Tannenfeld, 7. April

Etwa zwanzig Minuten brauchen wir vom Haus meiner Eltern bis nach Tannenfeld, das kein richtiger Ort ist, kein Ort im eigentlichen Sinn zumindest, sondern eine Art Kurpark. Wir nehmen die Straße am Wald entlang, queren das Dorf, dessen Namen ich mir nicht merken kann und fahren bald auf die Autobahn in Richtung Leipzig. Ich trete das Gaspedal komplett durch, denn die rechte Spur wird von einem LKW belegt, doch das ist für unser Auto überhaupt kein Problem. Der Mercedes (für den ich mich natürlich ziemlich schäme, denn ein solcher Wagen passt in keiner Weise zu mir und meinem, zumindest innerlich ganz ungepassten, etwas aus der Welt gefallenen Selbstbild), beschleunigt auf der Stelle und deshalb ziehen wir rechts am LKW mit aufheulendem Motor vorbei und scheren gleitend vor ihm ein. 

Für wenige Kilometer folgen wir der Autobahn, verlassen sie aber bereits an der nächsten Abfahrt. Dann kommt eine Landstraße, auch hier herrscht wenig Verkehr und das ist vielleicht verständlich, denn es ist Mittwoch gegen zwölf und die meisten Leute werden auf der Arbeit sein oder noch zu Hause in den Osterferien. Neben der Landstraße liegen weite Felder, einige grün, die anderen noch braun oder schwarz. Wir halten an einer Kreuzung, die aus dem Nichts vor uns auftaucht. Gleich links entdecke ich eine Tankstelle, an der wir auf dem Rückweg halten könnten, wie ich K gegenüber erkläre. Wir haben nur noch wenig im Tank und hier draußen, außerhalb der Stadt, ist das Benzin doch immer günstiger, wenn ich mich richtig erinnere.

Die Ampel schaltet auf Grün und ich beschleunige. Die Felder ziehen an uns vorbei, K erklärt, die Landschaft wäre langweilig und beginnt zu singen. Der Turm dort ist langweilig, singt sie, die Felder sind auch langweilig, das ist eine ganz langweilige Landschaft, langweilig. Langweilig!

Wahrscheinlich hat sie sogar recht.

Nach einem weiteren Kilometer taucht rechter Hand zwischen den erdigen Feldern ein Waldstück auf.

„Das ist es“, sage ich und suche bereits aus der Entfernung nach dem abzweigenden Weg, was nicht ganz einfach ist, da wir mit einhundert Stundenkilometer recht schnell unterwegs sind und das Waldstück immer näher rückt.

Ich setze schließlich den Blinker, schaue in den Rückspiegel und bemerke einen weißen Lieferwagen. Nicht einmal eine Autolänge passt zwischen ihn und uns, obwohl der Fahrer doch erkennen muss, dass wir nicht aus der Gegend sind, sondern aus Hamburg, zumindest unserem Nummernschild nach. Ich hasse Leute, die zu dicht auffahren und kann mir nicht vorstellen, was der Mann im weißen Transporter um diese Zeit so eilig zu tun haben will. Aber vielleicht regt ihn auch einfach nur das fremde Nummernschild auf. Vielleicht fahre ich hier auch tatsächlich auch einfach zu langsam.

Ziemlich spät taucht der rechts abzweigende Weg zwischen einer von Hecken überwachsenen Insel am Straßenrand auf. Die Zufahrt ist wirklich schwer zu erkennen und deshalb bremse ich ein wenig abrupt und fahre näher an den rechten Fahrbahnrand. Der weiße Lieferwagen schießt sofort links an uns vorbei und ich spüre, dass er es am liebsten unter lauten Hupkaskaden getan haben würde, sich aus irgendeinem Grund aber schließlich doch dagegen entschieden hat.

Wir folgen im Schritttempo einem alten, nur notdürftig asphaltierten Weg voller Schlaglöcher und erreichen den Wald. Fast alle Bäume sind noch kahl, nur an starrsinnigen Einzelgängern lässt sich etwas Grün ausmachen. Gestern und heute hat es wieder geschneit. Draußen sind es zwei Grad über null, eigentlich also herrscht hier oben bei meinen Eltern noch Winter.

Ich stelle das Auto zwischen einer Baumgruppe ab und wir steigen aus. Mit uns sind noch ein paar andere Ausflügler unterwegs, aber der Andrang hält sich, sicher auch wegen der Kälte, in Grenzen. 

Das erste Haus der Parkanlage befindet sich gleich in der Nähe der abgestellten Fahrzeuge und ist das einzige, in dem eine Familie lebt. Alle anderen Villen des ehemaligen Sanatoriums, die sich verstreut innerhalb des Parks befinden, stehen leer und sind verfallen. Die komplette Anlage ist eine einzige Ruine, aber das scheint jene Familie, die sich im ersten Haus eingerichtet hat, aus irgendeinem Grund nicht zu stören.

K und ich folgen dem von Rhododendren zugewachsenen Weg, bis links neben uns das alte Liegenhaus hinter einem Spalier von Sträuchern erscheint. Kurz nach Neunzehnhundert lagen an dieser Stelle die Lungenkranken in der Sonne, darunter auch Hans Fallada, wenn ich mich richtig erinnere, der in den Neunzehnzwanzigern im Tannenfelder Sanatorium eine kurze Zeit verbrachte. 

Das Liegenhaus besitzt eine geschwungene Form und erinnert an ein breites U. Es ist komplett aus Holz konstruiert und, da es seit etwa einhundert Jahren der Witterung ausgesetzt ist, ziemlich ramponiert. Über eine schmale Treppe im Zentrum der Bogenform erreichten die Kranken früher das Innere des Gebäudes, dessen Südseite aus einer breiten Fensterfront besteht. Es fällt mir nicht schwer, an die ausgemergelten Gestalten zu denken, die hier vor Jahrzehnten auf ihren Liegen in der Frühlingssonne lagen, die Fenster geöffnet, das milde Licht auf dem Gesicht und den ersten wärmenden Luftzug im Raum, wobei der kränkliche, abgemagerte Körper von einer Deckenschicht eingehüllt einer eher zweifelhaften Genesung entgegensah, die sich für die meisten natürlich als Illusion herausstellte. Sie lagen einfach da im Licht und in der Sonne, tranken wie im Zauberberg irgendein als heilsam angepriesenes Quellwasser, das in Wirklichkeit natürlich gar nichts tat, um die unendlich zäh vergehenden Stunden mit unnützen Gedanken anzufüllen, die sich auf ein unsicheres Bald und ein schmerzliches Gestern richteten. Am Ende fallen Vergangenheit und Zukunft in solchen Gebäuden in eins, denke ich. Beide stellen sich mit einem Mal als unerreichbar heraus. Wahrscheinlich fragt man sich, weshalb man erlebt hat, was man erlebte und weshalb es nun nicht mehr weiter geht. Alles verwandelt sich in einen Traum, für dessen Deutung man auf dieser Liege im Sonnenlicht nicht mehr taugt und der sich nur in Bruchstücken, niemals aber in seiner erschreckenden Tiefe mit einem anderen Kranken teilen lässt.

Einige Scheiben des Liegenhauses sind zerschlagen, die meisten anderen aber noch intakt. Das Holz hat stark gelitten, das Dach ist an zwei Stellen kaputt und der wolkenverhangene Himmel scheint durch diese Löcher hindurch, aber auch der Holzboden des Gebäudes zeigt mehrere breite Löcher. Zwei alte Sessel stehen im Raum, die Bezüge sind zerrissen, alles wirkt heruntergekommen, hinfällig, moribund.

Etwa in der Mitte des Parks steht ein altes schlossähnliches Gebäude. Wie die anderen Villen auch sieht es einer Ruine ähnlicher als allem anderen, die Fenster wurden mit Pressspanplatten verschlossen, das Eingangsportal mit Metallketten und Vorhängeschlössern versperrt. Der ehemalige Teich vor der Freitreppe liegt trocken und in diesem Teich breitet sich eine herrenlose, schwarze Plane wie ein Urzeitwesen aus. Halb Pflanze, halb Tier, denke ich. Das Licht spiegelt sich auf dieser Plane in silbernen Streifen, sobald die Wolkendecke über uns zerreißt und das Blau dahinter zu erkennen gibt.

Wir stapfen wortlos weiter. Vorbei an Wiesen voller Osterglocken, an kahlen Rotbuchen, Eichen und Kastanien, die ich mit meiner neuen App zuerst per Foto aufnehme und dann von einem unsichtbaren Algorithmus bestimmen lasse. Das klappt ganz gut, wie ich finde, auch wenn ich die Ergebnisse natürlich nicht überprüfen kann. Allerdings bin ich dann doch etwas begeistert, als die App mir einen Baum, dessen aus dem letzten Jahr stammenden Früchte den Boden des Parks überziehen, als Ulme zu erkennen gibt. 

Ulme, denke ich glücklich.

Ich habe keine Ahnung, wie die Blätter einer Ulme aussehen. Gleichzeitig ist es mir auch etwas peinlich, dass ich jetzt plötzlich damit anfange, mich für die Welt der Bäume zu interessieren. Natürlich habe ich es immer mal wieder mit verschiedenen Büchern zur Baumbestimmung probiert, doch meine Versuche haben keinerlei bleibende Ergebnisse gezeitigt. Und jetzt renne ich hier durch den Park einer verfallenen Heilanstalt und zücke jeden Meter mein Handy, um irgendeinen Baum besser kennenzulernen, dessen charakteristische Merkmale ich nach einer halben Stunde bereits wieder vergessen habe.

„Mir ist kalt“, sagt K. Wir tragen unsere dünnen Daunenjacken, ihre ist grün, meine gelb und darüber haben wir Regenklamotten angezogen, die vor dem Wind schützen.

„Lass uns noch kurz zum Tümpel gehen, bevor wir wieder fahren“, schlage ich vor. Sie ist einverstanden.

Wir gehen zurück, vorbei an den stummen Ruinen, die seit langer Zeit kein Leben mir gesehen haben und vor einem der Gebäude fällt mir plötzlich ein, das Sanatorium habe in der DDR so etwas wie eine unverhoffte Renaissance erlebt, als man es zu einer psychiatrischen Heilanstalt umfunktionierte. Man möchte sich natürlich nicht vorstellen, was in diesen alten Gebäuden alles passiert ist, aber der Ulmenpark und die Rhododendronbüsche und die Ferne der Stadt müssen zumindest auf einige Depressive eine beruhigende Wirkung gehabt haben, wie ich denke. Sofern es sich um Depressive handelte, die man hier gehalten hat.

K steht bereits vor dem großen Naturteich, als ich sie einhole. Die Oberfläche des Tümpels ist in Ufernähe von grünen Wasserpflanzen überzogen. Ich bücke mich über eine Schneeinsel, forme einen Ball und werfe ihn direkt in das Grün hinein. Eine kleine, schlammige Fontäne schießt in Richtung Himmel und fällt sofort wieder in sich zusammen. Der Schneeball ist von Dreck und grünen Pflanzenteilen überzogen und scheint in der zähen Masse eher zu stecken, als zu schwimmen. Eigentlich bewegt er sich kaum.

K und ich stehen am Ufer und sehen dem nun abstoßend wirkenden Schneeball, der plötzlich weder etwas Reines noch Schönes besitzt, für einige Sekunden zu. Dann gehen wir wortlos in Richtung Auto zurück. Auf halber Strecke beginnt es zu schneien.