Gera (1. Zimmer), 28. April

Früher gab es ein Zimmer im Haus meiner Eltern, dessen einziges Fenster auf den Giebel des Nachbargebäudes und auf eine Eibe zeigte. Lag ich im Bett, war nur die Eibe vor einem Stück Himmel zu erkennen, einem blauen Quadrat, das im Sommer häufig wolkenlos blieb, und vor diesem Quadrat wuchs die Eibe ins Nichts, sie wuchs in eine aquamarinfarbene Unverständlichkeit hinein, denn der Fensterausschnitt machte es unmöglich, sich Boden und Erde vorzustellen, es gab nur den Himmel in seiner Stofflosigkeit und Immaterialität und dieser Himmel leuchtete blau, es war ein richtiger Sommerhimmel, der die Hitze erahnen ließ, ohne dass man sie fühlte, eine Hitze, die draußen, außerhalb des Zimmers und des Hauses, träge und stickig auf etwas zu warten schien und in die sich die Geräusche der Küche mischten, in der meine Mutter das Mittagessen vorbereitete, das Rauschen des Dunstabzugs über dem Herd war zu hören und drang durch die geschlossene Küchentür bis zu mir in den ersten Stock hinauf, um mich gespannt auf den Ruf meiner Mutter warten zu lassen, es gebe bald Essen und wir, das heißt, meine Schwester und ich, sollten nach unten kommen, um den Tisch zu decken, was wir immer etwas widerwillig taten, machmal kam es auch zum Streit, wer das Besteck und wer die Teller hinüber ins Esszimmer schaffen sollte und vielleicht stand dieser Streit mit der Jahreszeit in Verbindung und dem blauen Rechteck in seiner Makellosigkeit sowie der schwerelosen Spitze des Baums, die so unbeweglich in der Windstille blieb, ein Baum, der entfernt an eine Rakete erinnerte, die niemals abhob, um eigensinnig an derselben Stelle zu verharren, ein dunkler Baum, der etwas mit den Kelten zu tun hatte, wenn ich mich richtig erinnerte, wahrscheinlich ein Totenbaum wie die Zypresse in Südeuropa und von diesem Baum ging eine merkwürdige Stille aus, keine Grabesstille, sondern eine Sommerstille, in dieser Stille potenzierte sich die Hitze, sie kugelte sich wie ein Tier in einer Höhle zusammen, fest geborgen in der Eibendunkelheit, die Hitze, sie knisterte und knackte, es waren nicht nur die Geräusche trockenen Holzes wie im Wald, die sich an sie knüpften, sondern auch die Geräusche aus der Küche, die erschöpft wirkten und schwer, matt wie die von der Sommerhitze überrumpelten Körper, die man im Park oder in den Schwimmbädern fand und auf meinem Bett, das blaue Quadrat mit dem moosgrünen Dreieck vor Augen, schien das Abflauen der Temperatur manchmal ganz unmöglich zu sein, die Hitze würde bleiben, die Hitze dehnte die Zeit, sie verwandelte den Mittag in eine Ewigkeit, die alte Uhr im Wohnzimmer, die man täglich mit einem Messingschlüssel aufziehen musste, setzte plötzlich aus, man fiel aus der Zeit, betrat einen zweiten Raum, als fahre man in den Nebenarm eines breiten Flusses hinein, einer dieser Flüsse im Weiß leerer Landkarten, und mit einem Mal machte nichts mehr Sinn, weder das Mittagessen noch das Bett oder das Haus und das Zimmer, nur das blaue Quadrat und die Eibe bestanden den Test, sie ruhten ineinander, sie glichen die Gegenwart des anderen aus, zwei Puzzleteile, die eine Einheit bildeten und für diese Einheit ergab der Begriff der Zeit keinen Sinn und dann, wie aus einem Traum heraus, kam endlich der Ruf, ein Ruf, dessen Worte man anfangs nicht verstand, eine weitere Reihe von ausgehöhlten Begriffen, nur Geräusche und keine echten Wort, doch beim zweiten Mal tauchte man langsam aus der Schwere wieder auf, die Kraft kehrte lethargisch in den Körper zurück, das Quadrat kippte und auch das Dreieck schien zu fallen, man stand auf, da war der Giebel des Nachbarhauses und da waren die ersten Wolken, weiß und bauchig, an den Unterseiten grau, vielleicht, dachte ich, während ich das Zimmer verließ, gibt es später Regen, vielleicht sogar ein Gewitter und dann legte ich meine Hand auf das Treppengeländer, das hinab in diesen dunklen Tunnel führte, der unseren Flur mit der Küche verband.