Regen, Sonntag, 16. Mai

Es regnet seit Tagen. Zwischen den Schauern taucht die Sonne auf und erinnert daran, dass die ersten Wochen im Mai bereits vergangen sind. Als ich am Fluss spazieren gehe, sitzen überall Angler in dunkelgrünen Regenklamotten. Einige haben drei oder vier Ruten ausgelegt und sich vorausschauend unter die Brücken gesetzt, denn der nächste Regenschauer kommt bestimmt. Ich frage mich im Vorbeigehen, ob die Angler jemals etwas fangen oder ob ihre Anwesenheit am Fluss bloßes Theater ist, denn ich habe niemals einen dieser Männer aufgeregt an seinen Geräten herumfummeln sehen, nie halten sie einen eben erst gefangenen Fisch in den Händen. Egal, wo und wann ich auf sie treffe, sie sitzen stets in einem Campingstuhl, betrachten das Wasser, als läsen sie dort etwas ab, das allen Nichtanglern entgeht, und strömen eine geheimnisvolle Seelenruhe aus, die mich misstrauisch macht. So gelassen kann ein Fluss und die Aussicht auf einen Fisch am Ende nicht sein, denke ich und laufe weiter bis zur Schleuse, um mich dort auf eine Treppe zu setzen, die nach unten zum Wasser führt. 

Ich schlage den dritten Band von Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie auf und lese über ihre Drogensucht. Es kommt mir eigenartig vor, dass Leute wie Burroughs zur selben Zeit in einem ganz anderen Land die Drogen ausprobieren, so wie Ditlevsen das tut, aber keiner etwas vom anderen weiß. 

Hin und wieder tauchen Spaziergänger in meiner Nähe auf, einige haben Hunde dabei. Ich drehe mich nicht nach ihnen um, sondern bleibe auf meiner Treppenstufe sitzen, verharre in meiner eigenen, stillen Zone, ohne mich von den anderen stören zu lassen. Sobald die Wolken für einige Minuten aufreißen, muss ich meine Augen zusammenkneifen, um mich vor der auf dem weißen Papier reflektierenden Sonne zu schützen.

Das Wasser erzeugt keinen Laut. 

Es weht ein kühler Wind. 

Ruderer ziehen auf dem Fluss an mir vorbei, wie immer so, dass sie unmöglich erkennen können, auf welches Ziel sie sich zubewegen. Eigenartigerweise, überlege ich, gleichen sie damit Walter Benjamins Engel der Geschichte. Das Rudern bleibt wahrscheinlich der einzige Sport, bei dem man jenen Punkt im Blick behält, von dem man sich unweigerlich entfernt. Allerdings ist das sicher auch alles, was das Rudern mit Benjamins Engel verbindet.

Am gegenüberliegenden Ufer leert ein Mann eine Plastiktüte mit altem Brot klatschend in das Wasser, obwohl kein einziger Vogel in der Nähe ist. Für einen Moment scheint er abzuwarten und sich über das Ausbleiben der Schwäne und Enten zu wundern, doch dann bemerkt er mich auf meiner Treppe, wird unsicher und verschwindet. 

Vielleicht war das seine einzige Beschäftigung an diesem Tag, denke ich. Vielleicht hat dieser Mann die ganze Woche über Brot gesammelt und sich auf untreu gewordene Schwäne und Enten gefreut. Unverrichteter Dinge zieht er jetzt ab, die Wohnung wartet, die neue Woche wartet, es wird wieder Brot geben, das alt wird und hart und sich im hohen Bogen Wasservögeln an den Kopf werfen lässt.

Einige Minuten später läuft ein altersschwacher Hund mit braunem Fell an mir vorbei und beginnt lautstark aus dem Wasser zu trinken. Hunde besitzen starke Mägen, sie halten einiges aus. Als er seinen Durst gestillt hat, dreht er sich um und sieht mich fragend an. Ich erwidere seinen Blick, versuche ein stummes Einverständnis zwischen Tier und Mensch von seinen Augen abzulesen, bis sich die schwarze Nasenspitze prüfend bewegt und er wieder im hohen Ufergras verschwindet. Ich schaue mich nach einem Besitzer um, entdecke aber keinen Menschen in meiner Nähe.

Auf dem Rückweg steht die Sonne ununterbrochen über der Uferwiese und heizt die Luft derart auf, dass ich meine Regenjacke ausziehen muss. Im hinteren Teil des Ufers, noch auf Höhe der Schleuse, steht das wilde Gras hüfthoch, darunter viel angewehtes Getreide, das der Wind in rollende Wellen verwandelt. Die Ähren glänzen silbern und erinnern mich an Samt, an das Grau von Weidenkätzchen. Es würde mich nicht wundern, wenn zahllose Hunde durch das hüfthohe Gras hetzten, ohne dass man davon etwas mitbekäme. Sie buddelten Löcher, lebten in verzweigten Höhlen und in der Nacht kämen sie manchmal an die kalte Luft, um den Mond anzuheulen.

Dann spüre ich einen Tropfen auf meiner Stirn und sehe hinauf in Richtung Himmel, als mich ein zweiter Tropfen erwischt. Ich ziehe meine rote Regenjacke wieder an und nach fünf oder sechs Metern laufe ich bereits durch dichten Regen. Unter der Brücke erwarten mich die Angler genauso unbeweglich und mit sphinxhaften Gesichtern wie vor einer Dreiviertelstunde. Die Sonne, der Regen, der Mann mit seinem Brot und die unsichtbaren Hunde, die Angler wussten von Beginn an Bescheid und haben für das Muster der Dinge nur ein müdes Lächeln übrig.