Dienstag, 18. Mai

Plötzlich geht doch alles sehr schnell. Ich reiche meine Kündigung im Museum ein, denn am Freitag habe ich die Zusage für eine neue Stelle an der Unibibliothek erhalten. Am ersten Juli werde ich anfangen, ich werde nicht mehr nach Mainz pendeln müssen, die abstrusen Fahrpläne und Zugausfälle der Bahn werden hinter mir liegen, meine Wutanfälle werden hinter mir liegen, wenn sich ein Zug wieder einmal um eine halbe Stunde verspätet oder ganz gestrichen wird. Ich werde nicht mehr eineinhalb Stunden bis zur Arbeit brauchen und gegen acht Uhr abends erst wieder zu Hause sein und ich werde das Museum nicht vermissen, nicht eine Spur. Es wird sofort aus meinen Gedanken verschwinden, nachdem ich meine Sachen am letzten Tag, irgendwann Mitte Juni, gepackt und mich von allen verabschiedet haben werde.

Achtzehn Monate habe ich im Museum gearbeitet und morgens und abends im Zug geschrieben. In diesen achtzehn Monaten habe ich zwei Romane abgeschlossen, einer davon ist komplett fertig, hat aber noch keinen Verlag, der zweite ist mir nicht gelungen, aber das ist kein Problem. Bevor ich mit dem Lektorat der Gärten in der Wildnis begann, schrieb ich an einem dritten Roman, der in Mexiko spielt und dem die Schlusskapitel fehlen. Ich bin im letzten Viertel angelangt, meine Handlungsskizze auf gelbem Papier liegt irgendwo auf meinem Schreibtisch, doch ich hatte keine Zeit, das Buch zu beenden. Ich musste ins Museum fahren, ich musste an der lektorierten Fassung der Gärten arbeiten, eigentlich stand auch noch das Exposé des zweiten Romans auf dem Plan und dieses Exposé kostet mehr Nerven und Zeit als jedes Buch. Außerdem schrieb ich am Jahr der Fahnen, auch das war ein Projekt, das ich nicht vernachlässigen durfte, eines dieser Experimente, die man auf sich nimmt, ohne zu wissen, was sie alles für Verpflichtungen nach sich ziehen. Anfangs habe ich mir mantraartig eingeflüstert, nur dann zu schreiben, wenn ich wirklich schreiben will und muss, aber das möchte ich ja die ganze Zeit. Glücklicherweise besteht das Jahr der Fahnen aus kurzen Episoden, ich halte also keinen komplizierten roten Faden in der Hand, den man schnell verliert, wobei ich für einen solchen Faden auch überhaupt nicht geschaffen bin. Ein Buch wie Rayuela zum Beispiel oder Perecs Gebrauchsanweisung brächte ich niemals zustande. Das Jahr der Fahnen ist im Vergleich zu allem anderen fast so etwas wie Erholung. 

Nebenbei noch meine Mexikogeschichte zu einem Ende zu bringen, war deshalb völlig ausgeschlossen. Allerdings weiß ich auch, dass ich mir die letzten Kapitel ohne Probleme später wieder vornehmen kann. Ich habe den Schlussabschnitt bereits im Kopf, ich sehe den alten Ortega vor mir, ich weiß, was er in seiner Wüste in der Hütte tragen wird und was er auf seiner altersschwachen Schreibmaschine tippt, sobald die vier Freunde, drei Europäer und ein Mexikaner, ihn, den Totgesagten, der in den ersten Kapiteln bereits beerdigt werden soll, endlich erreichen. 

Am Donnerstag haben K und ich unsere erste Impfung erhalten. Wir leben in einem Problembezirk, zumindest laut der Stadtverwaltung, und als Bewohner eines solchen Bezirks hat uns die Gnade einer frühen Impfung erreicht. Sechs Stunden standen wir für die Spritze an, dann klärte uns ein Arzt im Vollschutz über irgendetwas auf, das ich nicht verstand, denn er trug nicht bloß eine Maske, sondern saß für seine Belehrung auch hinter einer schalldämpfenden Plexiglasscheibe. Wir haben zu allem genickt und seine einzige verständliche Frage, weshalb wir gegen Gelbfieber und Tollwut geimpft seien, mit einem Lächeln quittiert, das ihn nicht schlauer gemacht haben dürfte, allerdings fragte er auch nicht weiter nach. Dann konnten wir endlich die Spritze empfangen, von der so vieles mit einem Mal abhängt. In den Urlaub fahren oder nicht, sich mit mehreren Freunden treffen oder nicht, auf der Intensivstation landen oder nicht. 

Im angrenzenden Saal warten wir für eine Viertelstunde noch auf einen möglichen anaphylaktischen Schock, was mich ziemlich nervös werden lässt. Das liegt weniger am Schock als an der Vorstellung, vor allen anderen plötzlich umzukippen und damit die gesamte Aufmerksamkeit des Saals auf mich zu ziehen. Lieber röchle ich still und heimlich vor mich hin und gebe den Geist auf, als irgendwelche Umstände zu machen. Keinesfalls möchte ich aus dem Raster des Normalen fallen, denn sobald man aus diesem Raster fällt, wird man sichtbar für die anderen.

Am Ende verläuft alles ohne Probleme. Ein paar ältere Leute liegen am Rand des Saals auf bereitgestellten Bänken, offensichtlich vertrugen sie das lange Warten weniger gut als wir. Später fällt mir auf, dass ich noch nie Bedenken wegen einer Impfung hatte und erst in den letzten Tagen Angst vor Nebenwirkungen bekomme. Vor drei Jahren habe ich mir alle zwei Wochen irgendwelche Impfungen abgeholt, eine Tetanusauffrischung, Hepatitis, Tollwut, Gelbfieber, alles für die lange Reise, ohne dass mich auch nur im Ansatz interessierte, wer für die Herstellung und möglichen Nebenwirkungen dieser Stoffe verantwortlich war. Und jetzt plötzlich macht man sich über all das Gedanken und ist froh, Moderna statt AstraZeneca in den Arm gespritzt zu bekommen. Der totale Irrsinn.

Am Wochenende sehe ich mir Daguerreotypen von Agnès Varda auf Mubi an. Anfangs bin ich etwas genervt und weiß nicht, ob ich eine Dokumentation mit Untertiteln und wenig Handlung aushalten werde, als aber ein sentimentaler Friseur auftritt, der sich über die möglichen, allerdings nie umgesetzten Verläufe seines Lebens Gedanken macht, bin ich froh, bis zum Ende dabei geblieben zu sein. 

Vardas Film stammt aus den Siebzigern und ist in Farbe gedreht, die meisten Protagonisten sind allerdings um 1910 geboren und somit längst tot. Fast alle Gesichter in diesem Film sind tot. Die Kinder sind jetzt um die fünfzig, die Alten nicht mehr da. Zwischen den Schauspielern in noch älteren Schwarzweißfilmen existiert eine greifbare Trennung, sie scheinen nicht wirklich in der gleichen Welt zu leben, in der man sich bewegt, denn ihre Welt ist schwarzweiß und dieses Schwarzweiß schiebt sie ein Stückweit in das Irreale hinaus. Die Menschen in Farbfilmen wirken vertrauter, aber auch für sie läuft die Zeit unaufhaltsam ab. Die Jahre vergehen so schnell, die Rue Daguerre in Paris, in der Vardas Film spielt, verändert sich unaufhaltsam und plötzlich sind all die vertrauten Menschen verschwunden, ohne eine Lücke zu hinterlassen, denn in ihren Wohnungen und in den Geschäften, die sie führten, haben Menschen, die nur wenige Jahrzehnte jünger sind, ihre Plätze eingenommen und schauen nun genauso wie der sentimentale Friseur durch die Schaufenster nach draußen, um sich zu fragen, was nicht alles möglich gewesen wäre, was man nicht alles hätte tun und sagen können. An welchem Leben man aus purem Zufall vorbeigelaufen ist.

Ich gehe hinaus. Die Straße riecht nach Regen und die Häuser sehen nach Regen aus. Der Himmel ist eine plane, raue Fläche, die sich über das quadratische Muster der Innenstadt schiebt, ohne einen Anfang und ein Ende zu besitzen. Ich laufe in Richtung Fluss, etwas anderes fällt mir nicht ein. Dort warte ich eine halbe Stunde vergeblich auf ein Lastschiff, bis ich wieder umkehre und die Treppen hinauf zur Straße nehme. Ich bin ruhelos, weiß aber nicht, weshalb und beschließe, mich morgen darum zu kümmern. Alles hat seine Zeit, sage ich mir. Die Unruhe, die neue Arbeit, das Schreiben. Alles holt dich irgendwann ein, fordert eine Handlung, zumindest deine Aufmerksamkeit heraus. Als ich die Tür hinter mir ins Schloss ziehe, liegt die Wohnung so still, als sei jede Erinnerung an mich während meines kurzen Spaziergangs abhanden gekommen. Als hätte mich alles vergessen, die Zimmer, die Möbel, meine Bücher, selbst der Tisch, an den ich mich wieder setze.