Mittwoch, 30. Juni

Gestern kommt mir der Gedanke, dass ich wahrscheinlich zum ersten Mal in meinem Leben genau weiß, was ich zu tun habe und dass dieses Wissen aus mir selbst stammt. Das Unbestimmte, das mich dreißig Jahre lang begleitet hat, ist weg, zumindest zu einem großen Teil, und mit dem Unbestimmten verschwindet jetzt in vielen Bereichen meines Lebens auch die Verunsicherung, die früher, in meiner Kindheit und bis zum Ende meiner Zwanziger, alles überzog. Eine Verunsicherung, die das meiste in meinem Leben betraf, das Schreiben, die Liebe, das Studium und die Arbeit, meine Freunde, selbst die Stadt, in der ich wohnte. Viel zu häufig kam mir das alles zufällig vor, als hätte ich an der Entwicklung meines Lebens keinen oder nur einen sehr ungenauen Anteil, den ich niemals vollständig verstand, irgendetwas fehlte stets und sobald ich an die Zukunft dachte, an das, was ich aus eigenem Antrieb tun, vielleicht sogar erreichen wollte, wohin es mich möglicherweise zog (in welche Stadt zum Beispiel, in welches Land, denn alles stand mir ja offen), mit wem ich meine Zeit verbringen mochte und das, was sich daran anknüpfen ließ, kam ich völlig durcheinander. Mir fiel ganz einfach nichts ein und das machte mich wütend, denn für die anderen schien es Antworten zu geben, auch wenn sie jahrelang genauso unsicher gewesen waren wie ich selbst. Irgendwann aber, und ich verstand nicht warum und wie sie das machten, änderten sie etwas und ich verfolgte diese Veränderungen hilflos und voller Neid, denn irgendwie, dachte ich, lag in diesen Veränderungen ein heimlicher Vorwurf, der mich und meine Unfähigkeit betraf, dasselbe zu tun.

André kehrte mit Britta von seinem Austauschsemester aus Glasgow zurück und war mit einem Mal ein anderer. Er hatte beschlossen, in die USA zu gehen und dort seinen Doktor zu machen, zuerst aber wollte er nach Frankreich für ein paar Monate, um die Sprache zu lernen und sich an den Universitäten zu bewerben, was ein nicht ganz unkomplizierter Vorgang war, denn er brauchte Empfehlungsschreiben ehemaliger Professoren und musste eine unüberschaubare Zahl von Dokumenten zusammenstellen. Er hatte sich alles sehr genau überlegt und ich spürte, wie sicher er sich war, dass er nicht mehr schwankte, ob es noch eine andere Alternative gab oder einen anderen Weg. Er sprach ganz ruhig über seinen bevorstehenden Auszug aus unserer WG in der Danziger Straße, er hatte den Weg vor Augen, diese Linie, der sich folgen ließ, und mit einem Mal bekam die Zeit eine Struktur und die Zukunft, die im Unbestimmten keine Gestalt gewinnen kann und unsichtbar bleibt, tauchte vor ihm auf. 

Nachdem André uns von seinen Plänen erzählt hatte, dachte ich für eine Weile sogar selbst an ein Doktorstudium in den USA und erzählte davon auch im Buchladen, in dem ich damals in Berlin, kurz vor dem Abschluss meines Studiums, arbeitete. 

Ich stand gemeinsam mit Seçil an der Kasse, Seçil, deren Vater für eine deutsch-türkische Zeitung schrieb, Seçil, die sieben Sprachen flüssig sprach und für die Fußballeuropameisterschaft 2008 als Simultanübersetzerin gearbeitet hatte, was mich alles unglaublich beeindruckte. Als man uns an meinem ersten Tag in der Buchhandlung einander vorstellte, war sie wunderbar rot geworden, schlug die Augen kurz nieder, um so zu tun, als machte sie sich an der Kasse zu schaffen und musterte mich dann erneut mit einem zurückhaltenden Blick aus ihren großen, braunen Augen. Heute lebt sie mit ihrem Mann in London, übersetzt Untertitel für Kinofilme und ich habe mit ihr seit zehn Jahren kein Wort mehr gewechselt. Das Jahr der Fahnen, fällt mir auf, verwandelt sich immer weiter in einen Bericht über Geister, über Menschen, die mir abhanden gekommen sind, deren Verschwinden ich überhaupt nicht bemerkte und erst jetzt, zehn oder fünfzehn Jahre später, schreibe ich insgeheim auch an diese, meine verlorenen Freunde und komme mir dabei schuldig vor, denn ihr Verschwinden bleibt meine Schuld, ich hätte mich bemühen müssen, ich hätte ihnen schreiben müssen, sie anrufen müssen, als das noch möglich war, denn jetzt ist es nicht mehr möglich, die Nummern sind zu alt, ihre Adressen haben sich verändert und was würden sie schon jemandem sagen, der sich nach so langer Zeit plötzlich bei ihnen meldete, der ein ganzes Jahrzehnt lang keinen Gedanken an sie verschwendet hat und dann ganz unerwartet wieder vor ihnen steht, um eine Antwort zu verlangen, eine Antwort, die manchmal ebenso unmöglich ist wie die erste, nur scheinbar unschuldige Frage. Was mich schuldig macht, ist die Zahl der Gespenster, die ich hinterlasse. Vielleicht bin ich einfach unfähig, denke ich und spreche die Namen aus, ich denke an Seçil, Denise, Franka, Saskia, Emma, Simon, Anja, Christine, Jakob und diese Liste könnte ich beliebig fortsetzen, mir fielen noch andere Namen ein, all diese Menschen, die einmal in meinem Leben gewesen sind und die ich in kürzester Zeit aus den Augen verloren habe.

Ich wünschte, ich könnte noch einmal sehen, wie Seçil an der Kasse errötet, direkt vor mir in diesem Buchladen, den es nicht mehr gibt. Ich wünschte, eine solche Rückkehr wäre möglich. Doch würde ich etwas anderes sagen und mich anders verhalten? Ich weiß es nicht.

Obwohl Seçil und ich uns gleich vom ersten Tag an näher kamen, zu nah vielleicht, so nah, wie gute Freunde, die sich über alles unterhalten können, passierte zwischen uns nichts. Wir sprachen über alles mögliche, über Filme und Bücher, denn sie las ausgesprochen viel und damals die alten Russen, was ich wunderbar fand und jedes Mal, wenn ich in die S-Bahn stieg, um zum Potsdamer Platz zu fahren, freute ich mich, weil ich wusste, die Schicht mit Seçil zu teilen.

Hin und wieder gingen wir nach der Arbeit etwas trinken und dann klagte sie mir ihr Leid. Ihre Eltern stellten ihr immer wieder junge Männer vor, allesamt in Deutschland geborene Typen mit türkischen Wurzeln, aber sie mochte sich auf niemanden einlassen, ihr wurde das ganz einfach zu viel.

„Thomas, was soll ich mit ihnen machen?“, fragte sie mich.

Seçil baute in fast jeden Satz meinen Vornamen ein, was mich damals maßlos faszinierte, denn keiner meiner Freunde tat etwas Vergleichbares. Und noch dazu stellte sie meinen Namen an den Anfang des Satzes, was ich ganz verrückt fand und irgendwie auch sehr literarisch, denn ich kam mir dadurch plötzlich wie in einem Stück von Tschechow vor.

Sie sagte beispielsweise nicht, hast du Lust nach der Schicht noch etwas trinken zu gehen?, sondern Thomas, hast du Lust nach der Schicht noch etwas trinken zu gehen? Und aus einem einfachen Wie geht’s?, wurde bei Seçil zwangsläufig ein, Thomas, wie geht es dir?

Auf Seçils Männerprobleme jedenfalls wusste ich keinen Rat. Was sie abstoßen würde, erklärte sie mir, sei dieses ganze Machogehabe, sie würde behandelt werden wie ein Kind, das nichts weiß und sich dafür noch bedanken muss. Sobald sie aber von sich zu erzählen begänne, von ihrem Studium, den Sprachen und so weiter, von ihrem bevorstehenden Abschluss mit Bestnoten, wurden die Männer sehr schnell ausgesprochen still, denn das alles schüchterte sie ein, wie Seçil mir erklärte.

„Thomas, so dumm das auch klingt“, sagte sie, „so wahr ist es am Ende auch. Sie können mit einer Frau, die einen eigenen Beruf hat, die studiert hat und mehr will, als Mutter und Hausfrau werden, einfach nichts anfangen. Von denen hat ja nicht einer studiert, aber sie spielen sich auf, als könnten sie mir die Welt erklären! Und welche Welt? Die sind doch nur in Deutschland und der Türkei gewesen!“

Seçil hingegen war überall in Europa unterwegs. Damals, als wir gemeinsam an der Kasse im Hugendubel standen, lernte sie gerade Griechisch. Verirrten sich Touristen zu uns, zog man sofort Seçil hinzu, die bereitwillig und ohne weitere Umschweife flüssig in die verlangte Sprache wechselte.

Kurz nach unserem Abschluss zog sie nach London für ein Praktikum. Wir schrieben uns noch einige Male, ich selbst zog bald nach Leipzig und zwei Jahre später nach Ludwigsburg und irgendwann in diesem Zeitraum brach der Kontakt zwischen uns ab. Dass sie in London blieb, um ein paar Jahre danach auch zu heiraten, habe ich nur zufällig über Facebook erfahren. Seçils Nachname hatte sich geändert, ihr Foto zeigte sie in weißem Brautkleid mit Schleier. Sie wirkte ausgesprochen glücklich und sah noch genau so aus, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Ich dachte nur kurze Zeit daran, meinen Doktor in den USA zu machen und damit André nachzuahmen, verlor das Ganze aber bald wieder aus den Augen. Nach meinem Abschluss zog mich nichts mehr in Richtung Universität, ich hatte alles ganz grundsätzlich satt. Allein der Gedanke, mich wieder in ein Kolloquium setzen, erneut diese alberne Sprache gebrauchen zu müssen, mit der man den anderen versuchte weiß zu machen, man hätte da ein paar ganz ausgefallene Gedanken parat, stieß mich regelrecht ab und obwohl ich auch später hin und wieder an Robert Walser dachte, über dessen frühe Romane ich gern geschrieben hätte, erklärte ich dieses Vorhaben doch schließlich für komplett gescheitert.

Doch damit kehrte die Verunsicherung zurück, das Unbestimmte gewann erneut die Oberhand. Und je länger ich über das Unbestimmte nachdachte, umso klarer schien mir zu werden, dass ich, wenn ich völlig ehrlich mit mir war, weder eine Ahnung noch ein Gespür für das besaß, was mir lag, was mir entsprach, egal, wie man sich diese Entsprechung am Ende auch vorstellen musste. 

Was wollte ich eigentlich? 

Ich fand keine Antwort auf diese Frage und quälte mich endlos mit ihr herum. Mein Studium lag abgeschlossen hinter mir und ich konnte noch immer nicht sagen, wohin es mich zog, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Das kann doch nicht wahr sein!, ging es mir durch den Kopf. Was zum Teufel stimmt mit mir nicht?

Manchmal kam es mir sogar so vor, als täte ich alles wie aus zweiter Hand, als ahmte ich überall bloß nach und führte damit das Leben eines anderen, jedenfalls wohl aber nicht mein eigenes, das spürte ich genau. Schon in der Schule hatte ich mich zum Lesen gezwungen, weil meine Freunde plötzlich lasen. Ich quälte mich durch Hesse, nicht, weil mich Hesse interessierte, sondern weil ich zu den anderen gehören wollte, die damals in der neunten Klasse wie aus heiterem Himmel ganz begeistert anfingen, echte Literatur zu lesen und in den Pausen mit einem Mal über das Leben sprachen mit ganz verklärten, in sich ruhenden Gesichtern. Später in Berlin richtete ich den Stil meiner Klamotten am Stil meiner Freunde aus, die Einrichtung meiner Wohnung, meine Sprache, meine Vorlieben und Abneigungen. In fast jeder Beziehung fühlte ich mich unterlegen und deshalb fiel es mir auch schwer, für mich einzustehen oder auf etwas anderem als meinem ewigen Außenseitertum zu beharren, das ich irgendwann zu einer grundlegenden Qualität erklärte, die man einfach haben musste. An dieser Rolle gefiel mir, dass man den anderen nicht folgte, dass man sich von ihnen fern hielt, die abgelaufenen Pfade mied. Dieses Leben, das so viele führten, wollte ich nicht, ich wollte nicht zu einer dieser stromlinienförmigen und immer kompromissbereiten Gestalten werden, die ständig abwägten, die sich mit einer Karriere beschäftigten, die praktische Klamotten trugen, alles nach der jeweiligen Nützlichkeit bewerteten und nicht einmal wussten, dass sich darin bereits ihre Weisheit erschöpfte. Ich wollte nicht dazugehören und fühlte das instinktiv, genauso wie ich im Abstand von drei oder vier Monaten spürte, jetzt wieder meinen Stil verändern zu müssen, was ich überaus gern tat, denn das hieß, sich neue Klamotten zuzulegen, andererseits aber machte es mich auch wahnsinnig, denn ich verstand sehr genau, dass mir der rote Faden fehlte und ich nichts anderes tat, als mich ewig in neuen Rollen auszuprobieren.

Nur noch ein einziges Paar Schuhe!, sagte ich mir dann, nur noch eine Jacke für die ganze nächste Zeit, für das ganze weitere Leben! Ich will mich endlich festlegen, ich habe diese ewige Unschlüssigkeit satt!

Doch nur ein halbes Jahr später stand ich wie ein Idiot mit einer frisch gekauften Motorradlederjacke aus dem Second-Hand vor meinen Freunden und sorgte für allseitige Begeisterung.

„Hells Angel!“, rief C. „Jetzt siehst du aus wie ein Schläger.“

Ich machte große Augen.

„Andererseits“, schob er dann nach, „siehst du auch überhaupt nicht gefährlich aus.“

Meine Lederjacke schenkte ich irgendwann Mewes, einem Freund von C, der ein paar Jahre später während eines schief gelaufenen Drogendeals verhaftet wurde, eine richtige John-Grisham-Angelegenheit, denn Mewes hatte sich auf einem Parkplatz mit einem vermeintlichen Dealer aus Holland verabredet, um ein paar Kilo Gras zu kaufen, dieser Dealer allerdings kam weder aus Holland noch hatte er Gras dabei, sondern stellte sich als deutscher Kripobeamter vor.

Zur Fußballweltmeisterschaft 2010 war Mewes allerdings noch unaufhaltsam unterwegs. Nach einem gewonnenen Deutschlandspiel entdeckte ich ihn zufällig von meinem Balkon auf der Danziger Straße aus. Er lief mitten auf der Fahrbahn als Anführer eines Pulks vollständig Betrunkener, hielt eine riesige Deutschlandflagge über seinem Kopf in beiden Händen und war, bis auf meine alte Motorradlederjacke und eine knappe, hellblaue Badehose, vollkommen nackt.

Hätte mir damals, in dieser unsicheren Zeit, einer meiner Freunde erklärt, ich würde so und so viele Jahre später, am zweiten August zweitausendundeinundzwanzig meinen ersten Roman veröffentlichen und dieser Roman würde Gärten in der Wildnis heißen, hätte ich meine Freunde für verrückt gehalten, auch wenn ich mich sicher etwas geschmeichelt gefühlt haben würde aufgrund dieser gar nicht so schlechten Aussicht. Aber damals war an ein Buch nicht zu denken. Meine Versuche scheiterten auf ganzer Linie, die Literaturzeitschriften wollten keine meiner Erzählungen drucken, ein paar kleinere Verlage hatten meinen langen Text über Gadbin Brons, den großen Trapezkünstler des neunzehnten Jahrhunderts, mit Schweigen quittiert und als ich Katharina eine gerade abgeschlossene Geschichte an ihrem Küchentisch vorlas, die ich über Südschweden geschrieben hatte, wurde sie von Minute zu Minute schweigsamer, bis sie sich kaum noch bewegte, um schließlich etwas nervös in Richtung Boden zu sehen. 

Meine Verunsicherung wuchs in diesem Schweigen, sie wuchs mit jedem Wort, als breitete sich die Dämmerung ganz langsam, aber unaufhaltsam in der Küche aus. Plötzlich fand ich meine Erzählung grauenhaft schlecht, aber ich hatte nun einmal angefangen zu lesen und konnte nicht einfach abbrechen und das alles für sinnlos erklären. Ich las eine kurze Passage, in der eine Rudel Hunde über eine Düne stürmte, um sich im hohen Gras zu verlieren und erreichte kurz darauf das Ende der Geschichte. Ich spürte instinktiv, dass sie misslungen und mittelmäßig war und vielleicht nicht einmal das, vielleicht war sie grundsätzlich schlecht und wenn sie schlecht war, dann stellte sie natürlich auch meine Unfähigkeit aus, meine Unfähigkeit zum Schreiben geeignet zu sein, so etwas wie Talent zu besitzen. In mir war alles vollkommen leer. Ich befand mich in einem ausgeräumten, lautlosen Gebiet. Katharinas Schweigen reichte aus, es sprach Bände und ich wusste sofort, was sie dachte. Ich hatte geglaubt, einen Hermann, der Heger zu schreiben, stattdessen aber hatte ich nur eine konfuse Erzählung zustande gebracht, in der kein Leben steckte. 

Am liebsten wäre ich an diesem Nachmittag in Katharinas Küche einfach aufgestanden und verschwunden – das Verschwinden, wie stets, die Waffe meiner Wahl –, aber das war damals nicht möglich, ich konnte nicht einfach gehen, um mich dadurch aus der Affäre zu ziehen und wusste das sehr genau.

Heute kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie wir unsere Verlegenheit schließlich wieder abschüttelten, doch wir haben auch später nie über diese Erzählung gesprochen, als hätte es das alles, den Nachmittag in Katharinas Küche und meine erste Lesung, nie gegeben. Und ein halbes Jahr später verschwand ich dann tatsächlich. Ich verschwand aus Berlin, ich vergaß die Erzählungen, wie ich meine Freunde vergessen würde, ich ließ alles hinter mir. Und während ich mich von den anderen verabschiedete, dachte ich unablässig darüber nach, warum ich Leipzig als neue Stadt für mich ausgewählt hatte, denn auch dort erwartete mich nichts als eine alte Bekanntschaft und die Aussicht, eine Videoarbeit am Centraltheater umzusetzen. Doch die Frage, was ich jetzt, nach dem Abschluss meines Studiums, tun sollte, wie ich Geld verdienen würde und wie es mit dem Schreiben weiterging nach dieser jahrelangen Kette fehlgeschlagener Versuche, diese Frage nahm ich, ohne eine Antwort gefunden zu haben, mit, als läge im Umzug bereits ein Heilmittel, was sich dann, nur wenige Monate später, natürlich als Trugschluss herausgestellt hat.

Sonntag, 27. Juni

K und ich laufen am Ufer entlang. Wir sind beide noch schwach nach unserer zweiten Impfung, mich fröstelt es den ganzen Weg über. Die Sonne steht hoch, es ist kurz vor zwölf, aber da die Luft sich bereits wieder aufheizt und es noch wärmer werden soll, sind nur wenige Leute unterwegs. In den vergangenen Tagen hat es häufig gewittert und dann fiel der Regen in den Abendstunden, ohne sich zu erschöpfen, ein wirklich maßloser Regen, der mal stärker wurde und dann wieder schwächer, allerdings nie ganz versiegte.

Wir laufen durch kniehohes Gras, das an dieser Stelle des Flussufers noch nicht gemäht worden ist, und die Hitze treibt aus der durch die Regengüsse noch feuchten und jetzt trocknenden Wiese einen muffigen Geruch. Obwohl ich mich so fühle, als würde ich gerade eine Grippe ausbrüten, tut die Wärme nicht gut. Auch K ist zwiegespalten. Einerseits, sagt sie, fühlten sich die Sonnenstrahlen, nach dem langen Herumliegen gestern, wie ein Wärmepflaster an, andererseits aber sei das alles auch zu viel und ich gebe ihr recht.

Den kompletten Freitag haben wir im Bett verbracht, ohne jede Möglichkeit, uns zu bewegen. Ich habe weiter im Idioten gelesen, der mich wieder einmal völlig umhaut und zur gleichen Zeit verzweifeln lässt, wie ich jetzt K gegenüber am Flussufer erkläre, denn ein solcher Roman, wie überhaupt alle Romane Dostojewskis, sind ja wirkliche Wunder und das habe ich damals mit Anfang zwanzig natürlich überhaupt nicht begriffen. Zur gleichen Zeit haben neben Dostojewski Hunderte andere Russen geschrieben und sogar sehr erfolgreich geschrieben und was ist von ihnen geblieben? Nichts, nichts, als ein zweizeiliger Eintrag in einem verstaubten Literaturlexikon, das sich um die Figuren des neunzehnten Jahrhunderts bemüht. Alles vergessen, selbst die den Zeitgenossen so wichtigen, überaus bedeutend erscheinenden Köpfe, die jetzt niemandem mehr etwas sagen und von denen man damals doch zweifellos angenommen hat, sie würden die Jahrhunderte überdauern. Dass überhaupt etwas überlebt, ist das Verrückte. Und das liegt nur daran, dass Dostojewski seine Analyse des zeitgenössischen Russlands (der Nihilismus und Sozialismus, die soziale Frage, das Leibeigentum, die Revolte der Jugend und so weiter), auf das Allgemein-Menschliche erweitern konnte und zwar in jedem seiner Romane, egal ob im Idioten oder den Brüdern Karamasow, in den Dämonen oder Schuld und Sühne. Und das Irre an der ganzen Sache ist, dass Dostojewski diese Erweiterung auf das Allgemein-Menschliche, die allen nachfolgenden Epochen zum wesentlichen Kern seiner Romane geworden ist, weil sie die Aktualität des Geschehens nicht oder nur unvollständig begreifen, gerade aufgrund seine Religiosität gelang. Nur weil Dostojewski diesen irren Christusglauben hatte, ist ihm das, was der Mensch ist oder sein kann, niemals abhanden gekommen. Und deshalb macht seine Betrachtung des Mitleids, der Menschlichkeit, der Schuld, Unschuld und der Gnade bis heute einen Eindruck, denn diese menschlichen Eigenschaften stehen über der Zeit, sie sind zeitlos, auch wenn sich ihre Gestalt verändern kann, ihr Kern oder ihre Existenz im Menschen aber ist ganz einfach gegeben. Ohne ihre verwirrende Anwesenheit gibt es den Menschen nicht und das hat Dostojewski sehr genau gewusst, er hat es nicht einmal geahnt oder nur angenommen, sondern tatsächlich gewusst und das kann wahrscheinlich nur jemand, der glaubt, tief glaubt an die letztlich doch sinnvolle Einrichtung einer Welt, in der die Menschen schuldig werden, aber immer die Möglichkeit zur Sühne besitzen, zur Rückkehr in den Zustand der Gnade. 

So zumindest, erkläre ich K mit schweißnasser Stirn auf der Uferwiese, müsse man sich das ja wohl mit Dostojewski vorstellen, anders könne es gar nicht sein.

K schweigt wie stets, wenn einer meiner leidenschaftlichen Monologe unerwartet über sie hereinbricht.

„Ich kann nur einen Russen im Jahr lesen“, sagt sie dann. „Das ist ein richtiges Projekt. Nicht allein, weil die immer diese Wälzer schreiben mussten.“

„Klar“, sage ich. „Dabei kommt man so schnell durch Dostojewskis Romane durch. Auch das konnte er, richtiggehende Pageturner schreiben, es ist wirklich zum Verrücktwerden!“

Wir erreichen eine der Brücken, die über den Neckar führen und einen Abzweig der Stadtautobahn auf hohen Pfeilern über den Fluss leiten. Unter der Fahrbahn liegt eine vielleicht zwanzig Meter breite Schattenzone, in der wir für wenige Augenblicke verschnaufen. 

Die Brückenpfeiler sind von Graffiti überzogen, auf dem Boden unter uns wächst kein Gras, stattdessen ist alles voller Staub und Dreck. Wir umlaufen den breiten Pfeiler in Richtung Fluss und als wir um das Eck biegen, entdecke ich eine Frau. Sie ist sicher etwas älter als wir, trägt ein schwarzes Kleid, das einem Abendkleid gleicht, eine dunkle Sonnenbrille und sitzt auf einem Stein. In diesem Aufzug wirkt sie völlig deplatziert und vielleicht spürt sie das auch, denn sie sieht weder K noch mich an, obwohl sie unser plötzliches Erscheinen wahrgenommen haben muss. Doch sie bleibt einfach regungslos sitzen, den Kopf geradeaus gerichtet auf den Fluss, der durch den Regen angeschwollen ist.

K und ich treten nah an das Wasser heran, das schmutzig und wenig einladend wirkt, selbst jetzt in der Hitze nicht. Ich spüre, dass ich langsam Kopfschmerzen bekomme und schaue zur anderen Flussseite hinüber, auf der gerade ein Lastschiff mit Containern beladen wird. Die riesigen weißen und roten Beschriftungen an den Flanken der Metallcontainer segeln in Großbuchstaben durch das Bild, nur gehalten von einer phantastischen Konstruktion, die so etwas wie ein Kran auf Schienen ist. Ein dumpfes Beben dringt zu uns herüber, sobald die Container auf die Ladefläche des Lastschiffs stoßen.

EVERGREEN, lese ich,

HAMBURG SÜD

MAI LING

MAERSK

Die Frau blickt weiterhin neben uns auf den Fluss. Sie trägt ihre Sonnenbrille, obwohl wir uns im Schatten befinden, scheint aber keine Containerschiffliebhaberin zu sein, sondern nur zufällig hier in Abendkleidung zu sitzen, ein Zufall, der sofort mein Mitleid weckt, denn die Frau macht auf mich einen niedergeschlagenen Eindruck, ich weiß nicht warum. Vielleicht liegt es an ihrer Einsamkeit. Hat sie sich schließlich nicht in den Schutz dieses Brückenpfeilers zurückgezogen, um den Blicken möglicher Spaziergänger auf der Uferwiese zu entgehen? Sie wollte ja verschwinden, um allein zu sein und dazu noch in diesen Klamotten, in diesem Kleid, das mich an eine vergebliche Nacht denken lässt, die mit großen Erwartungen begann, aber nur in Enttäuschungen endete, in dieser grundlegenden, tiefen Enttäuschung, wie es sie nur am Ende einer Party gibt, die ja jetzt auch wieder in kleinerem Kreis möglich sind, eine Party, von der man sich alles Mögliche erhoffte, das Unglaubliche sogar, den Umschlag des Lebens, etwas unbedingt Neues, das in den Augen eines anderen seinen Anfang nimmt und das dann schließlich nirgendwo zu finden ist, weil man alle Gesichter kennt und auch die Gespräche und der Rausch, in den man sich sofort trinkt, nicht ewig anhält, sondern nur bis zu diesem Flussufer, an das es einen aus wer weiß welchen Gründen am nächsten Morgen zieht, als würde dort die Antwort auf eine Frage warten, die man selbst nicht formulieren kann, deren genauer Wortlaut schon eine Art Erlösung wäre.

Als wir wieder zu Hause sind, lege ich mich gleich ins Bett und klappe den Rechner auf, um nach meinen Mails zu sehen. Ich warte auf eine Antwort vom Verlag, denn ich habe in der letzten Woche die Fahnenkorrektur an meinem Roman abgeschlossen und wieder einmal zahllose Veränderungen in das Dokument eingearbeitet. Am Ende waren es fast eintausenddreihundert, was vor allem daran liegt, dass die Formatierungen beim Satz durcheinander gekommen sind und jetzt viele Zeilenumbrüche fehlen, was mich natürlich rasend macht. Aber ich finde auch weitere Tippfehler, die mich wiederum daran denken lassen, wie viele weitere Fehler ich übersehen habe, obwohl ich diesen Roman mit Sicherheit das sechste oder siebente Mal kontrolliere und ihn langsam wirklich nicht mehr ertragen kann.

„Ich habe die Schnauze voll“, erkläre ich K. „Es reicht!“

„Aber es ist doch dein erster Roman!“, erwidert sie. „Wie kann man da die Schnauze voll haben?“

„Was heißt hier erster Roman?“, rufe ich. „Ich will mich endlich um die anderen Bücher kümmern, die genauso abgeschlossen sind und die ich endlich rumschicken muss. Ich halte das Warten nicht mehr aus!“

Es gibt keine Antwort vom Verlag und ich beschließe, am Sonntag einmal nachzufragen, wie man meinen Änderungskatalog aufgenommen hat. Das dreitägige Schweigen scheint mir jedenfalls ein schlechtes Zeichen zu sein.

K hat sich in der Zwischenzeit in unser Wohnzimmer zurückgezogen und ich schaue mir Quer durch den Olivenhain von Abbas Kiarostami an, den ich ganz gut finde, der mich aber auch nicht wirklich umhaut. Die letzte Szene, in der Hossein seiner Liebe Tahereh durch den Olivenhain folgt, um endlich eine Antwort auf seine Frage, ob sie ihn heiraten wolle oder nicht, zu erzwingen, ist schön, weil die Einstellung super ist. Die Verfolgungsszene wird von einem Hügel aus gefilmt, der Olivenhain (silbernes Laub) liegt im Tal, links daneben ein grünes Feld, auf dem vielleicht Getreide wächst, und diagonal durch das Getreide zieht sich ein kaum zu erkennender Pfad. Tahereh läuft zunächst senkrecht, von unten nach oben, durch das Bild, sie läuft direkt durch den Olivenhain, der etwa im unteren Drittel eine schmale Lichtung besitzt. Zuerst verschwindet ihr Körper, dann taucht er auf dieser Licht wieder auf, Tahereh wendet sich nach links, verschwindet erneut hinter den alten Olivenbäumen, um dann den diagonalen Pfad im Feld zu erreichen. Hossein hat jetzt bereits die Verfolgung aufgenommen, die Kameraeinstellung ändert sich nicht mehr, die ganze Szene spielt sich ungeschnitten ab. Er holt Tahereh nach zwei oder drei Minuten ein, kurz bevor beide aus dem Bild verschwinden müssten (sie sind jetzt am oberen, linken Bildrand angelangt), und nun endlich dreht sich die ewig schweigende, stolze Tahereh zu Hossein um und scheint ihm ihre Antwort entgegenzurufen, auch wenn man diese Antwort natürlich nicht verstehen kann, denn die beiden sind viel zu weit von der Kamera entfernt. Hossein bleibt stehen und macht dann sofort kehrt, folgt nun nicht mehr dem diagonalen Pfad, sondern arbeitet sich quer durch das Getreidefeld hindurch, während Tahereh ihren Weg wieder fortsetzt, und damit endet der Film in einem etwas zu geplanten Kunstgriff. Denn natürlich kommt er auf diese Weise um die Auflösung seiner Kernfrage herum: was wird Tahereh, die den gesamten Film über kein einziges Wort an Hossein gerichtet hat, schlussendlich antworten? Wäre es ein einfaches Nein, verlöre der Film sofort seinen Reiz, da seine Spannung auf der widerspenstigen Stummheit Taherehs gründet. Sagte sie Ja, müsste der Film eine komplizierte Erklärung für ihr langes Schweigen bieten, die am Ende vielleicht ebenso unbefriedigend wie ein Nein bleiben muss. So nutzt der Film einen planvollen Kunstgriff und überlässt die Entscheidung der Frage dem Publikum, was ich trotz der genialen Kameraeinstellung nicht leiden kann, denn ich will es von den Figuren hören und nicht von mir, ich will etwas anderes hören, als das, was ich ohnehin schon weiß oder mir zusammenreimen kann.

Nach dem Ende des Films stehe ich auf, doch mein Kreislauf macht nicht richtig mit und die Kopfschmerzen kehren stechend zurück. Deshalb laufe ich ins Bad, werfe eine Ipuprofen ein und gehe anschließend ins Wohnzimmer, um nach K zu sehen. 

Sie sitzt auf der Couch und schreibt in ihr Notizbuch, während irgendeine Serie neben ihr auf dem Laptop läuft.

„Was machst du?“, frage ich.

„Ich gehe noch einmal über die Gästeliste für meine Geburtstagsfeier im Park“, erklärt sie freudestrahlend. 

K hat nicht einfach nur Geburtstag. Sie feiert eine ganze Woche lang, aber daran habe ich mich mittlerweile längst gewöhnt, obwohl Geburtstage für mich komplette Nebensächlichkeiten sind.

Erst neulich beim Abendessen fiel mir plötzlich auf, dass ich in diesem Jahr erst siebenunddreißig werde und nicht achtunddreißig, wie ich die ganze Zeit über angenommen hatte.

„Ich werde ja erst siebenunddreißig!“, sagte ich perplex. „Ich dachte, ich bin schon ein Jahr älter.“

K schaute mich verständnislos an.

„Wie kann man denn so etwas vergessen?“, wollte sie wissen.

„Keine Ahnung“, erwiderte ich und war gleichzeitig froh, nicht achtunddreißig zu werden und damit ein ganzes, falsch gezähltes Jahr zurückzugewinnen.

Am Abend taucht das Krähenpaar wieder in der Buche im Hinterhof auf. Wir beäugen uns jetzt seit einigen Wochen, auch wenn ich natürlich nicht genau sagen kann, ob es wirklich auch dasselbe Krähenpaar ist, das seine Stellung auf den wippenden Zweigen bezieht. Vielleicht ist es auch kein Paar und das sind nur Freunde, eine Art Krähenduo, dass Unfug im Hof anstellt, kleinere Zweige von den Ästen bricht, um diese dann zum Spaß in den Hinterhof fallen zu lassen.

Ist es heiß, sperren die Krähen ihre Schnäbel auf und hocken regungslos auf ihrem Platz. Manchmal putzen sie ihr Gefieder oder hüpfen auf der angrenzenden Mauer herum oder sie jagen eine dicke Straßentaube davon, die sich unvorsichtigerweise in ihren Baum verirrt.

Durch einen Zufall stoße ich später – die Krähen sind zu diesem Zeitpunkt längst verschwunden – auf eine Liste berühmter Hunde, die jemand auf Wikipedia eingestellt hat. 

Belka und Strelka lese ich, waren die ersten Hunde, die lebendig von einem Weltraumflug zurückgekehrt sind. Zwei Hunde, die, was den Weltraum anbelangte, der gesamten Menschheit zu diesem Zeitpunkt etwas ganz gewaltig voraus hatten und im Nachgang mit allerhand Orden beehrt worden sind.

In San Francisco machte in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ein berühmtes Straßenköterpärchen die Innenstadt unsicher, zwei Berühmtheiten mit den Namen Bummer und Lazarus, auf die selbst Mark Twain einen Nachruf geschrieben hat und die angeblich meisterhafte Rattenfänger gewesen sind. Ihr Rekord lag in einer zwanzigminütigen Jagd, bei der fünfundsechzig Ratten den Tod gefunden haben, was für die damaligen Verhältnisse wohl eine ganz außerordentliche Leistung gewesen sein muss. Bummer und Lazarus hatten wohl allerdings auch eine etwas düstere Seite und haben sich gemeinsam an kleineren Raubüberfällen auf Fleischereien beteiligt, um ziemlich aggressiv auf menschliche Gegenwehr zu reagieren. Lazarus starb an den Folgen eines Fußtritts durch einen Betrunkenen, den die Stadt San Francisco zu fünfundzwanzig Dollar Strafe verurteilte, Bummer war irgendwann einfach zu alt. Angeblich hat ein langer Trauerzug, der sich durch halb San Francisco schlängelte, Bummer zu Grabe betragen, aber das scheint wohl nur eine Legende zu sein, die sich jetzt nicht mehr überprüfen lässt.

Montag–Donnerstag, 17. Juni

Die letzte Woche im Museum bricht an. Noch zwei Tage werde ich mit den gewohnten Gesichtern in den Zug steigen und sie dann wie etwas vergessen, das sich plötzlich als bedeutungslos erweist, etwas, das mich stets nur oberflächlich berührte, so wie die Nachbarn einen immer nur oberflächlich berühren. Ihr Verschwinden bemerkt man erst spät, manchmal vergehen Wochen oder Monate, bis man versteht, wer dort eigentlich ausgezogen ist und auch dann bleibt nur ein verschwommenes Gesicht zurück, dem man meist keinen Namen zuordnen kann. Die Gesichter, denen ich eineinhalb Jahre lang jeden Morgen auf dem Bahnsteig begegnete, werden mich mit einer Geschwindigkeit verlassen, als stürzten sie über eine Klippe in einen Abgrund hinab, sie werden in diesen undurchsichtigen Bereich zurücksinken, der uns überall umgibt, ob wir das wollen oder nicht, ein Bereich unklarer Verbindlichkeiten, die man für bestimmender hält, als sie es tatsächlich sind, ein Bereich, der sich aus Umrissen zusammensetzt, die Menschen zwar auffallend ähneln, allerdings in den seltensten Fällen eine klare, lebensnahe Gestalt gewinnen. Eine Gestalt, die ein Gewicht besitzt, eine gewisse Dichte, so etwas wie ein befragbares Leben, das im Schatten alles Flüchtigen existiert. Stattdessen bewegen sich Schemen hinter Milchglas und das eigene Leben mit seinen täglichen Erfordernissen, Hunderten von Erfordernissen (doch stimmt diese Zahl?), lässt keine Zeit, hinter das Milchglas zu schauen, obwohl man weiß, dass dieser Blick immer möglich ist und nur wenig Kraft kosten würde. Am Ende aber lässt man es bleiben, man lässt diesen weitläufigen, alltäglichen Bereich in Ruhe, der sich damit weiter und weiter in die Unschärfe schiebt. Man lässt ihn unangetastet, weil man das Interesse an den schwach gezeichneten Gestalten mit den Jahren verliert, das Interesse an den Gesprächen, die man alle kennt und die keine Überraschungen mehr bieten, das Interesse an dieser mit ähnlichen Wünschen, Enttäuschungen und Durchhalteparolen verzierten Halle, in der jeder seine eigene Nische bezieht, um den anderen hin und wieder ängstlich oder unbeteiligt Einblick zu gewähren.

Ich werde im Büro meine Sachen packen, meinen Schreibtisch aufräumen, mich von meinen Kollegen verabschieden und dann verschwinden. Die Verabschiedungen werden mir wie stets sehr lästig sein, ich denke jetzt bereits darüber nach, ob ich Sekt mitbringen sollte oder Kuchen und was genau ich in meiner Abschiedsmail schreiben werde, die ich an das gesamte Museum richten muss, denn ich möchte nicht unhöflich sein, selbst jetzt nicht, da alles bereits ganz gleichgültig ist. Ich könnte eine Mail voller Klischees und falscher Worte fabrizieren, denn dafür ist die Arbeit schließlich da. Falsche Worte, sinnlose Tätigkeiten, Zeitverschwendung, so weit man sieht, doch das liegt mir nicht im Blut. Stattdessen werde ich eine sehr sachliche Nachricht aufsetzen und einfach die Fakten für sich sprechen lassen.

Achtzehn Monate habe ich Museum gearbeitet, werde ich schreiben, die Aufgaben waren umfangreich, aber jetzt ist es Zeit für mich zu gehen. Alles Gute und viel Glück. Das werden wir schließlich alle brauchen.

Ich sehe dem Abschied gelassen und ohne jede Euphorie entgegen. Ich bin nur glücklich über die beiden Wochen, die mir bis zum Ende des Monats bleiben, fünfzehn Tage, die ich ganz für mich habe, bis ich am ersten Juli meine neue Stelle in der Bibliothek antreten werde. 

Vier Stellen in sieben Jahren, das ist kein schlechter Schnitt. Ich habe mich eingelebt in diesen Arbeitsalltag, der niemandem passt, an dem sich die meisten unaufhörlich stoßen. Ich hasse das Arbeiten nicht, aber ich hasse die Verstellungen, denen man sich notgedrungen unterwirft. Das Meer so vieler anfangs unbequemer, dafür aber auch unbedeutend wirkender Lügen, die mit der Zeit unerträglich werden, die an die Substanz gehen, falls man stur bleibt und unfähig ist, sich in die Regeln des Spiels zu fügen. Die vielen Male, die ich an mich gehalten habe, statt meinem Gegenüber zu sagen, er sei ein kompletter Idiot, kann ich nicht zählen, meine Abneigung gegen andere, mit denen ich dennoch notgedrungen verkehren musste, um dabei so zu tun, als herrschte zwischen uns nicht Feindseligkeit, sondern eine Art neutrale, sachliche Beziehung, hat mich diese sieben Jahre nie verlassen. Sobald man die Welt der Arbeit betritt, lässt man ein wesentliches Stück der eigenen Aufrichtigkeit zurück. Man beginnt sich in verschlüsselten Formen zu bewegen, sagt nicht mehr, was man wirklich denkt, was man von einem anderen hält. Für das Ungefilterte gib es keinen Raum und dadurch wird die Wahrheit unmöglich. Es gibt keinen künstlicheren, weniger authentischen Ort als eine Besprechung unter Kollegen, einen Ort, der so weit weg ist vom Leben, das es einem Schauer über den Rücken jagt. Die Hälfte dieser Menschen kann man nicht ausstehen und dennoch spricht man miteinander in derart ausgesuchter Höflichkeit, dass die Heuchelei in jeder Sekunde mit Händen zu greifen ist. Und alle machen mit. Man selbst macht immer viel zu lange mit und steckt einen Großteil der eigenen Zeit in ausgefeilte Rechtfertigungsversuche, um alles zu ertragen. Aber der Heuchelei entgeht man nicht und das ist es, was mich wahnsinnig macht. Im Büro lauert hinter jeder Ecke die Unaufrichtigkeit.

Die Hitze am Nachmittag ist drückend, vergessen sind der viel zu kühle Mai und April. Als ich auf die Straße trete, ist sie wie leergefegt, die Straße ist die Straße einer Geisterstadt, durch die ein Steppenwind streicht. Der Wind treibt mir sofort den Schweiß auf die Stirn und ich fahre im Glauben mit der Zunge über meine Lippen, jetzt endlich auf den feinkörnigen Sand einer Wüste zu stoßen, die seit längerer Zeit nahezu unbemerkt außerhalb der Stadtgrenzen wächst und in den nächsten Wochen alle Viertel unter sich begraben wird.

Im Supermarkt laufe ich auf der Suche nach abgepacktem Eis durch die Gänge mit den Kühlregalen, um nach Ks Rückkehr am Abend eine schnelle Folge schwerer Apérol-Spritz-Gläser herzustellen, aber natürlich gibt es im Discounter kein abgepacktes Eis. Als ich in eine der riesigen Tiefkühltruhen voll gefrorenem Blumenkohl, Brokkoli, Erbsen, Spinat und Mischgemüse schaue, spüre ich die Wut in mir aufsteigen, weil ich weiß, jetzt unverrichteter Dinge wieder nach draußen in die Hitze zu müssen, um im Edeka und Rewe mein Glück zu versuchen.

Auch auf dem Messplatz herrscht Totenstille. Zwar sitzen einige Frauen auf den Bänken unter der gnadenlosen Sonne, aber von diesen Frauen geht keinerlei Leben mehr aus. In katatonischer Erstarrung verharren sie als leere Hüllen, die bei der geringsten Berührung in sich zusammenfallen müssten und im Vorbeigehen denke ich an einen von Termiten ausgehöhlten Baumstumpf, dem äußerlich nichts zu fehlen scheint, obwohl dort nur noch eine hauchdünne Borkenschicht zurückgeblieben ist, die keinen Inhalt mehr besitzt, eine Schicht, die sich unter den Fingern anfühlt wie Papier.

Im Edeka werde ich überraschenderweise fündig und ziehe einen Zweikilosack crushed ice aus dem Tiefkühlschrank, um mich vor der Kasse in eine Schlange mittlerer Ausprägung zu stellen. Es geht nur stockend voran, eine Frau wartet vor mir und sieht abwesend in Richtung Ausgang. Das schwarze Transportband, auf dem sich die von uns ausgewählten Artikel befinden – die Packung Eis, abgepackter Käse, unreife Avocados, ein paar Salatgurken, eine Flasche Weißwein – summt widerwillig und erschöpft und ich frage mich, auf welches Ziel sich alles zu bewegt, die Waren wie auch wir, denn das Band läuft ins Leer, die Schlange wird sich auflösen und man selbst nimmt das Warten an einem anderen Ort wieder auf.

Auf dem Rückweg presse ich die Eispackung an mich und fühle, wie die Kälte bei jedem Schritt in meinen Brustkorb und den rechten Arm hinauf zieht. Eigentlich ist es unglaublich, dass ich erst durch das halbe Viertel marschieren muss, um an diesen Eisbeutel zu kommen, hier sind uns die Amerikaner einfach um Längen voraus. In den Romanen Fantes, Burroughs und Thompsons laufen die Protagonisten ständig mit Beuteln voller Eis durch die Gegend, ein solcher Eisbeutel ist so etwas wie ein unabdingbares Accessoires auf den Straßen von Los Angeles und San Juan und nur in Deutschland setzt die Suche nach Eis eine Odyssee in Gang, als befände man sich plötzlich auf der Jagd nach dem Heiligen Graal.

Als ich wieder zu Hause bin, verstaue ich das Eis im Kühlschrank und räume die Spülmaschine ein. Es ist kurz vor zwei und für eine Sekunde weiß ich nichts mit mir anzufangen. Ich stehe in der Küche und denke daran, dass ich an diesem Montag nichts weiter vorhabe, dass mir der ganze Nachmittag offen steht. Ich könnte schreiben, ich könnte weiter in T.C. Boyles Tortilla Curtain lesen und mich zu Tode langweilen, ich könnte an Limas Paradiso denken, das ich mir endlich vornehmen muss, von dem ich so viel erwarte, aber ich tue nichts dergleichen. Ich stehe einfach nur in der Küche und betrachte die Einrichtung, die unwirkliche Spüle, den ebenso unwirklichen Herd, das Maul der offenen Waschmaschine, die nie Müde werdend auf Nahrung wartet, als eine Bewegung in den Bäumen draußen vor dem Balkon meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Ein Krähenpaar sitzt im Schatten des Buchenlaubs, krächzt und sperrt die Schnäbel weit auf. Die Äste, auf denen die schwarzen Vögel sitzen, schwanken unruhig auf und ab, die Krähen wirken nervös und schlagen manchmal wild mit ihren Flügeln, als versuchten sie sich dadurch frische Luft zu verschaffen. Dann krächzen sie, zwei krahs kurz hintereinander und wie immer frage ich mich, was das soll, was diese Vögel damit zum Ausdruck zu bringen versuchen. Unbehagen, weil es heiß ist? Die Versicherung der eigenen Anwesenheit, damit der Partner nicht unruhig wird? 

Die beiden Vögel verstecken sich in der schattigen Baumkrone. Manchmal habe ich den Eindruck, sie würden meinen Blick durch die geöffnete Balkontür erwidern, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Als ich wieder auf meine Uhr sehe, ist es acht Minuten nach zwei und ich beschließe, nachdem ich einen fast schon lächerlich großen Überdruss in mir überwunden habe, der das alltägliche Maß bei weitem sprengt, in den Park zu gehen und mich zwischen die im Schatten dösenden Alten zu setzen, deren Münder wie die Schnäbel der Krähen offen stehen und die sich erst wieder gegen Abend regen, als hätte man sie von den Toten erweckt.

Asphalt, 11. Juni

Kurz nach sechs stehe ich in unserer Küche vor der offenen Balkontür und sehe in den Hinterhof hinaus. K schläft noch im angrenzenden Zimmer und ich blicke auf den grünen Laubvorhang, der mir zur Hälfte die Sicht nimmt. Das Licht fällt schräg von oben in den Hof, die ersten beleuchteten Flecken schieben sich an der Fassade des gegenüberliegenden Gebäudes entlang, das in Ausschnitten hinter den Buchenblättern erscheint, und über allem liegt dieser Teppich aus Stille, den es nur am Morgen gibt. Eine Stille, die nicht friedlich ist, denke ich, und auch nicht kraftlos oder erschöpft, sondern neutral, ein Zwischenbereich, als würde man auf ein Zeichen warten, das zum Einstieg in ein Flugzeug aufruft oder die Ankunft eines Zugs verkündet, auf den man eine halbe Stunde lang gewartet hat.

Ich folge den Lichtflecken, die Stück für Stück über das gelb verputzte Mauerwerk kriechen, unmerklich, dachte ich früher als Kind, viel zu langsam, als dass meine kindliche Aufmerksamkeit die millimeterweise Wanderung der Lichter und Schatten hätte wahrnehmen können. Jetzt aber fällt es mir nicht mehr schwer, eine Viertelstunde lang abzuwarten, um denselben Bewegungen wie vor zwanzig Jahren zu folgen und damit den eigenartigen Veränderungen der erleuchteten Bereiche, denen eine unbeständige Geometrie zugrunde liegt, die biegsam sind und flüchtig. Überhaupt sind Licht und Schatten viel flüchtiger, als ich es mit elf oder zwölf Jahren angenommen hatte. In diesem Alter scheint alles unverrückbar zu sein, unsterblich sogar, der Gedanke an Anfang und Ende hat noch nicht jenes umfassende Maß erreicht, das auch die Welt, das Leben und alle sich dem Leben und der Welt unterordnenden Phänomene einbezieht. Die Welt scheint einfach da zu sein, in einer unbeschreiblichen, außerhalb der Zeit liegenden Zone, von der insbesondere die Märchen und Kinderbücher wissen, eine zeitlose Zeit, in der nichts wird, nichts vergeht, sondern alles nur ist. Die Eltern, die Geschwister, das Haus, in dem man lebt, die Zimmer darin, die Gärten und dann die Straßen, erst die wenig befahrene, die man hinunter läuft in Richtung des alten Kindergartens, dann die etwas stärker befahrene Straße mit der Ampelkreuzung, die ewig auf das Grün warten lässt, und dahinter schließlich die Stadt, mit dem Wald an ihren Rändern und der verfallenen Schlossruine auf einem nicht sehr hohen Berg. Jeder Zentimeter, den man in diesem Alter betritt, liegt außerhalb der Zeit, ist ewig und auch wenn man zufällig von der Geschichte der Dinge erfährt, von einer Familie beispielsweise, die vor Jahren dieselben Zimmer bewohnte, in denen nun die eigene Familie wohnt, macht sich hinter dieser Geschichte dennoch nur die Zeitlosigkeit aller Vorkommnisse bemerkbar, der Gegenstände wie der Lebewesen, die Bestätigung, dass dieses Haus von Anbeginn an existierte, auch wenn man ahnt, dass es irgendwann vor Jahren (aber was bedeutet dieses vor Jahren schon?) gebaut worden war, so wie die Eltern und die anderen Familien und auch die Menschen, denen man tagtäglich begegnet, immer existierten, als wären sie täuschend echte Figuren hinter Glas, bewegliche Exponate in den weitläufigen Dioramen eines unsichtbaren Museums, das keinen Eintritt verlangt.

Gegen Mittag ist es draußen bereits so heiß, dass die Alten vom schattenlosen Messplatz verschwinden, um sich in die Eingänge der Häuser zurückzuziehen. Dort sitzen sie auf den Treppenstufen und starren auf die Straße oder sie stehen im Eingang der Getränkeläden und rauchen billige Zigaretten. Kinder rennen nackt durch das Wasserspiel auf dem Platz, scheinbar unbeaufsichtigt, aber sicher warten die Eltern irgendwo versteckt, um alles genau im Auge zu behalten. 

Die Luft hat sich derart aufgeheizt, dass sie stillzustehen scheint. Das Leben selbst scheint nach drei erträglichen Stunden am Morgen erneut in eine Starre zu verfallen, während ich in das Testzelt vorgelassen werde und mich ein junger Typ in Vollschutz und Maske fragt, ob ich einen Termin habe.

Ich bejahe und sehe flüchtig auf seine Hände. An jedem Finger steckt ein Ring, alle sind silber, ein paar mit schwarzen Steinen verziert. Hätte sich das Interesse meiner Eltern an erdgeschichtlichen Fragen auch auf mich vererbt, könnte ich jetzt diese Steine bestimmen, doch da ich dazu nicht in der Lage bin, beschließe ich kurzerhand, es müsse sich um Onyxe handeln.

Die Ringe wirken billig, aber ganz offensichtlich steckt in ihnen so etwas wie der Ausdruck eines Lebensgefühls, das sich mir komplett verschließt, dafür aber im energiegeladenen Charakter meines Gegenübers seinen ungehemmten Ausdruck findet.

„Heute keine Wartezeiten!“, schießt es begeistert aus ihm heraus, als befänden wir uns vor dem Einlass eines angesagten Clubs. „Sie kennen den Ablauf?“

Ich nicke, auch wenn ich keine Ahnung habe, wovon er spricht.

„Klasse, wirklich klasse!“, ruft er und tippt dynamisch auf einem Laptop herum, während ich meinen neuen Reisepass vorzeige und mir wieder einmal einfällt, ich müsse endlich meinen Personalausweis abholen, der seit knapp einem Jahr im Bürgerzentrum auf mich wartet.

Nachdem ich den Coronatest hinter mich gebracht habe, laufe ich in Richtung Kletterhalle. Die Hitze ist drückend, aber ich möchte mich nicht beschweren und denke plötzlich, als ich eine Straße quere und meinen Schuhabdruck in einer von der Sonne aufgeweichten Asphaltnaht hinterlasse, an die vielen ähnlichen, gummiartigen Nähte, mit denen wir uns in längst verschwundenen Sommern nach Unterrichtsende beschäftigten. 

Dieses Spiel wurde ganz einfach nicht alt. Kurz nach eins hatten sich die Straßen derart aufgeheizt, dass die Masse, mit der die Stadtverwaltung manchmal Schnitte oder Risse in der Fahrbahn reparierte, weich wie Gummi war und das Sohlenprofil unserer Schuhe wie frisch gegossener Beton speicherte. 

Ich glaube, dass uns damals die unerwartete Verwandlung der Fahrbahn faszinierte. Die Straßen waren immer hart und anders gar nicht vorstellbar, sie wirkten unverletzlich, zeigten nicht den Hauch einer Schramme, sobald wir unsere Fahrräder auf den Bordstein fallen ließen und die Pedale über den schwarzen Asphalt kratzten. Natürlich gab es Schlaglöcher, die auf die Zerstörbarkeit der dunklen Oberfläche deuteten, aber die Ursache dieser Löcher entzog sich uns ganz. Es gab nichts Besseres, als eines der riesigen Straßenbaufahrzeuge dabei zu beobachten, wie der heiße Asphalt gegossen wurde, besonders im Sommer. Man roch den kochenden Teer, noch bevor man die Maschine mitten auf der Straße entdeckte, an deren Ende Arbeiter mit nackten und tiefbraunen Oberkörpern zugange waren. Manchmal verteilten sie die träge Masse mit Schaufeln, manchmal war bereits einer der Männer mit einer hüpfenden, ohrenbetäubend lauten Maschine auf der frischen Schicht unterwegs. Damals kam es mir so vor, als würde sich ein Strom schwarzer Lava auf die Fahrbahn ergießen, ein überaus gefährlicher Strom sogar, eine Masse, mit der nicht zu spaßen war, die gezähmt werden musste.

In der unbarmherzigen Mittagshitze nach dem Ende des Unterrichts begann die Straße zu kochen und das, was die meiste Zeit des Jahres hart und unnachgiebig blieb, ließ sich plötzlich mit den eigenen Schuhen bearbeiten. Der Abdruck unserer Schuhe würde auch erhalten bleiben, wenn die Temperaturen wieder fielen, was ein ganz irrer Gedanke war, denn schließlich konnte man dadurch etwas Bleibendes schaffen, eine Art Denkmal sozusagen, unser eigenes Denkmal, wenn man es genau nahm. Jeder, der nach uns zufällig über die Straße lief und nach unten auf die schwarzen Nähte im Asphalt blickte, musste unsere Schuhabdrücke entdecken und damit unsere Spuren. Als mir das aufging, fasste ich sofort einen Plan.

„Wir müssen die ganze Linie ablaufen“, sagte ich zu Thomas, meinem besten Freund in der Grundschulzeit. Neben dem gemeinsamen Vornamen verband uns vor allem unsere Außenseiterstellung, die wir in der Klasse von Beginn an eingenommen hatten.

Thomas saß auf der Bordsteinkante, die Beine angewinkelt auf dem Asphalt. Es war kurz vor halb zwei. Die Hitze schien ihn ordentlich mitzunehmen, denn er hatte sich seit gut fünf Minuten nicht mehr bewegt.

„Warum?“, fragte er träge.

„Weil sich die Leute dann fragen werden, wer das hier gemacht hat.“

„Was gemacht hat?“

„Das Muster in diesem weichen Zeug.“

Ich zeigte auf die Asphaltnaht.

Thomas sah mich einen Augenblick lang an.

„Okay“, sagte er und stand auf.

Wir setzten Fuß neben Fuß, eng an eng, damit keine freie Fläche übrig blieb. Manchmal veränderten wir den Winkel, mit dem wir auf die schwarze Gummiwulst traten, manchmal den Schuhabschnitt, Ferse, Ballen und so weiter, damit das Muster nicht zu eintönig geriet.

Die Naht auf der Fahrbahn war etwa drei Meter lang und zog sich parallel zur Bordsteinkante den Hügel hinab. Schritt für Schritt arbeiteten wir uns von beiden Enden aus in Richtung Mitte vor. Thomas übernahm den ruhmvollen Abschluss und setzte den letzten Schuhabdruck in die weiche Schicht.

„Was machen wir jetzt?“, fragte er dann.

Ich sah mich auf der Straße um. 

In der Nähe gab es keine weiteren Nähte und meine anfängliche Euphorie war in der Zwischenzeit verflogen. Es war ganz einfach zu heiß. Man konnte keinen klaren Gedanken fassen.

„Keine Ahnung“, antwortete ich.

Thomas setzte sich wieder auf die Bordsteinkante und stierte ins Nichts.

Wenn es so weiter ging, würde dieser Nachmittag ins Wasser fallen, so viel stand fest. Und ich hatte absolut keine Lust, weiter auf der Straße in dieser unerträglichen Hitze herumzusitzen und auf irgendein Zeichen zu warten, das am Ende wahrscheinlich sogar ausbleiben würde. 

„Lass uns in den Wald fahren“, sagte ich deshalb.

„Du willst schon wieder zum Schwimmbecken?“

Er klang alles andere, als begeistert.

„Warum denn nicht?“, wollte ich wissen.

„Da sind wir doch ständig. Wir fahren die ganze Zeit im Kreis!“

Natürlich hatte er recht. Das alte Schwimmbecken in einem schmalen Waldabschnitt, nicht weit vom Haus meiner Eltern entfernt, war vor Jahren bereits aufgegeben worden. In den sanften Schwüngen des Beckens fuhren wir manchmal stundenlang mit unseren BMX-Rädern im Kreis.

„Warum machst du nicht mal einen Vorschlag?“, sagte ich.

Thomas dachte angestrengt nach.

„Vielleicht fahr ich nach Hause“, sagte er.

Ich sah ihn an.

„Nach Hause? Es ist doch noch gar nicht Abend.“

„Heute ist nichts los“, erklärte er.

„Dann lass uns zumindest in Richtung Wald fahren. In der Sonne ist es viel zu heiß.“

„Na gut.“

Wir setzten uns auf unsere Räder, wobei ich es vermied, den Metallrahmen anzufassen, der sich in der Sonne derart aufheizte, dass man sich an ihm verbrennen konnte, und radelten los. 

Der Fahrtwind kühlte mich etwas ab und auch in Thomas kehrten die Lebensgeister zurück.

„Das tut gut“, sagte er und streckte sein Gesicht in den Wind. Ich nickte.

Wir fuhren den Hügel hinab, bogen rechts auf die Kurt-Keicher-Straße und dann wieder nach links auf die Gagarinstraße ein. Ihr konnten wir bis zum Ende folgen, dann war der kleine Waldabschnitt nicht mehr weit. 

Thomas wohnte mit seiner Familie ganz in der Nähe, aber wir radelten stumm an seiner Straße vorbei, ohne in sie einzubiegen. Links und rechts wuchsen Fünfgeschosser mit Satteldächern in den Himmel, die fünfzehngeschossigen Plattenbauten, in denen für eine gewisse Zeit auch Christoph wohnte, mit dem ich mich am Ende der vierten Klasse anzufreunden begann, waren noch nicht in Sicht. 

Die Gegend selbst war etwas heikel, denn nur wenige Parallelstraßen weiter wohnten einige unserer ärgsten Feinde aus der Klasse, die uns sicher liebend gern zwischen ihre Finger bekommen hätten. Besonders gefährlich war Ramonat, ein rothaariges Scheusal, das keine Chance verstreichen ließ, ohne Thomas und mich vor allen anderen lächerlich zu machen, auch wenn seine stumpfsinnigen Versuche hin und wieder misslangen. Manche sagten hinter vorgehaltener Hand, er wäre geistig minderbemittelt und stünde an der Grenze zur Schwachsinnigkeit, was ich unbesehen glaubte, denn ich hatte ebenso über ihn sagen hören, dass er während einer Mittagspause auf dem Schulhof ein Stück alte Hundescheiße für fünf Mark Belohnung gegessen hatte. Beide Gerüchte, Ramonats Schwachsinnigkeit und sein Speiseplan, ergaben für mich zweifellos Sinn, was ihn aber auch nicht daran hinderte, eine Schar Geistesgestörter um sich zu versammeln. Insgeheim hielt ich ihn für einen kompletten, dafür aber umso gefährlicheren Idioten. Man durfte die Idioten niemals unterschätzen. Kam es hart auf hart, mobilisierten gerade die Schwachsinnigen ungeahnte Kräfte, um sich an denjenigen zu rächen, denen sie aufgrund ihrer einfachen Gemütsverfassung ständig unterlegen waren. Der zurückgebliebene Ramonat gab dafür das beste Beispiel ab.

Die Fünfgeschosser verschwanden und auf der gegenüberliegenden Straßenseite tauchte eine Schrebergartensiedlung auf. Wir fuhren linkerhand an einer Wiese vorbei und hinter dieser Wiese entdeckte ich etwas, das mich aus dem Gleichgewicht brachte.

„Siehst du das?“, fragte ich.

Thomas schaute nach links und wir stoppten unsere Räder.

Hinter der Wiese stieg dichter Qualm auf. Eine unwahrscheinliche grauschwarze Rauchsäule wanderte in den windlosen Nachmittagshimmel. Nicht geschmeidig und in den bedächtigen Schlangenlinien wie der Rauch über einer Kerzenflamme, sondern heftig, kompakt und voller Gewalt.

„Ist dort hinten nicht die Tankstelle?“, wollte Thomas wissen.

Wir schoben unsere Räder über das Gras bis zur Grenze des sanft abfallenden Hangs und blickten in Richtung der grauen, sich wild bewegenden Säule.

Das Feuer hatte die gesamte Tankstelle erfasst. Die Flammen schlugen meterhoch, flatterten wie wildgewordene Fahnen in einem Wind, den es nicht gab. Obwohl die Tankstelle etwa einhundert Meter von unserem Standpunkt entfernt war, wirkten die Flammen riesig. Sie leckten an der Überdachung der Tanksäulen, schlugen bizarre, blitzschnelle Haken und entfalteten eine beeindruckende Zerstörungswut. Ich hatte noch nie ein vergleichbares Feuer gesehen.

„Irre“, sagte Thomas.

Wir hörten die Sirenen und beobachteten die Ankunft der Feuerwehr. Lange, rote Leiterwagen schossen heran und hielten abrupt, Löschzüge rasten von links und rechts auf die brennende Tankstelle zu.

Eigenartigerweise machte das Feuer keinerlei Geräusch. In meiner Erinnerung brennt die Tankerstelle lichterloh, aber in vollständiger Stille, als hätte ich einen Stummfilm vor Augen. Nur die Sirenen der Feuerwehr zerreißen den Nachmittag. Der Brand selbst aber spielt sich in kompletter Tonlosigkeit ab.

„Sind wir hier sicher?“, fragte ich Thomas.

„Ich denke schon“, antwortete er.

„Was ist, wenn die Tankstelle explodiert?“

Plötzlich wirkte er nicht mehr ganz so überzeugt.

„Wenn wir weiter zurück gehen, sehen wir nichts mehr“, wandte er ein.

Das war tatsächlich nicht von der Hand zu weisen.

Wir standen noch immer gebannt und verfolgten die völlig wirkungslosen Löscharbeiten, als mehr und mehr Leute neben uns auftauchten. Erwachsene, Familienväter darunter, Kinder in unserem Alter. 

Um uns herum bildete sich eine kleine Menschenmenge. Einige unterhielten sich miteinander, die meisten aber schwiegen und betrachteten das lautlose Feuer ebenso gefesselt wie wir.

Je länger wir auf der Wiese standen, ohne die Tankstelle dabei aus den Augen zu lassen, um so klarer wurde mir, dass ich auf das Unumgängliche wartete. Und nicht einfach nur darauf wartete, sondern ihm regelrecht entgegenfieberte. Die Gewalt des Feuers machte mir Angst, aber sie faszinierte mich auch, sie war so unvorstellbar wütend und zerstörerisch, dass ich es kaum glauben konnte. Dabei stellte das Feuer genau genommen bloß ein Zeichen von etwas noch viel Größerem dar, es arbeitete sich in Richtung eines sehr genauen Zieles vor, blieb das Mittel zu einem genau umschriebenem Zweck. 

Ich wartete auf die Explosion und fürchtete mich gleichzeitig vor ihr. Während wir weiter mit den anderen auf der Wiese standen und die unermüdlichen Flammen betrachteten, wälzte ich unablässig und mit schlagendem Puls die Frage, ob wir uns in Sicherheit befanden, sobald dort unten alles in die Luft flog und ob ich mich auf die Erde werfen sollte, sobald ein Feuerball in Richtung Himmel schoss.

Wir mussten eine ganze Weile so gestanden haben, denn als ich aus meiner Trance erwachte, begann sich die Gruppe, die sich anfänglich um uns herum gebildet hatte, langsam aufzulösen. Die Leute verloren merklich das Interesse und erinnerten sich an das, was sie eigentlich hatten erledigen wollen, als das Feuer dazwischen gekommen war. Und tatsächlich schien auch die Feuerwehr den Brand in der Zwischenzeit unter Kontrolle gebracht zu haben. Die Flammen verloren an Höhe und kamen mir plötzlich viel weniger beweglich und aggressiv vor als noch vor zehn oder fünfzehn Minuten.

Bevor der Brand seinen Höhepunkt – die Explosion – erreichte, fiel alles in sich zusammen. Ich spürte eine zweifelhafte Enttäuschung, die sich mit ehrlicher Erleichterung mischte und wusste, dass ich bis zur Schwelle von etwas geradezu Unglaublichem gelangt war, ohne es gänzlich zwischen meine Finger bekommen zu haben. Jedes Feuer ist ein Versprechen, aber nur dieses Feuer damals war in der Lage, die gnadenlose Zerstörung einzulösen, die sich am Grund jeder Flamme versteckt. 

Noch immer aufgeregt und durcheinander griffen wir nach unseren Rädern, die wir auf der Wiese abgelegt hatten. Wir schoben sie zurück auf den Bürgersteig und setzten den unterbrochenen Weg zum Wald schweigend fort.

An einer Kreuzung hielten wir an und ich spürte, dass die Anspannung mich endlich verließ, dass sie in Richtung Boden sackte, ein und für alle Mal verschwand. Sie ließ einen stumpfen Zustand zurück, eine Mischung aus Erschöpfung und Überdruss, wie nach einer langen, unbefriedigten Aufgabe, die man für die Schule zu erledigen hatte.

Später saß ich mit Thomas unter den alten Kastanien des kleinen Wäldchens. Die Sonne fiel in Flecken durch das hohe Laub und die kühlere Luft fühlte sich um einiges angenehmer an. 

Unser Gespräch wollte nicht mehr recht in Gang kommen, auch wenn wir mehrmals versuchten, über das Feuer zu reden. Doch was gab es da eigentlich noch zu erzählen? Die Flammen waren gelöscht und das Feuer gezähmt. Das war das Ende der Geschichte. Ganz einfach.

„Ich denke, ich fahre bald heim“, sagte ich.

„Hast du noch Hausaufgaben?“, fragte Thomas.

„Ja.“

„Okay. Dann mache ich mich wohl auch besser auf den Weg.“

„Sehen wir uns morgen wieder?“

„Klar, komm einfach bei mir vorbei. Mein Bruder hat auch ein neues Spiel.“

„Ist es gut?“

„Es ist ganz in Ordnung. Vielleicht lässt er uns auch mal ran.“

„Alles klar.“

Wir stiegen auf unsere Fahrräder und verabschiedeten uns. Dann radelten wir in entgegengesetzte Richtungen davon. Das grelle Sonnenlicht hatte Thomas bereits geschluckt, als ich noch durch den Schatten fuhr, in dem das Licht nichts zu sagen hatte, in dem es seinen Gültigkeitsanspruch verlor. Ich fuhr, stemmte mich in die Pedale, um mich vom Sattel zu erheben und noch schneller beschleunigen zu können. Und dann sah ich die Sonne als klar umschriebenen Bereich auf dem Asphalt, sah die Trennung zwischen Schatten und Licht, diese ewige, verbissene und doch gleichgültige Trennung und kehrte in die Hitze des Nachmittags zurück.

Dienstag, 8. Juni

Das Jahr

Die Sirenen hinter der Stadt

Die schnellen Gewitter

Ich kehre mit den Einkäufen heim

Und gehe durch den staubigen Flur in das Bad

Ich wasche im Dunkeln meine Hände

Ich denke über eine neue Wohnung nach

Ich denke über das Zubettgehen nach

Über den Schlaf um elf am Morgen

Dann stelle ich die Waschmaschine an

Ich hänge die nasse Wäsche auf

Hänge sie in den Regen

Und in die Rufe der Kinder hinein

Eine Glocke schlägt in einem unsichtbaren Turm

Es ist Zeit, denke ich

Und gehe durch den staubigen Flur

Ich schließe die Türen

Manchmal warte ich ab

Und höre auf die Geräusche meiner Nachbarn

Die ihre unsichtbaren Möbel über den Boden ziehen

Das ist der Widerspruch der Existenz

Geräusche, die am Ende nichts beweisen

Immer ohne Ursprung sind

Ich stehe auf, strecke mich

Draußen droht jemand einem anderen Schläge an

Er sagt das zurückhaltend und ruhig

Wie einer, der weiß, wovon er spricht

Ich räume den Abwasch in die Spülmaschine

Ich schreibe ein paar Zeilen

Ich glaube, für ziemlich alles zu spät zu sein

Und doch so vieles bereits hinter mir zu haben

In dieser Jahreshälfte

In diesem Jahr