Freitag, 9. April

Am Kaffeevollautomaten meiner Eltern ziehe ich mir am Morgen einen Espresso nach dem nächsten und genieße die Bequemlichkeit. Die Bohnen rasseln im Mahlwerk, die Maschine löst sich für Augenblicke in Geräuschen auf, die für mich nach unergründlicher Mechanik klingen, nach technischen Zusammenhängen, die ich nicht verstehen würde, auch wenn man sie mir in einfachen Worten erklärte und dann fließt der schwarze Kaffee aus einer metallenen Düse in die kleine Porzellantasse mit Goldrand. Ich bin mir nicht sicher, woher meine Eltern diese Tassen haben, die sie Mokkatassen nennen. Früher, als es dieses Haus und den Vollautomaten noch nicht gab, existierten auch die kleinen Tassen nicht. Sie sind später dazugekommen, haben sich stumm in das übrige Geschirr gefügt, ihre Herkunft bleibt geheim so wie die Herkunft vieler anderer Gegenstände in diesem neuen Haus auch. 

Ich finde die Tassen nicht einmal besonders schön. Sie wirken antiquiert und ein wenig großmütterlich und bereits auf den ersten Blick war mir klar, dass ich mich nie für eine solche Tasse entscheiden würde. Der nach oben breiter werdende Schwung steht zum harten Winkel des Henkels in Widerspruch und auch der falsche Goldrand wirkt übertrieben und suggeriert einen Wert, den diese weiße Tasse kaum besitzt. Vielleicht besteht sie nicht einmal aus echtem Porzellan, sondern nur aus einer günstig herzustellenden Keramikvariante. Die ganze Tasse wäre dann Verstellung, schöner Schein, ein Betrug, der vielleicht niemanden verletzt, der aber auch unsinnig ist, wie ich denke, denn man hätte das falsche Gold einfach weglassen, man hätte auf den Betrug verzichten können.

Ich stehe vom Küchentisch auf und schalte die Kaffeemaschine wieder an. Einige Symbole beginnen auf der oberen Gehäuseseite zu leuchten. Per Knopfdruck lassen sich ein einfacher und ein doppelter Espresso auswählen und ich drücke auf das silberne Piktogramm, das eine kleine, dampfende Tasse darstellen soll. Das Mahlwerk setzt sich unverzüglich in Bewegung, die Maschine, lese ich auf einem kleinen Metallschild an der Front des Vollautomaten, ist eine Severin und das ist, wenn mich nicht alles täuscht, ein preisgünstiger Hersteller. Im Gegensatz zu K recherchieren meine Eltern nicht erst lang im Netz, bevor sie sich für ein Haushaltsgerät entscheiden. Die Überlegung, ob das, was man kauft, auch das Beste sei, hat sich für meine Eltern, so lang ich mich erinnern kann, niemals gestellt. Dieser Gedanke scheint ihnen grundsätzlich fremd. Aus welchem Grund sollte man das Beste besitzen? Wer ist man, dass nur das Beste in Frage käme?

Meine Eltern haben keinen Sinn für das Raffinement, für das Ausgesuchte, übertrieben Luxuriöse. Unsere Familie besitzt keine feinen Zungen und das hat sich auch auf mich vererbt. Die Küche bleibt ein Raum der Notwendigkeit. Man muss essen und man muss trinken. Es ist ein wenig bequemer, einen Kaffeeautomaten per Knopfdruck zu bedienen, als eine Kanne Filterkaffee zu kochen, doch über den Geschmack des Automatenkaffees macht man sich keine Gedanken, man vergleicht die unterschiedlichen Geräte und Modelle nicht, man beschäftigt sich weder mit korrektem Wasserdruck noch entsprechender Temperatur, mit der Körnung und Präzision des Mahlwerks und so weiter. Meine Eltern messen solchen Details keinen Wert bei und unterstellen all jenen, die sich mit derartigen Dingen beschäftigten, eine übertriebene und letztlich grundlose Blasiertheit. Am Ende interessiert es sie nicht, ob der Espresso aus einer Maschine stammt, die einhundert oder dreitausend Euro kostet, sie schmecken nur Kaffee. Für diese feinen Unterschiede gab es in meiner Kindheit keinen Raum und bis heute hat sich in mir eine tiefe Abneigung gegen jene erhalten, die auf diese Unterschiede Wert legen, einen Wert, den ich, obwohl ich es besser weiß, häufig als haltlos und lächerlich empfinde, ein übertriebener Wert, an den man nur vorgeblich glaubt, obwohl er nicht wirklich existiert. Ein Wert somit, der jeder Grundlage entbehrt, der Verankerung in der Wirklichkeit und deshalb nur vorgeblich vorhanden ist. Schaut man genauer hin, sagen meine Eltern, ist alles nicht ganz so weit voneinander entfernt, wie man anfangs behauptet.

Das weiche Morgenlicht (der Himmel ist wieder bedeckt, obwohl es über Nacht etwas wärmer geworden ist), fällt durch das breite Fenster in die Küche, legt sich auf den Naturstein am Boden, auf den weißen Tisch, die Schränke und Küchengeräte, auf die beiden Pflanzen, die auf dem Fensterbrett stehen, auf die Keramikfigur des Froschkönigs, auf eine ebenfalls aus Keramik gefertigte Dose in Form eines orange bemalten Kürbisses, auf die Holzfigur eines Osterhasen, die beiden an den Fensterrahmen gelehnten CDs von Element of Crime. 

Während ich schreibe, beginnt es draußen über dem Vorgarten, der in Richtung Wald zeigt, zu schneien. Keine feuchten, schweren Flocken, sondern winzige, weiße Punkte, die weniger schweben, als dass sie lotrecht zu Boden fallen. Das Gestöber gewinnt an Kraft, wirkt für eine Sekunde fast wütend, das Weiß vergrößert sich und verdrängt die anderen Farben vor meinen Augen (vor allem das Grün der Tannen und Kiefern) und dann hört es plötzlich wieder auf, als hätte man einen Schalter umgelegt. 

Vogelstimmen, die kurz geschwiegen haben, tauchen wieder auf. Ich höre einen unsichtbaren Specht, sein Klopfen stammt aus dem Wald, ist so etwas wie ein Zeichen, doch wofür, frage ich mich, kann dieses Klopfen ein Zeichen sein, wenn nicht für das Unsichtbare selbst, für all das, was sich ohne unser Zutun und in unserer Abwesenheit ereignet, im Stillen, im Schatten unserer Ignoranz sozusagen, da wir die meiste Zeit der Meinung sind, auf alles zuzugreifen, obwohl wir am Ende vielleicht nur die Hälfte oder ein Viertel verstehen.