Danziger Straße (4. Zimmer), 5. Mai

Man hatte den gewölbeartigen Saal im Untergeschoss durch Stellwände in zwei abgetrennte Bereiche geteilt. Melli verschwand mit den Frauen nach links, während André und ich mit den Männern den rechten Teil des Saales betraten.

Aufwändig gedeckte Tische nahmen fast die gesamte Fläche des Raums ein. Es gab keine Sitzordnung, jeder setzte sich dort an einen Tisch, wo er sich gerade befand und auf diese Weise kam man schnell miteinander ins Gespräch. 

Ich griff mir neben André einen Stuhl, nahm die Papierserviette von meinem Teller und faltete sie auf. Wenn ich nervös bin oder mich in einer ungewohnten Situation befinde, muss ich meine Hände bewegen, am besten bekomme ich etwas zwischen meine Finger und lenke mich dadurch ab, während ich die anderen betrachte.

Der Saal füllte sich stetig, der Strom der Hochzeitsgäste riss nicht ab. Viele Plätze waren mittlerweile belegt, aber es hatten sich auch kleinere Gruppen gebildet, die am Rand oder zwischen den wie Inseln wirkenden Tischen standen und sich miteinander unterhielten. Viele der Anwesenden schienen sich zu kennen. Sie trafen sich wieder, vielleicht nach längerer Zeit zum ersten Mal, die Gesichter wirkten fröhlich, manche strahlten, es gab Umarmungen und erstaunte Ausrufe des Wiedererkennens.

„Wo sind Micha und Menucha?“, fragte ich André.

Auch er musterte nun mit einer für ihn typischen Gelassenheit den Saal. 

André war von nichts aus der Ruhe zu bringen. Er ertrug selbst die ungewohntesten Situationen, ohne sich in irgendeiner Weise beeindrucken zu lassen. 

„Wahrscheinlich sind sie noch nicht hier“, antwortete er.

Im hinteren Teil des Saals fiel mir ein Gesicht auf. Ein junger Mann, wahrscheinlich in meinem Alter, der mir bekannt erschien.

„Siehst du den Typen dort hinten?“

„Wen meinst du?“

„In der Nähe der Stellwand, an einem der hintersten Tische. Der mit der Glatze.“

„Ist das nicht Ari?“

Als hätte Ari unser Gespräch aus der Entfernung aufgeschnappt, richtete er in diesem Moment seinen Blick auf unseren Tisch, schien kurz zu überlegen und setzte sich dann mit einem nachdenklichen Lächeln in Bewegung.

Ari gehörte zu Michas Freunden aus Berlin. Er war ein paar Mal bei uns in der Wohnung gewesen und besuchte dieselbe Gemeinde wie Micha.

„Ihr seid also auch hier“, sagte er und gab uns die Hand.

Ari war nicht besonders groß, hatte einen kleinen Bauch, der ihn älter erscheinen ließ, als er eigentlich war und ein auffallend ovales Gesicht. Kein Bart, kaum Haare, helle Augenbrauen und Myriaden von Sommersprossen, die sich auf seinen Wangen und seiner Stirn verteilten.

„Wir haben uns wahrscheinlich vorhin in der Menge übersehen“, antwortete André.

„Ich bin auch erst später angekommen und habe nur die letzten Minuten der Zeremonie erwischt“, entgegnete Ari.

„Kommst du aus Berlin?“, fragte ich.

„Ja.“

Ein oder zwei Jahre später, Micha lebte mit seiner Frau bereits seit längerem in Wien, traf ich Ari zufällig auf der Lychener Straße in Berlin.

„Lange nicht gesehen“, sagte ich zur Begrüßung.

„Stimmt“, erwiderte er knapp.

„Wir haben uns seit Michas Hochzeit nicht mehr getroffen, oder?“

„Das kann gut sein.“

„Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?“

Er druckste etwas herum, gab mir aber keine Antwort.

„Studierst du noch?“, hakte ich nach.

„Ich war bei der Armee“, sagte er.

Ari, der pummelige, kleine Glatzkopf bei der Armee? Ich konnte es kaum glauben.

„Warum gehst du jetzt noch zum Bund?“, fragte ich. „Aus dem Alter bist du doch längst raus!“

„Ich war bei der Luftwaffe“, erklärte er. „In Israel.“

Ich sah ihn an.

„Ist das dein Ernst?“

Ari nickte.

„Ich muss schließlich mein Land verteidigen.“

Plötzlich war ich unfähig, eine Antwort zu formulieren. Ari sprach ganz offensichtlich ungern über die Armee, er tat das aber nicht, weil er sich für seine Zeit als Soldat schämte, so wie ich es an seiner Stelle getan hätte. Mir wäre niemals in den Sinn gekommen, zur Armee zu gehen und da meine beiden Halbbrüder ihren Dienst in der NVA und der Bundeswehr geleistet hatten, kam ich um die Wehrpflicht glücklicherweise auch ohne größere Probleme herum. Irgendein Gesetz befreite den dritten Sohn einer Familie vom Dienst an der Waffe, damit am Ende jemand übrig blieb, um die Brüder im Kriegsfall zu betrauern und die Familie weiterzuführen. Wahrscheinlich steckte hinter diesem Gesetz eine lange preußische Tradition.

In der Armee verkörperte sich für mich alles, was ich hasste; Korpsgeist, stumpfte Disziplin, Gewalt und Brutalität und der unumschränkte Versuch, den wesentlichen Kern einer Armee – Krieg, Leid und Tod – hinter fadenscheinigen Begriffen zu verschleiern. Hinter den Floskeln der humanitären Einsätze, der Verteidigung der Demokratie oder hinter den fast schon perversen Werbeslogans der Bundeswehr, die von Abenteuer statt von Kriegseinsatz sprachen, von Freundschaft statt von Kollateralschaden, von Entwicklungshilfe statt von Kriegsopfern

Wikileaks hatte damals gerade Collateral Murder veröffentlicht, das Video einer US-amerikanischen Kampfhubschrauberbesatzung, die unter Jubelrufen in eine Gruppe von Irakis, darunter Journalisten und Kinder, feuerte, um sich gegenseitig zu guten Schüssen und toten Bastarden zu gratulieren. 

Das war die Armee. 

Kein Abenteuer, keine glorreiche Schar gutmütiger Helden, die Frieden und Stabilität brachten, sondern hirnamputierte Zwanzigjährige, denen lächelnde alte Herren ein unvorstellbares Waffenarsenal zur Verfügung stellten. Die ganz genau wussten, was sie taten.

Ich spürte deutlich, dass Ari so wortkarg blieb, weil er Kritik von mir erwartete. Weil er wusste, dass Leute wie ich, Studenten, die in Literaturvorlesungen an deutschen Universitäten saßen, um sich abends dreistündige Arthouse-Dokumentationen über die unfassbare Artenvielfalt am Nordpol anzusehen, niemals in ihrem Leben in die Verlegenheit geraten waren, ihre Sicherheit verteidigen zu müssen, ihr Land in einen an den Grenzen tobenden kriegerischen Konflikt verwickelt zu sehen, in Anbetracht einer echten Bedrohung somit vor der Wahl zu stehen, eine Waffe in die Hand zu nehmen oder nicht. 

Ari betrachtete mich damals auf der Lychener Straße mit einer Mischung unterdrückter Verachtung und verbissener Entschlossenheit. Er würde keine Kritik an seiner Entscheidung dulden. Und er tat es deshalb nicht, weil er wusste, dass ich von den Realitäten, in denen er sich bewegt und womöglich gekämpft hatte, nicht das Geringste verstand.

„Da sind endlich Micha und Menucha“, sagte André und wir drehten uns in Richtung der Treppe um, die vom Erdgeschoss in den Saal hinab führte.

Das Brautpaar tauchte auf und wirkte gelöst und fröhlich. Beide lächelten, Micha etwas verschämt aufgrund der umfassenden Aufmerksamkeit, die er auf sich gerichtet fühlte und nicht mochte, Menucha hingegen glücklich und befreit.

Den restlichen Abend habe ich nur in Bruchstücken in Erinnerung. Ich sehe Micha auf einem Stuhl, der von zahllosen Armen und Händen in die Höhe gehoben wird, so dass er über die Trennwand hinweg in den Bereich der Frauen sehen kann, was er verschmitzt und mit komödiantischen Gesten tut. Ich sehe einen Kreis von tanzenden Männern, die Arme auf den Schultern des jeweils Nächsten, die singen und tanzen und ich glaube, mich ihnen irgendwann angeschlossen zu haben und somit selbst ein Teil dieses Kreises geworden zu sein. Ich sehe das Essen, das fantastisch schmeckte und aus mehreren Gängen bestand und dass ich damals wusste, noch nie so gut gegessen zu haben. Ich sehe die schwarz gekleideten Männer aus Kanada und den USA, aus Israel und Deutschland, Männer und Familien, die von Leuten in meinem Alter erst vor wenigen Jahrzehnten aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, die dem Tod knapp entkommen waren, die Verwandte besaßen, die es nicht geschafft hatten, die man in die Lager überall in Europa verfrachtet hatte, ohne dass die Welt dabei zugrunde gegangen war, und jetzt plötzlich saß ich untern ihnen und legte meine Arme um sie und sie ließen das ohne jedes Widerstreben zu, um einfach weiter ihre Lieder zu singen, deren Texte ich nicht verstand und während ich zumindest die Melodie ihrer Lieder zu imitieren versuchte, konnte ich nicht glauben, zwischen ihnen zu sein, in diesem Saal in Wien, in dieser Nacht im Sommer, auf der Hochzeit von Micha, den ich am Beginn meines Studiums kennengelernt hatte und dessen Zeit in Berlin nun zu einem Ende kam, der eine Familie gründen würde, der auf der Schwelle eines fremden Lebens stand, das sich für ihn am Ende genauso fremd und doch verheißungsvoll anfühlte wie für mich, ein Leben, dessen Pfade, Brüche und Kurven ich nicht ansatzweise erahnte, ein Leben, von dem ich in den folgenden Jahren niemals etwas erfuhr.

Nach der Hochzeit verließ Micha Berlin. Er schrieb an seiner Diplomarbeit und konnte das Studium auch außerhalb Deutschlands zu einem Abschluss bringen. Alle mündlichen Prüfungen hatte er bereits abgelegt.

Mittlerweile lebte ich mit André und Melli seit über vier Jahren zusammen. Auch wir bereiteten uns auf unsere Magisterarbeiten vor, belegten die letzten Seminare und Vorlesungen und überlegten, was wir nach dem Studium anfangen sollten.

Michas Zimmer stand leer. Er hatte im drittgrößten unserer WG gewohnt, einem Raum von etwa zwanzig Quadratmetern, der in Richtung Straße lag. Ich war die Größe meines eigenen Zimmers mittlerweile leid, auch suchte ich nach einer Veränderung und glaubte, diese Veränderung im Austausch der Räumlichkeiten zu finden. Und deshalb wechselte ich in Michas Zimmer, während Chris in mein altes Zimmer zog.

Chris stammte aus Hamburg und hatte sich beim ersten Kennenlernen als Musiker vorgestellt.

„Wir waren mal im Fernsehen“, hatte er gesagt.

„Wie heißt eure Band?“, wollte André wissen.

Mister Jupiter“, sagte Chris.

„Nie gehört“, antwortete ich.

„Vielleicht erinnert ihr euch nicht mehr so genau. Wir haben immer rote Pollunder angehabt und klingen wie Mando Diao.“

Chris zog bei uns ein. Er war zwei Meter groß und schlacksig und stotterte ein bisschen, aber das bemerkte man nicht sofort.

Bald tauchte seine Freundin, Ulrike, bei uns auf. Chris nannte sie Ulli und ich ging auch bald dazu über. 

Ulli war ziemlich hübsch und hatte eine kleine Lücke zwischen ihren Schneidezähnen, was sie in meinen Augen noch attraktiver machte. Ihre grünen Augen standen ein wenig schräg und ähnelten dadurch den Augen einer Katze.

Hin und wieder begleitete ich Chris und Ulli in eine Kneipe auf der Schönhauser Allee, kurz hinter dem U-Bahnhof Senefelder Platz.

In der Bar hingen eigenartige Gestalten ab. Die Männer trugen hautenge schwarze Jeans und Lederjacken, waren aber keine muskelbepackten Biker, sondern schmächtige Indierocker. Alle hatten sich knöchelhohe, schwarze Stiefel mit überlangen, spitzen Vorderkappen zugelegt und damit eine Einheitskluft geschaffen, die ihnen selber nicht mehr aufzufallen schien. Sie rauchten ständig Zigaretten, schwafelten von irgendwelchen Parties und unterhielten sich in einem affektierten Gemisch aus Englisch und Deutsch. Kein Satz, ohne ein englisches Einsprengsel, ohne ein whatever oder actually, was mich wahnsinnig machte. Alle versuchten, möglichst abgeklärt und cool zu wirken, als wären sie gestern noch bei Velvet Underground dabei gewesen und hätten ein paar Siebdrucke in der Factory hinterlassen. Dabei stammte die Hälfte dieser Leute aus namenlosen Dörfern in der Uckermark, die man vergessen hatte, an eine asphaltierte Straße anzuschließen.

In meinen Augen passten weder Chris noch Ulrike in diese blasierte Gruppe modischer Wichtigtuer. Allerdings legte besonders Chris einigen Wert darauf zu den anderen zu gehören, die in erster Linie Ulrikes Freunde gewesen sind. Er tat das nicht auf anbiedernde Weise, er tat es auch nicht so wie jene, die ihre angestammten Freunde vergessen, sobald sie interessantere Leute kennenlernen. Er tat es eher nervös und schüchtern, wollte einfach dazugehören.

An der Theke saß er unruhig auf einem schwarzen Hocker und befingerte unablässig seine lockige, schwarze Haartolle, um sie in Form zu bringen. Auch sein übergeschlagenes Bein wippte unablässig. Chris war die ganze Zeit angespannt, als versuchte er, bloß keine Dummheit zu begehen, die ihn in den Augen der anderen bloßstellen würde.

Einige Monate später saßen wir in unserer Küche und sprachen aus irgendeinem Grund über unsere Kindheit. Und von der Kindheit, die für uns ganz verschieden ausgefallen war, er in Hamburg und ich in Thüringen, kamen wir auf unsere Jugend zu sprechen.

„Damals habe ich angefangen, Bass zu spielen“, sagte Chris.

„Ich habe nie ein Instrument gelernt“, erklärte ich.

„Aber du spielst doch jetzt Schlagzeug bei Me, Ship!

„Ich habe das Schlagzeugspielen trotzdem nie richtig gelernt. Ich dilettiere nur total herum.“

„Das ist nicht wichtig. Hauptsache ihr spielt.“

Die Kaffeekanne stand auf dem Tisch und Chris tauchte kurz in unsere Speisekammer ab, um seine Hafermilch herauszuholen. 

Er legte auf eine bestimmte Marke ausgesprochen viel Wert und hatte elaborierte Studien durchgeführt, bis er endlich die perfekte geschmackliche Ausrichtung im immer breiter werdenden Angebot gefunden hatte. Nun war er in der Lage, ganze Abende mit den Vorzügen des von ihm erwählten Haferprodukts zu füllen, sofern sich jemand breitschlagen ließ, ihm zuzuhören.

„Eigentlich habe ich meine Jugend gehasst“, sagte er, als er sich mit der Hafermilchpackung zurück an den Küchentisch setzte.

„Wieso das denn?“, wollte ich wissen.

„Fandest du die Schulzeit und das alles gut?“

Ich schüttelte meinen Kopf.

„Das war totale Scheiße.“

„Siehst du. Mir ging das genauso. Die Idioten in meiner Klasse haben mich in einer Tour malträtiert.“

„Wirklich?“

Das konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. 

„Das lag daran, dass ich damals total fett gewesen bin.“

„Du?“

Er nickte.

„Ich war sogar saufett und das macht dich natürlich zur Zielscheibe. Die Fetten dürfen sich nicht wehren, die erdulden bloß, denn sie sind für ihr eigenes Unglück verantwortlich. Ich habe mich damals gehasst.“

„Wofür?“, fragte ich konsterniert.

„Dafür, dass ich so fett gewesen bin.“

Dieser Satz traf mich wie ein Schlag. Chris hatte nicht berechtigterweise seine Peiniger für die aufgezwungenen Qualen gehasst, sondern sich selbst zu hassen begonnen. Er hatte die grundlose Verachtung der anderen übernommen, um sich damit auf verquere Weise auf ihre Seite zu schlagen. Mir war klar, dass er das nur getan hatte, um sich zu schützen, gleichzeitig aber jagte mir die Annäherung an die Täter einen Schauer über den Rücken. Am Ende hatte Chris seinen eigenen Körper mit denselben verachtungsvollen Blicken gestraft, den seine Peiniger ihm aufgezwungen hatten. Darin, und nicht etwa in den verletzenden Worten, lag die eigentliche Abscheulichkeit.

Hin und wieder kam er am Frühstückstisch auf das Essen zu sprechen.

„Ist dir klar, wie langweilig das alles eigentlich ist?“

„Was meinst du?“

„Mich ödet das alles an. Jeden Tag die gleiche Frage, was man am Abend kochen soll und immer gibt es nur dieselben Optionen.“

„Du kannst doch kochen, was du willst“, sagte ich. „Es gibt doch tonnenweise Rezepte.“

„Ich rede von unseren Grundnahrungsmitteln“, gab er zurück.

Ich sah ihn verdutzt an.

„Nudeln, Reis, Kartoffeln“, begann er zu erklären, „und das alles in endloser Kombination. Gut, vielleicht noch Bulgur oder so etwas, aber das ist doch total öde. Es gibt einfach keine Variation!“

Mit seiner Band ging es damals nicht richtig voran. Sie hatten einen Plattenvertrag, aber das Label kümmerte sich kaum noch um sie. Die Indierockwelle ebbte gerade ab und deutscher Indierock mit englischen Texten kam einfach nicht gut an. Nur Tocotronic, Kettcar und Blumfeld mischten vorne mit, aber für das alles interessierte ich mich nicht. Ich hörte stattdessen französischen Black-Metal, Brian Enos Ambient-Alben und Four Tet.

Chris war hin- und hergerissen, wie es für ihn weitergehen sollte. Er hatte die Schule vor dem Abitur verlassen und holte seinen Abschluss nun per Fernstudium nach. Danach wollte er vielleicht studieren, sicher aber war er sich nicht. Womöglich nahm die Band ja wieder Fahrt auf, vielleicht brachte man ein neues Album heraus und dann ging alles wieder los. Erfolg, Plattenverkäufe, eine Tour. Man wusste am Ende nie, was passieren würde, was das Leben in seiner ganzen Unergründlichkeit für einen bereit hielt.

Im Sommer legte ich die letzten mündlichen Prüfungen ab, um mich auf meine Magisterarbeit zu konzentrieren. An einem Nachmittag tauchte Chris in meinem Zimmer auf.

„Willst du mit zum Teufelssee?“, fragt er. „Ulli und ich fahren mit den Rädern hin.“

„Klar, ich könnte ein bisschen Ablenkung gebrauchen.“

Ich war noch nie mit dem Rad zum Teufelssee im Grunwald gefahren. Die Strecke zog sich in die Länge, es war heiß und bereits später Nachmittag. 

Als wir den Wald endlich erreichten, fuhren wir nebeneinander auf der Straße. Sobald wir die Geräusche eines Autos in unserem Rücken hörten, lösten wir unsere Formation auf und fuhren als vorbildliche Kette weiter, aber der Verkehr hielt sich in Grenzen. Die meisten Leute waren wie wir auf Rädern unterwegs und fuhren in die entgegengesetzte Richtung. Der Badetag fand für sie bereits ein Ende.

Wir suchten uns einen Fleck auf der Wiese, legten die Fahrräder ins Gras und ich packte meinen Rucksack aus, zog das große Handtuch hervor und eine Wasserflasche.

Als ich mich gerade bis auf meine Badehose ausziehen wollte, fiel mir plötzlich auf, dass mich Ulrike noch nie mit freiem Oberkörper gesehen hatte. Natürlich war sie die Freundin von Chris, aber sie war auch attraktiv und eine Frau und das wurde mir damals am Teufelssee schlagartig bewusst. Schließlich standen wir uns nun in so etwas wie Unterwäsche gegenüber. Zumindest glaubte ich, das wir das tun würden.

Denn Chris und Ulrike hatten keine Badesachen dabei. Sie hatten sie nicht etwa vergessen, sondern ganz einfach nicht eingepackt. Sie wollten nackt ins Wasser, was an sich auch kein Problem darstellte, denn der Wiesenabschnitt hatte sich fast vollständig geleert.

Die beiden taten so, als wäre es das Normalste der Welt, sich vor mir komplett auszuziehen und dann ins Wasser zu springen. Von ihren Blicken las ich damals allerdings auch eine gewisse Verlegenheit ab, als fiele ihnen mit einem Mal auf, dass wir zwar miteinander befreundet waren, unsere Freundschaft aber noch lange nicht bedeutete, man springe nun einfach nackt voreinander herum. 

Ich überspielte die peinliche Situation, indem ich vorgab, mich erst einmal auf die Wiese zu legen und zu sonnen, obwohl ich nichts lieber getan hätte, als ins Wasser zu rennen.

Chris und Ulli zogen sich aus und ich sah wie eine Betschwester des achtzehnten Jahrhunderts ganz zufällig in eine andere Richtung. Dann stürmten die beiden ins Wasser.

Augenblicke später hörte ich ihre erleichterten Schreie und sah in Richtung See.

Einige Meter vom Ufer entfernt schwamm eine Badeinsel auf dem Wasser, auf die sich Chris und Ulli gerade hievten. Doch obwohl sie noch eben auf der Wiese so getan hatten, als würde sie ihre Nacktheit überhaupt nicht interessieren, bedeckte Ulrike nun ihre Brüste mit einem Arm und Chris hielt seinen Sack verschämt zwischen beiden Händen, sobald er von der Insel aus ins Wasser sprang. 

Eigentlich war das alles lächerlich. Wir taten so, als wären wir unendlich befreit, besaßen aber noch die gleichen Komplexe wie unsere Eltern. Ja, vielleicht hätten sich unsere Eltern an diesem See nicht einmal ansatzweise für ihre Nacktheit geschämt.

Bis zur Dämmerung wechselten wir zwischen Wasser und Wiese und zogen uns schließlich wieder an. 

Die Sonne verschwand langsam hinter den Bäumen, der Himmel färbte sich rot und die wenigen Badegäste, die neben uns am Ufer gelegen hatten, packten ihre Sachen allmählich ein.

Ich starrte in den Himmel und spürte mit einem Mal eine heftige Traurigkeit, die mit dem Ende des Sommertags zusammenhing. Es fühlte sich an, als stieße jemand mit voller Wucht gegen meine Brust. Nur ein Abend im Sommer kann derart melancholisch sein, im Frühling, Herbst und Winter ist das alles unmöglich. Wahrscheinlich lag es an der Schönheit der Farben und des Wassers, an der ganzen Vergänglichkeit um uns herum, am Verschwinden der Leute, am Verhallen ihrer Rufe, ihres Gelächters. Jeder Sommertag stellt eine Möglichkeit dar, alles scheint im Sommer greifbar und leicht, nichts steht einem Neuanfang im Wege. Und dann, am Abend, wenn die Sonne und das Licht verschwinden und nur noch ein letzter Schein übrig bleibt, der für Minuten schwerelos auf dem glänzenden Wasser liegt, holt einen das Bedauern über den ungenutzt verstrichenen Tag endlich ein. Doch was hatte man eigentlich vor? Womit hätte man den Tag füllen sollen, damit er nicht nutzlos vergeht?

Ich wusste es nicht.

Plötzlich machte sich eine Bewegung in unserem Rücken bemerkbar und ich drehte mich um. Aus dem Wald tauchte eine Wildschweinfamilie auf. Die Tiere wirkten völlig irreal, ihre Anwesenheit ergab keinen Sinn.

Die Bache lief am Kopf der kleinen Gruppe und hinter ihr folgten vier oder fünf winzige Frischlinge, die sich kaum auf den Beinen halten konnten. 

„Ach du Scheiße“, sagte ich leise, blieb ansonsten aber wie angewurzelt stehen. Mein Herz schlug heftig und ich rechnete jeden Augenblick mit dem blutrünstigen Angriff des wildgewordenen Mutterschweins.

Doch die Wildschweinfamilie kümmerte sich nicht im Ansatz um uns. Die Tiere schienen an Menschen und Badegäste gewöhnt, trippelten hintereinander die Wiese in Richtung Wasser hinab, wobei die kleinen Schweine ziemlich unbeholfen und überstürzt mit ihrer flinken Mutter Schritt zu halten versuchten. Am See angekommen, hielten sie ihre Schnauzen ins Wasser.

„Mein Gott sind die süß“, sagte Ulli.

„Ich wusste gar nicht, dass es im Grunewald Wildschweine gibt“, erwiderte Chris. „Die wirken ja überhaupt nicht gefährlich.“

Die Frischlinge tobten am Wasser herum, liefen das Ufer auf und wieder ab. Wahrscheinlich hatten sie den ganzen Tag auf das Verschwinden der Leute gewartet, um sich endlich abzukühlen.

Auch die Luft fühlte sich jetzt frischer an. Sobald die Sonne verschwand, musste man sich ein Hemd überwerfen.

„Wir sollten langsam wieder zurück“, sagte ich, während die Wildschweine damit begannen, die Hinterlassenschaften der Badegäste unter die Lupe zu nehmen. „Wir brauchen sicher eine Dreiviertelstunde, bis wir wieder in der Stadt sind.“

Chris und Ulrike nickten und wir griffen nach unseren Rädern. Hinter uns wühlten die Wildschweine weiter unbeeindruckt im Gras.