Monate in Leipzig, 11. April

Was hätte ich nicht alles tun sollen. Ich hätte meinen Freunden schreiben sollen und den flüchtigen Bekannten. Ich hätte mich bei ihnen melden sollen, ich hätte meinen alten Freunden und den losen Bekanntschaften schreiben müssen, ich hätte den Abstand zwischen uns nicht entstehen lassen dürfen, das allmähliche Fremdwerden, die Wortlosigkeit, das grundlose Auseinandergehen. Die Fäden gehen auseinander wie in einem alten Teppich, denke ich, das Gewebe löst sich auf und das Muster tritt nach und nach in den Hintergrund, als betrachte man eine Fotografie, die jahrelang im Licht lag, auf der man kaum noch etwas erkennt. Am Ende bleiben auch im Teppich nur einzelne, bunte Fäden zurück, die so scheinen, als wären sie zufällig miteinander verbunden, als bestünde kein engerer Zusammenhang. Der Teppich wäre dann nichts anderes als Fiktion, ein hinzugedachtes Ganzes.

Ich hätte also eine Nachricht auf meinem Telefon tippen müssen oder eine Mail auf meinem Rechner (ich besitze die Adressen noch, ich habe sie nie gelöscht). Ich hätte ein einfaches Wie geht es dir?, Was machst du? schreiben müssen, ich hätte mich somit erkundigen sollen nach dem Verlauf der fremd gewordenen Leben. Es hätte einiger Fragen bedurft und diese Fragen wären von den anderen vielleicht als Versuch eines neuerlichen Beginns verstanden wurden, einer wiederaufgenommenen Geschichte sozusagen. Ich hätte das alles tun sollen, auch wenn mich kein innerer Grund zu einer derartigen Handlung zwang, obwohl ich die Notwendigkeit, mich bei meinen alten Freunden zu melden, nur in seltenen Augenblicken spüre. Jetzt ist so ein Augenblick und wie andere Stimmungen auch taucht dieser Augenblick ganz unerwartet vor mir auf. Ich sitze an meinem Schreibtisch, draußen ist endlich alles grün, es ist weder warm noch kalt, der Himmel wirkt grau und erinnert mich an groben Filz, es regnet leicht und der tröpfelnde Regen plätschert auf das Wellblechdach der Garage, das an vielen Stellen unter einem Moosteppich verschwindet. 

Ich spüre die Notwendigkeit, einem anderen zu schreiben fast nie und deshalb habe ich zwei, drei, vier oder fünf Freunde in den vergangenen Jahren verloren. Auch habe ich nie besonders viele Freunde besessen. Manchmal glaube ich sogar, mich nur auf sehr wenige Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung konzentrieren zu können. Alles, was darüber hinaus reicht, überfordert mich, denn ich verbringe ganz einfach zu viel Zeit allein. Ich liebe es, allein zu sein, aber auch diese Liebe hat ihre Grenzen. Am Ende brauche ich die anderen, doch es können Wochen vergehen, bis sich dieses Bedürfnis in den Vordergrund schiebt, lange Wochen, Monate sogar. 

Manchmal werfe ich mir vor, die anderen nur in Zeiten der Schwäche zu brauchen, sie also zu benutzen, um meine Stimmung zu heben. Um mich zu versichern, ich sei noch nicht verloren, ich wäre am Ende nicht allein. Ich hätte jemanden in dieser Welt, so merkwürdig das auch klingt. Dabei sind beispielsweise fast alle Freunde aus meiner kurzen Zeit in Leipzig verschwunden, Freunde, die vierundzwanzig Monate in meinem Leben gewesen sind, mit denen ich Nachmittage und Abende verbrachte, mit denen ich mich stundenlang unterhielt, zu denen ich mich hingezogen fühlte, die mir nah waren, mit denen ich alles besprach. Einige der Namen fallen mir jetzt nicht mehr ein, aber ich erinnere mich an Franka und Saskia, mit denen ich gemeinsam im Buchladen gearbeitet habe, einem schrecklichen Geschäft, das Teil einer größeren deutschen Buchhandelskette gewesen ist.

Wir verkauften in jenem Sommer 50 Shades of Grey, jeden Tag 50 Shades of Grey, wochenlang, ohne Pause. Das Buch wucherte regelrecht auf den Auslagen, es breitete sich in unheimlicher Weise aus, man konnte gar nicht genügend Exemplare auslegen, um den Wahnsinn der Leute zu befriedigen. Riesige Bücherstapel wurden von uns am Morgen aufgebaut, um sich während eines kurzen Vormittags restlos zu verkaufen. Die Bücher mussten permanent gedruckt und in alle Buchläden des Landes transportiert werden, die Lieferketten durften nicht abreißen, plötzlich ging es hier um Leben und Tod, die Druckereien arbeiteten rund um die Uhr, weiteten den Schichtbetrieb aus, denn die Nachfrage war wirklich ganz unglaublich, sie war regelrecht schockierend, die Leute hielten es einfach nicht mehr aus, ohne dieses Buch durch den angebrochenen Sommer zu gehen und Franka, Saskia und ich sahen uns über die Auslagen hinweg völlig ratlos an, während ich an der Kasse einen Band nach dem nächsten über den Scanner zog und mit meinen Schultern zuckte.

Von meinem Platz hinter der Kasse aus musterte ich die vierzig- oder fünfzigjährigen Frauen, die manchmal verschämt den Buchladen betraten, als fühlten sie sich beobachtet, manchmal aber kamen sie auch offen auf mich zu und erkundigten sich nach dem Roman, dessen Figuren wirklich irrsinnige Namen wie John Steele trugen, wenn ich mich richtig erinnere. Selbst diesen Frauen schien bewusst, dass 50 Shades of Grey als gnadenloser Softporno vermarktet wurde und manche, das sah ich ganz deutlich, schämten sich für ihren Kauf, konnten die Neugier aber doch nicht überwinden.

Zwei oder drei Mal am Tag kam es vor, dass jemand ein echtes Buch auf die Kasse legte. Ich erinnere mich noch gut an ein Mädchen, wahrscheinlich eine Studentin, die Prousts Im Schatten junger Mädchenblüte kaufte, was ein wirkliches Ereignis war. Jahrelang habe ich in Buchgeschäften gearbeitet und Proust kaufte tatsächlich keine Sau, wirklich niemand, die Leute hatten vor der Suche nach der verlorenen Zeit regelrecht Angst, genauso wie vor Manns Joseph-Tetralogie, an den Ulysses allerdings traute sich jeder verpickelte Achtzehnjährige in völliger Verblendung heran und Infinite Jest habe ich hundertfach verkauft, obwohl natürlich feststand, dass dieser Ziegel ungelesen in den Bücherregalen verschwand, um Staub anzusetzen.

Wahrscheinlich ist Prousts Suche nach der verlorenen Zeit der meistbesprochene Roman, den niemand gelesen hat. Als ich in Berlin studierte, gab es zwei junge Literaturdozenten, die ich flüchtig über eine Freundin kennenlernte. Sie sprachen pausenlos über Proust und seine Recherche, denn natürlich ging ihnen der Titel des Romans nur im Original über die Lippen, um dann eines Abends in einer Kneipe, als beide schon ziemlich betrunken waren, lachend zu erklären, sie hätten das Buch, das in jedem ihrer Seminare eine Rolle spielte, tatsächlich nie gelesen. Sie erzählten lachend diese Lüge, als erinnerten sie sich an einen Streich, den sie vor fünfzehn oder zwanzig Jahren in ihrer auch später nie überwundenen Beschränktheit verübt hatten.

Bis heute spüre ich die Verachtung, die ich damals empfand. Die Literatur war für mich stets ein Mittel, das Lüge, Verstellung und Scheinheiligkeit schonungslos aufdeckte, das somit nur die Wahrheit und das unverstellte Leben zuließ und diese verlogenen Literaturwissenschaftler zogen ohne Gewissensbisse all das in den Dreck, machten es gemein. Sie sprachen über Proust, weil es zum guten Ton am Institut gehörte, nicht, weil sie Proust gelesen hatten oder für ihn brannten, nein, Proust war ihnen vollkommen egal und nicht nur Proust, die Literatur selbst war ihnen gleichgültig, sie heuchelten ein Interesse, das sie niemals empfanden und gaben nur vor etwas zu sein, das sie tatsächlich in keiner Sekunde waren. Niemand, der aufseiten der Literatur stand, sagte ich mir damals, wäre in der Lage, eine solche Lüge von sich zu geben, ohne daran zu ersticken, die Scheinheiligkeit hätte ihn umgebracht. Die echte Literatur verlangte Wahrheit und schloss Heuchelei und Lüge ganz einfach aus. 

Damals in Berlin fühlte ich mich so verletzt, als hätte man mich persönlich beleidigt. Am liebsten wäre ich aufgestanden, um wie ein Wahnsinniger um mich zu schlagen, aber natürlich sagte ich kein Wort, sondern lief bloß rot an.

Die beiden Dozenten sind heute sicher längst habilitiert und lehren deutsche und französische Literatur an einer angesehenen Hochschule. Man hält im Kollegenkreis sehr viel auf sie und ihre Expertise, sie haben ein paar ganz erstaunliche Aufsätze verfasst und gelten als Kenner und ausgezeichnete Pädagogen. Aus dem akademischen Lehrkörper sind sie nicht mehr wegzudenken.

In der Buchhandlung führte ich innerlich eine Strichliste und zählte die wirklich guten Bücher, die ich an einem Tag verkaufte. Ich bin mir sicher, niemals über fünf gekommen zu sein. Meine Bedingungen, um auf der Liste der guten Bücher zu landen, waren strikt und total borniert, dennoch aber hielt ich an ihnen fest, als ginge es um mein Leben. Und tatsächlich ging es in gewisser Weise während dieser langen Sommertage wenn nicht um mein Leben, so doch um meinen Verstand, um meine geistige Gesundheit, die innere Landschaft sozusagen, die aus Büchern und Texten bestand, die selbst das Leben waren, die dem Leben glichen, in denen das wahre Leben eingeschlossen lag und nicht das falsche und übertriebene, das von stümperhaften und unwahren Klischees zusammengehaltene wie in jenen Romanen, die ich täglich kiloweise verkaufte. Wie in den müden und leidenschaftslosen Biographien, denen ich damals überall begegnete. Das geregelte Leben sprang mich in seiner ganzen Stupidität und Ausweglosigkeit an, manchmal erschien es mir als einzige Wirklichkeit, die sich unaufhörlich näherte, der ich am Ende womöglich nicht entging. In den Büchern und in der Wirklichkeit war das geregelte Leben gleichermaßen unerträglich.

Manchmal glaubte ich fest, nur die Liste der guten Bücher würde mein Überleben sichern, wäre im Meer des Mittelmäßigen und Geschäfts ein untrügliches Zeichen für die Existenz des Höheren, dessen, was sich durch den Alltag nicht zerstören ließ, das für immer unantastbar über allem stand. Echte Literatur blieb ein Ausweg, sie war ein Zeichen dafür, dass es mehr gab als den Weg zur Arbeit, das Studium, die eigene Verunsicherung. Die Bücher auf meiner Liste waren wahr, sie sprachen authentisch über das Leben, dokumentierten alles, was das Leben ganz grundsätzlich für den Menschen bereit halten konnte, im Kleinen wie im Großen. Und die Bücher, die ich verkaufte, taten das nicht. Sie nahmen das Leben weder ernst noch interessierten sie sich in irgendeiner Weise dafür. Sie verkauften sich und das war alles. 

Am Abend, nachdem wir den Laden geschlossen hatten, trafen wir uns häufig in Frankas WG, tranken Bier oder billigen Wein und führten endlose Gespräche.

Saskia schrieb, wie ich bald herausfand. Franka hielt sehr viel auf ihre Erzählungen, aber ich bekam nie eine zu Gesicht, sicher auch, weil ich mich von ihrem Talent, das Franka mehrfach in meinem Beisein betonte, eingeschüchtert fühlte. 

Wir unterhielten uns miteinander, wir liefen durch die Leipziger Parks, die Wäldern glichen, wir kamen in Cafés zusammen und debattierten über die Notwendigkeit des Glücks, ob das Ziel des Lebens sich nur in diesem erschöpfte, was ich selbstverständlich vehement verneinte. Franka vermittelte mir einen Kontakt zum Mainzer Ventil Verlag, den ich niemals angeschrieben habe. Damals dachte ich noch, ich würde über Robert Walsers frühe Romane promovieren und Franka hatte das einem Freund gegenüber erwähnt, der im Ventil Verlag arbeitete und sich ebenfalls für Walser interessierte. 

Ich wusste nicht, was ich ihm hätte schreiben sollen. Ich wollte mich nicht anbiedern, ich habe nie Kontakte geknüpft, um daraus einen Vorteil zu ziehen. Auch schrieb ich in Leipzig an keinem Roman oder Buch, ich schrieb nur selten und dann ausschließlich für mich, kürzere Texte, manchmal Gedichte, die ich allerdings niemandem zeigte. 

Nach zwei Jahren zog ich aus Leipzig in die Nähe von Stuttgart, um meine erste Stelle anzutreten. Ich verabschiedete mich von Franka und Saskia, die kurze Zeit später nach Hamburg ging, da sie dort einen Job gefunden hatte und obwohl ich beiden versicherte, häufig zurück nach Leipzig zu kommen, damit wir in Kontakt blieben, habe ich nichts dergleichen getan. Wahrscheinlich schrieb ich noch ein oder zwei Mails und dann schlief alles ein. Ich glaube mich jetzt sogar an Geburtstagswünsche zu erinnern, die wir noch zwei oder drei Jahre später als einziges Lebenszeichen aneinander schickten, doch bald schon herrschte Stille zwischen uns.

Etwa eineinhalb Jahre nach meinem Umzug schrieb ich Franka eine lange Mail. Damals arbeitete ich im Deutschen Literaturarchiv und war unfähig zu begreifen, wie ich ausgerechnet an diese Stelle gekommen war, in der sich alles in Luft auflöste, was ich mit meiner Vorstellung von Literatur verband. Im Archiv herrschten die Karrieristen und Bürokraten, die Literatur blieb das Mittel zum Zweck, um höher hinaus zu kommen, nach Weimar, nach Berlin, an all die klangvollen Akademien. Ich verstand einfach nicht, wie jemand in der Lage war, die Literatur zum Geschäft und zur Karriere zu machen. In meinen Augen verriet man damit die Literatur, man verriet die abgewandte Seite der Wirklichkeit, man nutzte die Kunst, um sich an ihr zu bereichern und trat gerade diejenigen mit Füßen, die an dieser, auf das Geschäft gerichteten Wirklichkeit zugrunde gegangen waren. Die an der Welt derart krankten, dass nur das Schreiben half. Randexistenzen, die außerhalb der Gesellschaft vegetierten, verschrien und häufig bespuckt und nun, einige Jahrzehnte später, benutzte man sie, um im akademischen Betrieb voranzukommen und machte sich damit zum Diener einer Logik, an der so viele Schreibende kaputt gegangen waren, die sie zerstört hatte.

Die Zerbrechlichkeit der Texte verschwand in Marbach, man kämpfte gegeneinander, man stritt sich um Stellen. In meinen zweieinhalb Jahren habe ich nicht einen Angestellten begeistert über das sprechen hören, was man in den Archiven verwahrte. Sprach man doch einmal über die Manuskripte und Bibliotheken, leuchteten keine Augen, als verstünde man nicht, was man in den Händen hielt. Die Gesichter belebten sich erst dann, wenn sie einen Vorteil witterten, die Aussicht auf eine Publikation beispielsweise, die ein neuer Nachlass versprach.

In meiner Mail an Franka versuchte ich ziemlich hilflos mein langes Schweigen zu erklären. Ich schrieb einige Sätze über die zurückliegenden Monate, kam häufig ins Stocken und schickte die Nachricht schließlich, ohne weiter über sie nachzudenken, ab. Franka hat mir nie geantwortet und ich nahm ihr das Ausbleiben einer Antwort nicht übel. Um ehrlich zu sein, hatte ich damit sogar gerechnet.

Vielleicht bedeuten mir die anderen einfach zu wenig, denke ich. Vielleicht, sage ich mir manchmal, bedeuten sie mir nicht genug. Vielleicht stimmt es, was man einige Male in meinem Leben über mich sagte, dass ich mich zur Gemeinschaft zwingen müsste, dass ich mich zwingen müsste, Kontakt zu halten. 

Aus sieben Jahren Berlin, der Zeit meines Studiums, sind mir drei Freunde geblieben. Die Übrigen kommen mir ab und an in den Sinn, allerdings kann es passieren, dass ich mich zwei ganze Jahre nicht bei ihnen melde. Je mehr Zeit vergeht, um so schwieriger wird es, den Faden wieder aufzunehmen. Und irgendwann ist der Punkt erreicht, der keine Rückkehr mehr gestattet. Zu viel muss erklärt, zu viel aufgeholt werden, um einander zu verstehen. Man muss das halbe Leben rekapitulieren und eine solche Erklärung ist mühsam und nicht ungefährlich. Man berührt alte Wunden und weiß nicht einmal, wer der andere eigentlich ist, was aus ihm geworden ist, man hat ihn seit vier oder fünf Jahren nicht mehr gesehen. Nur die Stimmen klingen vertraut, doch man muss vorsichtig bleiben. Auch das Vertrauen verwandelt sich mit der Zeit, es ist wie junges Eis, denke ich, das auf den ersten Blick so erscheint, als könne es dich tragen und dann setzt du den linken Fuß auf die durchsichtige Fläche und nichts passiert, doch als du deinen rechten Fuß auf das Eis setzt, hörst du ein Geräusch wie einen Peitschenhieb, das über dem gefrorenen Wasser zittert und die späten Enten im Schilf erschreckt. Die Luft ist so kalt und klar, dass sich das Echo der berstenden Eisfläche minutenlang über deinem Kopf hält, als stündest du unter einer Glocke aus Glas, einem monumentalen gläsernen Sturz, dessen durchsichtige Wände unberührbar bleiben und in dem das Echo, ohne schwächer zu werden, von einer Seite zur anderen hallt, hin und her, ein Peitschenknall oder ein Schuss, dessen Klang nicht verschwindet, der sich eigensinnig hält, an Lautstärke gewinnt und dann doch verliert, der irgendwann mit dem Himmel und seinen Geräuschen zusammenfließt, bis er schließlich von deinem eigenen Atem und dem Herzschlag in deiner Brust nicht mehr zu unterscheiden ist.