Samstag, 5. Juni

Am späten Nachmittag laufe ich mit K über den alten Messplatz. Es ist heiß und schwül und wird bald gewittern, die Luft riecht bereits nach Regen, obwohl die Straßen noch staubtrocken sind. Der Messplatz ist voller Leute, die sich auf den Bänken verteilen, Großfamilien, Gruppen von Alkoholikern und gelangweilten Jugendlichen, ein paar nervtötende Studenten dazwischen, die auf dem Schotter vor der Tramhaltestelle mit begeisterten Gesichtern Boule spielen, als würde sie die magische Atmosphäre des Platzes regelrecht elektrisieren. 

Auf den Bänken ist kein Zentimeter frei, die Menschen hocken in dichten Trauben aufeinander, dabei ist der Fluss und die frisch gemähte Uferwiese nur wenige Meter von uns entfernt. Noch gestern habe ich dort unten eines jener grünen Mähfahrzeuge gesehen, die normalerweise auf den Feldern außerhalb der Stadt unterwegs sind, um irgendeine Arbeit zu verrichten, die weniger notwendig als idyllisch erscheint, doch die Leute hier oben zieht es unbegreiflicherweise nicht auf diese Wiese, sondern auf den Platz, auf dem McDonalds-Verpackungen, Plastiktüten und weggeworfene Einwegmasken vom Wind raschelnd über die dunklen Steinplatten getragen werden.

Das allseitige Stimmengewirr erinnert mich an ein Volksfest, andererseits aber wirken die Leute lethargisch und von der Hitze weichgekocht. Übergewichtige Frauen fächeln sich mit improvisierten Hilfsmitteln Luft zu. Sie sitzen regungslos nebeneinander, ihre Arme und Schenkel berühren sich, sie schwitzen und starren auf einen unsichtbaren, blinden Punkt. Wären die Kinder nicht, die mit ausgestreckten Armen durch die im Boden eingelassenen Wasserdüsen rennen, fast so, als rechneten sie ständig damit, aus heiterem Himmel zu stürzen, gäbe es keinerlei Bewegung in diesem Bild. Dann existierte nur eine wartende Menge unter einer glühenden Sonne, eine Menge, die sich lautstark unterhält, obwohl ihre Lippen und Münder regungslos verharren und die Stimmen vom Band kommen könnten. Vorgebliche Stimmen, fiktive Gespräche, ausgebreitet über einer schweigenden Versammlung, aus der das Leben unaufhaltsam wie aus einem alten Fahrradschlauch weicht. 

Alles hier ist erschöpft, denke ich im Vorbeigehen, alles ist kraftlos und ohne jede Energie. Selbst die jungen Bäume, die vor wenigen Wochen gepflanzt worden sind, wirken vor diesem Hintergrund grotesk in ihrer schutzlosen Zerbrechlichkeit. Sie geben keinerlei Schatten, dafür braucht es sicher noch zwanzig Jahre und bis dahin, denke ich und muss lächeln, ist die Hälfte der hier Sitzenden ohnehin längst tot. Wenn alles gut läuft, bin ich in zwanzig Jahren sechsundfünfzig und wir schreiben das Jahr Zweitausendeinundvierzig. Alle Kinder meiner Freunde sind dann bereits erwachsen und womöglich gerade dabei, eigene Familien zu gründen. Und natürlich werden sie mit allen Mitteln versuchen, ein anderes Leben zu führen, als es ihre Eltern führten, denn das gehört nun einmal dazu. 

Bevor wir die Kreuzung zur Langstraße queren, sehe ich an der Ampel nach rechts. An dieser Ampel bleibt kein Fußgänger stehen, das Rot ist so etwas wie eine sanfte Mahnung, die niemanden interessiert, da man auf der Einbahnstraße den ankommenden Verkehr von weitem sehen kann.

„Was macht der Assistorch hier?“, fragte K entgeistert und wir bleiben überrascht stehen.

Auch ich entdecke den Storch. Er ist das jüngste Mitglied einer Weißstorchenfamilie, die im Herzogenriedpark brütet. K nennt ihn den Assistorch, weil sein Brustgefieder grau und schmutzig ist, als würde er ständig durch Schlamm und Abfallhalden robben. Ich hege seit langem eine tiefe Sympathie für diesen Vogel, die ich mir selbst nicht ganz erklären kann. Ich kenne ihn seit seiner Geburt und halte ihn für das schwarze Schaf der Familie, einen Außenseiter, der sich durchschlagen muss und die Härten des Lebens kennt. 

Der junge Storch steht mitten auf der Straße, etwa dreißig Meter von uns entfernt. Hinter ihm staut sich der Verkehr, aber keines der Autos getraut sich an ihm vorbei. Auf den Bürgersteigen sammeln sich bereits die ersten Gruppen und zücken ihre Telefone, die Leute rufen sich etwas zu, es herrscht Lärm und der Storch steht weiter ungerührt mitten auf der Straße und hält alles auf, als habe er sich entschlossen, in der Nachmittagshitze einen gefährlichen, vielleicht sogar lebensmüden Streik anzutreten.

Wie immer, wenn Tiere in einem Zusammenhang erscheinen, in den sie nicht gehören, glaube ich an das Schlimmste und versuche zu erkennen, ob der Vogel verletzt ist, ob ihm etwas fehlt. Aber aus der Entfernung wirkt er gesund.

Mittlerweile schreitet er sehr langsam die Fahrbahn ab, fast so, als würde ihn die Aufregung überhaupt nicht interessieren, ja, als nähme er sie nicht einmal wahr. Vielleicht ist das Trotz, denke ich, vielleicht auch Wahnsinn. 

Der Storch stolziert weiter, die Autos setzen sich langsam in Bewegung und folgen ihm als Entourage. Das Tier schaut sich gelassen um, als wäre es nicht imstande zu erkennen, wie verquer seine Anwesenheit auf dieser Straße wirkt, als habe es das Gefühl für die ihm entsprechende Umgebung komplett verloren und damit auch die Scheu und Nervosität, die Tieren instinktiv eigen ist, sobald sie sich in einer ungewohnten Umgebung befinden.

Das Verhalten des Vogels wirkt auf mich so eigenartig, dass ich wieder an eine Krankheit denke. Vielleicht steht er unter Schock, sage ich mir, vielleicht ist etwas passiert. Tiere, die das Ende spüren, neigen zu erratischem Verhalten und da Tiere immer unschuldig sind, weil sie die Zusammenhänge, in die der Mensch sie drängt, nicht durchschauen und sich dennoch in ihnen verfangen, empfinde ich sofort ein unendliches Mitleid für diesen verirrten Storch, der von der eigenen Verirrung nichts weiß, sie nicht einmal erahnt, der auch die Gefährlichkeit seiner Lage nicht bemerkt und natürlich denke ich an Nietzsche, den die Unschuld des Tieres ja zum Wahnsinn getrieben hat, dieser erschütternde Tierblick, der die Schläge nicht begreifen kann, den plötzlichen Schmerz, weil er außerhalb der Strafe steht und für nichts verantwortlich ist.

In diesem Augenblick schert ein Auto aus der aufgestauten Fahrzeugkette, ein schwerer, silberfarbener BMW, der auf dem Parkstreifen beschleunigt und natürlich nichts vom Grund des Staus weiß, den Storch auch kaum wahrnimmt und einfach an ihm vorbei rast wie ein Schwachsinniger und tatsächlich ist der Fahrer, irgendein junger Typ, dessen Kopf kaum über das Lenkrad reicht, auch komplett schwachsinnig, das sehe ich auf den ersten Blick, für ihn ist nur ein fein gestutzter Bart samt Dreihunderteuroschuhen drin, mehr ist nicht los in diesem lächerlichen Leben, und der Storch setzt sich aufgeschreckt in Bewegung, schlägt unbeholfen mit den Flügeln, denn große Vögel brauchen ewig, um abzuheben und dann fliegt er endlich davon, gewinnt allerdings kaum an Höhe und ich denke, mit ihm muss tatsächlich etwas nicht stimmen, er muss krank und verletzt sein.

Der Storch fliegt in Richtung Waldhofstraße davon und hält sich nur schwer über den Köpfen der Leute, als plötzlich ein Bus auftaucht, gegen den er in der nächsten Sekunde unweigerlich prallen muss. Mit einem halsbrecherischen Manöver schlägt er eine Kurve nach rechts, weicht dem Bus damit aus, die Leute im Inneren können kaum glauben, was sie sehen, die schwarzen Flügelspitzen des Vogels ragen senkrecht in die Luft und dann landet der Storch auf einem schmalen Wiesenstreifen direkt neben den Tramschienen und schüttelt sich, als hätte ihn ein Regenguss erwischt.

K und ich gehen endlich weiter, queren die Straße und laufen in Richtung Wohnung. In solchen Augenblicken kann man nichts tun, man kann den Tieren nicht helfen. 

Und was sollten wir schließlich auch machen? Den Dreikilostorch zu Boden ringen, um ihn gefesselt zurück in Richtung Park zu schleppen? Am Ende muss er den Ausweg aus eigener Kraft finden, genau wie wir. 

Zu Hause setze ich mich an meinen Rechner und bringe das Lektorat der Gärten in der Wildnis zu einem Ende. Der Roman soll Anfang August erscheinen und muss Ende Juni bei der Druckerei landen, was mir noch Zeit für eine letzte Fahnenkorrektur in zwei Wochen geben sollte. 

Ich entdecke wieder zahllose Fehler, schreibe auf jeder Seite um. Da der Roman in naher Zukunft spielt und am Ende ein paar Tagebuchaufzeichnungen besitzt, kontrolliere ich abschließend noch einmal alle Datierungen. Stimmen die Tagesangaben? Ist der 8. Juni 2030 tatsächlich ein Samstag?

Aufgeregt stelle ich fest, dass ich den Erzähler am 22. April 2030 sagen lasse, er hätte sich im Museum krankgemeldet, um nach seinem verschollenen Freund zu suchen. Aber der 22. April ist Ostermontag und damit ein Feiertag und das alles kann nicht stimmen. Also gehe ich noch einmal akribisch die Datierungen durch und finde weitere Fehler, falsche Verknüpfungen, die mich rasend machen, denn ich glaube sofort, in diesen flüchtigen Schnitzern die Spitze des Eisbergs zu erkennen. Wenn ich das alles nicht bemerkt habe, was ist mir noch durch die Lappen gegangen? So weit ich es erkennen kann, stimmen am Ende zumindest die Datierungen.

Jetzt habe ich fast zwei Jahre mit diesem Roman verbracht und kann ihn nicht mehr sehen. Durch das Lektorat ist er besser geworden, viel besser sogar, aber ich kann das alles nicht mehr lesen, ich will es endlich abschließen und nicht mehr daran denken müssen. 2019 habe ich den Text begonnen und beendet, Anfang 2020 an die Verlage und Literaturagenturen geschickt und für meinen Geschmack hat alles viel zu lange gedauert, sich endlos in die Länge gezogen. 

Das Warten auf eine Antwort, auf irgendein Zeichen. Und dann die unweigerlichen Absagen, mit denen man insgeheim rechnet, um sich gegen sie zu wappnen und die am Ende doch verletzen, bis man sie schließlich kaum mehr registriert. Das alles gehört dazu, sagt man sich, warum sollte es auch anders sein?

Kurz bevor ich mich in Richtung Kletterhalle aufmache, öffnen sich draußen die Wolken. In einem Augenblick ergießen sich Sturzbäche auf die Stadt, der Regen hebt nicht an, sondern besitzt sofort seine volle Kraft, als zerschnitte man einen mit Wasser gefüllten Ballon. Das Rauschen des Regens ist so laut, dass die Musik, die über die Lautsprecher meines Laptops läuft, in den Hintergrund tritt. Auch die Geräusche unserer Wohnung und des Hauses verstummen und der Regen übernimmt, er schwappt durch das geöffnete Fenster, überspült draußen das Viertel und die Straßen und auch die Rufe und Gespräche der Menschen. Der Wolkenbruch hält für etwa zehn Minuten an und endet ebenso abrupt, wie er begann. Jetzt tröpfelt es noch leise von der Buche und der Birke im Hinterhof herab auf das feuchte, faulige Laub, das den Boden vor den Garagen bedeckt, doch auf der Straße mache ich die ersten Stimmen bereits wieder aus, die sich, da bin ich mir sicher, in Richtung Messplatz bewegen, auf die Bänke zu und die schwachen, verkrüppelten Bäume.