Berlin (letztes Zimmer), 14. Mai

Über das Wochenende fahren wir zu Ks Eltern und schlafen in einem Teil des Wohnzimmers, der sich mit einem Vorhang abtrennen lässt. Die Wohnung liegt in der ersten Etage, besitzt allerdings einen Garten auf der von der Straße abgewandten Seite, einen Garten, der höher liegt als das Erdgeschoss und auch über einige Treppenstufen gleich neben der Haustür zu erreichen ist. Man nimmt die wenigen Stufen, biegt in einen schmalen Gang, den das Wohnhaus auf der rechten und der Zaun des Nachbargrundstücks auf der linken Seite begrenzen, und landet schließlich vor einem blauen Tor. Dieses Tor ist immer abgeschlossen, denn nur Ks Eltern haben Zutritt zum Garten, an dessen Rändern hohe Hecken wachsen. Allerdings betritt man das Grundstück normalerweise nicht auf diesem Weg, sondern über eine mannshohe Schiebetür, ein großes Quadrat aus Glas, welches das Wohnzimmer mit dem Garten verbindet.

Der Garten muss ein Neidobjekt für alle anderen Mieter sein, denke ich. Die übrigen Wohnungen in der zweiten und dritten Etage besitzen ausladende Balkone, aber ein Balkon ist mit einem Garten natürlich überhaupt nicht zu vergleichen. Egal wie aufwändig man einen Balkon auch herzurichten versucht, egal wie viele Blumentöpfe und exotische Pflanzen man zusammenträgt, am Ende bleibt doch alles eine eher traurige Angelegenheit und reicht an das, was man nachbilden möchte, nicht heran, einen Garten nämlich.

Es gibt Beete voller Tulpen mit roten Kelchen, die Wiese ist von Gänseblümchen übersät, die Erde in den hohen Blumenkübeln mit Brennnesseln bedeckt, die gegen Schädlinge schützen. Vergissmeinnicht wächst in der Sonne und an einem Erdbeerstrauch hängen die ersten Früchte, die eigentlich Nüsse sind, aber wer denkt im Alltagsverkehr schon an eine Nuss, wenn er an eine Erdbeere denkt.

Ich darf eine der Beeren pflücken und halte sie fachmännisch unter meine Nase, als würde ich die Güte des Naturprodukts prüfen.

„Die riecht ja richtig nach Erdbeere“, sage ich.

Ich beiße die Hälfte der ziemlich großen Beere ab und stelle fest, dass sie auch ausgesprochen intensiv nach Erdbeere schmeckt. Hat man sich erst einmal an Supermarktfrüchte gewöhnt, stellt die Begegnung mit einer tatsächlichen Frucht stets so etwas wie ein religiöses Erlebnis dar, das einem blitzartig das falsche Bewusstsein offenbart, mit dem man sich jahrelang der Welt der Früchte angenähert hat.

Ich laufe über die Wiese, sehe mir das Trampolin an, das Ks Eltern für die Enkelkinder aufgestellt haben, sehe die alte Zwetschge, den Apfelbaum und schließlich jene Skulptur aus Speckstein, die K vor fünfzehn Jahren im Kunstunterricht angefertigt hat – das unverwechselbare Gesicht aus Munchs Der Schrei mit dem Titel Exclamatio auf der Plinthe, der mich etwas irritiert, denn ich frage mich, ob Ks Kunstlehrerin vor fast zwei Jahrzehnten möglicherweise eine Verbindung zwischen Lessing und den norwegischen Maler herzustellen versuchte. Dann beobachte ich ein paar Bienen, die torkelnd das Vergissmeinnicht umschwirren und, sobald sie ihre pollenbeschwerten Körper auf den blauen Landezonen niederlassen, die gesamte Pflanze in Richtung Boden drücken.

Heute ist ein schöner Tag. Die Luft ist mild und die wenigen Wolken über uns lösen sich sehr schnell auf. Man läuft im Garten herum, schaut nach oben, da ist eine Wolke, dann setzt man sich auf einen der Gartenstühle und schon ist die Wolke über dir spurlos verschwunden.

Ein unsichtbarer Rasensprenger läuft in einem der angrenzenden Gärten und füllt mit seinem abgehackten Staccato den Nachmittag aus. Ich frage mich, wie viel Wasser dieser unsichtbare Garten verträgt und ob seine ebenso unsichtbaren Besitzer möglicherweise einen Wüstenabschnitt bewässern, ein Grundstück, in dem ein einzigartiges Mikroklima herrscht, das besondere Aufmerksamkeit verdient.

Hin und wieder setzt sich auch das hölzerne Windspiel in Gang und schlägt einige Takte. Dumpf, hell, ein träger Wechsel der Töne, die Klangfarben sind dabei ganz unterschiedlich, doch es entsteht keine Melodie. Eher eine verlorene Abfolge unverbundener Klopfgeräusche. Das Spiel dreht sich im Wind um sich selbst, der Klöppel führt ein Eigenleben und die verschieden langen Röhren aus Holz pendeln schwerelos, schlagen aneinander, schwingen von einer zur anderen Seite, immer im Wechsel, bis der Wind an Kraft verliert.

Vom Wohnzimmer aus bekommt man den Großteil des Gartens in den Blick und sieht den Apfelbaum.

Von einem Zimmer aus einen Baum betrachten zu können, besonders einen Baum, der sehr nah an der Hauswand wächst und sich aus diesem Grund gut beobachten lässt, ist ein nicht zu unterschätzendes Glück. 

Als ich unsere WG in der Danziger Straße am Ende meines Studiums verließ, um in meine erste, eigene Wohnung in der Heinz-Kapelle-Straße zu ziehen, war es ein solcher Baum, den ich gleich beim Eintreten in die Dachgeschosswohnung hinter den Fenstern entdeckte, ein riesiger, alter Ahorn, der vor der Brandmauer des gegenüberliegenden Gebäudes wuchs. 

Ich unterbrach den Vortrag der Maklerin, die mich an eine Exfreundin meines Onkels erinnerte, eine füllige Frau Mitte dreißig mit blonden Haaren und undefinierbarer Kleidung und sagte, dass ich die Wohnung nehmen würde.

„Aber sie haben doch erst den Flur gesehen“, antwortete sie.

„Die Tür zum Zimmer steht offen“, erklärte ich, fühlte mich aber dennoch ertappt und meine Befähigung zur Bewertung von Mietwohnungen klar in Frage gestellt. Bis heute geben mir Makler das Gefühl, stets die wirklich wichtigen Details zu übersehen, die über die Güte eine Wohnung entscheiden und mich damit als hilfloser Amateur zu erkennen zu geben, den man am Ende spielend über den Tisch ziehen kann. 

Ein paar Minuten später standen wir in der Küche, einem quadratischen Raum mit einem Fenster, einer Spüle und einem Herd.

„Einer unserer Mieter hat sich einen Flachbildschirm in die Küche montiert“, sagte sie und zeigte auf die dem Fenster gegenüberliegende Wand.

Irgendetwas Trostloses lag in dieser Bemerkung, die mir wahrscheinlich die Vorzüge der Wohnung vor Augen führen sollte, in mir aber nur das Bild eines Mannes jenseits der Vierzig wachrief, der allein in einer winzigen Einraumwohnung lebte und, da er unter Platzmangel litt, seinen Fernseher in der Küche unterbringen musste. Dort starrte er auf den Bildschirm, den durch das Fenster fallenden Hinterhof im Rücken, ohne von der Außenwelt etwas mitzubekommen.

„Ich habe keinen Fernseher“, sagte ich, was eine dumme Antwort war, denn wie sollte ein anderer schon auf einen solchen Satz reagieren? Damals dachte ich wahrscheinlich, mein Anderssein durch eine derartige Bemerkung herauszustellen, doch vom verwunderten Blick der Frau las ich nichts weiter ab als die Irritation über einen verschrobenen Fünfundzwanzigjährigen, der vielleicht noch ein Student war, vielleicht aber auch nicht.

Ohne die Bürgschaft meiner Eltern hätte ich die Wohnung damals nicht bekommen. Sie war bezahlbar, ich konnte sie mit meinem Nebenjob im Buchladen finanzieren, aber die Kaution blieb dennoch zu hoch.

Als ich die Zusage schließlich erhielt, war ich gerade auf der Greifswalder Straße unterwegs, brachte eine Kreuzung hinter mich und bog auf die Danziger Straße in Richtung meiner alten Wohnung ein.

Zum zweiten Mal in meinem Leben erfasste mich eine alles Maß sprengende Euphorie. Das erste Mal hatte mich diese Euphorie in Wien überrascht, als ich mich in ein Mädchen verliebte. Plötzlich schien sich die Welt, die ich bis dahin eher distanziert beobachtet hatte, ohne wirklich an ihr teilzunehmen, vor mir zu öffnen und ich, ich hatte keine Bedenken mehr. Meine Ängste lösten sich mit einem Mal auf, sie verschwanden mit schockierender Geschwindigkeit und gaben mir dadurch zu verstehen, wie unerheblich die Angst am Ende war, die ich für so unüberwindlich gehalten hatte, für eine Macht, gegen die man nicht ankam, vor der man sich verstecken, vor der man kapitulieren musste. Damals, in meinem Austauschsemester in Wien, begann ich sogar zu verstehen, dass von einem bestimmten Standpunkt aus überhaupt keine Angst existierte, dass man hinter der Angst einen Bereich betreten konnte, der Unbeschwertheit hieß, einen ungewohnten, aber wunderbaren Bereich, den ich nicht für möglich gehalten hatte.

Und noch etwas anderes wurde mir schlagartig klar.

Ich wollte hinein in die Welt.

Zum ersten Mal dachte ich damals diesen Gedanken. Ich wollte hinein in die Welt, das Reisen erschien mir plötzlich nicht mehr unmöglich und fremd, es wurde vielmehr zu einer Notwendigkeit. Fernweh tauchte in mir auf. Hatten meine Freunde früher über dieses Fernweh gesprochen, verstand ich nie ganz, was sie mit ihren Sätzen meinten. Jetzt aber begriff ich ganz unerwartet, wovon sie damals mit großen Augen erzählt hatten. Ich wollte mit dem Mädchen verreisen, ich würde alles aufgeben, ich würde zum Nomaden werden und meinetwegen auch zum Beduinen, ich würde Rancher sein in Argentinien, ich würde einfach alles sein, denn das Leben, das ich plötzlich in mir fühlte, war kein Bruchstück, es war ein Ganzes und deshalb musste derjenige, der ein Leben lebte, auch alles erleben, er musste alles sein, alles fühlen, nicht einfach nur die moderaten, geglätteten Wogen des Alltags, nein, er musste brennen wie im Fieber, ein Zustand, von dem ich immer nur gelesen hatte, um gleichzeitig zu glauben, dass alles wäre bloße Fiktion, eine solche Leidenschaft sei im Leben kaum möglich.

Mit einem Mal schreckte mich nichts mehr ab. Ich musste hinaus, einfach nur hinaus, die Freiheit war greifbar, sie stand mir offen, hatte mir sogar immer offen gestanden, obwohl ich für sie keinen Blick besessen hatte. Ich war blind, ja, am Ende war ich unter all meiner Unsicherheit und Ängstlichkeit blind für die Welt.

Jetzt lief ich über den breiten Bürgersteig in Berlin, der dem Bürgersteig in Wien ein wenig ähnlicher sah also zuvor, lief vorbei an der Praxis des Zahnarztes, der sich einmal kaum noch eingekriegt hatte, als ich ihm erzählte, ich würde Literaturwissenschaften studieren, ein Lachen, das er nur schwer unter Kontrolle brachte, derart absurd kam ihm dieses Studium vor, obwohl seine Praxis ganz und gar nicht danach aussah, als gehörte er zu jener Klasse Zahnärzte, die sich mit allen möglichen Prothesen eine goldene Nase verdienten, und während ich die leicht ansteigende Danziger Straße in Richtung Prenzlauer Allee hinauflief, überstürzte sich alles mir, plötzlich gab es dieses unfassbare Drängen wieder wie damals in Wien, eine richtungslose Energie, eine Leidenschaft ohne Namen, mein ganzer Körper stand unter Strom.

In diesem Augenblick, mit der Zusage für meine erste eigene Wohnung in der Tasche, fühlte ich mich frei. Einer der wenigen Momente in meinem Leben, in dem die Freiheit nicht ein ungefährer Begriff blieb, dessen Bedeutung man dunkel erahnte, sondern eine unleugbare Präsenz, die das Verständnis für die Dimensionen echter Freiheit enthielt, für das, was Freiheit in manchen Momenten bedeuten kann. 

Einige Wochen später zog ich aus der WG aus, in der ich fast fünf Jahre gelebt hatte. Ich ließ Chris und Hannes, der erst vor wenigen Monaten zu uns gezogen war, nachdem Melli die Wohnung verlassen hatte, zurück. Mara, die an der Freien Universität ihren Master in Soziologie beendete, lebte mit uns zusammen, aber wer meinen Platz in der alten Wohnung einnahm, kann ich heute nicht mehr sagen. 

Die Zeit unserer kleinen Gemeinschaft schien ohnehin gezählt und ich hatte mich, ohne das zu bemerken, in den letzten Überlebenden einer ursprünglichen Besatzung verwandelt. Micha lebte seit gut zwei Jahren mit seiner Frau in Wien, André seit Monaten in Marseille, um sich für die Aufnahmeprüfung in Stanford vorzubereiten. Melli hatte erst vor Kurzem die WG verlassen und wohnte nun außerhalb des Rings in einer Einraumwohnung. Und jetzt machte auch ich mich also auf den Weg und spürte, dass ich damit ein Kapitel beendete, eine Geschichte zum Abschluss brachte, die mein Studium enthielt und alles, was sich in den Jahren meines Studiums abgespielt hatte. 

Selten gab es diese klaren Schnitte im Leben, ein deutliches Gefühl für einen Anfang und ein Ende und das, was zwischen beiden lag. Ein Gefühl für die durchlebten Episoden gewann man häufig erst später, sobald man zurückblickte, um die groben Linien auszumachen, denen man bewusst oder, ohne davon zu ahnen, gefolgt war, die einen bewegt hatten, in eine unbestimmte Richtung gespült. Als ich auszog, verstand ich, was passierte. Ich fühlte das Ende jenes Zeitabschnitts, der sich von mir unaufhaltsam entfernte, doch meine Euphorie ließ damals keine sentimentale Traurigkeit zu. Ich spürte das Ende, doch der Neubeginn besaß eine weitaus größere Macht.

Gemeinsam mit meinem Vater und meiner Schwester richtete ich die neue Wohnung ein. Wir verlegten einen Teppich in meinem Zimmer, denn alle Böden waren mit scheußlichem Linoleum versehen, das ich, zumindest dort, wo ich schlafen und schreiben wollte, nicht ertrug. Wir kauften einige Möbel bei IKEA und ich platzierte meine Einzelmatratze ohne Bettgestell und Rost unter den Fenstern. Davon hatte ich immer geträumt. Kein Bettgestell, sondern die Matratze direkt auf dem Boden, wie in einem französischen Film, wie in Permanent Vacation von Jim Jarmusch und dazu Bücherstapel überall, kleine Büchertürme vor den Wänden.

Als mein Vater und meine Schwester sich wieder auf den Weg machten, begann ich, die Kartons auszupacken und Bilder aufzuhängen. 

Ich schlug einen Nagel in die Wand und hängte die gerahmte Collage von Katharina daran auf, die sie mir zum Geburtstag geschenkt hatte. Dann verteilte ich die Fotos und die aus Zeitungen ausgeschnittenen Bildern, die ich mit Klebestreifen befestigte. Ich packte meine Bücher aus, räumte sie in die weißen Billy-Regale, darunter das tonnenschwere zehnbändige Kunstlexikon, in das ich für meine Abschlussprüfung in Kunstgeschichte einmal geschaut hatte und das ansonsten nichts weiter war als ein unnötiges Gewicht, das Staubflusen magisch an sich zog. Ich holte meinen alten Marantz-Plattenspieler aus einer der Umzugskisten, positionierte ihn am Ende meiner Matratze und schob die Platten in ihren durchsichtigen Plastikkästen an seine Seite. 

Den neu gekauften, runden Tisch aus dunklem Holz platzierte ich in der Mitte des Zimmers. Ich hatte viel Wert auf diesen Tisch gelegt und mich von meiner Entscheidung auch nicht abbringen lassen, als mein Vater erklärte, der Tisch sei zu wuchtig und außerdem kein Schreibtisch, sondern ein Esstisch.

Jetzt, im montierten Zustand und in der Mitte meines nicht allzu großen Zimmers, versuchte ich mir immer noch einzureden, ich hätte die richtige Wahl getroffen und dieser Tisch aus dunklem Holz sei nicht einmal ansatzweise wuchtig oder sperrig, sondern füge sich wunderbar in meine neue Wohnung ein. Doch je öfter ich mein Zimmer betrat, umso nachdrücklicher musste ich mich gegen den in mir aufsteigenden Zweifel wehren, wahrscheinlich doch ein viel zu klobiges Möbelstück gekauft zu haben, während ich mich an dem dunkelbraunen Ungetüm vorbeizwängte. Im Möbelladen hatte alles gepasst, ich hatte mir ein geglücktes Arrangement vorgestellt, doch jetzt, in meinem tatsächlichen Zimmer, wurde ich den Zweifel nicht mehr los. Warum hatte ich überhaupt einen runden Holztisch ausgesucht? Warum ausgerechnet dunkles Holz?

Obwohl meine Prüfungen und die Magisterarbeit hinter mir lagen, blieb ich für das laufende Semester eingeschrieben. Deshalb konnte ich mein Studententicket für die Öffentlichen weiter nutzen und auch im Buchladen arbeiten, denn die Stelle, die mir etwas mehr als zehn Euro in der Stunde einbrachte, was damals ziemlich ungewöhnlich war, knüpfte sich an meinen Studentenstatus.

Es dauerte einige Wochen, bis ich mich an die Stille in meinem Zimmer gewöhnte. Niemand wartete auf mich, wenn ich die Wohnung betrat. Ich konnte sogar ganze Tage in ihr verbringen, ohne mit einem anderen Menschen ein Wort zu wechseln und begann allmählich zu begreifen, was es hieß, allein zu sein in diesen Zimmern.

Ich saß am Tisch und begann eine längere Erzählung über einen Jungen zu schreiben, der glaubt, etwas verloren zu haben, das er nicht benennen kann. Er irrt durch die Nacht, trifft den Besitzer eines Kiosks, danach einen Straßenkehrer und später ein Mädchen, kann aber niemandem erklären, was er verloren hat. Nur dass er auf der Suche ist, macht er den anderen begreiflich. 

Die Leute sehen ihn verwundert an. Wer kann schon etwas suchen, das sich nicht in Worte fassen lässt?

Ich schrieb immer weiter an dieser Erzählung, ohne recht zu wissen, was ich eigentlich mit dem Schreiben bezweckte. Schrieb ich an einem ersten Buch oder versuchte ich bloß die leere Zeit zu füllen, die es seit meinem Umzug überall gab? Lebte man allein, musste man sich mit seinen Freunden verabreden, man musste sie anrufen oder ihnen schreiben, man traf sie nicht mehr wie früher in der Wohnung oder der Gemeinschaftsküche an. 

Ein simpler Kinobesuch erforderte Planung, da wir in unterschiedlichen Vierteln lebten und einige von uns bereits eine Arbeit gefunden hatten. Erzählten sie von ihren Stellen, von der plötzlichen Veränderung ihrer Tage, die nun hauptsächlich durch die Anwesenheit in einem Büro geprägt wurden, fiel es mir schwer, in einer anderen Weise als völligem Unglauben auf diese Berichte zu reagieren.

In wenigen Monaten würde ich offiziell die Uni verlassen und danach ebenfalls eine Arbeit benötigen, irgendeinen Job, der mich über Wasser hielte. Allerdings war ich nicht im Ansatz in der Lage, mir einen solchen Job vorzustellen. Allein die Beschäftigung mit dieser Frage machte mich nervös und schien die eben erst erkämpfte Freiheit wieder einzuzäunen. Meine Freiheit, wurde mir plötzlich klar, stand auf kraftlosen Füßen, sie war der Begeisterung eines Augenblicks geschuldet, doch ob ich die Kraft besitzen würde, sie zu verteidigen, stand in den Sternen. 

Die Arbeit und das Geld klopften zum ersten Mal an meine Tür, sie besaßen ein eigenes Recht, von dem ich noch nichts ahnte, das ich sogar versuchte zu ignorieren, doch mit der Arbeit und dem Geld tauchte ein Meer aus Unsicherheit vor mir auf, dem ich nichts entgegenzusetzen hatte.

Ratlos saß ich vor meinem Rechner und schrieb an meiner Erzählung. Ich wusste nichts, hatte weder einen Plan noch den Hauch einer Idee. Mit jedem Tag kamen mir die Antworten abhanden, meine Sicherheit verlor sich wie ein Sandkorn bei starkem Wind und ließ nichts weiter als Verwirrung zurück. Ich hatte nie einen Gedanken an irgendeine Arbeit verschwendet und jetzt plötzlich lief alles auf eine solche Arbeit hinaus.

Während ich schrieb, gingen über der Stadt schwere Sommergewitter nieder. In meiner Dachgeschosswohnung wirkte es so, als berührten die dunklen Wolken die Dächer der Gebäude, als zögen sich Himmel und Erde gegenseitig an, suchten die Nähe des jeweils anderen. Der Regen peitschte gegen meine Fenster, der Wind wühlte den Ahorn vor der Brandmauer auf, der sich wie ein Tier schüttelte und am nächsten Morgen fiel mein Blick auf einen nassen Fleck an der Decke.

Das Dach war undicht und hatte dem Wolkenbruch deshalb nicht stand gehalten. Ich machte ein Foto und schickte es mit einer Nachricht an meinen Vermieter, der sich ohne jede Erklärung erst Monate später darum kümmerte. 

In der Zwischenzeit wuchs der Fleck mit jedem neuen Gewitter. Ich stellte einen Topf unter die feuchte Stelle und hörte den auf dem Metall aufschlagenden Tropfen zu. Nach einiger Zeit bedeckte das Wasser den Boden des Topfes und das Klopfen verwandelte sich in ein Plätschern.

Es war Herbst, als ich Melli fragte, ob sie mit mir nach Leipzig ziehen würde. Die Universität lag endgültig hinter mir und meine unbeholfenen Versuche einen Job zu finden, hatten mir nichts als Absagen eingebracht. Das Jobcenter steckte mich schließlich in eine achtwöchige Schulung, in der ich lernte, einen Computer anzuschalten, Microsoft Word zu öffnen, zwischen den Befehlen Laden und Speichern zu unterscheiden. 

In dieser Zeit verschwand das Gefühl für die Freiheit komplett. Der Leiter des Kurses sah aus, als hätte er erst vor wenigen Tagen einen Rave in Amsterdam organisiert und beim Bund dreißig Zentimeter Körpergröße eingebüßt – künstliche Sonnenbräune Ende Oktober, kurze, blondierte Haare und Hosen, die vorn aus Cord und hinten aus Jeans bestanden. 

Er sprach wie ein Unteroffizier, war gnadenlos überheblich und nahm die Kursteilnehmer als Unterlegene wahr, obwohl er keinen halben Satz zustande brachte. Durch seine beispielhaften Bewerbungsszenarien, die er wie Schlachtbeschreibungen zwischen uns streute, verriet er darüber hinaus, selbst niemals an einem Vorstellungsgespräch teilgenommen zu haben. In seinem Kopf gab es keinerlei Substanz oder brauchbaren Rat, alles lief auf die bloße Vortäuschung unbegründeter Dominanz hinaus. 

Er faselte etwas von power poses, stolzierte wie ein Hirnamputierter mit hinter dem Kopf verschränkten Armen im Seminarraum herum und zeigte später, wie man richtig saß, um Eindruck auf den Chef zu machen. 

„Brust raus“, sagte er. „Das gilt nicht nur für den weiblichen Teil der Bevölkerung.“

Wie er es geschafft hatte, dem Jobcenter die Tauglichkeit seines Schulungszentrums vorzulügen, blieb mir bis zum Ende des Kurses ein Rätsel. Doch ganz offensichtlich stellte dieser umfassende Betrug für ihn die einzige Möglichkeit dar, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Keine Sau würde einen solchen Volldeppen einstellen, das war von Beginn an klar, und deshalb gab es für den penetranten Zwerg auch keine andere Lösung, als sich selbst zum Coach zu erklären.

Die anderen Teilnehmer schienen genauso konsterniert wie ich selbst. Bis auf zwei Handwerker bestand der gesamte Kurs aus Akademikern. Eine Opernsängerin war darunter, ein studierter Saxophonist, ein paar Geisteswissenschaftler und zwei Informatiker.

Ich hielt mich von den anderen fern und brachte diese acht Wochen wie eine Freiheitsstrafe hinter mich, fuhr morgens mit dem Rad hinaus nach Pankow, formatierte ein paar Adresszeilen, und fuhr am Nachmittag wieder zurück.

Nach dem Kurs hatte ich alles satt und die Freiheit vergessen.

„Warum fangen wir nicht in Leipzig etwas an?“, sagte ich zu Melli. „Du hast Kontakte zum Theater. Vielleicht können wir da etwas auf die Beine stellen.“

„Du meinst als freie Mitarbeiter?“

„Zum Beispiel.“

Ich überzeugte sie schließlich und wir begannen im folgenden Jahr, uns an den Wochenenden in Leipzig umzusehen. Irgendwann fanden wir tatsächlich eine großzügige Wohnung in Stötteritz mit riesiger Wohnküche und drei Zimmern. Im Vergleich zu Berlin war der Mietpreis ein Witz, anfangs dachten wir sogar, die Makler machten sich über uns lustig, führten uns aus irgendeinem Grund hinters Licht.

Als ich Berlin verließ, spürte ich nichts. Keine Wehmut, keine Erleichterung, nur die zweideutige Freude, eine Stadt gegen eine andere zu tauschen. Vielleicht lag darin bereits ein Neuanfang, sagte ich mir. In einer fremden Stadt von vorn zu beginnen, sich etwas Neues aufzubauen. In Leipzig würde es neue Menschen und neue Möglichkeiten geben. Während ich am Ende meiner Berliner Zeit das Gefühl hatte, stillzustehen und mich in einer stumpfsinnigen Unmöglichkeit zu verlaufen, dachte ich an Leipzig, als dächte ich an ein neues Dokument auf meinem Rechner.

Ich würde mich an den Schreibtisch setzen und von vorn beginnen. Ich würde die Worte laufen lassen und die Worte liefen irgendwohin, denn sie fanden am Ende doch immer ihren Weg. Ich würde mich an eine neue Erzählung machen und die Frage ignorieren, wohin es mit mir gehen sollte. Alles hatte seine Zeit, sagte ich mir, man musste nichts überstürzen. Nur weg musste man, zuerst einmal weg, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Die Welt auf Abstand halten, so gut es eben ging, die Welt samt ihren sinnlosen Forderungen. Und über die Jahre musste man hinaus, über diese sieben Jahre in Berlin, die sich mit einem Mal in etwas verwandelten, das hinter einem lag wie eine Landschaft, die draußen vor den Fenstern des Transporters in den Abendfarben verlöschte, eine Landschaft, die weder bedrohlich noch geheimnisvoll wirkte, sondern eher vertraut. Eine Landschaft, die man sogar ein wenig satt hatte, die man gern gegen eine neue Landschaft tauschte, um endlich aufzuatmen. Eine siebenjährige Landschaft, die bereits aus den Blicken verschwand.