Montag–Donnerstag, 17. Juni

Die letzte Woche im Museum bricht an. Noch zwei Tage werde ich mit den gewohnten Gesichtern in den Zug steigen und sie dann wie etwas vergessen, das sich plötzlich als bedeutungslos erweist, etwas, das mich stets nur oberflächlich berührte, so wie die Nachbarn einen immer nur oberflächlich berühren. Ihr Verschwinden bemerkt man erst spät, manchmal vergehen Wochen oder Monate, bis man versteht, wer dort eigentlich ausgezogen ist und auch dann bleibt nur ein verschwommenes Gesicht zurück, dem man meist keinen Namen zuordnen kann. Die Gesichter, denen ich eineinhalb Jahre lang jeden Morgen auf dem Bahnsteig begegnete, werden mich mit einer Geschwindigkeit verlassen, als stürzten sie über eine Klippe in einen Abgrund hinab, sie werden in diesen undurchsichtigen Bereich zurücksinken, der uns überall umgibt, ob wir das wollen oder nicht, ein Bereich unklarer Verbindlichkeiten, die man für bestimmender hält, als sie es tatsächlich sind, ein Bereich, der sich aus Umrissen zusammensetzt, die Menschen zwar auffallend ähneln, allerdings in den seltensten Fällen eine klare, lebensnahe Gestalt gewinnen. Eine Gestalt, die ein Gewicht besitzt, eine gewisse Dichte, so etwas wie ein befragbares Leben, das im Schatten alles Flüchtigen existiert. Stattdessen bewegen sich Schemen hinter Milchglas und das eigene Leben mit seinen täglichen Erfordernissen, Hunderten von Erfordernissen (doch stimmt diese Zahl?), lässt keine Zeit, hinter das Milchglas zu schauen, obwohl man weiß, dass dieser Blick immer möglich ist und nur wenig Kraft kosten würde. Am Ende aber lässt man es bleiben, man lässt diesen weitläufigen, alltäglichen Bereich in Ruhe, der sich damit weiter und weiter in die Unschärfe schiebt. Man lässt ihn unangetastet, weil man das Interesse an den schwach gezeichneten Gestalten mit den Jahren verliert, das Interesse an den Gesprächen, die man alle kennt und die keine Überraschungen mehr bieten, das Interesse an dieser mit ähnlichen Wünschen, Enttäuschungen und Durchhalteparolen verzierten Halle, in der jeder seine eigene Nische bezieht, um den anderen hin und wieder ängstlich oder unbeteiligt Einblick zu gewähren.

Ich werde im Büro meine Sachen packen, meinen Schreibtisch aufräumen, mich von meinen Kollegen verabschieden und dann verschwinden. Die Verabschiedungen werden mir wie stets sehr lästig sein, ich denke jetzt bereits darüber nach, ob ich Sekt mitbringen sollte oder Kuchen und was genau ich in meiner Abschiedsmail schreiben werde, die ich an das gesamte Museum richten muss, denn ich möchte nicht unhöflich sein, selbst jetzt nicht, da alles bereits ganz gleichgültig ist. Ich könnte eine Mail voller Klischees und falscher Worte fabrizieren, denn dafür ist die Arbeit schließlich da. Falsche Worte, sinnlose Tätigkeiten, Zeitverschwendung, so weit man sieht, doch das liegt mir nicht im Blut. Stattdessen werde ich eine sehr sachliche Nachricht aufsetzen und einfach die Fakten für sich sprechen lassen.

Achtzehn Monate habe ich Museum gearbeitet, werde ich schreiben, die Aufgaben waren umfangreich, aber jetzt ist es Zeit für mich zu gehen. Alles Gute und viel Glück. Das werden wir schließlich alle brauchen.

Ich sehe dem Abschied gelassen und ohne jede Euphorie entgegen. Ich bin nur glücklich über die beiden Wochen, die mir bis zum Ende des Monats bleiben, fünfzehn Tage, die ich ganz für mich habe, bis ich am ersten Juli meine neue Stelle in der Bibliothek antreten werde. 

Vier Stellen in sieben Jahren, das ist kein schlechter Schnitt. Ich habe mich eingelebt in diesen Arbeitsalltag, der niemandem passt, an dem sich die meisten unaufhörlich stoßen. Ich hasse das Arbeiten nicht, aber ich hasse die Verstellungen, denen man sich notgedrungen unterwirft. Das Meer so vieler anfangs unbequemer, dafür aber auch unbedeutend wirkender Lügen, die mit der Zeit unerträglich werden, die an die Substanz gehen, falls man stur bleibt und unfähig ist, sich in die Regeln des Spiels zu fügen. Die vielen Male, die ich an mich gehalten habe, statt meinem Gegenüber zu sagen, er sei ein kompletter Idiot, kann ich nicht zählen, meine Abneigung gegen andere, mit denen ich dennoch notgedrungen verkehren musste, um dabei so zu tun, als herrschte zwischen uns nicht Feindseligkeit, sondern eine Art neutrale, sachliche Beziehung, hat mich diese sieben Jahre nie verlassen. Sobald man die Welt der Arbeit betritt, lässt man ein wesentliches Stück der eigenen Aufrichtigkeit zurück. Man beginnt sich in verschlüsselten Formen zu bewegen, sagt nicht mehr, was man wirklich denkt, was man von einem anderen hält. Für das Ungefilterte gib es keinen Raum und dadurch wird die Wahrheit unmöglich. Es gibt keinen künstlicheren, weniger authentischen Ort als eine Besprechung unter Kollegen, einen Ort, der so weit weg ist vom Leben, das es einem Schauer über den Rücken jagt. Die Hälfte dieser Menschen kann man nicht ausstehen und dennoch spricht man miteinander in derart ausgesuchter Höflichkeit, dass die Heuchelei in jeder Sekunde mit Händen zu greifen ist. Und alle machen mit. Man selbst macht immer viel zu lange mit und steckt einen Großteil der eigenen Zeit in ausgefeilte Rechtfertigungsversuche, um alles zu ertragen. Aber der Heuchelei entgeht man nicht und das ist es, was mich wahnsinnig macht. Im Büro lauert hinter jeder Ecke die Unaufrichtigkeit.

Die Hitze am Nachmittag ist drückend, vergessen sind der viel zu kühle Mai und April. Als ich auf die Straße trete, ist sie wie leergefegt, die Straße ist die Straße einer Geisterstadt, durch die ein Steppenwind streicht. Der Wind treibt mir sofort den Schweiß auf die Stirn und ich fahre im Glauben mit der Zunge über meine Lippen, jetzt endlich auf den feinkörnigen Sand einer Wüste zu stoßen, die seit längerer Zeit nahezu unbemerkt außerhalb der Stadtgrenzen wächst und in den nächsten Wochen alle Viertel unter sich begraben wird.

Im Supermarkt laufe ich auf der Suche nach abgepacktem Eis durch die Gänge mit den Kühlregalen, um nach Ks Rückkehr am Abend eine schnelle Folge schwerer Apérol-Spritz-Gläser herzustellen, aber natürlich gibt es im Discounter kein abgepacktes Eis. Als ich in eine der riesigen Tiefkühltruhen voll gefrorenem Blumenkohl, Brokkoli, Erbsen, Spinat und Mischgemüse schaue, spüre ich die Wut in mir aufsteigen, weil ich weiß, jetzt unverrichteter Dinge wieder nach draußen in die Hitze zu müssen, um im Edeka und Rewe mein Glück zu versuchen.

Auch auf dem Messplatz herrscht Totenstille. Zwar sitzen einige Frauen auf den Bänken unter der gnadenlosen Sonne, aber von diesen Frauen geht keinerlei Leben mehr aus. In katatonischer Erstarrung verharren sie als leere Hüllen, die bei der geringsten Berührung in sich zusammenfallen müssten und im Vorbeigehen denke ich an einen von Termiten ausgehöhlten Baumstumpf, dem äußerlich nichts zu fehlen scheint, obwohl dort nur noch eine hauchdünne Borkenschicht zurückgeblieben ist, die keinen Inhalt mehr besitzt, eine Schicht, die sich unter den Fingern anfühlt wie Papier.

Im Edeka werde ich überraschenderweise fündig und ziehe einen Zweikilosack crushed ice aus dem Tiefkühlschrank, um mich vor der Kasse in eine Schlange mittlerer Ausprägung zu stellen. Es geht nur stockend voran, eine Frau wartet vor mir und sieht abwesend in Richtung Ausgang. Das schwarze Transportband, auf dem sich die von uns ausgewählten Artikel befinden – die Packung Eis, abgepackter Käse, unreife Avocados, ein paar Salatgurken, eine Flasche Weißwein – summt widerwillig und erschöpft und ich frage mich, auf welches Ziel sich alles zu bewegt, die Waren wie auch wir, denn das Band läuft ins Leer, die Schlange wird sich auflösen und man selbst nimmt das Warten an einem anderen Ort wieder auf.

Auf dem Rückweg presse ich die Eispackung an mich und fühle, wie die Kälte bei jedem Schritt in meinen Brustkorb und den rechten Arm hinauf zieht. Eigentlich ist es unglaublich, dass ich erst durch das halbe Viertel marschieren muss, um an diesen Eisbeutel zu kommen, hier sind uns die Amerikaner einfach um Längen voraus. In den Romanen Fantes, Burroughs und Thompsons laufen die Protagonisten ständig mit Beuteln voller Eis durch die Gegend, ein solcher Eisbeutel ist so etwas wie ein unabdingbares Accessoires auf den Straßen von Los Angeles und San Juan und nur in Deutschland setzt die Suche nach Eis eine Odyssee in Gang, als befände man sich plötzlich auf der Jagd nach dem Heiligen Graal.

Als ich wieder zu Hause bin, verstaue ich das Eis im Kühlschrank und räume die Spülmaschine ein. Es ist kurz vor zwei und für eine Sekunde weiß ich nichts mit mir anzufangen. Ich stehe in der Küche und denke daran, dass ich an diesem Montag nichts weiter vorhabe, dass mir der ganze Nachmittag offen steht. Ich könnte schreiben, ich könnte weiter in T.C. Boyles Tortilla Curtain lesen und mich zu Tode langweilen, ich könnte an Limas Paradiso denken, das ich mir endlich vornehmen muss, von dem ich so viel erwarte, aber ich tue nichts dergleichen. Ich stehe einfach nur in der Küche und betrachte die Einrichtung, die unwirkliche Spüle, den ebenso unwirklichen Herd, das Maul der offenen Waschmaschine, die nie Müde werdend auf Nahrung wartet, als eine Bewegung in den Bäumen draußen vor dem Balkon meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Ein Krähenpaar sitzt im Schatten des Buchenlaubs, krächzt und sperrt die Schnäbel weit auf. Die Äste, auf denen die schwarzen Vögel sitzen, schwanken unruhig auf und ab, die Krähen wirken nervös und schlagen manchmal wild mit ihren Flügeln, als versuchten sie sich dadurch frische Luft zu verschaffen. Dann krächzen sie, zwei krahs kurz hintereinander und wie immer frage ich mich, was das soll, was diese Vögel damit zum Ausdruck zu bringen versuchen. Unbehagen, weil es heiß ist? Die Versicherung der eigenen Anwesenheit, damit der Partner nicht unruhig wird? 

Die beiden Vögel verstecken sich in der schattigen Baumkrone. Manchmal habe ich den Eindruck, sie würden meinen Blick durch die geöffnete Balkontür erwidern, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Als ich wieder auf meine Uhr sehe, ist es acht Minuten nach zwei und ich beschließe, nachdem ich einen fast schon lächerlich großen Überdruss in mir überwunden habe, der das alltägliche Maß bei weitem sprengt, in den Park zu gehen und mich zwischen die im Schatten dösenden Alten zu setzen, deren Münder wie die Schnäbel der Krähen offen stehen und die sich erst wieder gegen Abend regen, als hätte man sie von den Toten erweckt.