Anhaltender Fall, 13.-15. April

Nach der Rückkehr von meinen Eltern, steige ich am Morgen in den Zug und verlasse die Stadt. Am Bahnsteig, noch vor Einfahrt des Intercitys, warten die alten Bekannten, die ich seit vierzehn Tagen nicht gesehen habe. Als ich sie an ihren unverändert gleichen Plätzen entdecke, die alle Pendler schlafwandelnd einnehmen, ohne einen Gedanken an das morgendliche Ritual zu verschwenden, aus dem der Stillstand müde lächelt, dreht sich mir der Magen um. Doch wieder zurückzukehren, denke ich, dafür ist es bereits zu spät. Oder es ist noch zu früh dafür, ich bin mir nicht sicher. 

K hat meine Haare wieder kurz geschnitten, ich glaube auf dreiundzwanzig Millimeter (die Schnittlänge an meiner Haarschneidemaschine muss ich jedesmal eigenhändig einstellen, obwohl K mir meinen Kopf bereits ein dutzendmal abrasiert hat) und deshalb fühle ich die Kälte am Morgen wie einen fremden und eiskalten Körper, der ziemlich unsanft meine Kopfhaut berührt. Einen Moment lang (ich laufe über den Bahnsteig in Richtung des eigenen, angestammten Platzes und registriere bewusstlos das Ausbleiben der Regionalbahn aus Frankfurt am gegenüberliegenden Gleis), bin ich sogar der Meinung, die kühle Luft lege einen klaren Gedankengang in mir bloß, denn ich denke 

klar

Glas

etwas Transparentes

das, was durchsichtig scheint

Eis

Harsch (fremdes Wort)

Winter

die Oberfläche eines klaren Sees

die Oberfläche eines klaren, gefrorenen Gewässers

ein Finger vor einem Licht (zum Beispiel einer Lampe)

die neue, noch dünne Haut

dann alle Fenster, die nach dem Winter von Händen geputzt werden, deren Besitzer im Halbdunkel der Zimmer verschwinden und damit unsichtbar sind, ein Theater aus Fingern und Handflächen, vielleicht aber auch ganz etwas anderem; vielleicht nicht einmal ein Theater, vielleicht kein Auftauchen aus der Finsternis, sondern fliehende Zeichen, eine Bewegung, die zurück in die Dunkelheit führt

Als sich dieser Gedankengang einstellt, bleibe ich unerwartet vor der gelbmarkierten Raucherinsel in der Mitte des Bahnsteigs stehen und versuche das Ende des Fadens, an das sich die Fenster knüpfen, festzuhalten. Allerdings gelingt es mir nicht. Die Kette entzieht sich meinem Zugriff und verschwindet ohne jede Spur wie nach dem Aufwachen, denke ich. Die Traumschatten wirken noch greifbar, man glaubt da etwas zu erahnen, etwas zu deuten, nur fehlen die Worte, als fiele einem der Name eines vertrauten Gesichts nicht mehr ein, als riefe die Silhouette eines Menschen eine Erinnerung wach, die nicht vollständig fassbar wird, sondern in einem unterentwickelten Stadium verbleibt, eingefroren, konserviert, bevor das Erkennen möglich ist, eine Erinnerung, die somit unkenntlich bleibt für alle Zeit. 

Das darf doch nicht wahr sein, denke ich und gehe langsam weiter. Dass die anderen mit dir ihr Spiel treiben, reicht nicht aus, du selbst trittst also auch noch gegen dich an. Allerdings macht diese Beobachtung auf mich keinen nachhaltigen Eindruck.

Im Zug ziehe ich Salingers Catcher in the Rye aus meinem Rucksack, den ich zuletzt vor achtzehn Jahren im Englischunterricht las. Damals war ich halb so alt wie heute. Zum ersten Mal in meinem Leben nehme ich Bücher erneut zur Hand. Ich lese sie wieder, was mir früher, noch in meinen Zwanzigern, als absolute Zeitverschwendung vorgekommen ist, da die Menge guter, das heißt notwendigerweise zu lesender Bücher durch ein ausgelesenes Exemplar nicht schrumpft, sondern größer wird (darüber hätte Borges einmal schreiben sollen). Es ist wie auf einem langen, kurvenreichen Pfad, der durch einen Wald führt. Jede Kurve (jedes Buch) weist auf nichts anderes als auf die Fortsetzung des Weges hin und damit auf die Möglichkeit einer weiteren Kurve. Und das bis in alle Ewigkeit. Die Welt der Bücher schrumpft nie, egal, wie viel man am Ende liest und wahrscheinlich lässt sie sich auch deshalb als eigener Kosmos neben dem wirklichen Kosmos denken, der ja genauso wenig schrumpft, genauso dunkel bleiben muss wie dieser Bücherkontinent, der noch immer, nach allen Eroberungszügen, riesige schwarze Flecken besitzt, die vom Licht jedes Lesers unterschiedlich erhellt werden, ohne jemals in das Herz der Finsternis vorzudringen. Im Herzen läge dann das eine Buch, denke ich jetzt an meinem Schreibtisch und muss lachen, DAS EINE BUCH.

Zu den Büchern, die ich wiedergelesen habe, gehört Joseph Conrads Bericht über mich selbst. Ich hatte alles vergessen (was mich nicht überraschte), konnte mich aber an eine Szene erinnern, in der Conrads polnisch-ukrainischer Großvater die Hauptrolle spielt; ein Aufstand auf dem Land, die Erhebung der Landarbeiter gegen den Adel. Merkwürdigerweise aber hatte ich diese Szene nicht mit Conrad in Verbindung gebracht, sondern mit Nabokov. Ich hatte diesen Aufstand, den es in leicht abgewandelter Form tatsächlich auch für Nabokov gab, komplett in das Leben des Russen verlegt.

Salingers Catcher in the Rye ist eines der ersten, echten Bücher, die ich las. Damals bestand meine Welt, wenn ich mich richtig erinnere, nur aus Hesse und Hemingway, was an sich bereits nach einer katastrophalen Mischung klingt. Ich erkläre mir diese Verbindung aus meinem neuromantischen Charakter mit schwerem Hang zur Sentimentalität (Hesse) und meinem abenteuerlichen Herz (Hemingway), dem ich allerdings nur wenige Male in meinem Leben vertraute. 

Irgendwann, nachdem ich mich mit Simon anfreundete, wahrscheinlich als ich fünfzehn oder sechzehn war, kam ich auch mit Bret Easton Ellis in Berührung. Simon las damals American Psycho, lieh mir den Roman und dass jemand so etwas schrieb, dass eine solche Literatur dort draußen (in der Finsternis) existierte, konnte ich kaum glauben. Ich beschaffte mir Ellis‘ übrige Romane und tauchte ab. Ein solches Leben wollte ich leben, auch wenn ich eine Heidenangst davor besaß. Ein Leben, in dem Dinge passierten, die so fern von meiner eigenen Welt und Vorstellung lagen, dass es sich anfühlte, als würden mehrere, vollkommen verschiedene Wirklichkeiten nebeneinander existieren, die sich problemlos übersehen ließen.

Ellis gab das genaue Gegenteil von allen Büchern ab, die im Haushalt meiner Eltern ein verstecktes Dasein führten. Bis heute verstehe ich nicht, weshalb ich mich von diesen Büchern fern gehalten habe. Alle Klassiker standen in den Regalen, Dostojewski (von meinem Vater mit vielen kleinen Papierschnipseln zwischen den Seiten versehen, die oben aus dem Schnitt herausragten; eine Eigenart, die ich später übernommen habe), Tolstoi, Goethe, Schiller, Heine, Cervantes, Thomas Mann (Buddenbrooks und Zauberberg), Brecht, Fühmann, Strittmatter, Kazantzakis, Lem, Maupassant, Balzac, Hugo, selbst die Antike, das heißt Platon, Homer, Vergil, Ovid, Tacitus. Und natürlich der ganze Marx und Engels und sogar Stalin. Stalins gesammelte Werke schlug natürlich niemand jemals auf, Dschughaschwili war auch kein besonders guter Schreiber. Unglaublich, dass ich mich einige Jahre später durch den gleichen ersten Kapital-Band gequält habe wie mein Vater. Nur bestand für mich kein Zwang, sondern bloß eine Art Interesse. Natürlich habe ich nichts behalten.

Obwohl diese Bibliothek meiner Schwester und mir offen stand, führte sie im Hintergrund ein Eigenleben. Nicht einmal im Hintergrund, sie existierte, wie Möbel existieren, die einem nicht mehr ins Auge fallen. Sie sind einfach da, so wie alles in der Welt für ein Kind einfach da ist, man verschwendet an sie keinen Gedanken. Sie gehören zum Inventar einer von Beginn an eingerichteten Welt.

Auch wenn meine Mutter ständig las und uns, wie mein Vater auch, viel vorgelesen hat (Wolkows Der Zauberer der Smaragdenstadt beispielsweise, aber auch georgische Märchen, von denen mir besonders Iwan Bauernsohn mit unverfälscht kindlicher Intensität im Gedächtnis geblieben ist, die Geschichte eines jungen Mannes, der einen siebenköpfigen Drachen am Ufer eines Fluss erschlägt, wobei jeder abgeschlagene Kopf des Untiers sofort nachwächst), obwohl besonders meine Mutter also ständig ein Buch in ihrer Hand hielt, erinnere ich mich nicht, dass uns meine Eltern an die Literatur herangeführt hätten. Es gab keine Empfehlungen, vielleicht dachten meine Mutter und mein Vater auch, wir wären für das meiste zu jung. Obwohl die Bücher also greifbar blieben, rührte ich sie erst viel später an. Bevor ich sie anrührte, war ich draußen mit meinem Fahrrad unterwegs und mit Thomas, meinem besten Freund. Und als ich die Bücher schließlich entdeckte, gab es glücklicherweise gleich einen Haufen Hemingway.

An den Fänger im Roggen konnte ich mich vor dem Wiederlesen kaum erinnern. Nicht einmal eine Stimmung hatte sich nach diesen achtzehn Jahren in mir erhalten, nur Holden Caulfields Name war zurückgeblieben. Trotz meines schlechten Gedächtnisses hinterlassen Bücher, die mir etwas bedeuten, meist eine solche Stimmung, zumindest aber ein unsicheres Bild. Handlung, Figuren und Plot verliere ich bereits nach Monaten, sie lösen sich einfach auf und kommen mir dadurch nach und nach abhanden.

Auf dem Cover des Buches hat mein achtzehnjähriges Ich mit Bleistift eine schwer lesbare Zeile hinterlassen. Ich musste K fragen, ob sie in der Lage war, diese Zeile zu entziffern, da es mir einfach nicht gelang. 

„I am the catcher in the rye, steht dort“, erklärte sie.

Ich starrte auf das Cover, ohne mir wirklich sicher zu sein. Aber einen Schauer jagte mir diese mögliche Selbstbezeichnung doch über den Rücken.

Salingers perfekten Einsatz junger Sprache habe ich damals weder bemerkt noch verstanden. Caulfields ständige Hyperbeln, sein that killed me. Die vielen syntaktischen Wiederholungen, die er seinem Lehrer Mr. Spencer am Anfang des Buches unterstellt, die ihn unendlich langweilen und rasend machen und die er, ohne das selbst zu bemerken, doch ebenso ständig gebraucht. Die vielen altklugen Idiosynkrasien, old Phoebe, old Jane, old Ackley. Swell. Suave. Herrndorf hat das gut auf den Punkt gebracht, ich glaube in Arbeit und Struktur, als er schrieb, dass in den meisten Jugendbüchern kein Jugendlicher spricht, wie ein Jugendlicher tatsächlich spricht. Caulfields Sprache nimmt man ihm ab und mit der Sprache den Jugendlichen selbst.

Die umfassende Anklage Holdens, sein Vorwurf an die Welt, auf deren Schwelle er steht, um dahinter nichts weiter als eine Ansammlung von phonies zu erkennen, fing Salinger in ihrer ganzen Schärfe und Entschiedenheit ein. Genialerweise aber übersah er auch die Kehrseite dieser unnachgiebigen Schärfe nicht. Unnachgiebigkeit, genau das ist Jugend, sage ich mir jetzt, Jugend muss unnachgiebig sein, sie braucht nicht abzuwägen. Den wenig reflexiven Blick des Jugendlichen auf sich selbst, die nur ansatzweise ausgeprägte Fähigkeit, die eigene Persönlichkeit wahrzunehmen und auf Distanz zu rücken, um das Verhalten kritisch zu befragen, das alles vergaß Salinger nicht. Diese Selbstbefragung holt die meisten erst in ihren Zwanzigern ein, denke ich. Eine Selbstbefragung bis zur Lähmung, bis man glaubt, den Verstand zu verlieren und der Welt nichts anderes zu bieten, als die eigene Verunsicherung und Unfähigkeit.

Auch das große Bild des Fängers im Roggen verstand ich damals im Englischunterricht nicht. Ich verstand es genauso wenig wie den Kern von Hemingways Der alte Mann und das Meer, über den ich im Abitur eine lange Klausur schreiben musste. Meine Englischlehrerin kam später auf mich zu und wollte wissen, ob mir das Altern des Mannes entgangen sei. 

„Das Alter?“, fragte ich. „Der Mann ist alt und verliert seinen Fisch. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“

„Nicht das Alter“, erklärte sie. „Das Altern. Das Älterwerden.“

Ich begriff nicht, worum es ihr ging und habe das auch später erst verstanden. Doch wie ein Achtzehnjähriger ausgerechnet eine Vorstellung vom Älterwerden besitzen sollte, bleibt mir bis heute unbegreiflich. Es zeigt vielmehr, dass die Alten längst das Jungsein vergessen haben, dass sie sich nicht einmal mehr ansatzweise an den Horizont des Jungseins erinnern können.

Das große Bild von Salingers Roman taucht spät, im letzten Drittel des Buches, auf. Holden erinnert sich falsch an den Vers eines Gedichtes und dann spricht er über den Fänger im Roggen. 

Er sieht ein Kornfeld, das auf einer Klippe wächst und durch die hohen Ähren dieses Kornfelds irren Tausende Kinder. Sie spielen, sie laufen herum, aber sie sehen den Abgrund nicht, denn das Korn wächst zu dicht, sie ahnen also nichts von der Gefahr, in der sie sich befinden. Holden steht als Fänger an der Kante des Kliffs und wacht über sie. Er rettet die Kinder vor dem Absturz, sichert sie gegen den tiefen, tödlichen Fall. 

Hinter der Klippe, im Nichts, wartet die Welt der Erwachsenen, der phonies, Angeber und Heuchler, derjenigen, die sich auf die Seite der Verstellung geschlagen haben, um nun Falschheit zur unumstößlichen Wahrheit zu erklären. Was Holden nicht begreift, sein ehemaliger Lehrer Mr. Antolini aber sehr genau, ist der Umstand, Holden stünde nicht wirklich am Rand der Klippe, sondern bereits einen Fußbreit hinter ihr, im Abgrund selbst. Antolini glaubt, Holden stürze die ganze Zeit, ohne etwas davon zu bemerken, genauso wenig, wie die Kinder im Kornfeld den Abgrund erahnen, und wahrscheinlich hat der Lehrer mit dieser Beobachtung recht. Holden glaubt, immer noch auf der Kante zu stehen, während es sehr wahrscheinlich ist, dass er den Boden unter den Füßen seit einiger Zeit bereits verloren hat.

Im Gespräch beschreibt Antolini Holdens Sturz und ein Detail dieser Beschreibung machte mich beim Wiederlesen fast wahnsinnig. Es traf mich, als wäre ich selbst noch sechzehn, als wäre ich noch immer Caulfield. Als hätte sich nichts in mir verändert, nichts getan, als wären nur die Jahre vergangen, spurlos die Zeit, spurlos die Tage, Wochen und Monate.

Antolini sagt: „This fall I think you’re riding for – it’s a special kind of fall, a horrible kind. The man falling isn’t permitted to feel or hear himself hit bottom.“

Dieser Satz steht in seiner Präzision auf einer Stufe mit Conrads Beschreibung des Outpost-Managers in Heart of Darkness. Vielleicht schreibe ich später einmal darüber. Das Unheimliche des Satzes hängt mit der Ahnungslosigkeit des Fallenden zusammen. Er glaubt zu fallen, immer zu fallen, ohne das Ende fühlen oder hören und somit erahnen zu können und dieses Ende (der Tod) muss deshalb mit einer Plötzlichkeit vor ihm aufzucken, die keine Rettung mehr gestattet. Der Sturz ist ausweglos, darin liegt der Horror. Während man noch glaubt, am Ende, trotz aller Aussichtslosigkeit, davon zu kommen, ist vielleicht alles schon von Beginn an verloren.

Nichts davon verstand ich mit achtzehn, obwohl ich mich irrsinnigerweise nun, mit sechsunddreißig Jahren, in einen jugendlichen Protagonisten hineinversetzen kann. Während des Lesens tauchte ein paar mal in mir die kaum zu ertragende Frage auf, ob ich die grundsätzliche Ahnungslosigkeit, was Holdens Sturz anbelangt, jemals hinter mir gelassen habe. Wahrscheinlich habe ich Holdens Ausschließlichkeit und Unnachgiebigkeit überwunden. Das bringen das Älterwerden und die Erfahrungen mit sich, die man, ohne es zu wollen, zwangsläufig sammelt. Die vielen Menschen, mit denen man umgegangen ist und die einiges relativierten, um es dadurch in ein anderes, nachvollziehbares Licht zu rücken. Die Erkenntnis, die Welt sei nicht aus schwarzen und weißen Figuren gebaut, sondern aus zahllosen, fein abgestuften grauen Flächen. 

Doch Holdens unbewusster Sturz, ich weiß nicht, dahinter steckt etwas Schreckliches, eine grauenhafte Realität. Bis heute besitze ich kein Gespür für den möglichen, eigenen Fall. Falle ich oder stehe ich? Ich weiß es nicht. Beide Zustände sind manchmal kaum zu unterscheiden. Sie liegen viel zu nah beieinander, denke ich, sie berühren sich zu sehr. Am Ende gehören sie vielleicht sogar zusammen. Dann liefe man jahrelang eine Treppe hinauf, ohne zu ahnen, die ganze Zeit hinabzusteigen.