Samstag, 3. Juli

Es ist Juli und damit ist die Hälfte des Jahres erreicht. Wir werden heute in den Park fahren, um Ks Geburtstag mit einigen Freunden zu feiern, das Wetter ist glücklicherweise gut und die Sonne scheint, schon morgen aber soll es wieder gewittern. K hat den gestrigen Abend in der Küche mit einigen Vorbereitungen für das Essen verbracht und auch jetzt steht sie am Herd und rührt irgendetwas an. Ich höre das Klappern des Geschirrs, die rumpelnde Spülmaschine, unseren Wasserkocher und kurze Zeit später steht sie plötzlich im Schlafzimmer neben dem Bett.

„Ich habe mich geschnitten“, flüstert sie.

„Ist es schlimm?“, frage ich.

Sie nickt.

Ich sage ihr, sie solle mit mir ins Bad kommen und sage das wie immer ein wenig unwirsch und kurz angebunden, was mich sofort an meinen Vater erinnert. Ich schäme mich gleich für diese Grobheit, die meine Fürsorge kaschiert. Ich weiß nicht, warum ich nicht einfach mit nervösem Mitleid reagieren kann, warum ich nicht sage, tut es weh?, kein Problem, wir machen das schnell, es ist nicht der Rede wert. Stattdessen sage ich mit ernstem, kühlen Gesicht und einem mir ansonsten völlig unbekannten Befehlston, ab ins Bad, als hätte sie etwas falsch gemacht und würde mich darüber hinaus noch aus irgendeinem Grund stören. 

Während ich in unserem chaotischen Arzneischränkchen, das eigentlich nur ein kleiner, überfüllter Korb voll abgelaufener Medikamente ist, nach einer Wundkompresse und einem Verband suche, steht K wortlos neben mir und betrachtet das Geschehen. Sie hat sich Küchenrolle um den linken Zeigefinger gewickelt und wartet ab. Wie ein kleines Kind muss ich sie anhalten, die Wunde unter dem Wasserhahn zu waschen, was sie auch sofort macht. Unter dem durchsichtigen Strahl ist der Schnitt kaum zu erkennen, das Wasser spült das Blut augenblicklich fort, doch sobald sie ihren Finger aus dem Wasserstrahl zieht, wird der Schnitt an der Kuppe ihres Fingers erkennbar. Das Blut tritt an die Oberfläche, taucht aus dem Inneren des Körpers auf, es bildet zunächst noch einen Hintergrund oder einen Rahmen, der um den Schnitt herum verläuft und dann bilden sich tropfen und diese Tropfen sammeln sich und fließen schließlich an der Haut in feinen Adern entlang, um in das weiße Waschbecken zu fallen.

K hält ihren Finger noch einmal unter das Wasser, danach sprühe ich Desinfektionsmittel auf die Wunde. Ich lege die Kompresse um ihren Finger, schneide mit einer Schere die überstehenden Enden auf und fixiere das Ganze mit einer langen Mullbinde, die ich einige Male um ihren kompletten Finger wickele, wobei ich mir sofort wie ein Krankenpfleger in einem Feldlazarett vorkomme, dabei weiß ich nicht einmal, ob ich diesen Verband richtig anlege oder ob man heutzutage überhaupt noch von Lazaretten spricht. 

Wahrscheinlich schon, denke ich dann. Das Militär hält ja stets am längsten an einmal eingespielten Begriffen fest.

Als ich fertig bin, suche ich vergeblich nach unserem Heftpflaster, um meine Mullbindenkonstruktion, die den Umfang von Ks Zeigefinger verdreifacht hat, zu fixieren. Aber natürlich ist das Pflaster nirgends zu finden. Deshalb laufe ich den Flur, greife mir das gelbe Malerband von unserem Schränkchen, auf dem sich stapelweise ungeöffnete Post mit Keramikschalen voller Münzen, Batteriepackungen, Sonnencremetuben und Ks Schminkutensilien vermischen, und verklebe damit den Verband.

Ich frage K, ob sie ihren Finger noch bewegen und anwinkeln kann. Sie wackelt ein wenig mit dem weißen Mumienfinger und wir beschließen gemeinsam, dass dieses Ergebnis fürs Erste ausreichen muss.

Kurz vor zwei klingelt es an unserer Wohnungstür und Augenblicke später steht Ks Schwester in unserem Flur. Tanja hat sich bereit erklärt, uns beim Transport der vielen Dinge helfen, die K gestern und heute zusammengestellt hat und ist deshalb mit ihrem Auto gekommen. Es gibt eine graue Kühltausche voller Bier, eine IKEA-Tüte mit selbst gebackenem Foccacia, verschiedene Tupperdosen, darunter auch eine größere Schüssel mit einem Nudelsalat nach dem Rezept meiner Mutter, was mein einziger Beitrag zum Picknick bleibt. K hat auch eine neue Campingdecke über Amazon gekauft, dazu Geschirr aus Maisstärke, das natürlich besser ist als Plastik. Wir haben eine Flasche Sekt und einige Flaschen Wasser dabei und unsere Wohnung befindet sich aufgrund der Vorbereitungen in heillosem Durcheinander, was mich wahnsinnig macht, doch ich weiß, dass eine Bemerkung, die auf das Chaos hinweisen würde, nur zu Streit führte und deshalb lasse ich es bleiben und greife stattdessen nach der Kühltasche, die sicher fünfzehn Kilo wiegt.

Wir laden alles in das Auto und ich setze mich auf den Beifahrersitz, um Tanja den Weg in Richtung Park zu zeigen. Als sie den Motor startet, springt das Radio in ohrenbetäubender Lautstärke an. Wie immer läuft bei Tanja jene Sorte Metal, die ich hasse, Dudelsäcke zwischen Gitarren, Falsettstimmen, es ist nicht zum Aushalten und da ich mich lautstark beschwere, beginnt sich Tanja zu verteidigen.

„Das ist ein neues Album mit Weltmusikeinflüssen“, ruft sie über ein nervtötendes Gitarrensolo hinweg. „Das ist totale Klasse!“

„Das ist der absolute Müll!“, sage ich genervt, drehe das Radio leiser und der Schmerz lässt augenblicklich nach.

Zehn Minuten später halten wir vor einem der Parkeingänge. Während Tanja nach einem besseren Parkplatz sucht, tragen K und ich die tonnenschweren Beutel zur vereinbarten Stelle im Ruhebereich. K feiert mit Tim, der heute Geburtstag hat und wir haben uns über GoogleMaps eine gut zu erreichende Stelle im Luisenpark ausgesucht und sie an alle Freunde geschickt. 

Als wir ankommen, steht die Sonne hoch und es ist heiß. Viele Familien sitzen im Schatten der Bäume, was sicher auch am Spielplatz liegt, der sich in unmittelbarer Nähe befindet. Wir breiten die mitgebrachten Decken aus und ich spüre, wie ich allmählich ruhiger werde. Den ganzen Vormittag über habe ich versucht, mir meine Anspannung nicht anmerken zu lassen, denn normalerweise meide ich jede Party, ich mag es nicht unter vielen Leuten zu sein, auch wenn das dumm ist, wie ich weiß, und niemals annähernd so schlimm wird, wie ich es mir im Vorfeld ausmale.

Ich ziehe meine Crocs aus, laufe durch das warme Gras und schaue mir einen Baum mit merkwürdigen Früchten an, in dessen Schatten wir uns ausgebreitet haben. Ein schmales Messingschild macht darauf aufmerksam, dass es sich hier um einen Taschentuchbaum handelt, was wahrscheinlich der unpoetischste Name für eine Pflanze ist. Esche, Ulme und Eiche klingen nach Jahrhunderten, vielleicht sogar nach Jahrtausenden, die Zeit hat sich in diese Bezeichnungen eingegraben, die nicht einmal richtig deutsch klingen, sondern weitaus älter und mich an indogermanische Wurzeln denken lassen und diese ganze Geschichte einer im Fluss befindlichen Sprache, die immer auch Elemente in sich trägt, die sich der Veränderung störrisch widersetzen. Im Vergleich mit diesen abgründigen Namen ist der Taschentuchbaum zu bemitleiden und ich denke an einen Botaniker, der sich da einen kleinen Scherz erlaubt hat, der am Ende einfach haften geblieben ist. So etwas gibt es ja immer wieder.

Die Freunde kommen nach und nach. Sie alle bringen eigene Decken mit und wir stellen schnell fest, dass wir das gleiche Modell über Amazon gekauft haben. Nur die Muster auf der Oberseite variieren. Anna braucht eine Dreiviertelstunde, bis sie unseren Standort findet, den wir ihr zugeschickt haben und erklärt, verträumt und in sich gekehrt wie stets, sie habe noch einen Spaziergang gemacht und sich den Park angesehen, der wirklich klasse sei.

Vögel fliegen über uns, darunter ein großer Reiher, der hinter den Bäumen verschwindet, die Krähen allerdings warten in gehörigem Abstand, während wir uns über das Essen hermachen. Wir sprechen über die Arbeit, über anstehende Hochzeiten, über Filme und unsere Impfungen. Ulrike und Sarah fragen mich, ob ich noch schreibe, was ich zurückhaltend bejahe, um dabei zu hoffen, die anderen bekämen es nicht mit, denn mir fällt es weiterhin schwer, über mein Buch zu sprechen. Ich komme mir jedesmal vor, als würde ich etwas behaupten, statt auf eine Realität hinzuweisen, obwohl ich insgeheim weiß, dass es sich hier um eine Realität handelt. Ich behaupte nichts mehr, ich male mir nichts mehr aus, das alles passiert ja wirklich, aber diese Rolle anzunehmen, fühlt sich noch immer falsch und wenn nicht falsch, dann doch zumindest fremd und eigenartig an, als machte ich mir etwas vor.

Ich erzähle vom Roman, den beide spannend finden, was ich insgeheim für eine freundschaftliche Lüge halte, denn was ich erzähle, ist völlig konfus und trifft nicht im Ansatz den Kern des Buches. Aber Ulrike und Sarah erklären sofort, sie würden den Roman vorbestellen und ich antworte, dass ich ihnen einen Link schicken werde, obwohl ich mir in diesem Augenblick nicht sicher bin, das auch wirklich zu tun. Was will ich damit erreichen? Die Freunde mit Links bombardieren, damit sie etwas bestellen, das sie doch eigentlich auch so erhalten müssten? Als Autorenexemplar zum Beispiel?

Nachdem ich mir ein weiteres Bier geholt habe, setze ich mich wieder auf die Decke und betrachte den Park. Am Spielplatz herrscht ein wildes Durcheinander, die aufgeregten Stimmen der Kinder und die mahnenden Stimmen der Erwachsenen dringen von dort bis zu uns hinüber. Im übrigen Park dösen die Leute auf blauen Liegestühlen aus Metall, einige lesen, andere scheinen zu schlafen oder beobachten die Gänse, die in kleinen, ziemlich bedrohlich wirkenden Gruppen über die Wiese patrouillieren und dabei so tun, als würden sie sich durch niemanden einschüchtern lassen. Meine Freunde unterhalten sich miteinander und ich kann nicht glauben, was wir alles tun, dass wir verschiedene Salate und Dips, Kuchen und Cupcakes für einen gemeinsamen Nachmittag bereits zwei Tage im Voraus zubereiten, während wir uns vor zehn Jahren völlig unvorbereitet trafen, jeder mit einigen Flaschen Bier im Rucksack und natürlich ohne jede Decke und dann saßen wir bis in die Nacht beinander und sprachen über alles mögliche, über die Bücher, über die Filme, über die unmögliche Zukunft und während wir über das alles redeten, zog die Dunkelheit auf, die Nacht brach herein, die Sonne verschwand und mit der Sonne das Licht, so weit, bis die Laternen im Volkspark plötzlich mit einem leisen Knistern aufleuchteten und die am Tag wie eine Steppe wirkende, ausgezehrte Wiese im Zwielicht verschwand. 

Sobald das Bier ausgetrunken war, standen wir auf, griffen nach unseren Fahrrädern und liefen gemeinsam zu einem Kiosk, um aus den großen Kühlschränken mit Glasfront weitere Bierflaschen zu ziehen und in einer solchen Nacht schien in gewisser Weise alles möglich zu sein und damit meine ich alles, nicht nur ein Teil, nicht eine Handlung, eine Form von Beweis, sondern wirklich alles. Doch das fiel mir damals nur selten auf. Meist fiel es mir auf, nachdem ich längst zu Hause angekommen war und allein in meinem Bett lag. Dann dachte ich an diese riesige, alles unsichtbar überziehende Möglichkeit, deren Existenz ich somit erst im Nachgang verstand, eine Möglichkeit, die bereits hinter mir lag, die ich überlebt hatte und diese Möglichkeit ging in einer ungewissen, schwer zu beschreibenden Nähe auf, die sich heute, zehn Jahre später, nicht mehr einstellen will, vielleicht, weil man für eine solche Nähe einen jüngeren Kopf braucht, jüngere Sinne, jüngere Gefühle. 

In jenen Nächten damals, kurz bevor das Warten auf das Unvorstellbare (denn es brauchte ja gerade die Nacht für ein unvorstellbares Ereignis, für das unerwartete Auftauchen eines anderen, eines Mädchens zum Beispiel, deren plötzlichem Erscheinen ich regelrecht entgegen fieberte, als läge darin eine Rettung), kurz bevor das Warten auf das Unvorstellbare endlich in Enttäuschung umschlug, steigerte sich die Sehnsucht bis zum Schmerz und das Leben wirkte mit einem Mal unfassbar nah, als ließe es sich mit Händen berühren, als genügte ein simples, vielleicht sogar alltägliches Wort, um alles zu verwandeln, jeden Zentimeter des Gewohnten neu, aufregend und unbeschreiblich tief pulsieren zu lassen und ich näherte mich diesem Punkt, an dem das Neue begann, das neue Leben, ich näherte mich ihm in meinen Nächten und dachte später über das Näherrücken nach, dann, als alles längst vergangen war und ich nur noch die Erschöpfung und Müdigkeit spürte, die der Tag und die Nacht übrig gelassen hatten.

Kurz nach acht sind die meisten Freunde verschwunden und wir sammeln die Reste ein, schütteln die Decken aus, transportieren die leeren Bierflaschen zu einem der Müllkörbe, um sie auf dem Boden in einem Halbkreis abzustellen. Wir packen unsere Rucksäcke und Taschen, die Kühlaggregate strahlen noch ein wenig Kälte ab, nur die Hälfte der vorbereiteten Salate und gebackenen Brote wurden gegessen, aber das macht nichts. Wir laufen gemeinsam los, unterhalten uns weiter. Das sind Gespräche, die Erwachsene führen, denke ich, Gespräche, die in Tagen denken und in Urlauben rechnen, genau eingeteilte Leben mit einem bestimmten Horizont, der nicht unbedingt eng ist, aber ganz sicher auch nicht weit, und wir laufen nebeneinander her und während wir so laufen, frage ich mich, wie ich diese Gruppe damals, vor zehn Jahren, betrachtet haben würde. Was wäre mir durch den Kopf gegangen, damals, als ich vierundzwanzig, fünfundzwanzig, sechsundzwanzig Jahre alt war und ich drehe mich mit dieser Frage im Kopf zu jener Stelle auf der Parkwiese um, auf der eben noch unsere neuen Picknickdecken lagen und entdecke drei Krähen im Landeanflug, die sich im nächsten Augenblick auf dem plattgedrückten Gras niederlassen und dann sofort damit beginnen, unsere Hinterlassenschaften begeistert zu plündern, aber ich, ich sehe in diesem Moment nur das Gras und nicht das, was die Krähen dort voller Euphorie entdecken.