Montag–Donnerstag, 17. Juni

Die letzte Woche im Museum bricht an. Noch zwei Tage werde ich mit den gewohnten Gesichtern in den Zug steigen und sie dann wie etwas vergessen, das sich plötzlich als bedeutungslos erweist, etwas, das mich stets nur oberflächlich berührte, so wie die Nachbarn einen immer nur oberflächlich berühren. Ihr Verschwinden bemerkt man erst spät, manchmal vergehen Wochen oder Monate, bis man versteht, wer dort eigentlich ausgezogen ist und auch dann bleibt nur ein verschwommenes Gesicht zurück, dem man meist keinen Namen zuordnen kann. Die Gesichter, denen ich eineinhalb Jahre lang jeden Morgen auf dem Bahnsteig begegnete, werden mich mit einer Geschwindigkeit verlassen, als stürzten sie über eine Klippe in einen Abgrund hinab, sie werden in diesen undurchsichtigen Bereich zurücksinken, der uns überall umgibt, ob wir das wollen oder nicht, ein Bereich unklarer Verbindlichkeiten, die man für bestimmender hält, als sie es tatsächlich sind, ein Bereich, der sich aus Umrissen zusammensetzt, die Menschen zwar auffallend ähneln, allerdings in den seltensten Fällen eine klare, lebensnahe Gestalt gewinnen. Eine Gestalt, die ein Gewicht besitzt, eine gewisse Dichte, so etwas wie ein befragbares Leben, das im Schatten alles Flüchtigen existiert. Stattdessen bewegen sich Schemen hinter Milchglas und das eigene Leben mit seinen täglichen Erfordernissen, Hunderten von Erfordernissen (doch stimmt diese Zahl?), lässt keine Zeit, hinter das Milchglas zu schauen, obwohl man weiß, dass dieser Blick immer möglich ist und nur wenig Kraft kosten würde. Am Ende aber lässt man es bleiben, man lässt diesen weitläufigen, alltäglichen Bereich in Ruhe, der sich damit weiter und weiter in die Unschärfe schiebt. Man lässt ihn unangetastet, weil man das Interesse an den schwach gezeichneten Gestalten mit den Jahren verliert, das Interesse an den Gesprächen, die man alle kennt und die keine Überraschungen mehr bieten, das Interesse an dieser mit ähnlichen Wünschen, Enttäuschungen und Durchhalteparolen verzierten Halle, in der jeder seine eigene Nische bezieht, um den anderen hin und wieder ängstlich oder unbeteiligt Einblick zu gewähren.

Ich werde im Büro meine Sachen packen, meinen Schreibtisch aufräumen, mich von meinen Kollegen verabschieden und dann verschwinden. Die Verabschiedungen werden mir wie stets sehr lästig sein, ich denke jetzt bereits darüber nach, ob ich Sekt mitbringen sollte oder Kuchen und was genau ich in meiner Abschiedsmail schreiben werde, die ich an das gesamte Museum richten muss, denn ich möchte nicht unhöflich sein, selbst jetzt nicht, da alles bereits ganz gleichgültig ist. Ich könnte eine Mail voller Klischees und falscher Worte fabrizieren, denn dafür ist die Arbeit schließlich da. Falsche Worte, sinnlose Tätigkeiten, Zeitverschwendung, so weit man sieht, doch das liegt mir nicht im Blut. Stattdessen werde ich eine sehr sachliche Nachricht aufsetzen und einfach die Fakten für sich sprechen lassen.

Achtzehn Monate habe ich Museum gearbeitet, werde ich schreiben, die Aufgaben waren umfangreich, aber jetzt ist es Zeit für mich zu gehen. Alles Gute und viel Glück. Das werden wir schließlich alle brauchen.

Ich sehe dem Abschied gelassen und ohne jede Euphorie entgegen. Ich bin nur glücklich über die beiden Wochen, die mir bis zum Ende des Monats bleiben, fünfzehn Tage, die ich ganz für mich habe, bis ich am ersten Juli meine neue Stelle in der Bibliothek antreten werde. 

Vier Stellen in sieben Jahren, das ist kein schlechter Schnitt. Ich habe mich eingelebt in diesen Arbeitsalltag, der niemandem passt, an dem sich die meisten unaufhörlich stoßen. Ich hasse das Arbeiten nicht, aber ich hasse die Verstellungen, denen man sich notgedrungen unterwirft. Das Meer so vieler anfangs unbequemer, dafür aber auch unbedeutend wirkender Lügen, die mit der Zeit unerträglich werden, die an die Substanz gehen, falls man stur bleibt und unfähig ist, sich in die Regeln des Spiels zu fügen. Die vielen Male, die ich an mich gehalten habe, statt meinem Gegenüber zu sagen, er sei ein kompletter Idiot, kann ich nicht zählen, meine Abneigung gegen andere, mit denen ich dennoch notgedrungen verkehren musste, um dabei so zu tun, als herrschte zwischen uns nicht Feindseligkeit, sondern eine Art neutrale, sachliche Beziehung, hat mich diese sieben Jahre nie verlassen. Sobald man die Welt der Arbeit betritt, lässt man ein wesentliches Stück der eigenen Aufrichtigkeit zurück. Man beginnt sich in verschlüsselten Formen zu bewegen, sagt nicht mehr, was man wirklich denkt, was man von einem anderen hält. Für das Ungefilterte gib es keinen Raum und dadurch wird die Wahrheit unmöglich. Es gibt keinen künstlicheren, weniger authentischen Ort als eine Besprechung unter Kollegen, einen Ort, der so weit weg ist vom Leben, das es einem Schauer über den Rücken jagt. Die Hälfte dieser Menschen kann man nicht ausstehen und dennoch spricht man miteinander in derart ausgesuchter Höflichkeit, dass die Heuchelei in jeder Sekunde mit Händen zu greifen ist. Und alle machen mit. Man selbst macht immer viel zu lange mit und steckt einen Großteil der eigenen Zeit in ausgefeilte Rechtfertigungsversuche, um alles zu ertragen. Aber der Heuchelei entgeht man nicht und das ist es, was mich wahnsinnig macht. Im Büro lauert hinter jeder Ecke die Unaufrichtigkeit.

Die Hitze am Nachmittag ist drückend, vergessen sind der viel zu kühle Mai und April. Als ich auf die Straße trete, ist sie wie leergefegt, die Straße ist die Straße einer Geisterstadt, durch die ein Steppenwind streicht. Der Wind treibt mir sofort den Schweiß auf die Stirn und ich fahre im Glauben mit der Zunge über meine Lippen, jetzt endlich auf den feinkörnigen Sand einer Wüste zu stoßen, die seit längerer Zeit nahezu unbemerkt außerhalb der Stadtgrenzen wächst und in den nächsten Wochen alle Viertel unter sich begraben wird.

Im Supermarkt laufe ich auf der Suche nach abgepacktem Eis durch die Gänge mit den Kühlregalen, um nach Ks Rückkehr am Abend eine schnelle Folge schwerer Apérol-Spritz-Gläser herzustellen, aber natürlich gibt es im Discounter kein abgepacktes Eis. Als ich in eine der riesigen Tiefkühltruhen voll gefrorenem Blumenkohl, Brokkoli, Erbsen, Spinat und Mischgemüse schaue, spüre ich die Wut in mir aufsteigen, weil ich weiß, jetzt unverrichteter Dinge wieder nach draußen in die Hitze zu müssen, um im Edeka und Rewe mein Glück zu versuchen.

Auch auf dem Messplatz herrscht Totenstille. Zwar sitzen einige Frauen auf den Bänken unter der gnadenlosen Sonne, aber von diesen Frauen geht keinerlei Leben mehr aus. In katatonischer Erstarrung verharren sie als leere Hüllen, die bei der geringsten Berührung in sich zusammenfallen müssten und im Vorbeigehen denke ich an einen von Termiten ausgehöhlten Baumstumpf, dem äußerlich nichts zu fehlen scheint, obwohl dort nur noch eine hauchdünne Borkenschicht zurückgeblieben ist, die keinen Inhalt mehr besitzt, eine Schicht, die sich unter den Fingern anfühlt wie Papier.

Im Edeka werde ich überraschenderweise fündig und ziehe einen Zweikilosack crushed ice aus dem Tiefkühlschrank, um mich vor der Kasse in eine Schlange mittlerer Ausprägung zu stellen. Es geht nur stockend voran, eine Frau wartet vor mir und sieht abwesend in Richtung Ausgang. Das schwarze Transportband, auf dem sich die von uns ausgewählten Artikel befinden – die Packung Eis, abgepackter Käse, unreife Avocados, ein paar Salatgurken, eine Flasche Weißwein – summt widerwillig und erschöpft und ich frage mich, auf welches Ziel sich alles zu bewegt, die Waren wie auch wir, denn das Band läuft ins Leer, die Schlange wird sich auflösen und man selbst nimmt das Warten an einem anderen Ort wieder auf.

Auf dem Rückweg presse ich die Eispackung an mich und fühle, wie die Kälte bei jedem Schritt in meinen Brustkorb und den rechten Arm hinauf zieht. Eigentlich ist es unglaublich, dass ich erst durch das halbe Viertel marschieren muss, um an diesen Eisbeutel zu kommen, hier sind uns die Amerikaner einfach um Längen voraus. In den Romanen Fantes, Burroughs und Thompsons laufen die Protagonisten ständig mit Beuteln voller Eis durch die Gegend, ein solcher Eisbeutel ist so etwas wie ein unabdingbares Accessoires auf den Straßen von Los Angeles und San Juan und nur in Deutschland setzt die Suche nach Eis eine Odyssee in Gang, als befände man sich plötzlich auf der Jagd nach dem Heiligen Graal.

Als ich wieder zu Hause bin, verstaue ich das Eis im Kühlschrank und räume die Spülmaschine ein. Es ist kurz vor zwei und für eine Sekunde weiß ich nichts mit mir anzufangen. Ich stehe in der Küche und denke daran, dass ich an diesem Montag nichts weiter vorhabe, dass mir der ganze Nachmittag offen steht. Ich könnte schreiben, ich könnte weiter in T.C. Boyles Tortilla Curtain lesen und mich zu Tode langweilen, ich könnte an Limas Paradiso denken, das ich mir endlich vornehmen muss, von dem ich so viel erwarte, aber ich tue nichts dergleichen. Ich stehe einfach nur in der Küche und betrachte die Einrichtung, die unwirkliche Spüle, den ebenso unwirklichen Herd, das Maul der offenen Waschmaschine, die nie Müde werdend auf Nahrung wartet, als eine Bewegung in den Bäumen draußen vor dem Balkon meine Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Ein Krähenpaar sitzt im Schatten des Buchenlaubs, krächzt und sperrt die Schnäbel weit auf. Die Äste, auf denen die schwarzen Vögel sitzen, schwanken unruhig auf und ab, die Krähen wirken nervös und schlagen manchmal wild mit ihren Flügeln, als versuchten sie sich dadurch frische Luft zu verschaffen. Dann krächzen sie, zwei krahs kurz hintereinander und wie immer frage ich mich, was das soll, was diese Vögel damit zum Ausdruck zu bringen versuchen. Unbehagen, weil es heiß ist? Die Versicherung der eigenen Anwesenheit, damit der Partner nicht unruhig wird? 

Die beiden Vögel verstecken sich in der schattigen Baumkrone. Manchmal habe ich den Eindruck, sie würden meinen Blick durch die geöffnete Balkontür erwidern, aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Als ich wieder auf meine Uhr sehe, ist es acht Minuten nach zwei und ich beschließe, nachdem ich einen fast schon lächerlich großen Überdruss in mir überwunden habe, der das alltägliche Maß bei weitem sprengt, in den Park zu gehen und mich zwischen die im Schatten dösenden Alten zu setzen, deren Münder wie die Schnäbel der Krähen offen stehen und die sich erst wieder gegen Abend regen, als hätte man sie von den Toten erweckt.

Asphalt, 11. Juni

Kurz nach sechs stehe ich in unserer Küche vor der offenen Balkontür und sehe in den Hinterhof hinaus. K schläft noch im angrenzenden Zimmer und ich blicke auf den grünen Laubvorhang, der mir zur Hälfte die Sicht nimmt. Das Licht fällt schräg von oben in den Hof, die ersten beleuchteten Flecken schieben sich an der Fassade des gegenüberliegenden Gebäudes entlang, das in Ausschnitten hinter den Buchenblättern erscheint, und über allem liegt dieser Teppich aus Stille, den es nur am Morgen gibt. Eine Stille, die nicht friedlich ist, denke ich, und auch nicht kraftlos oder erschöpft, sondern neutral, ein Zwischenbereich, als würde man auf ein Zeichen warten, das zum Einstieg in ein Flugzeug aufruft oder die Ankunft eines Zugs verkündet, auf den man eine halbe Stunde lang gewartet hat.

Ich folge den Lichtflecken, die Stück für Stück über das gelb verputzte Mauerwerk kriechen, unmerklich, dachte ich früher als Kind, viel zu langsam, als dass meine kindliche Aufmerksamkeit die millimeterweise Wanderung der Lichter und Schatten hätte wahrnehmen können. Jetzt aber fällt es mir nicht mehr schwer, eine Viertelstunde lang abzuwarten, um denselben Bewegungen wie vor zwanzig Jahren zu folgen und damit den eigenartigen Veränderungen der erleuchteten Bereiche, denen eine unbeständige Geometrie zugrunde liegt, die biegsam sind und flüchtig. Überhaupt sind Licht und Schatten viel flüchtiger, als ich es mit elf oder zwölf Jahren angenommen hatte. In diesem Alter scheint alles unverrückbar zu sein, unsterblich sogar, der Gedanke an Anfang und Ende hat noch nicht jenes umfassende Maß erreicht, das auch die Welt, das Leben und alle sich dem Leben und der Welt unterordnenden Phänomene einbezieht. Die Welt scheint einfach da zu sein, in einer unbeschreiblichen, außerhalb der Zeit liegenden Zone, von der insbesondere die Märchen und Kinderbücher wissen, eine zeitlose Zeit, in der nichts wird, nichts vergeht, sondern alles nur ist. Die Eltern, die Geschwister, das Haus, in dem man lebt, die Zimmer darin, die Gärten und dann die Straßen, erst die wenig befahrene, die man hinunter läuft in Richtung des alten Kindergartens, dann die etwas stärker befahrene Straße mit der Ampelkreuzung, die ewig auf das Grün warten lässt, und dahinter schließlich die Stadt, mit dem Wald an ihren Rändern und der verfallenen Schlossruine auf einem nicht sehr hohen Berg. Jeder Zentimeter, den man in diesem Alter betritt, liegt außerhalb der Zeit, ist ewig und auch wenn man zufällig von der Geschichte der Dinge erfährt, von einer Familie beispielsweise, die vor Jahren dieselben Zimmer bewohnte, in denen nun die eigene Familie wohnt, macht sich hinter dieser Geschichte dennoch nur die Zeitlosigkeit aller Vorkommnisse bemerkbar, der Gegenstände wie der Lebewesen, die Bestätigung, dass dieses Haus von Anbeginn an existierte, auch wenn man ahnt, dass es irgendwann vor Jahren (aber was bedeutet dieses vor Jahren schon?) gebaut worden war, so wie die Eltern und die anderen Familien und auch die Menschen, denen man tagtäglich begegnet, immer existierten, als wären sie täuschend echte Figuren hinter Glas, bewegliche Exponate in den weitläufigen Dioramen eines unsichtbaren Museums, das keinen Eintritt verlangt.

Gegen Mittag ist es draußen bereits so heiß, dass die Alten vom schattenlosen Messplatz verschwinden, um sich in die Eingänge der Häuser zurückzuziehen. Dort sitzen sie auf den Treppenstufen und starren auf die Straße oder sie stehen im Eingang der Getränkeläden und rauchen billige Zigaretten. Kinder rennen nackt durch das Wasserspiel auf dem Platz, scheinbar unbeaufsichtigt, aber sicher warten die Eltern irgendwo versteckt, um alles genau im Auge zu behalten. 

Die Luft hat sich derart aufgeheizt, dass sie stillzustehen scheint. Das Leben selbst scheint nach drei erträglichen Stunden am Morgen erneut in eine Starre zu verfallen, während ich in das Testzelt vorgelassen werde und mich ein junger Typ in Vollschutz und Maske fragt, ob ich einen Termin habe.

Ich bejahe und sehe flüchtig auf seine Hände. An jedem Finger steckt ein Ring, alle sind silber, ein paar mit schwarzen Steinen verziert. Hätte sich das Interesse meiner Eltern an erdgeschichtlichen Fragen auch auf mich vererbt, könnte ich jetzt diese Steine bestimmen, doch da ich dazu nicht in der Lage bin, beschließe ich kurzerhand, es müsse sich um Onyxe handeln.

Die Ringe wirken billig, aber ganz offensichtlich steckt in ihnen so etwas wie der Ausdruck eines Lebensgefühls, das sich mir komplett verschließt, dafür aber im energiegeladenen Charakter meines Gegenübers seinen ungehemmten Ausdruck findet.

„Heute keine Wartezeiten!“, schießt es begeistert aus ihm heraus, als befänden wir uns vor dem Einlass eines angesagten Clubs. „Sie kennen den Ablauf?“

Ich nicke, auch wenn ich keine Ahnung habe, wovon er spricht.

„Klasse, wirklich klasse!“, ruft er und tippt dynamisch auf einem Laptop herum, während ich meinen neuen Reisepass vorzeige und mir wieder einmal einfällt, ich müsse endlich meinen Personalausweis abholen, der seit knapp einem Jahr im Bürgerzentrum auf mich wartet.

Nachdem ich den Coronatest hinter mich gebracht habe, laufe ich in Richtung Kletterhalle. Die Hitze ist drückend, aber ich möchte mich nicht beschweren und denke plötzlich, als ich eine Straße quere und meinen Schuhabdruck in einer von der Sonne aufgeweichten Asphaltnaht hinterlasse, an die vielen ähnlichen, gummiartigen Nähte, mit denen wir uns in längst verschwundenen Sommern nach Unterrichtsende beschäftigten. 

Dieses Spiel wurde ganz einfach nicht alt. Kurz nach eins hatten sich die Straßen derart aufgeheizt, dass die Masse, mit der die Stadtverwaltung manchmal Schnitte oder Risse in der Fahrbahn reparierte, weich wie Gummi war und das Sohlenprofil unserer Schuhe wie frisch gegossener Beton speicherte. 

Ich glaube, dass uns damals die unerwartete Verwandlung der Fahrbahn faszinierte. Die Straßen waren immer hart und anders gar nicht vorstellbar, sie wirkten unverletzlich, zeigten nicht den Hauch einer Schramme, sobald wir unsere Fahrräder auf den Bordstein fallen ließen und die Pedale über den schwarzen Asphalt kratzten. Natürlich gab es Schlaglöcher, die auf die Zerstörbarkeit der dunklen Oberfläche deuteten, aber die Ursache dieser Löcher entzog sich uns ganz. Es gab nichts Besseres, als eines der riesigen Straßenbaufahrzeuge dabei zu beobachten, wie der heiße Asphalt gegossen wurde, besonders im Sommer. Man roch den kochenden Teer, noch bevor man die Maschine mitten auf der Straße entdeckte, an deren Ende Arbeiter mit nackten und tiefbraunen Oberkörpern zugange waren. Manchmal verteilten sie die träge Masse mit Schaufeln, manchmal war bereits einer der Männer mit einer hüpfenden, ohrenbetäubend lauten Maschine auf der frischen Schicht unterwegs. Damals kam es mir so vor, als würde sich ein Strom schwarzer Lava auf die Fahrbahn ergießen, ein überaus gefährlicher Strom sogar, eine Masse, mit der nicht zu spaßen war, die gezähmt werden musste.

In der unbarmherzigen Mittagshitze nach dem Ende des Unterrichts begann die Straße zu kochen und das, was die meiste Zeit des Jahres hart und unnachgiebig blieb, ließ sich plötzlich mit den eigenen Schuhen bearbeiten. Der Abdruck unserer Schuhe würde auch erhalten bleiben, wenn die Temperaturen wieder fielen, was ein ganz irrer Gedanke war, denn schließlich konnte man dadurch etwas Bleibendes schaffen, eine Art Denkmal sozusagen, unser eigenes Denkmal, wenn man es genau nahm. Jeder, der nach uns zufällig über die Straße lief und nach unten auf die schwarzen Nähte im Asphalt blickte, musste unsere Schuhabdrücke entdecken und damit unsere Spuren. Als mir das aufging, fasste ich sofort einen Plan.

„Wir müssen die ganze Linie ablaufen“, sagte ich zu Thomas, meinem besten Freund in der Grundschulzeit. Neben dem gemeinsamen Vornamen verband uns vor allem unsere Außenseiterstellung, die wir in der Klasse von Beginn an eingenommen hatten.

Thomas saß auf der Bordsteinkante, die Beine angewinkelt auf dem Asphalt. Es war kurz vor halb zwei. Die Hitze schien ihn ordentlich mitzunehmen, denn er hatte sich seit gut fünf Minuten nicht mehr bewegt.

„Warum?“, fragte er träge.

„Weil sich die Leute dann fragen werden, wer das hier gemacht hat.“

„Was gemacht hat?“

„Das Muster in diesem weichen Zeug.“

Ich zeigte auf die Asphaltnaht.

Thomas sah mich einen Augenblick lang an.

„Okay“, sagte er und stand auf.

Wir setzten Fuß neben Fuß, eng an eng, damit keine freie Fläche übrig blieb. Manchmal veränderten wir den Winkel, mit dem wir auf die schwarze Gummiwulst traten, manchmal den Schuhabschnitt, Ferse, Ballen und so weiter, damit das Muster nicht zu eintönig geriet.

Die Naht auf der Fahrbahn war etwa drei Meter lang und zog sich parallel zur Bordsteinkante den Hügel hinab. Schritt für Schritt arbeiteten wir uns von beiden Enden aus in Richtung Mitte vor. Thomas übernahm den ruhmvollen Abschluss und setzte den letzten Schuhabdruck in die weiche Schicht.

„Was machen wir jetzt?“, fragte er dann.

Ich sah mich auf der Straße um. 

In der Nähe gab es keine weiteren Nähte und meine anfängliche Euphorie war in der Zwischenzeit verflogen. Es war ganz einfach zu heiß. Man konnte keinen klaren Gedanken fassen.

„Keine Ahnung“, antwortete ich.

Thomas setzte sich wieder auf die Bordsteinkante und stierte ins Nichts.

Wenn es so weiter ging, würde dieser Nachmittag ins Wasser fallen, so viel stand fest. Und ich hatte absolut keine Lust, weiter auf der Straße in dieser unerträglichen Hitze herumzusitzen und auf irgendein Zeichen zu warten, das am Ende wahrscheinlich sogar ausbleiben würde. 

„Lass uns in den Wald fahren“, sagte ich deshalb.

„Du willst schon wieder zum Schwimmbecken?“

Er klang alles andere, als begeistert.

„Warum denn nicht?“, wollte ich wissen.

„Da sind wir doch ständig. Wir fahren die ganze Zeit im Kreis!“

Natürlich hatte er recht. Das alte Schwimmbecken in einem schmalen Waldabschnitt, nicht weit vom Haus meiner Eltern entfernt, war vor Jahren bereits aufgegeben worden. In den sanften Schwüngen des Beckens fuhren wir manchmal stundenlang mit unseren BMX-Rädern im Kreis.

„Warum machst du nicht mal einen Vorschlag?“, sagte ich.

Thomas dachte angestrengt nach.

„Vielleicht fahr ich nach Hause“, sagte er.

Ich sah ihn an.

„Nach Hause? Es ist doch noch gar nicht Abend.“

„Heute ist nichts los“, erklärte er.

„Dann lass uns zumindest in Richtung Wald fahren. In der Sonne ist es viel zu heiß.“

„Na gut.“

Wir setzten uns auf unsere Räder, wobei ich es vermied, den Metallrahmen anzufassen, der sich in der Sonne derart aufheizte, dass man sich an ihm verbrennen konnte, und radelten los. 

Der Fahrtwind kühlte mich etwas ab und auch in Thomas kehrten die Lebensgeister zurück.

„Das tut gut“, sagte er und streckte sein Gesicht in den Wind. Ich nickte.

Wir fuhren den Hügel hinab, bogen rechts auf die Kurt-Keicher-Straße und dann wieder nach links auf die Gagarinstraße ein. Ihr konnten wir bis zum Ende folgen, dann war der kleine Waldabschnitt nicht mehr weit. 

Thomas wohnte mit seiner Familie ganz in der Nähe, aber wir radelten stumm an seiner Straße vorbei, ohne in sie einzubiegen. Links und rechts wuchsen Fünfgeschosser mit Satteldächern in den Himmel, die fünfzehngeschossigen Plattenbauten, in denen für eine gewisse Zeit auch Christoph wohnte, mit dem ich mich am Ende der vierten Klasse anzufreunden begann, waren noch nicht in Sicht. 

Die Gegend selbst war etwas heikel, denn nur wenige Parallelstraßen weiter wohnten einige unserer ärgsten Feinde aus der Klasse, die uns sicher liebend gern zwischen ihre Finger bekommen hätten. Besonders gefährlich war Ramonat, ein rothaariges Scheusal, das keine Chance verstreichen ließ, ohne Thomas und mich vor allen anderen lächerlich zu machen, auch wenn seine stumpfsinnigen Versuche hin und wieder misslangen. Manche sagten hinter vorgehaltener Hand, er wäre geistig minderbemittelt und stünde an der Grenze zur Schwachsinnigkeit, was ich unbesehen glaubte, denn ich hatte ebenso über ihn sagen hören, dass er während einer Mittagspause auf dem Schulhof ein Stück alte Hundescheiße für fünf Mark Belohnung gegessen hatte. Beide Gerüchte, Ramonats Schwachsinnigkeit und sein Speiseplan, ergaben für mich zweifellos Sinn, was ihn aber auch nicht daran hinderte, eine Schar Geistesgestörter um sich zu versammeln. Insgeheim hielt ich ihn für einen kompletten, dafür aber umso gefährlicheren Idioten. Man durfte die Idioten niemals unterschätzen. Kam es hart auf hart, mobilisierten gerade die Schwachsinnigen ungeahnte Kräfte, um sich an denjenigen zu rächen, denen sie aufgrund ihrer einfachen Gemütsverfassung ständig unterlegen waren. Der zurückgebliebene Ramonat gab dafür das beste Beispiel ab.

Die Fünfgeschosser verschwanden und auf der gegenüberliegenden Straßenseite tauchte eine Schrebergartensiedlung auf. Wir fuhren linkerhand an einer Wiese vorbei und hinter dieser Wiese entdeckte ich etwas, das mich aus dem Gleichgewicht brachte.

„Siehst du das?“, fragte ich.

Thomas schaute nach links und wir stoppten unsere Räder.

Hinter der Wiese stieg dichter Qualm auf. Eine unwahrscheinliche grauschwarze Rauchsäule wanderte in den windlosen Nachmittagshimmel. Nicht geschmeidig und in den bedächtigen Schlangenlinien wie der Rauch über einer Kerzenflamme, sondern heftig, kompakt und voller Gewalt.

„Ist dort hinten nicht die Tankstelle?“, wollte Thomas wissen.

Wir schoben unsere Räder über das Gras bis zur Grenze des sanft abfallenden Hangs und blickten in Richtung der grauen, sich wild bewegenden Säule.

Das Feuer hatte die gesamte Tankstelle erfasst. Die Flammen schlugen meterhoch, flatterten wie wildgewordene Fahnen in einem Wind, den es nicht gab. Obwohl die Tankstelle etwa einhundert Meter von unserem Standpunkt entfernt war, wirkten die Flammen riesig. Sie leckten an der Überdachung der Tanksäulen, schlugen bizarre, blitzschnelle Haken und entfalteten eine beeindruckende Zerstörungswut. Ich hatte noch nie ein vergleichbares Feuer gesehen.

„Irre“, sagte Thomas.

Wir hörten die Sirenen und beobachteten die Ankunft der Feuerwehr. Lange, rote Leiterwagen schossen heran und hielten abrupt, Löschzüge rasten von links und rechts auf die brennende Tankstelle zu.

Eigenartigerweise machte das Feuer keinerlei Geräusch. In meiner Erinnerung brennt die Tankerstelle lichterloh, aber in vollständiger Stille, als hätte ich einen Stummfilm vor Augen. Nur die Sirenen der Feuerwehr zerreißen den Nachmittag. Der Brand selbst aber spielt sich in kompletter Tonlosigkeit ab.

„Sind wir hier sicher?“, fragte ich Thomas.

„Ich denke schon“, antwortete er.

„Was ist, wenn die Tankstelle explodiert?“

Plötzlich wirkte er nicht mehr ganz so überzeugt.

„Wenn wir weiter zurück gehen, sehen wir nichts mehr“, wandte er ein.

Das war tatsächlich nicht von der Hand zu weisen.

Wir standen noch immer gebannt und verfolgten die völlig wirkungslosen Löscharbeiten, als mehr und mehr Leute neben uns auftauchten. Erwachsene, Familienväter darunter, Kinder in unserem Alter. 

Um uns herum bildete sich eine kleine Menschenmenge. Einige unterhielten sich miteinander, die meisten aber schwiegen und betrachteten das lautlose Feuer ebenso gefesselt wie wir.

Je länger wir auf der Wiese standen, ohne die Tankstelle dabei aus den Augen zu lassen, um so klarer wurde mir, dass ich auf das Unumgängliche wartete. Und nicht einfach nur darauf wartete, sondern ihm regelrecht entgegenfieberte. Die Gewalt des Feuers machte mir Angst, aber sie faszinierte mich auch, sie war so unvorstellbar wütend und zerstörerisch, dass ich es kaum glauben konnte. Dabei stellte das Feuer genau genommen bloß ein Zeichen von etwas noch viel Größerem dar, es arbeitete sich in Richtung eines sehr genauen Zieles vor, blieb das Mittel zu einem genau umschriebenem Zweck. 

Ich wartete auf die Explosion und fürchtete mich gleichzeitig vor ihr. Während wir weiter mit den anderen auf der Wiese standen und die unermüdlichen Flammen betrachteten, wälzte ich unablässig und mit schlagendem Puls die Frage, ob wir uns in Sicherheit befanden, sobald dort unten alles in die Luft flog und ob ich mich auf die Erde werfen sollte, sobald ein Feuerball in Richtung Himmel schoss.

Wir mussten eine ganze Weile so gestanden haben, denn als ich aus meiner Trance erwachte, begann sich die Gruppe, die sich anfänglich um uns herum gebildet hatte, langsam aufzulösen. Die Leute verloren merklich das Interesse und erinnerten sich an das, was sie eigentlich hatten erledigen wollen, als das Feuer dazwischen gekommen war. Und tatsächlich schien auch die Feuerwehr den Brand in der Zwischenzeit unter Kontrolle gebracht zu haben. Die Flammen verloren an Höhe und kamen mir plötzlich viel weniger beweglich und aggressiv vor als noch vor zehn oder fünfzehn Minuten.

Bevor der Brand seinen Höhepunkt – die Explosion – erreichte, fiel alles in sich zusammen. Ich spürte eine zweifelhafte Enttäuschung, die sich mit ehrlicher Erleichterung mischte und wusste, dass ich bis zur Schwelle von etwas geradezu Unglaublichem gelangt war, ohne es gänzlich zwischen meine Finger bekommen zu haben. Jedes Feuer ist ein Versprechen, aber nur dieses Feuer damals war in der Lage, die gnadenlose Zerstörung einzulösen, die sich am Grund jeder Flamme versteckt. 

Noch immer aufgeregt und durcheinander griffen wir nach unseren Rädern, die wir auf der Wiese abgelegt hatten. Wir schoben sie zurück auf den Bürgersteig und setzten den unterbrochenen Weg zum Wald schweigend fort.

An einer Kreuzung hielten wir an und ich spürte, dass die Anspannung mich endlich verließ, dass sie in Richtung Boden sackte, ein und für alle Mal verschwand. Sie ließ einen stumpfen Zustand zurück, eine Mischung aus Erschöpfung und Überdruss, wie nach einer langen, unbefriedigten Aufgabe, die man für die Schule zu erledigen hatte.

Später saß ich mit Thomas unter den alten Kastanien des kleinen Wäldchens. Die Sonne fiel in Flecken durch das hohe Laub und die kühlere Luft fühlte sich um einiges angenehmer an. 

Unser Gespräch wollte nicht mehr recht in Gang kommen, auch wenn wir mehrmals versuchten, über das Feuer zu reden. Doch was gab es da eigentlich noch zu erzählen? Die Flammen waren gelöscht und das Feuer gezähmt. Das war das Ende der Geschichte. Ganz einfach.

„Ich denke, ich fahre bald heim“, sagte ich.

„Hast du noch Hausaufgaben?“, fragte Thomas.

„Ja.“

„Okay. Dann mache ich mich wohl auch besser auf den Weg.“

„Sehen wir uns morgen wieder?“

„Klar, komm einfach bei mir vorbei. Mein Bruder hat auch ein neues Spiel.“

„Ist es gut?“

„Es ist ganz in Ordnung. Vielleicht lässt er uns auch mal ran.“

„Alles klar.“

Wir stiegen auf unsere Fahrräder und verabschiedeten uns. Dann radelten wir in entgegengesetzte Richtungen davon. Das grelle Sonnenlicht hatte Thomas bereits geschluckt, als ich noch durch den Schatten fuhr, in dem das Licht nichts zu sagen hatte, in dem es seinen Gültigkeitsanspruch verlor. Ich fuhr, stemmte mich in die Pedale, um mich vom Sattel zu erheben und noch schneller beschleunigen zu können. Und dann sah ich die Sonne als klar umschriebenen Bereich auf dem Asphalt, sah die Trennung zwischen Schatten und Licht, diese ewige, verbissene und doch gleichgültige Trennung und kehrte in die Hitze des Nachmittags zurück.

Dienstag, 8. Juni

Das Jahr

Die Sirenen hinter der Stadt

Die schnellen Gewitter

Ich kehre mit den Einkäufen heim

Und gehe durch den staubigen Flur in das Bad

Ich wasche im Dunkeln meine Hände

Ich denke über eine neue Wohnung nach

Ich denke über das Zubettgehen nach

Über den Schlaf um elf am Morgen

Dann stelle ich die Waschmaschine an

Ich hänge die nasse Wäsche auf

Hänge sie in den Regen

Und in die Rufe der Kinder hinein

Eine Glocke schlägt in einem unsichtbaren Turm

Es ist Zeit, denke ich

Und gehe durch den staubigen Flur

Ich schließe die Türen

Manchmal warte ich ab

Und höre auf die Geräusche meiner Nachbarn

Die ihre unsichtbaren Möbel über den Boden ziehen

Das ist der Widerspruch der Existenz

Geräusche, die am Ende nichts beweisen

Immer ohne Ursprung sind

Ich stehe auf, strecke mich

Draußen droht jemand einem anderen Schläge an

Er sagt das zurückhaltend und ruhig

Wie einer, der weiß, wovon er spricht

Ich räume den Abwasch in die Spülmaschine

Ich schreibe ein paar Zeilen

Ich glaube, für ziemlich alles zu spät zu sein

Und doch so vieles bereits hinter mir zu haben

In dieser Jahreshälfte

In diesem Jahr

Samstag, 5. Juni

Am späten Nachmittag laufe ich mit K über den alten Messplatz. Es ist heiß und schwül und wird bald gewittern, die Luft riecht bereits nach Regen, obwohl die Straßen noch staubtrocken sind. Der Messplatz ist voller Leute, die sich auf den Bänken verteilen, Großfamilien, Gruppen von Alkoholikern und gelangweilten Jugendlichen, ein paar nervtötende Studenten dazwischen, die auf dem Schotter vor der Tramhaltestelle mit begeisterten Gesichtern Boule spielen, als würde sie die magische Atmosphäre des Platzes regelrecht elektrisieren. 

Auf den Bänken ist kein Zentimeter frei, die Menschen hocken in dichten Trauben aufeinander, dabei ist der Fluss und die frisch gemähte Uferwiese nur wenige Meter von uns entfernt. Noch gestern habe ich dort unten eines jener grünen Mähfahrzeuge gesehen, die normalerweise auf den Feldern außerhalb der Stadt unterwegs sind, um irgendeine Arbeit zu verrichten, die weniger notwendig als idyllisch erscheint, doch die Leute hier oben zieht es unbegreiflicherweise nicht auf diese Wiese, sondern auf den Platz, auf dem McDonalds-Verpackungen, Plastiktüten und weggeworfene Einwegmasken vom Wind raschelnd über die dunklen Steinplatten getragen werden.

Das allseitige Stimmengewirr erinnert mich an ein Volksfest, andererseits aber wirken die Leute lethargisch und von der Hitze weichgekocht. Übergewichtige Frauen fächeln sich mit improvisierten Hilfsmitteln Luft zu. Sie sitzen regungslos nebeneinander, ihre Arme und Schenkel berühren sich, sie schwitzen und starren auf einen unsichtbaren, blinden Punkt. Wären die Kinder nicht, die mit ausgestreckten Armen durch die im Boden eingelassenen Wasserdüsen rennen, fast so, als rechneten sie ständig damit, aus heiterem Himmel zu stürzen, gäbe es keinerlei Bewegung in diesem Bild. Dann existierte nur eine wartende Menge unter einer glühenden Sonne, eine Menge, die sich lautstark unterhält, obwohl ihre Lippen und Münder regungslos verharren und die Stimmen vom Band kommen könnten. Vorgebliche Stimmen, fiktive Gespräche, ausgebreitet über einer schweigenden Versammlung, aus der das Leben unaufhaltsam wie aus einem alten Fahrradschlauch weicht. 

Alles hier ist erschöpft, denke ich im Vorbeigehen, alles ist kraftlos und ohne jede Energie. Selbst die jungen Bäume, die vor wenigen Wochen gepflanzt worden sind, wirken vor diesem Hintergrund grotesk in ihrer schutzlosen Zerbrechlichkeit. Sie geben keinerlei Schatten, dafür braucht es sicher noch zwanzig Jahre und bis dahin, denke ich und muss lächeln, ist die Hälfte der hier Sitzenden ohnehin längst tot. Wenn alles gut läuft, bin ich in zwanzig Jahren sechsundfünfzig und wir schreiben das Jahr Zweitausendeinundvierzig. Alle Kinder meiner Freunde sind dann bereits erwachsen und womöglich gerade dabei, eigene Familien zu gründen. Und natürlich werden sie mit allen Mitteln versuchen, ein anderes Leben zu führen, als es ihre Eltern führten, denn das gehört nun einmal dazu. 

Bevor wir die Kreuzung zur Langstraße queren, sehe ich an der Ampel nach rechts. An dieser Ampel bleibt kein Fußgänger stehen, das Rot ist so etwas wie eine sanfte Mahnung, die niemanden interessiert, da man auf der Einbahnstraße den ankommenden Verkehr von weitem sehen kann.

„Was macht der Assistorch hier?“, fragte K entgeistert und wir bleiben überrascht stehen.

Auch ich entdecke den Storch. Er ist das jüngste Mitglied einer Weißstorchenfamilie, die im Herzogenriedpark brütet. K nennt ihn den Assistorch, weil sein Brustgefieder grau und schmutzig ist, als würde er ständig durch Schlamm und Abfallhalden robben. Ich hege seit langem eine tiefe Sympathie für diesen Vogel, die ich mir selbst nicht ganz erklären kann. Ich kenne ihn seit seiner Geburt und halte ihn für das schwarze Schaf der Familie, einen Außenseiter, der sich durchschlagen muss und die Härten des Lebens kennt. 

Der junge Storch steht mitten auf der Straße, etwa dreißig Meter von uns entfernt. Hinter ihm staut sich der Verkehr, aber keines der Autos getraut sich an ihm vorbei. Auf den Bürgersteigen sammeln sich bereits die ersten Gruppen und zücken ihre Telefone, die Leute rufen sich etwas zu, es herrscht Lärm und der Storch steht weiter ungerührt mitten auf der Straße und hält alles auf, als habe er sich entschlossen, in der Nachmittagshitze einen gefährlichen, vielleicht sogar lebensmüden Streik anzutreten.

Wie immer, wenn Tiere in einem Zusammenhang erscheinen, in den sie nicht gehören, glaube ich an das Schlimmste und versuche zu erkennen, ob der Vogel verletzt ist, ob ihm etwas fehlt. Aber aus der Entfernung wirkt er gesund.

Mittlerweile schreitet er sehr langsam die Fahrbahn ab, fast so, als würde ihn die Aufregung überhaupt nicht interessieren, ja, als nähme er sie nicht einmal wahr. Vielleicht ist das Trotz, denke ich, vielleicht auch Wahnsinn. 

Der Storch stolziert weiter, die Autos setzen sich langsam in Bewegung und folgen ihm als Entourage. Das Tier schaut sich gelassen um, als wäre es nicht imstande zu erkennen, wie verquer seine Anwesenheit auf dieser Straße wirkt, als habe es das Gefühl für die ihm entsprechende Umgebung komplett verloren und damit auch die Scheu und Nervosität, die Tieren instinktiv eigen ist, sobald sie sich in einer ungewohnten Umgebung befinden.

Das Verhalten des Vogels wirkt auf mich so eigenartig, dass ich wieder an eine Krankheit denke. Vielleicht steht er unter Schock, sage ich mir, vielleicht ist etwas passiert. Tiere, die das Ende spüren, neigen zu erratischem Verhalten und da Tiere immer unschuldig sind, weil sie die Zusammenhänge, in die der Mensch sie drängt, nicht durchschauen und sich dennoch in ihnen verfangen, empfinde ich sofort ein unendliches Mitleid für diesen verirrten Storch, der von der eigenen Verirrung nichts weiß, sie nicht einmal erahnt, der auch die Gefährlichkeit seiner Lage nicht bemerkt und natürlich denke ich an Nietzsche, den die Unschuld des Tieres ja zum Wahnsinn getrieben hat, dieser erschütternde Tierblick, der die Schläge nicht begreifen kann, den plötzlichen Schmerz, weil er außerhalb der Strafe steht und für nichts verantwortlich ist.

In diesem Augenblick schert ein Auto aus der aufgestauten Fahrzeugkette, ein schwerer, silberfarbener BMW, der auf dem Parkstreifen beschleunigt und natürlich nichts vom Grund des Staus weiß, den Storch auch kaum wahrnimmt und einfach an ihm vorbei rast wie ein Schwachsinniger und tatsächlich ist der Fahrer, irgendein junger Typ, dessen Kopf kaum über das Lenkrad reicht, auch komplett schwachsinnig, das sehe ich auf den ersten Blick, für ihn ist nur ein fein gestutzter Bart samt Dreihunderteuroschuhen drin, mehr ist nicht los in diesem lächerlichen Leben, und der Storch setzt sich aufgeschreckt in Bewegung, schlägt unbeholfen mit den Flügeln, denn große Vögel brauchen ewig, um abzuheben und dann fliegt er endlich davon, gewinnt allerdings kaum an Höhe und ich denke, mit ihm muss tatsächlich etwas nicht stimmen, er muss krank und verletzt sein.

Der Storch fliegt in Richtung Waldhofstraße davon und hält sich nur schwer über den Köpfen der Leute, als plötzlich ein Bus auftaucht, gegen den er in der nächsten Sekunde unweigerlich prallen muss. Mit einem halsbrecherischen Manöver schlägt er eine Kurve nach rechts, weicht dem Bus damit aus, die Leute im Inneren können kaum glauben, was sie sehen, die schwarzen Flügelspitzen des Vogels ragen senkrecht in die Luft und dann landet der Storch auf einem schmalen Wiesenstreifen direkt neben den Tramschienen und schüttelt sich, als hätte ihn ein Regenguss erwischt.

K und ich gehen endlich weiter, queren die Straße und laufen in Richtung Wohnung. In solchen Augenblicken kann man nichts tun, man kann den Tieren nicht helfen. 

Und was sollten wir schließlich auch machen? Den Dreikilostorch zu Boden ringen, um ihn gefesselt zurück in Richtung Park zu schleppen? Am Ende muss er den Ausweg aus eigener Kraft finden, genau wie wir. 

Zu Hause setze ich mich an meinen Rechner und bringe das Lektorat der Gärten in der Wildnis zu einem Ende. Der Roman soll Anfang August erscheinen und muss Ende Juni bei der Druckerei landen, was mir noch Zeit für eine letzte Fahnenkorrektur in zwei Wochen geben sollte. 

Ich entdecke wieder zahllose Fehler, schreibe auf jeder Seite um. Da der Roman in naher Zukunft spielt und am Ende ein paar Tagebuchaufzeichnungen besitzt, kontrolliere ich abschließend noch einmal alle Datierungen. Stimmen die Tagesangaben? Ist der 8. Juni 2030 tatsächlich ein Samstag?

Aufgeregt stelle ich fest, dass ich den Erzähler am 22. April 2030 sagen lasse, er hätte sich im Museum krankgemeldet, um nach seinem verschollenen Freund zu suchen. Aber der 22. April ist Ostermontag und damit ein Feiertag und das alles kann nicht stimmen. Also gehe ich noch einmal akribisch die Datierungen durch und finde weitere Fehler, falsche Verknüpfungen, die mich rasend machen, denn ich glaube sofort, in diesen flüchtigen Schnitzern die Spitze des Eisbergs zu erkennen. Wenn ich das alles nicht bemerkt habe, was ist mir noch durch die Lappen gegangen? So weit ich es erkennen kann, stimmen am Ende zumindest die Datierungen.

Jetzt habe ich fast zwei Jahre mit diesem Roman verbracht und kann ihn nicht mehr sehen. Durch das Lektorat ist er besser geworden, viel besser sogar, aber ich kann das alles nicht mehr lesen, ich will es endlich abschließen und nicht mehr daran denken müssen. 2019 habe ich den Text begonnen und beendet, Anfang 2020 an die Verlage und Literaturagenturen geschickt und für meinen Geschmack hat alles viel zu lange gedauert, sich endlos in die Länge gezogen. 

Das Warten auf eine Antwort, auf irgendein Zeichen. Und dann die unweigerlichen Absagen, mit denen man insgeheim rechnet, um sich gegen sie zu wappnen und die am Ende doch verletzen, bis man sie schließlich kaum mehr registriert. Das alles gehört dazu, sagt man sich, warum sollte es auch anders sein?

Kurz bevor ich mich in Richtung Kletterhalle aufmache, öffnen sich draußen die Wolken. In einem Augenblick ergießen sich Sturzbäche auf die Stadt, der Regen hebt nicht an, sondern besitzt sofort seine volle Kraft, als zerschnitte man einen mit Wasser gefüllten Ballon. Das Rauschen des Regens ist so laut, dass die Musik, die über die Lautsprecher meines Laptops läuft, in den Hintergrund tritt. Auch die Geräusche unserer Wohnung und des Hauses verstummen und der Regen übernimmt, er schwappt durch das geöffnete Fenster, überspült draußen das Viertel und die Straßen und auch die Rufe und Gespräche der Menschen. Der Wolkenbruch hält für etwa zehn Minuten an und endet ebenso abrupt, wie er begann. Jetzt tröpfelt es noch leise von der Buche und der Birke im Hinterhof herab auf das feuchte, faulige Laub, das den Boden vor den Garagen bedeckt, doch auf der Straße mache ich die ersten Stimmen bereits wieder aus, die sich, da bin ich mir sicher, in Richtung Messplatz bewegen, auf die Bänke zu und die schwachen, verkrüppelten Bäume.