Norwegen (2), 28. Mai

Der Zug schleppt sich in das Gebirge hinauf, folgt den Gleisen, die über die ersten Hügel in Richtung der schneebedeckten Gipfel führen, ohne sie aber jemals zu erreichen. Die Fahrt ist angenehm, fast ruhig, als würden wir uns nicht durch diese immer kantiger werdende Landschaft bewegen, auf die der Sommer scheinbar keinen Einfluss besitzt, ein Sommer, der am Bahnhof in Oslo noch zu fühlen war, die Luft warm, der Himmel blau und nur von wenigen, schwachweißen Wolken besetzt, die der auffrischende Wind in irgendeine Richtung spülte. Doch hier oben, im Gebirge, ist von diesem Sommer und der warmen Luft mit einem Mal nichts mehr zu spüren, als reisten wir nicht durch ein Land, sondern durch die Zeit, durch die Monate hindurch, bewegten uns zügig auf einen vergangenen oder zukünftigen Winter zu. 

Vor den Fenstern des kleinen Abteils (der Zug nach Bergen ist nicht besonders lang, dafür aber sind die Sitzplätze der einzelnen Abteile fast vollständig von Norwegern und Touristen in knallbunten Wanderoutfits besetzt) tauchen nach zwei Stunden die ersten Schneefelder auf, so hoch sind wir mittlerweile gelangt und diese Schneefelder haben mit der letzten Juliwoche nichts gemein. Vor den Bergkämmen im Hintergrund liegen flachere, komplett baumlose Bereiche, alles wirkt grau und dunkelgrün, die Felsen sind von Moos oder Flechten wie von dickem Filz überzogen und ragen hin und wieder aus eiskalten Bergseen auf, die viel kälter wirken als der grellweiße Schnee, eine echte, ins Mark ziehende Kälte, wie sie nur das Wasser besitzt.

Hin und wieder steht draußen in dieser leergeräumten Landschaft ein verlassenes Haus. Es scheint keine Wege zu geben, die zu diesem Haus oder von diesem Haus in Richtung einer Siedlung führten, als habe sich dort jemand von allem, besonders von den Menschen, losgesagt. Das Haus steht einfach nur inmitten einer feindlichen Kulisse, das Bergmassiv im Hintergrund wirkt fast obszön in seiner Riesenhaftigkeit und das Gebäude ähnelt einem schlechten Scherz. Es hat hier überhaupt nichts verloren, denke ich, es ist winzig, unbedeutend, kann der Landschaft, die mit Kälte und Wind auf es einstürmt, nichts entgegensetzen. Wäre es eine Hütte, die Wanderern bei schlechtem Wetter als Unterschlupf diente, machte das alles vielleicht Sinn, aber ein richtiges Haus in dieser vegetationslosen Zone deutet nur auf denjenigen, der sich über alle vernünftigen Gründe hinwegsetzte, um es trotzdem zu bauen. Ein Haus in dieser Landschaft baut man nur aus Trotz, sage ich mir, man baut es, weil die anderen nicht an einen Erfolg glauben und die Quoten auf Niederlage stehen und auf diese Weise gelangt man zu einem Holzhaus in zweitausend Metern Höhe, das für acht Wochen im Jahr einen schneefreien Ausblick bietet.

Der Zug setzt seine Fahrt ungerührt fort. Wir bringen einige Brücken und Schluchten hinter uns, gelangen ganz allmählich auf die Westseite des Gebirges und halten nun an kleineren Stationen. 

Die Touristengruppen, die im Hochgebirge einige Tage lang auf Wanderung gehen, steigen aus und das Abteil leert sich nach und nach. Neben den Norwegern bleibt noch eine deutsche Familie mit zwei Kindern zurück, die ebenso wie K und ich bis zur Endhaltestelle nach Bergen fahren. Aber ich tue so, als würde ich ihre Gespräche nicht verstehen. Ich versuche den Kontakt mit anderen Touristen um alles in der Welt zu vermeiden, als hinge davon mein Überleben ab, denn ich genieße die Anonymität. Keiner der anderen weiß, wer K und ich sind. Wir sind keine Norweger, das ist auf den ersten Blick zu erkennen, doch wo genau wir herkommen, kann niemand sagen und das beruhigt mich aus irgendeinem Grund ungemein.

Etwa eine Stunde vor unserem Ziel zieht sich der Himmel zu. Graue Wolkenbänder tauchen auf und fließen bis zum Horizont, so dass auch der letzte Rest des Sommers verschwindet. Die dunkelgrauen Wolken bilden eine Art Spalier, wobei zwischen ihnen hellere Bereiche liegen, so dass alles wie ein Wellenmuster erscheint, die Kämme allerdings dunkel sind und die Täler hell. Der graue Himmel wirkt plötzlich träge und schwerfällig, als erstarrte er, und wenige Augenblicke später gehen die Lichter im Abteil automatisch an. 

Wir erreichen die äußeren Viertel von Bergen in einem sintflutartigen Wolkenbruch. Hinter dem vom Regen überspülten Fenster ist die Stadt kaum zu erkennen, es bleiben nur Schemen und Silhouetten zurück, die an Gebäude und Straßenzüge erinnern und zwischen diesen Konturen machen sich machmal unscharfe Lichtkreise bemerkbar, die auf die Scheinwerfer eines Autos deuten. Alles wirkt, als würden wir in unserem Amphibienzug in eine lautlose Unterwasserstadt vordringen. Es gibt nur den Regen, der gegen die Zugfenster trommelt und K und ich packen schon einmal vorsorglich unsere wasserdichten Jacken aus, als über den Lautsprecher die Ansage ertönt, wir würden unsere Endhaltestelle in wenigen Minuten erreichen.

Eine Viertelstunde später stehen wir vor dem Haupteingang des Bahnhofs und sehen auf die nassen Straßen der Stadt. Es tröpfelt noch etwas, aber das Gewitter klingt ab. Selbst die Sonne blitzt durch einige Risse in den Wolken und ihr metallisches Licht bringt die zahllosen Pfützen auf dem Asphalt, die wie eine kleine Seenlandschaft wirken, in warmen Bronzetönen zum Glühen.

„Ich hoffe, wir haben in den nächsten Tagen besseres Wetter“, sage ich zu K.

„Das hoffe ich allerdings auch“, erwidert sie.

Keiner von uns weiß, dass Bergen zu den regenreichsten Städten in Nordeuropa gehört.

K läuft mit strahlendem Gesicht durch unsere Wohnung im Lille Markeveien, die wir für drei Tage über AirBnB gebucht haben. Die Wohnung ist teuer, liegt dafür aber im Herzen der Stadt, nur wenige Meter vom Hafen und dem alten Fischmarkt entfernt. Die Gasse, in der sich unser Haus befindet, wirkt wie aus einem Touristikkatalog entnommen, etwas Malerischeres kann man sich nur schwer vorstellen und K ist sofort hellauf begeistert.

„Endlich ist das Geld zu etwas nütze“, sagt sie und inspiziert, ohne zu ermüden, die kleinen Zimmer. Dann begutachtet sie enthusiastisch unsere Küche. Ich fummle währenddessen an einem Fenster im Wohnzimmer herum, bis ich den mir unbekannten Mechanismus endlich begreife und das Fenster zur Gasse hin aufstoße. Sofort dringt der Geruch des Regens zu mir und beginnt die Wohnung auszufüllen. 

Später spazieren wir durch die angrenzenden Straßen. Bergen ist hügelig und liegt in einer Art Talkessel. Wir bewundern die Sauberkeit der Stadt, was mich sofort ganz wahnsinnig macht, denn in solch einer Beobachtung glaube ich mein eigenes Spießertum zu erkennen, diesen unterschwelligen Hang zur Bürgerlichkeit, gegen den ich immer wieder fast zwanghaft ankämpfen muss. 

Das ist es also, was dir zuerst auffällt!, sage ich mir. Das darf doch nicht wahr sein! 

Doch die Sauberkeit einer Stadt, egal wo ich mich gerade befinde, springt mich zwangsläufig an. Auch in der Schweiz ist das der Fall. Ich trete auf den Bahnhofsvorplatz in Basel hinaus, sehe einen Obdachlosen auf dem wie geleckt erscheinenden Boden liegen, es ist ein Abend im September und der Obdachlose hat eine kleine, batteriebetriebene Halogenleuchte, mit der er in einem Buch liest, was mich ganz fassungslos macht, denn so etwas kann es natürlich nur in der Schweiz geben, einen Obdachlosen der am Abend vor dem Bahnhof mit einer transportablen Miniaturleuchte wahrscheinlich in Dürrenmatts Gesammelten Werken blättert oder Spenglers Untergang des Abendlands studiert, und sofort springt mir diese Sauberkeit ins Auge und macht mich verrückt, denn eigentlich müsste es mir total egal sein, wie sauber oder schmutzig Städte wie Basel oder Bergen sind, der Schmutz, sage ich mir aufbrausend und gegen meinen verkehrten Ordnungssinn rebellierend, ist ja wohl das loyalste Element, im Schmutz stecken Wahrheit und Authentizität und nicht in dieser aufgeräumten Fassadenwirklichkeit, die alles überpinselt, was dem oberflächlichen Bild von Ordnung im Wege steht und deshalb mit aller Macht verschwinden muss, damit am Ende jene Potemkinschen Dörfer entstehen, die das Unliebsame hinter toten Fassaden verstecken, ohne es aber dadurch auflösen zu können.

Dennoch aber lässt mich die Sauberkeit in Norwegen lange nicht los und als K und ich schließlich zufälligerweise auf einige Glascontainer stoßen, die uns wie hochwertige Stahlskulpturen skandinavischer Prägung im Kopfsteinpflaster eines kleinen Platzes entgegen sehen, verliere ich vollends die Fassung und muss mich in Richtung Nordsee abwenden, um nicht komplett die Nerven zu verlieren.

Auf dem alten Fischmarkt holt uns der Regen wieder ein. Da es mittlerweile Abend ist, sind die meisten Verkaufsbuden, an denen tagsüber frischer Fisch angeboten wird, schon geschlossen.

„Dort drüben ist die Markthalle“, erklärt K und schaut auf das Display ihres Handys. „Wir könnten dort etwas essen.“

Sie hat alle erwähnenswerten Restaurants der Stadt auf Google Maps markiert, aber wir sind noch immer etwas zurückhaltend, was unsere Ausgaben anbelangt. Eine so teure Wohnung wie im Lille Markeveien haben wir noch nie gebucht und auch der Mietwagen, mit dem wir die Küste in Richtung Norden hinauf fahren wollen, ist bislang nur angezahlt. 

Ich weiß, dass wir eigentlich nicht knausern müssten, weil wir beide genügend Geld gespart haben, um unseren Urlaub zu finanzieren, doch die Möglichkeit, am Ende unserer Reise für irgendeine Ausgabe, von der ich jetzt noch nichts ahne, nicht mehr aufkommen zu können, macht mich nervös. Den einzigen finanziellen Rat, den mir meine Eltern bei meinem Auszug mit auf den Weg gegeben haben, lief darauf hinaus, auf keinen Fall Schulden zu machen und daran halte ich mich eisern, als ginge es um mein Leben. Ich werde aus dieser Welt als Paradebeispiel für ein dispofreies Leben gehen. Die Berliner Sparkasse wird mir eine Bronzeplakette für den verantwortungsvollen Umgang mit kleineren, nicht der Rede werten Sparguthaben widmen. Und deshalb zerbreche ich mir über unsere Ausgaben im teuren Norwegen auch ständig den Kopf, was natürlich nur ein weiteres Zeichen für meinen spießerhaften Charakter ist.

Schließlich schlendern wir kurz durch die Markthalle, getrauen uns aber nirgendwo etwas zu kaufen. Nicht aus Knausrigkeit diesmal, sondern weil die Schlangen vor den einzelnen Ständen derart lang sind, das wir wieder nach draußen gehen, um uns in einem nahe gelegenen Supermarkt etwas zum Abendessen zu kaufen.

Am nächsten Morgen wachen wir in den Geräuschen des Regens auf. Vom Fenster aus erscheint es so, als läge ein Teil der Stadt im Nebel, doch es ist feiner und sehr dichter Regen, der in Schleiern auf den Hafen niedergeht.

Wir ziehen uns wasserdichte Klamotten über und plötzlich fühlt sich alles nach Herbst an.

„Wird es in Bergen eigentlich jemals warm?“, fragt K.

„Bestimmt“, antworte ich. „Vielleicht sind wir einfach etwas zu früh unterwegs. Sozusagen in der Vorsaison.“

„Aber es ist doch bald August!“

„Vielleicht sieht der Sommer hier einfach so aus.“

Wir laufen in Richtung Hügelkette, die über der Stadt thront, vorbei am Hafen und dem Fischmarkt, der an diesem Morgen von Menschen regelrecht überflutet ist. K besorgt sich in einer Bäckerei ein paar süße Stückchen, die Skoleboller heißen, voller Pudding sind und ziemlich gut schmecken.

Eine Seilbahn fährt zum Fløyen hinauf, aber das kommt für uns natürlich nicht in Frage, auch wenn sich K von der Bergbesteigung nicht gerade begeistert zeigt.

„Ist das nicht viel zu hoch?“

„Ach Quatsch, das ist nur ein kurzer Anstieg und dann haben wir eine super Aussicht auf die Stadt und den Hafen.“

„Aber die meisten fahren doch mit der Seilbahn.“

„Wir laufen!“

Der Weg hinauf zum Fløyberg ist steil, aber nicht besonders lang. Oben, auf einer Art Aussichtsplattform, warten viele Touristen und Gruppen und fotografieren die im Tal liegende Stadt mit der Nordsee im Rücken. 

K und ich tun so, als hätten wir dafür nichts übrig und bleiben nur kurz, um das Panorama zu bewundern. Dann beginnt es erneut zu regnen und wir verschwinden auf einem Wanderpfad, der über die waldbestandenen Gipfel führt.

Hier sind nur wenige Leute unterwegs. Der Waldboden ist nass und scheint das Wasser satt zu haben und wir folgen für einige Minuten einem gepflegten Kiesweg, der in unbestimmte Richtung führt. Das Prasseln des Regens, der sich auf unsichtbaren Pfaden durch das Laub arbeitet, folgt uns auf Schritt und Tritt. 

Etwa eine Stunde wandern wir so die Hügelkette entlang. Früher habe ich das Wandern gehasst und jetzt plötzlich finde ich es ganz wunderbar durch Regen und Wald zu stapfen. 

Während wir gehen, unterhalten wir uns über die Arbeit im Museum.

„Ich wünschte, wir könnten einfach aufhören“, sage ich.

„Um was zu tun?“

„Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht im Museum.“

„Lass uns nicht schon wieder über die Arbeit reden. Das verdirbt mir nur wieder den Tag.“

„Ja, diesen wunderschönen, verregneten Tag!“

Wir gelangen auf eine Art Lichtung mitten im Wald. Der Wanderweg schlängelt sich durch eine grasbewachsene Hügellandschaft, die an überdimensionierte Maulwurfshügel oder an Wikingergräber erinnert. 

„Fällt dir eigentlich auf, wie wir uns anhören?“, frage ich K und ziehe mir die Kapuze meiner Outdoorjacke wieder über den Kopf. Die Bäume boten vor den fallenden Tropfen Schutz und jetzt stehen wir erneut in diesem hauchfeinen Nieselregen, der Nebelschwaden gleicht.

„Wie hören wir uns denn deiner Meinung nach an?“, antwortet sie.

„Genau wie unsere Eltern.“

„Meine Eltern haben nie so viel gejammert.“

„Dann hören wir uns eben nicht wie unsere Eltern an. Wir klingen ganz einfach, als wären wir erwachsen und unterhalten uns ständig über die Arbeit. Gibt es überhaupt noch etwas anderes?“

Ich denke an Bouvart und Pécuchet von Flaubert, die ich auf der Reise lese.

„Vielleicht müssen wir aufs Land ziehen“, erkläre ich.

„Und was machen wir dort?“, fragt K, während wir eines der maßgeblichen Hügelgräber besteigen, um dahinter nur weiter hellgrüne Hügel zu entdecken.

„Woher soll ich das wissen?“

„Wir brauchen schon einen besseren Plan, als einfach aufs Land abzuhauen.“

„Warum?“

K sieht mich an.

„Wovon sollen wir leben?“

„Uns fällt schon etwas ein“, sage ich bestimmt, fühle aber, dass ich mich belüge. Ohne einen Plan würde ich weder meine Stelle kündigen noch aufs Land ziehen. Überhaupt ist der Gedanke an ein Leben auf dem Land nichts weiter als eine dumme Idee. Ich glaube selbst nicht, was ich sage. Ich glaube nicht an diesen Ausweg.

Wir laufen weiter und gelangen nach wenigen Minuten zurück in den Wald. Ich bin mir nicht sicher, ob K auf den Weg und die Markierungen achtet, die hin und wieder an manchen Gabelungen auf uns warten. Ich jedenfalls kümmere mich darum nicht und biege ab, wie es mir passt. Meistens wähle ich die linken Wege, fällt mir später auf.

„Und was machen wir auf dem Land?“, will K von mir wissen.

„Ich stelle Möbel her“, erkläre ich kurz entschlossen.

„Möbel?“

Ich nicke ernst.

„Schränke, Tische. Vielleicht ein paar Stühle.“

„Du hast noch nie etwas bei uns in der Wohnung gebaut. Und reparieren kannst du auch nichts.“

„So etwas lernt man. Dafür braucht man Zeit. Und eine Gelegenheit.“

„Ich will nicht plötzlich allein auf dem Land sein.“

„Warum denn nicht?“

Eigentlich habe ich die Lust an unserer Diskussion längst verloren und trete nur aus Prinzip noch für die von mir eingeschlagene Richtung ein.

„Ich will nicht eine Stunde unterwegs sein, um meine Freunde zu sehen“, erklärt K fast so, als wäre unser Umzug schon beschlossene Sache. 

„Also gut“, sage ich schließlich fest, während der Regen an Stärke gewinnt und die Nässe mein Gesicht überzieht. „Unser Leben auf dem Land ist hiermit Geschichte!“

Wir verbrachten eine Woche in Oslo und Bergen und fuhren dann mit unserem Mietwagen nach Norden. Ich kann die Strecke heute nur noch ungefähr anhand der Fotos rekonstruieren, die ich auf der Reise gemacht habe, Fotos, die in Arna entstanden und in Knarvik, in Alverstraumen, Furhovden und Ølve.

Es regnete die ganze Zeit. Der Regen fiel ununterbrochen, die Wolkendecke wurde vom stetigen Wind über den Himmel getrieben und riss nur selten für eine halbe Stunde auf. Dann standen wir in einem kleinen Dorf am Fjord unter den wärmenden Strahlen und sahen auf die unbewegte Wasserfläche, in der sich das Land am gegenüberliegenden Ufer spiegelte wie auf dunklem Glas. Nichts schien diese Fläche bewegen zu können, als gäbe es plötzlich keine Wellen mehr, das Wasser lag schwer und zum ersten Mal machte es für mich Sinn, in diesem Wasser nicht nur einen Spiegel zu erkennen, sondern eine auf den Kopf gestellte Welt von eigenem Rang.

Wir hielten an kleineren Lebensmittelgeschäften, K versuchte mit den Besitzern dieser Läden etwas Norwegisch zu sprechen, was mehr oder weniger gut gelang. Wir aßen ein Fischbrötchen an einer Art Pier, während ein junger, etwas übergewichtiger Typ in meinem Alter auf einem Gabelstapler saß und Europaletten im Lager des wahrscheinlich einzigen Lebensmittelladens im Ort verstaute. 

Ich beobachte ihn heimlich und fragte mich, ob er insgeheim etwas ganz anderes machen wollte, wie ein Leben in so einem kleinen norwegischen Dorf am Ende aussah. Was tat er am Abend? Ging er in eine Kneipe, stellte dort so etwas wie den Stammgast dar? Und wo steckten seine Freunde? Sicher waren die meisten abgewandert in die Städte im Süden, um dort eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Und er war als einziger zurückgeblieben und hatte wahrscheinlich einen der wenigen Jobs im Ort ergattert. Und jetzt fuhr er diesen Gabelstapler, wohnte vielleicht noch bei seinen Eltern und dachte nicht im Ansatz an einen Urlaub außerhalb Norwegens, für den er darüber hinaus wahrscheinlich auch nicht das Geld besaß.

Je länger ich ihn beobachtete, um so schuldiger fühlte ich mich. Ich fuhr mit K durch eines der teuersten Länder Europas, wir konnten uns Ferienwohnungen leisten und ein Mietauto, wir mussten längst nicht mehr in Zwölfmannzimmern in stinkigen Hostels campieren und hundertmal überlegen, ob wir uns etwas leisten konnten oder nicht. Wir waren vorsichtig, das schon, aber wir mussten nicht übervorsichtig sein. Am Ende, und das war der Unterschied, hatten wir die Mittel, um tun und lassen zu können, was wir wollten.

Die letzten eineinhalb Wochen verbrachten wir in zwei Ferienhäusern. Die Lage der Häuser war atemberaubend, wir blickten direkt auf eine Fjordlandschaft, allerdings hatte das erste Haus keinen Internetzugang.

Es sei außerdem ziemlich schwer zu finden, schrieb uns die Vermieterin per Mail, wir sollten sie einfach anrufen, sobald wir in der Nähe wären und das taten wir dann auch und plötzlich stand eine Frau in knallroter Regenjacke mitten auf der Landstraße und winkte uns zu.

Wir erreichten das tiefrot gestrichene Holzhaus über mehrere, an einem Felshang befestigte Metalltreppen, die hinab in Richtung Wasser führten. Die Unterkunft hatte alles zu bieten, eine große Küche, zwei Schlafzimmer und sogar eine kleine Sauna für zwei Personen. 

„Der nächste Supermarkt“, erklärte die Vermieterin, eine Frau Ende vierzig, die ziemlich bestimmt auftrat und sich durchzusetzen wusste, „ist eine Viertelstunde mit dem Auto entfernt. Aber ein Auto habt ihr ja, das sollte also kein Problem sein.“

Sie hatte uns eine Wanderkarte bereit gelegt und führte uns abschließend in die Benutzung der Küche und des Badezimmers ein. Das Wasser für Spüle und Dusche speiste sich aus zwei großen Regenauffangbecken. Waren diese leer, gab es auch kein Wasser. Das sollten wir im Hinterkopf behalten, denn sei das Wasser erst einmal aufgebraucht, wäre es das eben gewesen und wir müssten auf den nächsten Regen warten. Außerdem sollten wir, bevor wir abreisten, unbedingt den Abwasch erledigen und danach erst duschen. Eine Gruppe Spanier hätte zuerst geduscht und dann kein Wasser mehr für den letzten Abwasch vor der Abreise gehabt, weshalb sie unfreiwillig das Zimmermädchen hätte spielen müssen. Im Übrigen sei sie auf Spanier gerade nicht besonders gut zu sprechen. 

Wir nickten mit großen Augen und erklärten uns mit allem kleinlaut einverstanden.

„Hier sind die Hausschlüssel“, sagte sie. „Am Hang wachsen wilde Himbeeren, die könnt ihr bedenkenlos essen. Ach ja, es gibt kein Internet, aber das habt ihr sicher auf AirBnb gelesen.“

Natürlich hatten wir das, doch die Tragweite dieses Umstands ging uns erst am nächsten Abend nach einer Wanderung auf.

„Jetzt ein bisschen surfen, wäre schon nicht schlecht“, sagte K, während sie die DVD-Sammlung, die auf einem Brett über dem Fernseher stand, durchging. Der Fernseher hatte natürlich keinen Empfang.

Ich schaute von meinem Buch auf und versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass ich ebenso gern meine eingespielten Streifzüge auf Youtube unternommen hätte.

„Hast du Lust auf einen Film?“, fragte sie.

„Was gibt es denn?“, antwortete ich.

Eat Pray Love.

„Nur über meine Leiche.“

„Aber der ist schön!“

„Auf gar keinen Fall.“

K schnaufte.

Notting Hill?

„Was soll das denn sein?“

„Was Romantisches“, sagte sie mit strahlenden Augen. „Der ist wirklich gut und Hugh Grant spielt einen Buchhändler. Das ist doch was für dich.“

„Ich schaue nichts mit Hugh Grant.“

„Was soll das heißen?“

„Ich lehne Hugh Grant ganz einfach ab!“

Am Ende rettete uns eine Star-Trek-Staffel. Jeden Abend sah ich Captain Picard, der sich mit zahllosen interstellaren Problemen beschäftigte und in Aliens verliebte, die Menschen bis aufs Haar glichen, so dass es in jeglicher Beziehung keinerlei Überraschungen gab. 

Picard war stets bei der Sache und ziemlich intelligent. Die teils galaktischen Herausforderungen, mit denen ihn der Zufall oder ein Auftrag des Sternenkomitees oder wie auch immer seine Vereinigung hieß, konfrontierte, löste er nur in den seltensten Fällen mit Gewalt. Er agierte stattdessen überlegt, wägte ab, stellte das Musterbeispiel eines kompetenten und durchsetzungsstarken Anführers dar.

„Dieser Picard“, sagte ich. „Der hat es wieder mal allen gezeigt.“

K sah mich an.

„Musst du jedes Mal in die Schlussdialoge quatschen?“

„Aber es ist doch alles gesagt!“

Und schon ertönte die Melodie des Abspanns und die nächste Episode begann.

Das letzte Haus auf unserer Reise befand sich direkt am Wasser und gehörte zu einem weitläufigen Gehöft mit Bootshaus und neuer Villa auf einem Hügel.

Es sei ein Lotsenhaus, erklärte uns der Vermieter, der mich an einen Briten erinnerte. Er war komplett in moosgrünen Wachsklamotten und hohen Gummistiefeln gekleidet, nahm den Regen aber scheinbar nicht mehr wahr. Deshalb setzte er auch die Kapuze seiner Jacke nicht auf, als weise er die Macht, die das Wetter über seine Existenz besaß, nicht unfreundlich, aber doch mit stoischer Gelassenheit zurück.  

In diesem Haus habe bis zu seinem Tod ein Mann gelebt, erklärte er, der ortsunkundige Schiffe durch den Fjord gelotst hätte und zwar sein ganzes Leben lang. Aber heute sei das natürlich nicht mehr nötig.

Diese Erklärung beeindruckte mich sehr. Ich stellte mir einen Mann mit Pfeife vor, genau wie in den Romanen Vesaas und Hamsuns. Dieser Mann saß auf einer weiß gestrichenen Holzbank vor seinem Haus und beobachtete den Fjord. Anhand der Wolken sagte er das Wetter voraus, las an der Dunkelheit der Bergflanken die Windstärke ab. 

Das Haus war außen weiß gestrichen, innen beherrschten gelbe Wände die wenigen Räume. Das Wohnzimmer befand sich im Erdgeschoss und hatte einen kleinen Kamin, den wir sofort mit einigen Holzscheiten in Gang setzten. In einer Ecke bemerkte ich eine rot gestrichene Standuhr, die nicht mehr funktionierte, eine Landkarte Westnorwegens hing an der Wand. 

Ich sah mich im Wohnzimmer um, nachdem ich unsere Rucksäcke in die obere Etage gebracht hatte, in der sich zwei Schlafzimmer und ein schmales Bad befanden. 

„Das hier sieht wie ein Modem aus“, sagte ich und zeigte auf einen schwarzen Plastikkasten.

K stand augenblicklich an meiner Seite und begutachtete das Gerät.

„Das ist ein Modem!“, rief sie begeistert.

Über die Zugangsdaten auf der Rückseite wählten wir uns mit unseren Handys ein und konnten kaum glauben, endlich wieder online zu sein. Allerdings hielt die Freude nicht besonders lang an.

„Irgendwie lädt bei mir nichts mehr“, sagte K nach einer halben Stunde.

„Bei mir auch nicht.“

„Ist das Ding kaputt?“, fragte sie.

Einige Lichter blinkten auf der Vorderseite des Modems. Alles schien normal.

„Ich glaube, am Modem liegt es nicht, aber ich starte es trotzdem einmal neu.“

Aber auch dieser Versuch brachte keine Verbesserung unserer Lage.

„Es lädt einfach nichts!“, fluchte K.

In der Zwischenzeit hatte ich einen Zettel ausfindig gemacht, der in der Küche lag.

„Es gibt ein Datenvolumen“, erklärte ich.

K erwiderte erschüttert meinen Blick.

„Ich glaube, wir haben das Volumen schon aufgebraucht.“

„Das ganze?“

„So sieht es aus.“

In den folgenden Tagen fuhren wir in einige Dörfer der Gegend, besuchten ein Freilichtmuseum, in dem man ausgediente Segelschiffe restaurierte, hielten an alten Kirchen mit angrenzenden Friedhöfen, auf dem Menschen lagen, die bereits vor einhundert Jahren gestorben waren. Wir spazierten durch den Regen, doch das Wetter setzte uns allmählich zu und wir verbrachten mehr und mehr Zeit im Lotsenhaus.

An einem Nachmittag hielt es K nicht mehr aus, lief hinaus auf die Wiese, ohne sich ihre Jacke überzuziehen und rannte dort unter wilden Verwünschungen im Kreis, als lehne sie sich gegen Himmel und Erde auf.

„Wir hätten in Bergen oder in Oslo bleiben sollen!“, rief sie wütend, während ich mit meinem Telefon ein Video ihres Anfalls filmte. „Ich sterbe hier vor Langeweile! Wie kann es Anfang August noch pausenlos regnen!“

Wir flogen von Bergen aus nach Deutschland zurück. K hatte sich wieder beruhigt, die Stadt gab ihr Kraft und außerdem hatte sie einen Imbiss entdeckt, der Rentierbratwurst mit Preiselbeersoße verkaufte. 

Ich fühlte mich nicht bereit, wieder auf Arbeit zu erscheinen, aber auch auf unserer Reise durch den Norden war mir keine Lösung meines Problems eingefallen. Wir mussten ganz einfach zurück. Ich taugte nicht zum Lotsen, ich hatte die Zimmermänner beneidet, die mit den Schiffen im Freilichtmuseum beschäftigt gewesen waren, aber auch dafür eignete ich mich nicht.

Wofür eigne ich mich überhaupt?, dachte ich im Shuttlebus zum Flughafen. Vor den Scheiben des Busses war nichts zu erkennen, weder Antwort noch Hinweis, denn es regnete in Strömen.

Norwegen (1), 21. Mai

Bald liegen auch diese Zugfahrten hinter dir, denke ich und beobachte die Weinberge im grauen Licht, die wie immer verlassen sind. In diesen Bergen habe ich noch nie einen Menschen gesehen, als wüchsen die Reben dort ohne jede Einmischung vor sich hin, bedürften keinerlei Pflege und Beobachtung. Als habe man sie vergessen. Sie stehen im Licht, später stehen sie im Regen, der Verkehr fließt unablässig an den Flanken der Hügel entlang, bis ein Gewitter niedergeht und die Erde schwarz färbt, die hellen Blätter dunkelgrün, als bedeckte sie ein Schatten und ich plötzlich, während sich auf der Scheibe Quecksilberbäche bilden, an den Anfangssatz aus Hamsuns Pan denken muss. 

In den letzten Tagen dachte und dachte ich an des Nordlandsommers ewigen Tag. 

Den ewigen Tag. Dachte und dachte ich!

Könnte man doch heute noch so schreiben. 

Mit einer märchenhaften Wiederholung in der Satzmitte und diesem aus der Zeit gefallenen Rhythmus, der sich nicht mehr auf die gleiche Weise formulieren lässt. Wiederholt man ihn jetzt, als versuchte man Hamsuns Sprache im Jahr 2021 zu imitieren, wirkt er ein wenig antiquiert. Dieser erste Satz gehört in seine eigene Zeit und dort bleibt er auch, abgeschlossen hinter Glas, niemand kann mehr so schreiben und auf diese Weise an den Nordlandsommer denken, an des Nordlandsommers ewigen Tag, in Stein gemeißelten Genitiv.

Der Zug folgt dem Tal und dem Fluß, die wenigen Leute im Abteil sehen nach draußen oder auf die Displays ihrer Handys. Nur die Geräusche der Bahn sind zu hören, das tok tok, sobald wir über eine Weiche fahren, ein tok tok, das in Lars von Triers Europa eine schreckliche Präsenz gewinnt, da es auf das nahende Ende weist. Ich habe Max von Sydows Stimme im Ohr, die leise flüstert, and then you arrive in … Europa!, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es genau diese Worte sind, die er wählt, während die Schwellen und Weichen in einem fast einschläfernden Rhythmus metallisch schlagen und an so etwas wie eine Glocke oder einen Gong erinnern oder an das Gleichmaß von Wellen, die ein Schiff auf und ab bewegen. Nur an die Betonung des verheißungsvollen und grausamen Wortes Europa kann ich mich erinnern. Europa!, flüstert Max von Sydow, und nicht etwa Europe!, während das Licht des Zuges im Film auf nächtliche Schienen fällt und es ist immer deutlicher wird, dass in diesem Europa ein Abgrund auf jenen wartet, der den Zug bestiegen hat. Denn das Licht legt nur die Schienen bloß und nicht das Land ringsum, das völlig schwarz bleibt in seiner unheimlichen Finsternis.

Als ich nach Hause komme, ist K noch unterwegs. Ich lege meine Sachen ab, mache mir die Suppe von gestern Abend warm und klappe am Schreibtisch meinen Laptop auf, während Hamsuns Satz in mir weiter seine Kreise zieht.

Im Sommer 2017 war ich mit K zum ersten Mal gemeinsam unterwegs. Wir hatten uns ein halbes Jahr zuvor im Museum kennengelernt, in dem wir beide arbeiteten und wenige Monate später beschlossen wir, für zwei Wochen in den Urlaub nach Norwegen zu fliegen.

K war nach dem Abitur mit einer Freundin in Schweden gewesen, ich hatte bislang nur Dänemark auf Familienurlauben mit meinen Eltern und meiner Schwester während der Sommerferien kennengelernt, aber das war schon lange her. Nach Norwegen waren wir damals nie gelangt, sondern immer auf der dänischen Hauptinsel in einem Ferienhaus hängen geblieben. Nicht einmal nach Kopenhagen hatten wir es geschafft. 

Wir landeten in Oslo und fuhren mit der Metro in eines der äußeren Stadtviertel, in dem wir ein AirBnb angemietet hatten. Obwohl K und ich zum ersten Mal gemeinsam verreisten, gab es keine Verständigungsprobleme zwischen uns, als wären wir schon dutzende Male miteinander unterwegs gewesen. Wir lagen hier, wie in so vielem anderen auch, auf einer Wellenlänge und deshalb gab es keine Diskussionen. Nach dem Flug in unsere Wohnung zu fahren, um kurz auszuruhen und später das Viertel zu erkunden, darüber mussten wir uns nicht erst unterhalten, es stand einfach fest.

Die S-Bahn brauchte etwa eine halbe Stunde hinaus. In Oslo war es kühl, obwohl die letzte Juliwoche angebrochen war und die Sonne glänzend zwischen winzigen Wolken am blauen Himmel stand. Doch aus irgendeinem Grund wirkte sie hier im Norden schwach, besaß nicht die Energie, die sie im Süden hatte. 

Wir stiegen in einem Viertel am Rand der Stadt aus und sofort war uns klar, dass wir uns tatsächlich am Rand der Stadt befanden. Alles wirkte ausgesprochen ländlich und es hätte mich nicht gewundert, wenn weite Felder hinter dem nächsten Straßenzug aufgetaucht wären, was dann allerdings doch nicht geschah.

K lotste uns eine schmale Straße hinauf, wir brachten einen Hügel hinter uns, auf dem alte Vorortvillen ganz aus Holz gefertigt im Nachmittagslicht standen und als wir oben auf dem Hügel anlangten, bemerkte ich rechterhand ein modernes Schulgebäude mit der Bronzeskulptur eines Wildschweins vor dem Eingang.

„Stell dich mal vor das Schwein“, sagte ich zu K.

„Warum denn?“

„Für ein Foto natürlich!“

Sie lief hinüber, stellte sich neben das auf den Hinterläufen sitzende Schwein, was ich etwas eigenartig fand, denn dadurch erinnerte der Keiler eher an einen abgerichteten Hund, und legte dem Bronzetier einen Arm um den massiven Hals, um gleichzeitig einen Kuss anzudeuten.

Ich hatte mein Handy bereits im Anschlag und knipste ein Bild. Ein Jahr später sollte ich in Thailand eine exakte Kopie dieses Fotos schießen, nur dass der Keiler durch einen Miniaturdinosaurier ersetzt worden war und das Schulgebäude durch eine Bar am Strand von Kho Lanta.

Nachdem wir unsere Sachen in der Unterkunft abgelegt hatten, kauften wir in einem nahe gelegenen Supermarkt Brot, Bier, Würstchen und Senf, Gemüse und ein paar Äpfel, um möglichst wenig Geld auszugeben. Seit etwa einem Jahr hatten wir unsere ersten richtigen Jobs mit entsprechenden Gehältern, waren aber immer noch vorsichtig, weil wir unsere Ausgaben in Norwegen nur schlecht abschätzen konnten. Deshalb mieden wir erst einmal alle Restaurants in der Angst, gleich am Anfang des Urlaubs zu viel Geld auf einmal auszugeben und aßen in der kleinen Küche unserer Wohnung, während wir die nächsten Tage planten. 

In Oslo wollten wir nur über das Wochenende bleiben und dann mit dem Zug hinüber an die Westküste Norwegens, um uns Bergen anzusehen. Die Tickets hatten wir bereits Monate im Voraus gebucht. In Bergen würden wir uns ein Auto mieten, was für uns beide eine echte Premiere war, und uns dann auf den Weg in Richtung Norden machen, immer entlang an der Schärenküste und den Fjorden.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit der S-Bahn zurück in die Innenstadt. Die Sonne stand hoch und im Gegensatz zum zurückliegenden Tag war es plötzlich warm, genau wie im Sommer. Ich fühlte mich noch ebenso unruhig wie in Deutschland, als würde ich gleich zurück ins Büro pendeln, als stünde die Arbeit und nicht ein Ausflug an. Aber im leeren Abteil der S-Bahn, den Blick nach draußen gerichtet, begann sich meine Anspannung langsam zu legen.

Wir spazierten durch Oslos Zentrum und mieden instinktiv alle Sehenswürdigkeiten. Ich war ausgesprochen glücklich, dass K genauso wenig auf touristische Highlights Wert legte wie ich selbst, denn für das alles hatte ich überhaupt nichts übrig. Auch wenn ich wusste, dass ich mich äußerlich von den übrigen Touristen kaum unterschied, dass ich genauso wenig in Oslo heimisch war, die Geschwindigkeit der Stadt nicht kannte, mich deshalb zögerlich bewegte und nicht mit dieser flüssigen Selbstverständlichkeit, die den Bewohnern einer Stadt überhaupt nicht mehr auffiel, hielt ich dennoch an meinem Anderssein fest, das mich von den Touristengruppen zumindest innerlich unterscheiden musste. Ich wollte die Stadt auf andere Weise kennenlernen und diese Weise war der Verzicht auf das klassische Programm. Lieber saß ich den ganzen Vormittag in einem Park, um in einem Buch zu lesen und so zu tun, als täte ich das jeden Tag, als wäre ich bereits ein Teil der fremden Stadt. Dass ich dafür aber nicht erst eine Reise nach Norwegen hätte unternehmen müssen, ließ ich nicht gelten. Ich wollte auf eine etwas verschrobene Weise die beiden Wochen verbringen, die wir uns frei genommen hatten.

Da K und ich in Deutschland allerdings in einem Museum arbeiteten, konnten wir in Oslo nicht einfach bloß durch die Straßen und Parks spazieren, um später in einem Café die Zeit totzuschlagen. Unsere Kollegen würden nach unserer Rückkehr Fragen stellen, sie würden eine Liste von Museen parat haben und uns mit großen und irritierten Augen mustern, falls wir erklärten, wir hätten kein einziges Museum besucht. Mit schlechtem Gewissen machten wir uns deshalb zum Munch-Museum auf, in dem Karl Ove Knausgård damals gerade eine Ausstellung mit vielen Werken des norwegischen Malers kuratierte.

Wir liefen durch die Säle, hielten vor den Malereien an, ich las Knausgårds Zitate und fühlte mich sofort zurückversetzt in sein autobiographisches Projekt, diese sechs Bände, die in Deutschland nicht unter ihrem eigentlichen Titel – Mein Kampf – hatten erscheinen können. 

Knausgårds Bücher waren meine Rettung gewesen, bevor ich im Museum angefangen hatte zu arbeiten. Als ich sie durch einen bloßen Zufall entdeckte, lebte ich noch in Ludwigsburg und arbeitete als Volontär in einem Archiv, eine Arbeit, die ich bald schon hasste, obwohl ich mir anfangs monatelang einzureden versuchte, durch sie einen mir jahrelang verschlossenen Ort erreicht zu haben. Dieser Ort, dachte ich damals, sollte mir so etwas wie eine Ankunft ermöglichen, eine Ankunft, die den kurzen Abschnitt meines Lebens nach dem Studium und meinem Umzug nach Leipzig beendete. Ein Abschnitt, der von Unbeständigkeit und dem niemals verschwindenden Gefühl, an keinem Ort heimisch werden zu können, bestimmt gewesen war.

In den Büchern Knausgårds fand ich mich wieder oder vielmehr meine Erinnerung, meine Kindheit und Jugend, meine Träume und Sehnsüchte. In gewisser Weise blickte ich in diesen Texten auf ein Leben, das in Erfüllung gegangen war. 

Knausgårds Hemmungen, seine Schüchternheit und Selbstzweifel, seine Probleme mit den Mädchen, der große Traum vom Schreiben und die Frage, ob man für das Schreiben überhaupt geschaffen war, all das schien aus mir selbst zu stammen, ich erkannte mich in fast jedem Satz wieder, obwohl Knausgård zwanzig Jahre älter war als ich selbst. Es gab nur einen entscheidenden Unterschied, der mich von ihm trennte und das war der Erfolg. Der Erfolg eines trotz aller Widerstände geglückten Lebens, denn Knausgård hatte es geschafft und seine Zweifel besiegt. Er war ein Schriftsteller geworden, hatte mit seinem ersten Roman gleich einen wichtigen norwegischen Literaturpreis gewonnen, er hatte die Frau geheiratet, in die er sich während seines Literaturstudiums verliebte und weiter Bücher geschrieben, um schließlich mit seinem autobiographischen Projekt etwas nicht für möglich Gehaltenes zu schaffen, ein viele tausend Seiten umfassendes Werk, das derart authentisch wirkte, dass ich glaubte, die Verunsicherungen und Sehnsucht meiner Jugend in allen Einzelheiten erneut zu durchleben.

Ich las mich in seine Romane hinein und fand mich überall selbst. Es ist idiotisch, die Bücher als Spiegel zu gebrauchen, aber damals kam ich über diese Binsenweisheit nicht hinaus. Ebenso wenig kam ich über die Trennung hinaus. Während Knausgård seine Erfolge feierte und von der gesamten Welt als Autor bejubelt wurde, der am Puls der Zeit schrieb, blieb mein eigenes Schreiben weiterhin unsichtbar. Ich brachte kein Buch zustande und quälte mich, weil ich unfähig war. Ich sah, dass es einem gelang, der in so unendlich vielen Dingen fühlte wie ich selbst, ohne dass sich dadurch etwas für mich veränderte. Ich fuhr zur Arbeit, ich versuchte zu schreiben, ich hatte in Ludwigsburg nur einen Freund und war allein. An Mädchen war in dieser Zeit nicht einmal zu denken. Von meinen Träumen und Wünschen war ich so unendlich weit entfernt, dass ich mich kaum noch getraute, sie einem anderen gegenüber anzusprechen. Vielleicht war ich für das Schreiben einfach nicht gemacht. Vielleicht gab es etwas an mir, das ich nicht in der Lage war zu erkennen, eine Eigenheit, die meine Unfähigkeit verriet und die Knausgård entweder überwunden oder aber nie besessen hatte.

Im Museum in Oslo zogen mich weniger die Gemälde Edvard Munchs an als die Bilder jener Künstler, die einige Jahre vor dessen Durchbruch in Norwegen gemalt hatten.

Ich blieb vor einem Interieur Vilhelm Hammershøis stehen, einem fast leeren und weißen Raum, der gut in die großbürgerliche Vorstadtvilla gepasst haben würde, an der wir auf dem Weg zu unserer Unterkunft am Stadtrand Oslos vorbei gelaufen waren.

Wie auf einem Gemälde Pieter de Hoochs sah ich ein Zimmer mit einem Tisch und einem Stuhl, auf dem eine weibliche Rückenfigur in schwarzem Kleid saß. Vor diesem Tisch befand sich eine offene Tür, die den Blick auf einen Flur erlaubte. Die Wände des Flurs und des Zimmers waren weiß gestrichen und nur ein einziges Bild hing an einer Wand. Ansonsten blieb der Raum vollständig leer. Keine Regale, kein Sofa, kein Bett, nicht einmal ein weiterer Stuhl, den man an den Tisch gerückt hatte. Alles wirkte, als wäre diese Frau erst vor wenigen Stunden in das Haus eingezogen, als wäre sie am Morgen womöglich erst angekommen, um sich nun, gegen Mittag, für einige Minuten auf diesem weißen Holzstuhl auszuruhen, während das Licht (war es Frühling, war es Sommer?) am anderen Ende des Flurs über den Holzboden strich.

Da die Frau mit dem Rücken zum Betrachter saß, blieb es unmöglich zu sagen, was sie dachte oder fühlte. Ihr Kopf war leicht geneigt, an ihrem Nacken und ihrer Frisur ließ sich ablesen, dass sie jung sein musste. Vielleicht hatte sie die Dreißig noch nicht erreicht, vielleicht hatte sie gerade geheiratet und bezog nun mit ihrem Mann ein neues Haus, in dem sie eine Familie gründen würde. Vielleicht bezeichnete das Gemälde einen stillen Punkt, von dem aus ein Leben Gestalt annahm, das noch im Ungefähren lag. Ein Leben, von dem die junge Frau nichts ahnte, die so still, fast versunken, auf ihrem Stuhl am Tisch saß und auf etwas wartete.

Eigenartig war die Stille, die in diesem Gemälde herrschte. In Hammershøis Zimmer schien ein Gespräch ganz unmöglich zu sein. Vielleicht blieb selbst die Begegnung zwischen zwei Menschen in diesen Zimmern unmöglich, vielleicht gingen sich die schwarz gekleideten Figuren in den weißen Räumen aus dem Weg, verfehlten einander, schwiegen sich an, fragten sich, was sie eigentlich in einem solchen Haus verloren hatten.

Im Gegensatz zu Edward Hopper, der ebenso gern Innenräume zeigte, um die Einsamkeit und Sehnsucht seinen Figuren offen und unmissverständlich ins Gesicht zu legen, trat Hammershøi in gewisser Weise seinen Charakteren nicht zu nahe. Er zog sich zurück, wahrte die Integrität seiner Figuren, zeigte distanziert ihren Rücken, gab ihre Innenwelt dem Betrachter nicht preis. Die Gesichter blieben dadurch unkenntlich. Das, was sie dachten oder fühlten, lag im Dunkeln. Merkwürdigerweise aber erschien mir die junge Frau damals im Munch-Museum, deren Gesicht ich nicht erkennen konnte, tausendmal verletzlicher und verlassener als alle Figuren, die Hopper jemals auf die Leinwand gebracht hatte. Diese junge Frau im schwarzen Kleid saß allein, unüberwindbar allein. Es war unmöglich, zu ihr zu gelangen und ein Wort an sie zu richten. Sie war die fleischgewordene Einsamkeit.

Nach dem Munch-Museum spazierten wir durch den Botanischen Garten, vorbei am Palmenhaus, das mich an Berlin erinnerte, und lagen dann für eine Weile müde auf einer Wiese herum.

Neben Hammershøis Interieur war mir noch ein Gemälde Niels Bjerres im Gedächtnis geblieben, das eine kleine Gruppe von Menschen außerhalb einer Kirche zeigte. Vielleicht stellte das Gemälde eine Trauergemeinde dar, vielleicht nur Menschen nach dem sonntäglichen Gottesdienst in bestem Staat, schwarze Anzüge mit Hut, obwohl es sich um Bauern, Handwerker und Kaufleute handeln musste. 

Die Einfachheit des Bildes faszinierte mich. Wieder gab es da diese Stille. Eine Stille, als stünden die Menschen immer am Rand der Sprachlosigkeit und gelangten nur unter höchsten Anstrengungen zum jeweils anderen hinüber.

„Und?“, fragte ich K, die auf der Wiese lag. „Fühlst du dich schon, als wären wir im Urlaub?“

„Ich bin noch so angespannt, als könnte mich in jeder Sekunde jemand anrufen“, sagte sie.

„Wahrscheinlich brauchen wir ein paar Tage, um runter zu kommen.“

K wälzte sich im Gras, ohne etwas zu erwidern und ich spürte, dass sie das Thema wechseln wollte. Sie sprach ungern über die Arbeit, besonders an unseren freien Tagen, denn sie bekämpfte ihre Nervosität fast krampfhaft, indem sie jeden Gedanken an das Museum verdrängte. Sprach man es zufällig an, konnte es ihr auf einen Schlag die Stimmung und den ganzen Tag verderben.

Ich fragte mich, ob uns die kleine Gemeinde auf Bjerres Gemälde verstanden hätte. Auch sie hatten Sorgen gekannt, Sorgen, die derart klar zu Tage lagen, als wären sie auf diese Gesichter geschrieben. Hunger, Arbeitslosigkeit und Krankheit. Ein hartes Leben, das für uns der Hölle glich, für sie aber nichts anderes gewesen war als ein gottgegebenes Los, das man aus irgendeinem Grund gezogen hatte, ohne nach dem Grund der Mühsal fragen zu dürfen, so wie jeder andere auch, den man kannte und am Sonntag in der Kirche traf.

Hätten diese Menschen über unsere Sorgen gelächelt? Über eine Arbeit, deren Nutzen ihnen völlig unverständlich geblieben wäre, die Arbeit in einem Museum? Hätten sie nicht den Kopf geschüttelt über uns, die wir versuchten zu erklären, wie sehr uns die Stunden im Museum zermürbten, da man nur selten an einer Sache arbeitete und den Großteil der Zeit mit den Befindlichkeiten seiner Kollegen und Vorgesetzten verbrachte? Dass die Kunst eigentlich keine Rolle in einem Museum spielte, so wenig wie die Literatur in jenem Archiv, in dem ich gearbeitet hatte? 

Die kleine Gruppe auf Bjerres Bild hätte uns verständnislos angesehen. Ihre Sorgen waren mit Händen zu greifen. Sie standen auf einem Feld oder sie fuhren mit einem Fischerboot bei schlechtem Wetter hinaus, um am Abend mit magerem Fang zurückzukehren. Niemand wurde alt. Das Alter besaß noch eine mythische Qualität wie in den Büchern des Alten Testaments. Im Alter lag Weisheit, die auf keinem anderen Wege zu erreichen war. 

„Wann geht unser Zug nach Bergen?“, fragte ich K gedankenverloren.

„Erst gegen zwölf“, antwortete sie. „Wir können uns Morgen also Zeit lassen und ausschlafen.“ 

Dienstag, 18. Mai

Plötzlich geht doch alles sehr schnell. Ich reiche meine Kündigung im Museum ein, denn am Freitag habe ich die Zusage für eine neue Stelle an der Unibibliothek erhalten. Am ersten Juli werde ich anfangen, ich werde nicht mehr nach Mainz pendeln müssen, die abstrusen Fahrpläne und Zugausfälle der Bahn werden hinter mir liegen, meine Wutanfälle werden hinter mir liegen, wenn sich ein Zug wieder einmal um eine halbe Stunde verspätet oder ganz gestrichen wird. Ich werde nicht mehr eineinhalb Stunden bis zur Arbeit brauchen und gegen acht Uhr abends erst wieder zu Hause sein und ich werde das Museum nicht vermissen, nicht eine Spur. Es wird sofort aus meinen Gedanken verschwinden, nachdem ich meine Sachen am letzten Tag, irgendwann Mitte Juni, gepackt und mich von allen verabschiedet haben werde.

Achtzehn Monate habe ich im Museum gearbeitet und morgens und abends im Zug geschrieben. In diesen achtzehn Monaten habe ich zwei Romane abgeschlossen, einer davon ist komplett fertig, hat aber noch keinen Verlag, der zweite ist mir nicht gelungen, aber das ist kein Problem. Bevor ich mit dem Lektorat der Gärten in der Wildnis begann, schrieb ich an einem dritten Roman, der in Mexiko spielt und dem die Schlusskapitel fehlen. Ich bin im letzten Viertel angelangt, meine Handlungsskizze auf gelbem Papier liegt irgendwo auf meinem Schreibtisch, doch ich hatte keine Zeit, das Buch zu beenden. Ich musste ins Museum fahren, ich musste an der lektorierten Fassung der Gärten arbeiten, eigentlich stand auch noch das Exposé des zweiten Romans auf dem Plan und dieses Exposé kostet mehr Nerven und Zeit als jedes Buch. Außerdem schrieb ich am Jahr der Fahnen, auch das war ein Projekt, das ich nicht vernachlässigen durfte, eines dieser Experimente, die man auf sich nimmt, ohne zu wissen, was sie alles für Verpflichtungen nach sich ziehen. Anfangs habe ich mir mantraartig eingeflüstert, nur dann zu schreiben, wenn ich wirklich schreiben will und muss, aber das möchte ich ja die ganze Zeit. Glücklicherweise besteht das Jahr der Fahnen aus kurzen Episoden, ich halte also keinen komplizierten roten Faden in der Hand, den man schnell verliert, wobei ich für einen solchen Faden auch überhaupt nicht geschaffen bin. Ein Buch wie Rayuela zum Beispiel oder Perecs Gebrauchsanweisung brächte ich niemals zustande. Das Jahr der Fahnen ist im Vergleich zu allem anderen fast so etwas wie Erholung. 

Nebenbei noch meine Mexikogeschichte zu einem Ende zu bringen, war deshalb völlig ausgeschlossen. Allerdings weiß ich auch, dass ich mir die letzten Kapitel ohne Probleme später wieder vornehmen kann. Ich habe den Schlussabschnitt bereits im Kopf, ich sehe den alten Ortega vor mir, ich weiß, was er in seiner Wüste in der Hütte tragen wird und was er auf seiner altersschwachen Schreibmaschine tippt, sobald die vier Freunde, drei Europäer und ein Mexikaner, ihn, den Totgesagten, der in den ersten Kapiteln bereits beerdigt werden soll, endlich erreichen. 

Am Donnerstag haben K und ich unsere erste Impfung erhalten. Wir leben in einem Problembezirk, zumindest laut der Stadtverwaltung, und als Bewohner eines solchen Bezirks hat uns die Gnade einer frühen Impfung erreicht. Sechs Stunden standen wir für die Spritze an, dann klärte uns ein Arzt im Vollschutz über irgendetwas auf, das ich nicht verstand, denn er trug nicht bloß eine Maske, sondern saß für seine Belehrung auch hinter einer schalldämpfenden Plexiglasscheibe. Wir haben zu allem genickt und seine einzige verständliche Frage, weshalb wir gegen Gelbfieber und Tollwut geimpft seien, mit einem Lächeln quittiert, das ihn nicht schlauer gemacht haben dürfte, allerdings fragte er auch nicht weiter nach. Dann konnten wir endlich die Spritze empfangen, von der so vieles mit einem Mal abhängt. In den Urlaub fahren oder nicht, sich mit mehreren Freunden treffen oder nicht, auf der Intensivstation landen oder nicht. 

Im angrenzenden Saal warten wir für eine Viertelstunde noch auf einen möglichen anaphylaktischen Schock, was mich ziemlich nervös werden lässt. Das liegt weniger am Schock als an der Vorstellung, vor allen anderen plötzlich umzukippen und damit die gesamte Aufmerksamkeit des Saals auf mich zu ziehen. Lieber röchle ich still und heimlich vor mich hin und gebe den Geist auf, als irgendwelche Umstände zu machen. Keinesfalls möchte ich aus dem Raster des Normalen fallen, denn sobald man aus diesem Raster fällt, wird man sichtbar für die anderen.

Am Ende verläuft alles ohne Probleme. Ein paar ältere Leute liegen am Rand des Saals auf bereitgestellten Bänken, offensichtlich vertrugen sie das lange Warten weniger gut als wir. Später fällt mir auf, dass ich noch nie Bedenken wegen einer Impfung hatte und erst in den letzten Tagen Angst vor Nebenwirkungen bekomme. Vor drei Jahren habe ich mir alle zwei Wochen irgendwelche Impfungen abgeholt, eine Tetanusauffrischung, Hepatitis, Tollwut, Gelbfieber, alles für die lange Reise, ohne dass mich auch nur im Ansatz interessierte, wer für die Herstellung und möglichen Nebenwirkungen dieser Stoffe verantwortlich war. Und jetzt plötzlich macht man sich über all das Gedanken und ist froh, Moderna statt AstraZeneca in den Arm gespritzt zu bekommen. Der totale Irrsinn.

Am Wochenende sehe ich mir Daguerreotypen von Agnès Varda auf Mubi an. Anfangs bin ich etwas genervt und weiß nicht, ob ich eine Dokumentation mit Untertiteln und wenig Handlung aushalten werde, als aber ein sentimentaler Friseur auftritt, der sich über die möglichen, allerdings nie umgesetzten Verläufe seines Lebens Gedanken macht, bin ich froh, bis zum Ende dabei geblieben zu sein. 

Vardas Film stammt aus den Siebzigern und ist in Farbe gedreht, die meisten Protagonisten sind allerdings um 1910 geboren und somit längst tot. Fast alle Gesichter in diesem Film sind tot. Die Kinder sind jetzt um die fünfzig, die Alten nicht mehr da. Zwischen den Schauspielern in noch älteren Schwarzweißfilmen existiert eine greifbare Trennung, sie scheinen nicht wirklich in der gleichen Welt zu leben, in der man sich bewegt, denn ihre Welt ist schwarzweiß und dieses Schwarzweiß schiebt sie ein Stückweit in das Irreale hinaus. Die Menschen in Farbfilmen wirken vertrauter, aber auch für sie läuft die Zeit unaufhaltsam ab. Die Jahre vergehen so schnell, die Rue Daguerre in Paris, in der Vardas Film spielt, verändert sich unaufhaltsam und plötzlich sind all die vertrauten Menschen verschwunden, ohne eine Lücke zu hinterlassen, denn in ihren Wohnungen und in den Geschäften, die sie führten, haben Menschen, die nur wenige Jahrzehnte jünger sind, ihre Plätze eingenommen und schauen nun genauso wie der sentimentale Friseur durch die Schaufenster nach draußen, um sich zu fragen, was nicht alles möglich gewesen wäre, was man nicht alles hätte tun und sagen können. An welchem Leben man aus purem Zufall vorbeigelaufen ist.

Ich gehe hinaus. Die Straße riecht nach Regen und die Häuser sehen nach Regen aus. Der Himmel ist eine plane, raue Fläche, die sich über das quadratische Muster der Innenstadt schiebt, ohne einen Anfang und ein Ende zu besitzen. Ich laufe in Richtung Fluss, etwas anderes fällt mir nicht ein. Dort warte ich eine halbe Stunde vergeblich auf ein Lastschiff, bis ich wieder umkehre und die Treppen hinauf zur Straße nehme. Ich bin ruhelos, weiß aber nicht, weshalb und beschließe, mich morgen darum zu kümmern. Alles hat seine Zeit, sage ich mir. Die Unruhe, die neue Arbeit, das Schreiben. Alles holt dich irgendwann ein, fordert eine Handlung, zumindest deine Aufmerksamkeit heraus. Als ich die Tür hinter mir ins Schloss ziehe, liegt die Wohnung so still, als sei jede Erinnerung an mich während meines kurzen Spaziergangs abhanden gekommen. Als hätte mich alles vergessen, die Zimmer, die Möbel, meine Bücher, selbst der Tisch, an den ich mich wieder setze.

Regen, Sonntag, 16. Mai

Es regnet seit Tagen. Zwischen den Schauern taucht die Sonne auf und erinnert daran, dass die ersten Wochen im Mai bereits vergangen sind. Als ich am Fluss spazieren gehe, sitzen überall Angler in dunkelgrünen Regenklamotten. Einige haben drei oder vier Ruten ausgelegt und sich vorausschauend unter die Brücken gesetzt, denn der nächste Regenschauer kommt bestimmt. Ich frage mich im Vorbeigehen, ob die Angler jemals etwas fangen oder ob ihre Anwesenheit am Fluss bloßes Theater ist, denn ich habe niemals einen dieser Männer aufgeregt an seinen Geräten herumfummeln sehen, nie halten sie einen eben erst gefangenen Fisch in den Händen. Egal, wo und wann ich auf sie treffe, sie sitzen stets in einem Campingstuhl, betrachten das Wasser, als läsen sie dort etwas ab, das allen Nichtanglern entgeht, und strömen eine geheimnisvolle Seelenruhe aus, die mich misstrauisch macht. So gelassen kann ein Fluss und die Aussicht auf einen Fisch am Ende nicht sein, denke ich und laufe weiter bis zur Schleuse, um mich dort auf eine Treppe zu setzen, die nach unten zum Wasser führt. 

Ich schlage den dritten Band von Tove Ditlevsens Kopenhagen-Trilogie auf und lese über ihre Drogensucht. Es kommt mir eigenartig vor, dass Leute wie Burroughs zur selben Zeit in einem ganz anderen Land die Drogen ausprobieren, so wie Ditlevsen das tut, aber keiner etwas vom anderen weiß. 

Hin und wieder tauchen Spaziergänger in meiner Nähe auf, einige haben Hunde dabei. Ich drehe mich nicht nach ihnen um, sondern bleibe auf meiner Treppenstufe sitzen, verharre in meiner eigenen, stillen Zone, ohne mich von den anderen stören zu lassen. Sobald die Wolken für einige Minuten aufreißen, muss ich meine Augen zusammenkneifen, um mich vor der auf dem weißen Papier reflektierenden Sonne zu schützen.

Das Wasser erzeugt keinen Laut. 

Es weht ein kühler Wind. 

Ruderer ziehen auf dem Fluss an mir vorbei, wie immer so, dass sie unmöglich erkennen können, auf welches Ziel sie sich zubewegen. Eigenartigerweise, überlege ich, gleichen sie damit Walter Benjamins Engel der Geschichte. Das Rudern bleibt wahrscheinlich der einzige Sport, bei dem man jenen Punkt im Blick behält, von dem man sich unweigerlich entfernt. Allerdings ist das sicher auch alles, was das Rudern mit Benjamins Engel verbindet.

Am gegenüberliegenden Ufer leert ein Mann eine Plastiktüte mit altem Brot klatschend in das Wasser, obwohl kein einziger Vogel in der Nähe ist. Für einen Moment scheint er abzuwarten und sich über das Ausbleiben der Schwäne und Enten zu wundern, doch dann bemerkt er mich auf meiner Treppe, wird unsicher und verschwindet. 

Vielleicht war das seine einzige Beschäftigung an diesem Tag, denke ich. Vielleicht hat dieser Mann die ganze Woche über Brot gesammelt und sich auf untreu gewordene Schwäne und Enten gefreut. Unverrichteter Dinge zieht er jetzt ab, die Wohnung wartet, die neue Woche wartet, es wird wieder Brot geben, das alt wird und hart und sich im hohen Bogen Wasservögeln an den Kopf werfen lässt.

Einige Minuten später läuft ein altersschwacher Hund mit braunem Fell an mir vorbei und beginnt lautstark aus dem Wasser zu trinken. Hunde besitzen starke Mägen, sie halten einiges aus. Als er seinen Durst gestillt hat, dreht er sich um und sieht mich fragend an. Ich erwidere seinen Blick, versuche ein stummes Einverständnis zwischen Tier und Mensch von seinen Augen abzulesen, bis sich die schwarze Nasenspitze prüfend bewegt und er wieder im hohen Ufergras verschwindet. Ich schaue mich nach einem Besitzer um, entdecke aber keinen Menschen in meiner Nähe.

Auf dem Rückweg steht die Sonne ununterbrochen über der Uferwiese und heizt die Luft derart auf, dass ich meine Regenjacke ausziehen muss. Im hinteren Teil des Ufers, noch auf Höhe der Schleuse, steht das wilde Gras hüfthoch, darunter viel angewehtes Getreide, das der Wind in rollende Wellen verwandelt. Die Ähren glänzen silbern und erinnern mich an Samt, an das Grau von Weidenkätzchen. Es würde mich nicht wundern, wenn zahllose Hunde durch das hüfthohe Gras hetzten, ohne dass man davon etwas mitbekäme. Sie buddelten Löcher, lebten in verzweigten Höhlen und in der Nacht kämen sie manchmal an die kalte Luft, um den Mond anzuheulen.

Dann spüre ich einen Tropfen auf meiner Stirn und sehe hinauf in Richtung Himmel, als mich ein zweiter Tropfen erwischt. Ich ziehe meine rote Regenjacke wieder an und nach fünf oder sechs Metern laufe ich bereits durch dichten Regen. Unter der Brücke erwarten mich die Angler genauso unbeweglich und mit sphinxhaften Gesichtern wie vor einer Dreiviertelstunde. Die Sonne, der Regen, der Mann mit seinem Brot und die unsichtbaren Hunde, die Angler wussten von Beginn an Bescheid und haben für das Muster der Dinge nur ein müdes Lächeln übrig.

Berlin (letztes Zimmer), 14. Mai

Über das Wochenende fahren wir zu Ks Eltern und schlafen in einem Teil des Wohnzimmers, der sich mit einem Vorhang abtrennen lässt. Die Wohnung liegt in der ersten Etage, besitzt allerdings einen Garten auf der von der Straße abgewandten Seite, einen Garten, der höher liegt als das Erdgeschoss und auch über einige Treppenstufen gleich neben der Haustür zu erreichen ist. Man nimmt die wenigen Stufen, biegt in einen schmalen Gang, den das Wohnhaus auf der rechten und der Zaun des Nachbargrundstücks auf der linken Seite begrenzen, und landet schließlich vor einem blauen Tor. Dieses Tor ist immer abgeschlossen, denn nur Ks Eltern haben Zutritt zum Garten, an dessen Rändern hohe Hecken wachsen. Allerdings betritt man das Grundstück normalerweise nicht auf diesem Weg, sondern über eine mannshohe Schiebetür, ein großes Quadrat aus Glas, welches das Wohnzimmer mit dem Garten verbindet.

Der Garten muss ein Neidobjekt für alle anderen Mieter sein, denke ich. Die übrigen Wohnungen in der zweiten und dritten Etage besitzen ausladende Balkone, aber ein Balkon ist mit einem Garten natürlich überhaupt nicht zu vergleichen. Egal wie aufwändig man einen Balkon auch herzurichten versucht, egal wie viele Blumentöpfe und exotische Pflanzen man zusammenträgt, am Ende bleibt doch alles eine eher traurige Angelegenheit und reicht an das, was man nachbilden möchte, nicht heran, einen Garten nämlich.

Es gibt Beete voller Tulpen mit roten Kelchen, die Wiese ist von Gänseblümchen übersät, die Erde in den hohen Blumenkübeln mit Brennnesseln bedeckt, die gegen Schädlinge schützen. Vergissmeinnicht wächst in der Sonne und an einem Erdbeerstrauch hängen die ersten Früchte, die eigentlich Nüsse sind, aber wer denkt im Alltagsverkehr schon an eine Nuss, wenn er an eine Erdbeere denkt.

Ich darf eine der Beeren pflücken und halte sie fachmännisch unter meine Nase, als würde ich die Güte des Naturprodukts prüfen.

„Die riecht ja richtig nach Erdbeere“, sage ich.

Ich beiße die Hälfte der ziemlich großen Beere ab und stelle fest, dass sie auch ausgesprochen intensiv nach Erdbeere schmeckt. Hat man sich erst einmal an Supermarktfrüchte gewöhnt, stellt die Begegnung mit einer tatsächlichen Frucht stets so etwas wie ein religiöses Erlebnis dar, das einem blitzartig das falsche Bewusstsein offenbart, mit dem man sich jahrelang der Welt der Früchte angenähert hat.

Ich laufe über die Wiese, sehe mir das Trampolin an, das Ks Eltern für die Enkelkinder aufgestellt haben, sehe die alte Zwetschge, den Apfelbaum und schließlich jene Skulptur aus Speckstein, die K vor fünfzehn Jahren im Kunstunterricht angefertigt hat – das unverwechselbare Gesicht aus Munchs Der Schrei mit dem Titel Exclamatio auf der Plinthe, der mich etwas irritiert, denn ich frage mich, ob Ks Kunstlehrerin vor fast zwei Jahrzehnten möglicherweise eine Verbindung zwischen Lessing und den norwegischen Maler herzustellen versuchte. Dann beobachte ich ein paar Bienen, die torkelnd das Vergissmeinnicht umschwirren und, sobald sie ihre pollenbeschwerten Körper auf den blauen Landezonen niederlassen, die gesamte Pflanze in Richtung Boden drücken.

Heute ist ein schöner Tag. Die Luft ist mild und die wenigen Wolken über uns lösen sich sehr schnell auf. Man läuft im Garten herum, schaut nach oben, da ist eine Wolke, dann setzt man sich auf einen der Gartenstühle und schon ist die Wolke über dir spurlos verschwunden.

Ein unsichtbarer Rasensprenger läuft in einem der angrenzenden Gärten und füllt mit seinem abgehackten Staccato den Nachmittag aus. Ich frage mich, wie viel Wasser dieser unsichtbare Garten verträgt und ob seine ebenso unsichtbaren Besitzer möglicherweise einen Wüstenabschnitt bewässern, ein Grundstück, in dem ein einzigartiges Mikroklima herrscht, das besondere Aufmerksamkeit verdient.

Hin und wieder setzt sich auch das hölzerne Windspiel in Gang und schlägt einige Takte. Dumpf, hell, ein träger Wechsel der Töne, die Klangfarben sind dabei ganz unterschiedlich, doch es entsteht keine Melodie. Eher eine verlorene Abfolge unverbundener Klopfgeräusche. Das Spiel dreht sich im Wind um sich selbst, der Klöppel führt ein Eigenleben und die verschieden langen Röhren aus Holz pendeln schwerelos, schlagen aneinander, schwingen von einer zur anderen Seite, immer im Wechsel, bis der Wind an Kraft verliert.

Vom Wohnzimmer aus bekommt man den Großteil des Gartens in den Blick und sieht den Apfelbaum.

Von einem Zimmer aus einen Baum betrachten zu können, besonders einen Baum, der sehr nah an der Hauswand wächst und sich aus diesem Grund gut beobachten lässt, ist ein nicht zu unterschätzendes Glück. 

Als ich unsere WG in der Danziger Straße am Ende meines Studiums verließ, um in meine erste, eigene Wohnung in der Heinz-Kapelle-Straße zu ziehen, war es ein solcher Baum, den ich gleich beim Eintreten in die Dachgeschosswohnung hinter den Fenstern entdeckte, ein riesiger, alter Ahorn, der vor der Brandmauer des gegenüberliegenden Gebäudes wuchs. 

Ich unterbrach den Vortrag der Maklerin, die mich an eine Exfreundin meines Onkels erinnerte, eine füllige Frau Mitte dreißig mit blonden Haaren und undefinierbarer Kleidung und sagte, dass ich die Wohnung nehmen würde.

„Aber sie haben doch erst den Flur gesehen“, antwortete sie.

„Die Tür zum Zimmer steht offen“, erklärte ich, fühlte mich aber dennoch ertappt und meine Befähigung zur Bewertung von Mietwohnungen klar in Frage gestellt. Bis heute geben mir Makler das Gefühl, stets die wirklich wichtigen Details zu übersehen, die über die Güte eine Wohnung entscheiden und mich damit als hilfloser Amateur zu erkennen zu geben, den man am Ende spielend über den Tisch ziehen kann. 

Ein paar Minuten später standen wir in der Küche, einem quadratischen Raum mit einem Fenster, einer Spüle und einem Herd.

„Einer unserer Mieter hat sich einen Flachbildschirm in die Küche montiert“, sagte sie und zeigte auf die dem Fenster gegenüberliegende Wand.

Irgendetwas Trostloses lag in dieser Bemerkung, die mir wahrscheinlich die Vorzüge der Wohnung vor Augen führen sollte, in mir aber nur das Bild eines Mannes jenseits der Vierzig wachrief, der allein in einer winzigen Einraumwohnung lebte und, da er unter Platzmangel litt, seinen Fernseher in der Küche unterbringen musste. Dort starrte er auf den Bildschirm, den durch das Fenster fallenden Hinterhof im Rücken, ohne von der Außenwelt etwas mitzubekommen.

„Ich habe keinen Fernseher“, sagte ich, was eine dumme Antwort war, denn wie sollte ein anderer schon auf einen solchen Satz reagieren? Damals dachte ich wahrscheinlich, mein Anderssein durch eine derartige Bemerkung herauszustellen, doch vom verwunderten Blick der Frau las ich nichts weiter ab als die Irritation über einen verschrobenen Fünfundzwanzigjährigen, der vielleicht noch ein Student war, vielleicht aber auch nicht.

Ohne die Bürgschaft meiner Eltern hätte ich die Wohnung damals nicht bekommen. Sie war bezahlbar, ich konnte sie mit meinem Nebenjob im Buchladen finanzieren, aber die Kaution blieb dennoch zu hoch.

Als ich die Zusage schließlich erhielt, war ich gerade auf der Greifswalder Straße unterwegs, brachte eine Kreuzung hinter mich und bog auf die Danziger Straße in Richtung meiner alten Wohnung ein.

Zum zweiten Mal in meinem Leben erfasste mich eine alles Maß sprengende Euphorie. Das erste Mal hatte mich diese Euphorie in Wien überrascht, als ich mich in ein Mädchen verliebte. Plötzlich schien sich die Welt, die ich bis dahin eher distanziert beobachtet hatte, ohne wirklich an ihr teilzunehmen, vor mir zu öffnen und ich, ich hatte keine Bedenken mehr. Meine Ängste lösten sich mit einem Mal auf, sie verschwanden mit schockierender Geschwindigkeit und gaben mir dadurch zu verstehen, wie unerheblich die Angst am Ende war, die ich für so unüberwindlich gehalten hatte, für eine Macht, gegen die man nicht ankam, vor der man sich verstecken, vor der man kapitulieren musste. Damals, in meinem Austauschsemester in Wien, begann ich sogar zu verstehen, dass von einem bestimmten Standpunkt aus überhaupt keine Angst existierte, dass man hinter der Angst einen Bereich betreten konnte, der Unbeschwertheit hieß, einen ungewohnten, aber wunderbaren Bereich, den ich nicht für möglich gehalten hatte.

Und noch etwas anderes wurde mir schlagartig klar.

Ich wollte hinein in die Welt.

Zum ersten Mal dachte ich damals diesen Gedanken. Ich wollte hinein in die Welt, das Reisen erschien mir plötzlich nicht mehr unmöglich und fremd, es wurde vielmehr zu einer Notwendigkeit. Fernweh tauchte in mir auf. Hatten meine Freunde früher über dieses Fernweh gesprochen, verstand ich nie ganz, was sie mit ihren Sätzen meinten. Jetzt aber begriff ich ganz unerwartet, wovon sie damals mit großen Augen erzählt hatten. Ich wollte mit dem Mädchen verreisen, ich würde alles aufgeben, ich würde zum Nomaden werden und meinetwegen auch zum Beduinen, ich würde Rancher sein in Argentinien, ich würde einfach alles sein, denn das Leben, das ich plötzlich in mir fühlte, war kein Bruchstück, es war ein Ganzes und deshalb musste derjenige, der ein Leben lebte, auch alles erleben, er musste alles sein, alles fühlen, nicht einfach nur die moderaten, geglätteten Wogen des Alltags, nein, er musste brennen wie im Fieber, ein Zustand, von dem ich immer nur gelesen hatte, um gleichzeitig zu glauben, dass alles wäre bloße Fiktion, eine solche Leidenschaft sei im Leben kaum möglich.

Mit einem Mal schreckte mich nichts mehr ab. Ich musste hinaus, einfach nur hinaus, die Freiheit war greifbar, sie stand mir offen, hatte mir sogar immer offen gestanden, obwohl ich für sie keinen Blick besessen hatte. Ich war blind, ja, am Ende war ich unter all meiner Unsicherheit und Ängstlichkeit blind für die Welt.

Jetzt lief ich über den breiten Bürgersteig in Berlin, der dem Bürgersteig in Wien ein wenig ähnlicher sah also zuvor, lief vorbei an der Praxis des Zahnarztes, der sich einmal kaum noch eingekriegt hatte, als ich ihm erzählte, ich würde Literaturwissenschaften studieren, ein Lachen, das er nur schwer unter Kontrolle brachte, derart absurd kam ihm dieses Studium vor, obwohl seine Praxis ganz und gar nicht danach aussah, als gehörte er zu jener Klasse Zahnärzte, die sich mit allen möglichen Prothesen eine goldene Nase verdienten, und während ich die leicht ansteigende Danziger Straße in Richtung Prenzlauer Allee hinauflief, überstürzte sich alles mir, plötzlich gab es dieses unfassbare Drängen wieder wie damals in Wien, eine richtungslose Energie, eine Leidenschaft ohne Namen, mein ganzer Körper stand unter Strom.

In diesem Augenblick, mit der Zusage für meine erste eigene Wohnung in der Tasche, fühlte ich mich frei. Einer der wenigen Momente in meinem Leben, in dem die Freiheit nicht ein ungefährer Begriff blieb, dessen Bedeutung man dunkel erahnte, sondern eine unleugbare Präsenz, die das Verständnis für die Dimensionen echter Freiheit enthielt, für das, was Freiheit in manchen Momenten bedeuten kann. 

Einige Wochen später zog ich aus der WG aus, in der ich fast fünf Jahre gelebt hatte. Ich ließ Chris und Hannes, der erst vor wenigen Monaten zu uns gezogen war, nachdem Melli die Wohnung verlassen hatte, zurück. Mara, die an der Freien Universität ihren Master in Soziologie beendete, lebte mit uns zusammen, aber wer meinen Platz in der alten Wohnung einnahm, kann ich heute nicht mehr sagen. 

Die Zeit unserer kleinen Gemeinschaft schien ohnehin gezählt und ich hatte mich, ohne das zu bemerken, in den letzten Überlebenden einer ursprünglichen Besatzung verwandelt. Micha lebte seit gut zwei Jahren mit seiner Frau in Wien, André seit Monaten in Marseille, um sich für die Aufnahmeprüfung in Stanford vorzubereiten. Melli hatte erst vor Kurzem die WG verlassen und wohnte nun außerhalb des Rings in einer Einraumwohnung. Und jetzt machte auch ich mich also auf den Weg und spürte, dass ich damit ein Kapitel beendete, eine Geschichte zum Abschluss brachte, die mein Studium enthielt und alles, was sich in den Jahren meines Studiums abgespielt hatte. 

Selten gab es diese klaren Schnitte im Leben, ein deutliches Gefühl für einen Anfang und ein Ende und das, was zwischen beiden lag. Ein Gefühl für die durchlebten Episoden gewann man häufig erst später, sobald man zurückblickte, um die groben Linien auszumachen, denen man bewusst oder, ohne davon zu ahnen, gefolgt war, die einen bewegt hatten, in eine unbestimmte Richtung gespült. Als ich auszog, verstand ich, was passierte. Ich fühlte das Ende jenes Zeitabschnitts, der sich von mir unaufhaltsam entfernte, doch meine Euphorie ließ damals keine sentimentale Traurigkeit zu. Ich spürte das Ende, doch der Neubeginn besaß eine weitaus größere Macht.

Gemeinsam mit meinem Vater und meiner Schwester richtete ich die neue Wohnung ein. Wir verlegten einen Teppich in meinem Zimmer, denn alle Böden waren mit scheußlichem Linoleum versehen, das ich, zumindest dort, wo ich schlafen und schreiben wollte, nicht ertrug. Wir kauften einige Möbel bei IKEA und ich platzierte meine Einzelmatratze ohne Bettgestell und Rost unter den Fenstern. Davon hatte ich immer geträumt. Kein Bettgestell, sondern die Matratze direkt auf dem Boden, wie in einem französischen Film, wie in Permanent Vacation von Jim Jarmusch und dazu Bücherstapel überall, kleine Büchertürme vor den Wänden.

Als mein Vater und meine Schwester sich wieder auf den Weg machten, begann ich, die Kartons auszupacken und Bilder aufzuhängen. 

Ich schlug einen Nagel in die Wand und hängte die gerahmte Collage von Katharina daran auf, die sie mir zum Geburtstag geschenkt hatte. Dann verteilte ich die Fotos und die aus Zeitungen ausgeschnittenen Bildern, die ich mit Klebestreifen befestigte. Ich packte meine Bücher aus, räumte sie in die weißen Billy-Regale, darunter das tonnenschwere zehnbändige Kunstlexikon, in das ich für meine Abschlussprüfung in Kunstgeschichte einmal geschaut hatte und das ansonsten nichts weiter war als ein unnötiges Gewicht, das Staubflusen magisch an sich zog. Ich holte meinen alten Marantz-Plattenspieler aus einer der Umzugskisten, positionierte ihn am Ende meiner Matratze und schob die Platten in ihren durchsichtigen Plastikkästen an seine Seite. 

Den neu gekauften, runden Tisch aus dunklem Holz platzierte ich in der Mitte des Zimmers. Ich hatte viel Wert auf diesen Tisch gelegt und mich von meiner Entscheidung auch nicht abbringen lassen, als mein Vater erklärte, der Tisch sei zu wuchtig und außerdem kein Schreibtisch, sondern ein Esstisch.

Jetzt, im montierten Zustand und in der Mitte meines nicht allzu großen Zimmers, versuchte ich mir immer noch einzureden, ich hätte die richtige Wahl getroffen und dieser Tisch aus dunklem Holz sei nicht einmal ansatzweise wuchtig oder sperrig, sondern füge sich wunderbar in meine neue Wohnung ein. Doch je öfter ich mein Zimmer betrat, umso nachdrücklicher musste ich mich gegen den in mir aufsteigenden Zweifel wehren, wahrscheinlich doch ein viel zu klobiges Möbelstück gekauft zu haben, während ich mich an dem dunkelbraunen Ungetüm vorbeizwängte. Im Möbelladen hatte alles gepasst, ich hatte mir ein geglücktes Arrangement vorgestellt, doch jetzt, in meinem tatsächlichen Zimmer, wurde ich den Zweifel nicht mehr los. Warum hatte ich überhaupt einen runden Holztisch ausgesucht? Warum ausgerechnet dunkles Holz?

Obwohl meine Prüfungen und die Magisterarbeit hinter mir lagen, blieb ich für das laufende Semester eingeschrieben. Deshalb konnte ich mein Studententicket für die Öffentlichen weiter nutzen und auch im Buchladen arbeiten, denn die Stelle, die mir etwas mehr als zehn Euro in der Stunde einbrachte, was damals ziemlich ungewöhnlich war, knüpfte sich an meinen Studentenstatus.

Es dauerte einige Wochen, bis ich mich an die Stille in meinem Zimmer gewöhnte. Niemand wartete auf mich, wenn ich die Wohnung betrat. Ich konnte sogar ganze Tage in ihr verbringen, ohne mit einem anderen Menschen ein Wort zu wechseln und begann allmählich zu begreifen, was es hieß, allein zu sein in diesen Zimmern.

Ich saß am Tisch und begann eine längere Erzählung über einen Jungen zu schreiben, der glaubt, etwas verloren zu haben, das er nicht benennen kann. Er irrt durch die Nacht, trifft den Besitzer eines Kiosks, danach einen Straßenkehrer und später ein Mädchen, kann aber niemandem erklären, was er verloren hat. Nur dass er auf der Suche ist, macht er den anderen begreiflich. 

Die Leute sehen ihn verwundert an. Wer kann schon etwas suchen, das sich nicht in Worte fassen lässt?

Ich schrieb immer weiter an dieser Erzählung, ohne recht zu wissen, was ich eigentlich mit dem Schreiben bezweckte. Schrieb ich an einem ersten Buch oder versuchte ich bloß die leere Zeit zu füllen, die es seit meinem Umzug überall gab? Lebte man allein, musste man sich mit seinen Freunden verabreden, man musste sie anrufen oder ihnen schreiben, man traf sie nicht mehr wie früher in der Wohnung oder der Gemeinschaftsküche an. 

Ein simpler Kinobesuch erforderte Planung, da wir in unterschiedlichen Vierteln lebten und einige von uns bereits eine Arbeit gefunden hatten. Erzählten sie von ihren Stellen, von der plötzlichen Veränderung ihrer Tage, die nun hauptsächlich durch die Anwesenheit in einem Büro geprägt wurden, fiel es mir schwer, in einer anderen Weise als völligem Unglauben auf diese Berichte zu reagieren.

In wenigen Monaten würde ich offiziell die Uni verlassen und danach ebenfalls eine Arbeit benötigen, irgendeinen Job, der mich über Wasser hielte. Allerdings war ich nicht im Ansatz in der Lage, mir einen solchen Job vorzustellen. Allein die Beschäftigung mit dieser Frage machte mich nervös und schien die eben erst erkämpfte Freiheit wieder einzuzäunen. Meine Freiheit, wurde mir plötzlich klar, stand auf kraftlosen Füßen, sie war der Begeisterung eines Augenblicks geschuldet, doch ob ich die Kraft besitzen würde, sie zu verteidigen, stand in den Sternen. 

Die Arbeit und das Geld klopften zum ersten Mal an meine Tür, sie besaßen ein eigenes Recht, von dem ich noch nichts ahnte, das ich sogar versuchte zu ignorieren, doch mit der Arbeit und dem Geld tauchte ein Meer aus Unsicherheit vor mir auf, dem ich nichts entgegenzusetzen hatte.

Ratlos saß ich vor meinem Rechner und schrieb an meiner Erzählung. Ich wusste nichts, hatte weder einen Plan noch den Hauch einer Idee. Mit jedem Tag kamen mir die Antworten abhanden, meine Sicherheit verlor sich wie ein Sandkorn bei starkem Wind und ließ nichts weiter als Verwirrung zurück. Ich hatte nie einen Gedanken an irgendeine Arbeit verschwendet und jetzt plötzlich lief alles auf eine solche Arbeit hinaus.

Während ich schrieb, gingen über der Stadt schwere Sommergewitter nieder. In meiner Dachgeschosswohnung wirkte es so, als berührten die dunklen Wolken die Dächer der Gebäude, als zögen sich Himmel und Erde gegenseitig an, suchten die Nähe des jeweils anderen. Der Regen peitschte gegen meine Fenster, der Wind wühlte den Ahorn vor der Brandmauer auf, der sich wie ein Tier schüttelte und am nächsten Morgen fiel mein Blick auf einen nassen Fleck an der Decke.

Das Dach war undicht und hatte dem Wolkenbruch deshalb nicht stand gehalten. Ich machte ein Foto und schickte es mit einer Nachricht an meinen Vermieter, der sich ohne jede Erklärung erst Monate später darum kümmerte. 

In der Zwischenzeit wuchs der Fleck mit jedem neuen Gewitter. Ich stellte einen Topf unter die feuchte Stelle und hörte den auf dem Metall aufschlagenden Tropfen zu. Nach einiger Zeit bedeckte das Wasser den Boden des Topfes und das Klopfen verwandelte sich in ein Plätschern.

Es war Herbst, als ich Melli fragte, ob sie mit mir nach Leipzig ziehen würde. Die Universität lag endgültig hinter mir und meine unbeholfenen Versuche einen Job zu finden, hatten mir nichts als Absagen eingebracht. Das Jobcenter steckte mich schließlich in eine achtwöchige Schulung, in der ich lernte, einen Computer anzuschalten, Microsoft Word zu öffnen, zwischen den Befehlen Laden und Speichern zu unterscheiden. 

In dieser Zeit verschwand das Gefühl für die Freiheit komplett. Der Leiter des Kurses sah aus, als hätte er erst vor wenigen Tagen einen Rave in Amsterdam organisiert und beim Bund dreißig Zentimeter Körpergröße eingebüßt – künstliche Sonnenbräune Ende Oktober, kurze, blondierte Haare und Hosen, die vorn aus Cord und hinten aus Jeans bestanden. 

Er sprach wie ein Unteroffizier, war gnadenlos überheblich und nahm die Kursteilnehmer als Unterlegene wahr, obwohl er keinen halben Satz zustande brachte. Durch seine beispielhaften Bewerbungsszenarien, die er wie Schlachtbeschreibungen zwischen uns streute, verriet er darüber hinaus, selbst niemals an einem Vorstellungsgespräch teilgenommen zu haben. In seinem Kopf gab es keinerlei Substanz oder brauchbaren Rat, alles lief auf die bloße Vortäuschung unbegründeter Dominanz hinaus. 

Er faselte etwas von power poses, stolzierte wie ein Hirnamputierter mit hinter dem Kopf verschränkten Armen im Seminarraum herum und zeigte später, wie man richtig saß, um Eindruck auf den Chef zu machen. 

„Brust raus“, sagte er. „Das gilt nicht nur für den weiblichen Teil der Bevölkerung.“

Wie er es geschafft hatte, dem Jobcenter die Tauglichkeit seines Schulungszentrums vorzulügen, blieb mir bis zum Ende des Kurses ein Rätsel. Doch ganz offensichtlich stellte dieser umfassende Betrug für ihn die einzige Möglichkeit dar, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Keine Sau würde einen solchen Volldeppen einstellen, das war von Beginn an klar, und deshalb gab es für den penetranten Zwerg auch keine andere Lösung, als sich selbst zum Coach zu erklären.

Die anderen Teilnehmer schienen genauso konsterniert wie ich selbst. Bis auf zwei Handwerker bestand der gesamte Kurs aus Akademikern. Eine Opernsängerin war darunter, ein studierter Saxophonist, ein paar Geisteswissenschaftler und zwei Informatiker.

Ich hielt mich von den anderen fern und brachte diese acht Wochen wie eine Freiheitsstrafe hinter mich, fuhr morgens mit dem Rad hinaus nach Pankow, formatierte ein paar Adresszeilen, und fuhr am Nachmittag wieder zurück.

Nach dem Kurs hatte ich alles satt und die Freiheit vergessen.

„Warum fangen wir nicht in Leipzig etwas an?“, sagte ich zu Melli. „Du hast Kontakte zum Theater. Vielleicht können wir da etwas auf die Beine stellen.“

„Du meinst als freie Mitarbeiter?“

„Zum Beispiel.“

Ich überzeugte sie schließlich und wir begannen im folgenden Jahr, uns an den Wochenenden in Leipzig umzusehen. Irgendwann fanden wir tatsächlich eine großzügige Wohnung in Stötteritz mit riesiger Wohnküche und drei Zimmern. Im Vergleich zu Berlin war der Mietpreis ein Witz, anfangs dachten wir sogar, die Makler machten sich über uns lustig, führten uns aus irgendeinem Grund hinters Licht.

Als ich Berlin verließ, spürte ich nichts. Keine Wehmut, keine Erleichterung, nur die zweideutige Freude, eine Stadt gegen eine andere zu tauschen. Vielleicht lag darin bereits ein Neuanfang, sagte ich mir. In einer fremden Stadt von vorn zu beginnen, sich etwas Neues aufzubauen. In Leipzig würde es neue Menschen und neue Möglichkeiten geben. Während ich am Ende meiner Berliner Zeit das Gefühl hatte, stillzustehen und mich in einer stumpfsinnigen Unmöglichkeit zu verlaufen, dachte ich an Leipzig, als dächte ich an ein neues Dokument auf meinem Rechner.

Ich würde mich an den Schreibtisch setzen und von vorn beginnen. Ich würde die Worte laufen lassen und die Worte liefen irgendwohin, denn sie fanden am Ende doch immer ihren Weg. Ich würde mich an eine neue Erzählung machen und die Frage ignorieren, wohin es mit mir gehen sollte. Alles hatte seine Zeit, sagte ich mir, man musste nichts überstürzen. Nur weg musste man, zuerst einmal weg, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Die Welt auf Abstand halten, so gut es eben ging, die Welt samt ihren sinnlosen Forderungen. Und über die Jahre musste man hinaus, über diese sieben Jahre in Berlin, die sich mit einem Mal in etwas verwandelten, das hinter einem lag wie eine Landschaft, die draußen vor den Fenstern des Transporters in den Abendfarben verlöschte, eine Landschaft, die weder bedrohlich noch geheimnisvoll wirkte, sondern eher vertraut. Eine Landschaft, die man sogar ein wenig satt hatte, die man gern gegen eine neue Landschaft tauschte, um endlich aufzuatmen. Eine siebenjährige Landschaft, die bereits aus den Blicken verschwand.