Mittwoch, 21. April

Sonne. Der Hinterhof füllt sich mit Schatten und Licht, alles wirkt gefleckt und von abstrakten Mustern überzogen. Die Dächer der Gebäude werfen dunkle Zonen in den laubbedeckten Hof, der mich an einen Waldboden inmitten der Stadt erinnert. Wer auch immer für den in strenge Rechtecke aufgeteilten Hinterhof zuständig ist, scheint die abgestorbenen Blätter aus dem letzten Herbst und Winter zu ignorieren, obwohl sie einen dicken und trockenen Teppich bilden. Es würde mich nicht wundern, wenn unter diesem Teppich Leben herrscht und beispielsweise eine Kolonie von Mäusen ohne mein Wissen daran arbeitet, einen komplizierten Staat zu errichten. Doch von meinem Standpunkt aus lässt sich das nur schwer beurteilen. Eigentlich gibt es kein Anzeichen für die abseitige Arbeit der Mäuse.

Die Birke und die Buche im Hof stapeln ihre Blätter ins Licht. Das junge Blau des Himmels scheint in Ausschnitten hindurch, denn das Laub ist noch unverbunden und offen, es lässt die kompakte Fülle des Sommers kaum erahnen. Gegen Ende des Sommers wirken die Kronen der Bäume schwer und erst dann begreift man ihre Morphologie, die Notwendigkeit eines massiven Stamms zum Beispiel, der das Astwerk trägt und in der Erde verankert, diese natürliche Konstruktion vom Schweren ins Feine hinein, das Verjüngen und Zarterwerden bis in die Halbdurchsichtigkeit des von Adern durchzogenen Laubs. 

Die Blätter falten sich weiter aus, mit jeder Woche werden sie größer. Sie liegen übereinander und verdrängen in Schichten das Licht, staffeln die Schatten in Tiefe und Höhe, verschieden starke Schatten, die eine Farbe besitzen und nicht etwa schwarz sind. Über die Farbigkeit der Schatten habe ich das erste Mal in Leonardos Buch über die Malerei gelesen, davor war mir dieser Teil der Wirklichkeit unbekannt. Bis zu diesem Zeitpunkt sahen Schatten für mich schwarz aus und nicht etwa blau oder dunkelgrün und mit einer solchen Vorstellung lief ich durch die Welt, was ja ein ganz wesentlicher Irrtum gewesen ist. Stößt man auf derartige Irrtümer, blickt man kurz in einen unendlichen Abgrund aus weiteren Verwechslungen, der uns immer umhüllt und den wir dennoch selten bemerken, der uns überhaupt nicht auffällt, scheinbar unsichtbar bleibt. Eigentlich geht man blind, ohne die Blindheit wahrzunehmen. Eigentlich sind die verlässlichen Wahrheiten weit weniger verlässlich, als man sich das zu glauben getraut. Nur ist niemand in der Lage, sich tagtäglich vom Verlässlichen zu verabschieden, so falsch es am Ende auch ist. Nicht, dass man unbedingt am Falschen festhalten will, der Tausch ist das Problem. Die Überzeugungen zu tauschen, bleibt immer schmerzhaft, es fühlt sich an, als würde man noch einmal von vorn beginnen und mit dem Beginn tauchen alle Unsicherheiten auf, die man längst für überwunden gehalten hat.

Ich stehe auf, gehe drei Schritte und halte in der Mitte unseres Schlafzimmers an. Vor dem Bett wartet die blaue Ikeatüte, die ich mit Ausstellungskatalogen gefüllt habe. Ich schätze, dass die Tüte fünfzehn Kilo wiegt. Ich greife nach den Henkeln aus Stoff und fange an, den bleischweren Beutel in Richtung Brust zu heben, um meine Armmuskeln zu trainieren. Den ersten Satz mit zehn Wiederholungen schaffe ich problemlos, setze die Tüte wieder ab und lege dreißig Sekunden Pause ein. Der zweite Satz fällt mir schon deutlich schwerer. Meine Muskeln machen sich bemerkbar, als hätte ich sie unsanft aus tiefem Schlaf geweckt; sie wehren sich fauchend gegen die unerwartete Anstrengung. Ich zähle bis zehn und setze die blaue Plastiktüte wieder ab. Beim dritten Satz komme ich nur bis acht, was ich als Zeichen interpretiere, mich wieder an den Schreibtisch zu setzen.

Das Jahr der Fahnen durchbricht heute die magische Sechzigtausendwortmarke. Ich habe mehr als fünfzig Einträge geschrieben, in den ersten Januarnotizen lag noch Schnee und es herrschten Minusgrade. Jetzt sitze ich vor dem geöffneten Fenster und die milde Frühlingsluft weht von draußen herein. Aus dem Lautsprecher klingt Caterina Barbieris SOTRS, ich habe gestern mit Simon geschrieben, der Dramaturg in der Hauptstadt ist und viellicht Gärtner werden will. Ich habe auch mit C in Marseille geschrieben, der ein Zimmer seiner Wohnung in ein Mezzanin verwandelt und dieses Zwischengeschoss ganz allein eingebaut hat. Er hat eine Treppe konstruiert und auch die zweite Zimmerebene, es gibt Geländer und im unteren Bereich einen maßgeschneiderten Tisch mit Regalen an der Wand. Jetzt denkt er über ein Geschäft nach, eine Art Zimmermannsladen, das Mezzanine auf Bestellung fertigt. In Marseille sind die Wände der Wohnungen hoch und ich halte das alles für eine wirklich gute Idee. Die Kinder haben jetzt auch mehr Platz, schreibt er. Die Arbeiten dauerten eine ganze Woche und die Berechnungen stimmten genau. Seit zwanzig Jahren habe ich wieder einmal Millimeterpapier in die Hände genommen und in Kubikmetern gerechnet, lese ich. Dann verabschieden wir uns, denn er muss die Baustelle aufräumen. Im Hof höre ich Stimmen und beschließe, die Musik zu stoppen und mich auf das Bett zu legen. Ich schließe die Augen, höre das Rauschen der Bäume im Hof, Birke und Buche, wie ich weiß, zwei Bäume, die nicht alt sind, aber auch nicht jung und dann denke ich, dass bald Mai ist und ein Sommer kommt, der für mich der siebenunddreißigste Sommer ist.