Danziger Straße (3. Zimmer), 3. Mai

Gemeinsam mit André, Melli und Micha zog ich aus dem Wedding in eine Vierraumwohnung in der Danziger Straße. Ich hatte André in einem Seminar an der Uni kennengelernt. Wir hatten beide keinen größeren Kontakt zu den anderen Studierenden und waren irgendwann im Treppenhaus eines aus der DDR stammenden Seminargebäudes ins Gespräch gekommen. 

André trug knöchellange Anzughosen aus dem Second-Hand, Basketballschuhe von Nike und einen blauen Windbreaker mit dem Aufdruck eines Müllentsorgungsunternehmens aus dem Spreewald. Er wohnte mit Melli und Micha am Ende der Schönhauser Allee in einer wunderbaren Wohnung mit rotgestrichenem Flur, in den das Licht aus der Küche und den Zimmern fiel und die Farbe zum Glühen brachte. Nach einigen Monaten hatte ich die anderen so weit, dass sie bereit waren, mich in ihre WG aufzunehmen. Allerdings benötigten wir dafür ein weiteres Zimmer und ein Umzug stand an. 

Wir schauten uns Wohnungen im Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg an, um schließlich im Hochparterre eines Altbaus auf der Danziger Straße, gleich gegenüber dem Theater unterm Dach, einzuziehen. Teilten wir uns die Miete, sparte ich am Ende sogar etwas Geld im Vergleich zu meinem Zimmer im Wedding.

Die Wohnung war großzügig geschnitten. Sie hatte vier Zimmer, eine schmale Küche, ein Bad mit Badewanne und sogar eine Gästetoilette. All das stellte für mich eine ganz unglaubliche Verbesserung nach meiner Zeit am Gesundbrunnencenter dar. 

Diesmal sicherte ich mir eines der größeren Zimmer, das einzige mit Balkon und einer breiten Fensterfront. Die Fenster nahmen die gesamte zur Straße liegende Wand ein und das einfallende Licht reflektierte auf den weiß gestrichenen Wänden und machte den Raum noch heller, als er an sich bereits war. Plötzlich fiel mir auf, in welchem Loch ich gemeinsam mit Roland gehaust hatte, ein richtiges Hinterhausloch, das nicht für menschliche Bewohner ausgelegt worden war und in dem selbst bei strahlendem Sonnenschein eine Art Dämmerzustand geherrscht hatte.

André und ich studierten Literatur in Potsdam, Melli Theaterwissenschaften an der Freien Universität und Micha studierte Mathematik, was mich anfangs ziemlich überraschte, da er orthodoxer Jude war. Naturwissenschaften und der Glaube an Gott, das passte für mich einfach nicht zusammen, schloss einander sogar aus. Wie konnte man einerseits an Gott und die Schöpfungsgeschichte glauben, während man andererseits mathematische Gesetzmäßigkeiten zur Anwendung brachte und sich damit auf eine wissenschaftliche Rationalität berief, die der Religion stets suspekt, wenn nicht gar verderblich erschienen war? Stand beides einander nicht feindlich gegenüber?

Micha sah darin allerdings kein Problem. Sein Studium berührte seine Religiosität in keiner Weise, beide existierten in ihm, aber sie taten es, ohne das jeweils andere in Zweifel zu ziehen. Und irgendwann war auch ich mir nicht mehr sicher, ob sich diese beiden Spähren so kategorisch ausschlossen, wie ich es anfangs angenommen hatte. Konnte jemand, der an Gott glaubte, sich nicht gleichzeitig auch mit der Mathematik beschäftigen? Worin genau sollte hier eigentlich der Widerspruch bestehen?

Eines Morgens stand ich am Herd unserer Küche, um mir ein paar Spiegeleier und Würstchen zu braten, als Micha den Raum betrat.

Er hielt auf der Schwelle an – unsere Küche besaß merkwürdigerweise keine Tür, wobei wir den Grund für dieses Fehlen niemals bei den Vermietern in Erfahrung brachten – und sah mich merkwürdig an.

„Was ist das für eine Pfanne?“, fragte er.

Ich musterte die Pfanne, ohne zu begreifen, was er mit seiner Frage bezweckte.

„Eine der Pfannen, die wir unter der Spüle aufbewahren, wenn mich nicht alles täuscht“, antwortete ich.

„Stand die Pfanne auf einem kleinen Topf?“

„Ich glaube ja.“

„Scheiße, das ist meine koschere Pfanne!“

Erschreckt sah ich ihn an.

„Ich wasch dir das Ding gleich ab“, sagte ich.

Micha wirkte eher betroffen, als verärgert. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, der ungefähr besagte, ich hätte es ja wissen müssen.

„Das wird nicht ausreichen“, erwiderte er dann.

„Warum nicht?“

Er schüttelte seinen Kopf.

„Ich muss damit zum Westhafen fahren.“

„Was willst du denn mit der Pfanne am Westhafen?“

„Sie muss rituell gereinigt werden. Unsere Spüle reicht dafür nicht aus.“

Ich sah ihn mit großen Augen an, als Melli die Küche betrat.

„Hat Thomas wieder deine Pfanne benutzt?“, fragte sie nach einem kurzen Blick auf den Herd.

„Hört mal“, wandte ich ein, „ich bin mir keiner Schuld bewusst. Man hätte mich einweihen müssen!“

„Ist auch nicht so wild“, sagte Micha. „Jetzt weißt du ja Bescheid.“

Freitagnachmittag verschwand er in seine Gemeinde und tauchte erst nach Sonnenuntergang wieder bei uns auf. Er hatte sich eine Kochplatte mit Zeitschaltuhr zugelegt, die ihm sein Essen aufwärmte, obwohl er als gläubiger Jude während des Shabbats eigentlich keine Elektrogeräte benutzen durfte. Es gab viele solcher Tricks, um die orthodoxen Verhaltensregeln zu umgehen, ohne sie dabei zu brechen, was mich ziemlich irritierte, eine Irritation, die niemals komplett verschwand. 

Objektiv betrachtet, benutzte Micha während des Shabbats natürlich keine elektronische Kochplatte, er schaltete sie ja nicht ein, drückte auf keinen Knopf. Aber diese vorausschauende Programmierung der Platte, die ihren Dienst während des Ruhetags und damit des Verbots jeglicher Form von Arbeit leistete – lag darin nicht so etwas wie eine kreative Spitzfindigkeit, die das Verbot aufzuweichen wusste, um sich etwas zu gönnen, das eigentlich verboten war, das von der Arbeit der Flamme erwärmte Essen nämlich? Vielleicht nahm ich es aber einfach zu genau. Schließlich verstand ich nichts von den jahrtausendealten Bräuchen, die für Micha eine zwingende Verbindlichkeit besaßen. Und genauso wenig gab es einen Grund, ihn dafür ins Kreuzverhör zu nehmen. Jeder sollte tun und lassen, wonach ihm die Lust stand, sagte ich mir, solange kein anderer in Mitleidenschaft geriet. Und Michas Pfanne rührte ich nach diesem Spiegeleizwischenfall natürlich nicht mehr an.

Zwei Jahre später verabschiedete sich Micha für ein Austauschsemester nach Israel. Wir schalteten im Internet eine Anzeige, in der wir nach einem Zwischenmieter suchten, und wurden schnell fündig. 

Zwei Monate lang wohnte Georg aus Georgien bei uns ein, was nach einer wirklich verrückten Verbindung klang, wie ich fand. Georg aus Georgien? Hatten seine Eltern ihn aus patriotischem Stolz so genannt oder war das alles ein bloßer Zufall? So richtig bekamen wir es nie aus ihm heraus.

Georg zog bei uns ein, allerdings wurde uns nicht ganz klar, was er in Berlin eigentlich tat. Er schien nicht zu studieren und sobald wir ihn darauf ansprachen, sagte er nur, er sei in den Ferien, würde Urlaub machen. Georg war ruhig, groß gewachsen und ziemlich dünn und er war zwei oder drei Jahre jünger als André, Melli und ich. Wir bekamen ziemlich schnell mit, dass seine Familie vermögend war, denn er lief in teuren Designerklamotten durch die Gegend und verschwand abends auf irgendwelche Parties, auf die er uns nie einlud. Er schien genügend Kontakte in der Stadt zu besitzen.

Während Georg bei uns wohnte, brach der Krieg in Georgien aus. Im August 2008 war davon überall zu lesen, Georg allerdings wirkte vollkommen unberührt, als handelte es sich nicht um sein eigenes Land, das gerade in einem bewaffneten Konflikt zu versank.

„Everything is okay“, antwortete er, sobald wir ihn fragten, was er jetzt machen würde und wie es um seine Familie stünde. „Everything is fine.“ Dann lächelte er und zog am Abend wieder ab in Richtung eines Clubs oder einer Bar.

Georgs Gelassenheit kam uns eigenartig vor. Im Anblick eines waschechten Krieges und damit der größten Katastrophe, wie man uns seit unserer Kindheit eingebleut hatte, blieb er ungerührt, fast gleichgültig. Er verlor nicht den Kopf, er reagierte nicht panisch, brach nicht in Tränen aus. Er wusste vom Krieg, der in seinem Heimatland tobte und ging dennoch weiter auf Partys und in Bars und an diesem sturen Festhalten einer vergleichsweise vollkommen sinnlos erscheinenden Normalität lag für ihn womöglich so etwas wie die Rettung.

Kurz bevor Georg uns verließ, um weiter durch Europa zu reisen, bekamen wir heraus, dass seine Eltern zur herrschenden Klasse in Georgien gehörten. Seine Brüder und Schwestern, Onkel und Cousins saßen auf hohen Posten im Staatsapparat und sein Vater verdiente angeblich eine Menge Geld. Am Ende war sich Georg einfach sicher, selbst ein Krieg würde die Verhältnisse im Land nicht derart in Unordnung bringen, dass seine Familie darunter in einer Weise leiden musste, die seine eigene Europareise gefährdete. Für ihn schien alles nur ein schlechter Scherz zu sein, eine unangenehme Sache eben, um die man sich am besten durch Nichtachtung kümmerte.

Bald verschwand André für ein Auslandssemester nach Glasgow und in sein Zimmer zog übergangsweise Adrien. Adrien stammte aus Paris, sah ziemlich gut aus mit seinem Dreitagebart und den langen, dunkelblonden Locken. Er spielte Rugby und studierte für ein Semester Jura an der Humboldt Universität, obwohl er das Fach innerlich verabscheute. Er hatte sich nur deshalb eingeschrieben, weil sein Vater, der selbst Anwalt war, das von ihm verlangte und nach seiner Rückkehr aus Berlin gab er das Studium schließlich auf, um eine Laufbahn beim Film einzuschlagen.

Adrien sprach ziemlich gut Deutsch und wir freundeten uns schnell miteinander an. Manchmal kam er am Abend in mein Zimmer, klopfte an den Türrahmen und lächelte.

„Möchtest du mitkommen auf die Party?“, fragte er mit seinem umwerfenden französischen Akzent, aus dem er sich allerdings nichts machte. Adrien war nicht im Ansatz eingebildet oder gar schüchtern.

Er trug seine hellbraune Motorradlederjacke und ausgewaschene Jeans und hätte perfekt in einem Film von Truffaut oder Rohmer gepasst.

„Ich glaube, ich bleibe heute lieber hier“, antwortete ich.

„Keine Lust?“

„Nicht so richtig.“

„Warum du hast niemals Lust auf Party, Thomas?“

„Manchmal hab ich Lust, heute aber schaue ich lieber einen Film.“

„Na gut, dann vielleicht morgen?“

„Genau, vielleicht morgen.“

„Alles klar. Tschüssi.“

Tschüssi, das hatte ich ihm beigebracht. Adrien hatte sich vor Lachen überhaupt nicht mehr einbekommen, als ich mich das erste Mal so von ihm verabschiedet hatte.

„Was hast du da gesagt?“, wollte er mit Tränen in den Augen von mir wissen.

„Tschüssi?“

„Ha ha ha!“

Wenn jemand mit vollen Händen nach dem Leben griff, dann er. Adrien war ständig unterwegs, traf sich mit anderen Franzosen, die für ein oder zwei Semester in Berlin studierten, lernte Deutsche kennen, lernte Mädchen kennen und bildete sich auf seine offensichtlichen Erfolge dennoch in keiner Weise etwas ein. Obwohl er spüren musste, dass bei mir überhaupt nichts lief, behandelte er mich, als stünde ich mit ihm auf einer Stufe und kam häufig in mein Zimmer, sobald er in Begriff stand, das Haus in Richtung einer Feier zu verlassen. Vielleicht tat ich ihm damals leid. Allerdings bin ich mir auch sicher, dass er mich mochte.

Als ich die Haustür in das Schloss fallen hörte, stand ich von meinem Schreibtisch auf und lief in Mellis Zimmer hinüber. Sie wohnte im größten, allerdings auch dunkelsten Raum unserer Altbauwohnung, ein Zimmer mit nur einem Fenster, das in den Hinterhof zeigte.

„Hast du Lust auf einen Film?“, fragte ich.

Melli saß auf ihrer schwarzen Ledercouch unter dem Hochbett und las. 

„Was willst du ausleihen?“, fragte sie.

„Keine Ahnung. Am besten gehen wir einfach ins 451.“

Das 451 war eine Arthouse-Videothek auf der Schönhauser Allee. André und Melli sind die ersten Cineasten gewesen, denen ich begegnete und sie waren es auch, die mich in das 451 und später in das Negativeland einführten, nachdem diese berüchtigte Videothek aufgrund steigender Mieten vom Helmoltzplatz auf die Danziger Straße verdrängt worden war.

Im Negativeland arbeitete ein alter Österreicher, der total erfolglose Experimentalfilme gedreht hatte und alle Leute, die ahnungsloserweise in seinem Laden Blockbuster verlangten, unter wüsten Verwünschungen rausschmiss oder einfach nur in seinem Wiener Schmäh beschimpfte. Stand man in der Schlange, konnte man die Nervosität der Leute vor einem regelrecht spüren. Keiner wollte etwas Falsches sagen, um dadurch seine Unkenntnis preiszugeben.

Einmal stand ich mit André in der Videothek. Neben dem Österreicher waren wir die einzigen im Laden und er wusste davon, wandte sich uns trotz allem aber erst nach fünf geschlagenen Minuten zu, die er damit verbrachte, eine irrsinnige Ansammlung von DVDs im Hintergrund zu sortieren.

Als er uns endlich ansprach, betraten weitere Leute die Videothek, was der Klang einer an der Tür angebrachten Glocke signalisierte.

„Habts ihr eure Karten dabei?“, fragte er.

André schob seinen Mitgliedsausweis über den Tresen.

„Was wollts ihr haben?“

„Habt ihr was von Kurosawa?“, fragte ich.

Die Augen des Irren leuchteten wie von der Tarantel gestochen auf.

„Kurosawa!“, brüllte er.

Ich sah die Szene vor mir. Der Österreicher zerriss Andrés Ausweis, verteilte Hausverbot und warf uns unter unflätigsten antijapanischen Beschimpfungen auf die Straße hinaus.

„Endlich!“, stöhnte er dann und ich sah ihn halb verängstigt, halb verwundert an.

„Hört ihr das dahinten?“, rief der Experimentalfilmer den eben eingetretenen Leuten zu. „Endlich leiht hier einmal jemand einen ANSTÄNDIGEN FILM AUS UND NICHT DIESE SCHEISSE, DIE IHR TROTTEL STÄNDIG VON MIR HABEN WOLLT!“

Schweissnass verließ ich mit André fünf Minuten nach dieser Tirade das Negativland, das ein paar Jahre später, nach der großen On-Demand-Revolution im Netz, natürlich eingegangen ist.

Gemeinsam mit Melli betrat ich das 451, blieb vor dem Regal mit den Aki Kaurismäki-Filmen stehen und wollte Ariel ausleihen. Melli dagegen plädierte für Mike Leigh. Am Ende einigten wir uns auf Tarkowski.

Nach zweieinhalb Stunden Stalker war ich bereit, mein Studium an den Nagel zu hängen und zum russischen Film zu gehen.

„Stalker!“, rief ich begeistert. „Das ist ja wohl das größte Meisterwerk, das jemals hier unten auf dieser unfassbar öden Erdkruste geschaffen worden ist!“ 

Ich kriegte mich kaum ein und fieberte noch, als ich Adrien am nächsten Morgen begegnete.

„Ist alles gut?“, fragte er.

„Und ob alles gut ist“, sagte ich. „Hast du jemals Stalker gesehen?“

„Nein“, erwiderte er knapp.

„Dann haben wir beide heute Abend etwas vor!“

André und ich besuchten Adrien nach dem Ende seines Austauschsemesters in Paris. Er wohnte mit seiner Freundin im 15. Arrondissement, die uns ihre winzige Einzimmerwohnung für die Dauer unseres Aufenthalts zur Verfügung stellte. Sie schlief bei Adrien und so hatten André und ich eine Wohnung für uns allein.

Das Fenster der Küche zeigte auf einen Fußballplatz hinaus. Hinter diesem Platz ragten Hochhäuser in den grauen Himmel. Es war Februar oder März und ziemlich kalt, dennoch aber spielten die Jugendlichen des Viertels dort unten bis in die Nachtstunden hinein. Gegen zehn erloschen die riesigen Flutlichter automatisch mit einem lauten Knall, aus dem die Stille stieg, eine Stille, die den ganzen Abend über nicht da gewesen war, obwohl man geglaubt hatte, sie zu hören. Das tiefe Summen der Scheinwerfer hatte sie verdeckt und mit dem Verlöschen der Lichter verstummten nun plötzlich auch die Rufe der Spieler, als hätte jemand ein Handtuch über einen Vogelkäfig gezogen.

Wir verbrachten ein verlängertes Wochenende bei Adrien, kochten gemeinsam in der Wohnung, tranken Bier und sahen uns Filme an. 

Am Tag unseres Rückflugs holte er uns mit seinem Auto gegen drei Uhr in der Nacht ab. Wir fuhren durch dichten Nebel, die Stadt wirkte um diese Zeit wie ausgestorben, alle schien voller Gespenster zu sein. Eine Dreiviertelstunde später verabschiedeten wir uns vor dem Flughafen voneinander. Es war so kalt, das wir die ganze Prozedur abkürzen mussten. 

Damals habe ich Adrien das letzte Mal gesehen. André besuchte ihn später hin und wieder, André, der plötzlich zum Globetrotter wurde, nachdem er ein Mädchen in Glasgow gefunden hatte. Der nach seinem Abschluss an der Uni nach Marseille zog und später nach Palermo, der an der Stanford University in San Francisco seinen Doktortitel machte und heute in den USA lebt. Doch Adrien und ich, wir verabschiedeten uns für immer voneinander, ohne davon etwas zu ahnen. Der Kontakt zwischen uns schlief nach einem kurzen Mailwechsel einfach ein. Warum, kann ich bis heute nicht wirklich sagen.

Einige Semester, bevor wir unseren Abschluss machten, heiratete Micha und zog mit seiner neuen Frau nach Wien. Er lud André, Melli und mich zu seiner Hochzeit ein, zu unserer ersten jüdischen Hochzeit. 

Ich kaufte mir ein dunkelgraues Jackett und ein brandneues weißen Hemd und dann setzten wir uns gemeinsam in den Zug und fuhren nach Österreich.

Micha feierte mit seiner Frau im alten jüdischen Viertel. Wir kamen zu früh am vereinbarten Treffpunkt an, betraten ein Gebäude, das bereits vor Hochzeitsgästen überlief und ich entdeckte Michas Frau, Menucha, am anderen Ende des Raums. Sie saß in ihrem Hochzeitskleid etwas verloren auf einer Art Thron, den man mit weißen Stoffen verziert hatte.

Ich lief auf sie zu und war dabei, ihr die Hand zu geben, als sie etwas erschreckt zurückwich.

„Ich kann dir nicht die Hand geben, Thomas.“

„Wieso denn nicht?“, fragte ich.

„Das ist verboten.“

Ich lief rot an.

„Entschuldige“, sagte ich.

„Kein Problem. Micha ist sicher auch bald hier. Seid ihr gut angekommen?“

„Ja, wir sind seit gestern Abend in Wien.“

André, Melli und ich unterhielten uns noch eine Weile mit ihr, bis Micha hinter uns auftauchte. Er trug einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und einen breitkrempigen, schwarzen Hut. Er wirkte ziemlich entkräftet, freute sich aber uns zu sehen.

„Da seid ihr ja!“, rief er.

Wir umarmten uns.

„Ihr müsst übrigens gleich mit mir kommen“, sagte er dann und richtete sich an André und mich. Jetzt fiel mir seine graue Gesichtsfarbe auf. Micha sah so aus, als hätte er seit Tagen nicht geschlafen.

„Wo sollen wir denn hin?“, wollte André wissen.

„Das werdet ihr schon sehen“, erwiderte Micha.

Zehn Minuten später strömte eine Männergruppe in das Gebäude. Alte und Junge, wild durcheinander. Sie alle trugen schwarz, einige begannen ein Lied anzustimmen, dessen Text ich nicht verstand. Es kam Bewegung in die Menge.

Micha winkte André und mir zu.

„Es geht los, kommt einfach mit.“

Die Männer setzten sich mit Micha in ihrer Mitte in Bewegung und ziemlich aufgeregt schlossen auch wir uns der wandernden Gruppe an. 

„Hast du eine Ahnung, was hier los ist?“, flüsterte ich André zu.

„Nicht die geringste“, erwiderte er.

Wir gelangten in einen Saal, in dem man drei lange Tische, die Tafeln glichen, in Form eines Hufeisens aneinander gerückt hatte. An der Stirnseite saßen einige Männer mit langen grauen Bärten und sprachen leise miteinander. Sie waren wie Micha gekleidet und trugen breitkrempige, schwarze Hüte. Nur einer der Männer trug keinen Hut, sondern bloß eine Kippa. In ihm erkannte ich Michas Vater.

Michas Eltern stammten als Lettland, waren aber keine orthodoxen Juden. Hin und wieder hatte Micha uns vom Unmut seines Vaters erzählt, der den orthodoxen Glauben seines Sohnes nicht verstand oder nicht verstehen wollte. Und auch jetzt, inmitten der Rabbiner, die Hebräisch sprachen, wirkte er wie ein Fremdkörper.

Der Raum war mittlerweile voller Leute, alles ausschließlich Männer. Einige flüsterten auf Hebräisch, einige auf Englisch, ein paar auch auf Deutsch. 

Es gehe nun darum, den Ehevertrag zwischen den Vätern auszuhandeln, erklärte irgendjemand in unserer Nähe, vielleicht weil er bemerkte, dass sich einige Gois der Gemeinschaft angeschlossen hatten. Wahrscheinlich stellten wir so etwas wie die Zeugen für die Rechtmäßigkeit dieser Unterhandlung dar.

Alles ging sehr schnell und lief weitestgehend ohne die Beteiligung der Väter ab, die überaus ernst wirkten, fast unbeteiligt sogar. Erst später begann mir klar zu werden, dass Michas Vater kein Hebräisch verstand und deshalb auch nicht wusste, was die Rabbiner an seiner Seite eigentlich sagten. 

Ein Schriftstück wurde bald unterzeichnet, im Raum herrschte Stille und plötzlich, als der Rabbiner, der die Verhandlungen zu führen schien, sich mit einem Satz an den gesamten Saal wandte, brach alles um uns herum in Jubel aus.

Fast gleichzeitig erhob sich aus einem der angrenzenden Räume Gesang. Der Gesang wurde lauter, hier sangen Frauen, das war den Stimmen ohne Probleme anzuhören und nur wenige Augenblicke später strömten die Frauen in unseren Saal.

Sie sangen laut und wirkten über alle Maßen glücklich. Eine ältere Frau lief an der Spitze des Zugs und trug ein in Stoff gehülltes Etwas in ihren Händen. Sie lief in die Mitte des Saals und stand nun den verhandlungsführenden Männern gegenüber.

„Hast du eine Ahnung, was jetzt passiert?“, fragte ich André.

„Woher soll ich das wissen?“, erwiderte er. „Aber wenn mich nicht alles täuscht, ist das Michas Mutter.“

„Die Frau an der Spitze?“

„Ich glaube, ja.“

Ich sah, wie die Frau das, was sie bislang in ein Tuch gehüllt in ihren Händen gehalten hatte, zu Boden warf. 

Die Stimmen im Saal verstummten für eine Sekunde, auch der Gesang setzte aus.

Dann trat Michas Mutter auf das Tuch, man hörte das Brechen von Glas, dieses laute, knirschende Knacken und mit dem Brechen des Glases wurde die versammelte Menge von einem wahren Freudensturm erfasst. 

Männer und Frauen riefen Mazel tov in voller Lautstärke, sie wünschten sich und dem Brautpaar viel Glück und diese Glückwunschrufe hörten überhaupt nicht mehr auf und schließlich stimmten auch André und ich in das glückliche Chaos ein.

Unser Zug setzte sich wieder in Bewegung. Wir kehrten unter ausgelassenen Rufen und Gesängen zurück in den Eingangsbereich, eine Woge schwarz gekleideter Menschen, die unentwegt ihre Glückwünsche unter Lachen herausposaunten und ehe ich begriff, was eigentlich geschah, verließen wir das Gebäude und strömten auf den Vorplatz des alten jüdischen Viertels hinaus.

In der Zwischenzeit hatte man etwa in der Mitte des Vorplatzes einen Baldachin aufgebaut, ein hohes Zelt auf quadratischem Grundriss und mit offenen Seiten und unter diesem Baldachin entdeckte ich Micha und Menucha. 

Beide wirkten kreidebleich.

Die Menge verteilte sich, die lautstarken Rufe ebbten ab. Als schließlich so etwas wie Stille einkehrte, sah ich mich um, entdeckte Melli und winkte sie zu uns herüber.

„Wo seid ihr die ganze Zeit gewesen?“, fragte sie, als sie uns erreichte.

Sie wirkte ziemlich erleichtert, uns wieder gefunden zu haben.

„Wir haben den Ehevertrag ausgehandelt.“

„Ihr habt was?“

„Nicht wirklich ausgehandelt. Ich glaube, wir sind so etwas wie Zeugen gewesen. Aber alles lief auf Hebräisch ab.“

Eine lange Schar von Rabbinern trat nun an ein Mikrofon, das unter dem Baldachin stand. Micha und  Menucha blieben weiterhin unbeweglich auf ihrem Fleck und starrten ins Nichts.

Zuerst sprach ein Rabbiner aus Israel, danach ein Rabbiner aus den USA. Es sprachen Rabbiner aus Kanada und aus Österreich. Die ganze Welt schien dieser Hochzeit beizuwohnen, selbst zufällige Touristen, die in Richtung der Wiener Altstadt spazierten, hielten an und betrachteten verblüfft das Treiben. Ich nahm die Menge der Hochzeitsgäste in den Blick und schätzte, dass mehr als zweihundert Menschen an diesem Fest teilnehmen mussten.

Die Reden zogen sich währenddessen in die Länge.

„Die beiden sehen irgendwie ziemlich geschafft aus“, sagte ich.

„Das wäre ich auch, wenn ich seit Stunden nichts gegessen hätte“, erwiderte Melli.

„Sie haben nichts gegessen?“

„Seit gestern nicht.“

Als der letzte Rabbiner gesprochen hatte, traten die Mütter des Brautpaars unter den Baldachin. Sie hielten jeweils eine Kerze in ihren Händen und umkreisten ihre Kinder dreimal, bevor sie ihnen die Kerzen überreichten. Die Mütter wirkten glücklich. Sie lächelten.

Ich bin mir heute nicht mehr sicher, auf welche Weise die Zeremonie ihr Ende fand. Ich glaube mich noch an einen Kuss des Brautpaars zu erinnern, einen eher verschämten, zügigen Kuss und dann waren sie bereits unterwegs. 

Micha und Menucha stiegen eine Treppe hinab und dann sah ich sie auf einer Gasse. Sie drehten sich immer wieder zu uns um und lachten und dann liefen sie weiter, endlich allein, wie ich dachte, endlich erlöst von der Menge, die zurückgeblieben war und weiterhin in voller Lautstärke jubelte, die voller Glückwünsche war, völlig ausgelassen und fröhlich. Ich hatte niemals eine solch euphorische, ganz und gar in sich ruhende Gemeinschaft erlebt. Nichts trübte die Stimmung, was wahrscheinlich daran lag, dass noch kein Alkohol geflossen war.

„Wohin gehen sie jetzt?“, wollte André wissen.

„Sie essen erst einmal was“, erklärte Melli. „Die große Feier beginnt am Abend.“