mir aber sofort etwas sagt, als meine Mutter es mir auf einem der während der Feier entstandenen Gruppenfotos zeigt. Ich erinnere mich auch an ihren Mann, einen stillen Physiker, der mir vor etwa fünfundzwanzig Jahren in seiner Wohnung zeigte, wie man ein leichtes, aus Holz gefertigtes Miniaturschiff in einer Glasflasche unterbringen kann. Die Segel und Masten liegen heruntergeklappt auf dem Holzkörper des Schiffes, dann schiebt man es vorsichtig durch den Flaschenhals und kann anschließend mithilfe eines Fadens die Mastkonstruktion vorsichtig aufrichten. Im Zimmer des Physikers standen Dutzende solcher Schiffe herum. In der Wohnung selbst herrschte eine eigenartige Stille.

Meine Mutter schlägt das Fotobuch auf. Die ersten Seiten zeigen viele Aufnahmen der Freundinnen, alle stammen aus der gemeinsam verbrachten Kindheit in Staßfurt. Meine Mutter sitzt an einem Tisch, ist etwa sieben Jahre alt, ich nehme an, dass man einen Geburtstag feiert, denn das Wohnzimmer, in dem diese Fotos aufgenommen worden sind, wirkt wie für ein Fest dekoriert. Viele Kinder laufen durch das Zimmer, manche sitzen am Tisch, andere sind auf den Fotos angeschnitten zu erkennen und verdecken einander, hier ist ein Gesicht, dort nur ein Rücken, es herrscht ein ausgelassenes Durcheinander. 

Meine Mutter scheint mit etwas beschäftigt, vielleicht mit der Vorbereitung eines gemeinsamen Spiels oder einer Bastelarbeit, die ich nicht genau erkennen kann. Sie wirkt sehr konzentriert, lächelt aber breit, weil sie weiß, dass sie im Fokus des Fotografen steht. Es muss ihre Geburtstagsfeier sein, denke ich, eine Geburtstagsfeier am Ende der Neunzehnsechzigerjahre in einem anderen Land, einer anderen Stadt. 

Als Kind hatte meine Mutter ein rundliches Gesicht. Sie trägt eine Art Pagenschnitt, den meine Großmutter Bubikopf nennt, ihre Wangen sind ausgeprägt und ihr Mund und damit ihr waches, ganz und gar ausgelassenes Lächeln ist groß und strahlt jenes Maß an Begeisterung und Lebensfreude aus, das den meisten Kindern instinktiv eigen ist und das sich erst mit den Jahren verliert. 

Ich betrachte die Züge dieses Kindes und obwohl sich das Gesicht im Laufe der Jahre verändert hat und zum Gesicht meiner Mutter geworden ist, erkenne ich doch die Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Menschen, zwischen dem Kind und der Erwachsenen, die meine Mutter ist, ich erkenne diese Ähnlichkeit und ich erkenne sie auch nicht, es ist ganz eigenartig, als versuchte ich, zwei Bilder übereinzubringen, die auf den ersten Blick verschieden sind, sich bei näherer Betrachtung allerdings als ähnlicher erweisen, als man anfangs dachte. Irgendetwas Verbindendes gibt es da und diese Verbindung hängt einerseits natürlich mit den Zügen zusammen, mit den Augen meiner Mutter, ihrem Mund und dem Lächeln, das heute noch genauso ist wie damals, andererseits aber liegt diese Verbindung hinter allen Details der Gestalt, der Haut, der Oberfläche, es ist eine Art innerer Ausdruck, den das Kind schon besessen hat und den meine Mutter heute noch in manchen Augenblicken ungehinderter Freude besitzt. Dann ist dieses Kind dort auf dem Foto plötzlich wieder da, als wäre es durch die Jahrzehnte hindurch gelaufen und stünde mit einem Mal im Raum, noch immer mit dem gleichen Lächeln von damals, dem niemand etwas anhaben kann, nicht die Menschen und nicht die Zeit, die unablässig vergeht, gegen die man sich auch nicht zur Wehr setzen kann, weil man ihr unterliegt, weil sie vielleicht auch kein Feind ist und während ich das Foto betrachte, wird mir klar, das ich am Ende weder meine Mutter noch das Kind, das sie gewesen ist, vollständig erkenne, sondern etwas, das hinter ihnen liegt und sie aneinander knüpft, dieser Mensch wahrscheinlich, der sich in keinem Alter fassen lässt und doch immer hinter den veränderlichen Oberflächen wartet, der sich zum Beispiel in diesem Lächeln zeigt, das alle Jahre überdauert.

Auf die Kindheitsfotos folgen Aufnahmen kurz nach dem Abitur. Meine Mutter ist zwanzig und unternimmt mit ihrer Freundin eine Reise auf dem Fahrrad durch den Thüringer Wald, ein Unternehmen, wie sie mir jetzt erklärt, das beide damals völlig unterschätzten. Sie fahren eine ganze Woche durch das Land, schlafen im Zelt, die Leute reagieren überall freundlich auf die beiden jungen Frauen. Es gibt Aufnahmen mit einem älteren Mann, der in die Kamera lächelt und mit dem meine Mutter und ihre Freundin zufällig ins Gespräch gekommen sind.

Wir betrachten die Aufnahmen und verstummen irgendwann. Die vergangene Zeit holt uns schließlich ein. Ich weiß, wie meine Mutter auf diese Fotos blickt, sie sieht die Zeit genauso wie ich selbst, wir beide sind Melancholiker, für uns steckt in der Erinnerung stets auch die Bitternis und je länger man sicher erinnert, umso stärker scheint sie zu werden. 

Die Ähnlichkeiten zwischen den Eltern und ihren Kindern sind manchmal verblüffend, es nicht nur die äußere Ähnlichkeit, sondern auch die Entsprechung der Gesten, der Sprache, die auf die vielen gemeinsam verbrachten Jahre deuten. Im meinem Elternhaus stand in einem der Bücherregale, irgendwo dort, wo ich später Juan Rulfo fand, das einzige Foto meiner Mutter, eine Aufnahme in winzigem Hochformat. Das gerahmte Bild zeigt das Porträt einer Frau Anfang zwanzig im Halbprofil, sie studiert Geologie in Freiberg, vielleicht ist dieses Foto sogar in Freiberg entstanden, dort, wo auch Novalis Bergbau studierte. Der Fotograf, der womöglich mein Vater ist, hat meine Mutter in einer weiteren, für sie so typischen Geste festgehalten. Sie schaut nachdenklich, vielleicht sogar ein wenig ängstlich oder überrascht aus dem Bild, blickt dabei nicht direkt in das Objektiv, sondern knapp an diesem vorbei. Ihre rechte Hand hält sie zu einer schwachen Faust geballt vor ihrem Mund, der Zeigefinger ruht auf der Oberlippe, der Daumen auf dem Kinn. Es ist diese Geste, bei der ich mich selbst bis heute ertappe, wenn ich unaufmerksam bin und abschweife, irgendwelchen Gedanken nachhänge, es ist, als hätte sich diese Geste auf mich vererbt, als hätte ich sie mir nicht von meiner Mutter abschauen müssen, als wäre sie immer schon für uns beide verfügbar gewesen als einzig brauchbarer Ausdruck für diese nachdenkliche Stimmung und wenn ich mir die Geste doch abgeschaut haben sollte, dann nur, weil ich in ihr die Brauchbarkeit des Ausdrucks erkannte, eine Geste, mit der sich genau das bezeichnen lässt, was man bezeichnen muss in Momenten, in denen man sich selbst vergisst, um nach draußen zu schauen, direkt in die Wipfel der Eschen hinein, durch das Glas der Fensterscheiben hindurch, das man nicht mehr wahrnimmt, genauso wenig wie die Eschen selbst oder den Wald, versunken in sich selbst, weit weg.