Montag, 5. April

Das Auto (ein einfacher Mietwagen) bewegt sich auf der schnurgeraden, sechsspurigen Straße, über der an diesem Morgen ein wolkenloser, blauer Aprilhimmel liegt. Nur wenige andere Fahrzeuge sind unterwegs, eigentlich herrscht kein richtiger Verkehr und die kleine Kolonne passiert einen Mischwald, der links und rechts neben der Fahrbahn zu erkennen ist, die hohen Bäume, wahrscheinlich sind es Buchen oder Eschen stehen noch ohne Laub im ziemlich kräftigen Wind und die Autobahn läuft mitten durch diesen Wald hindurch, unterbrochen nur von hellgrünen Wiesen, auf denen einige Rehe stehen und verwundert in Richtung der Fahrzeuge blicken, die für sie so etwas wie ein Rätsel sind, ein unerklärlicher Umstand, der zugleich gefährlich wirkt und neugierig macht, und die Felder verschwinden bald und verwandeln sich in eine Stadt, eher ein Dorf oder einen sehr kleinen Ort mit nur wenigen Straßen, die sich allesamt gleichen, so wie sich in kleinen Orten ja eigentlich auch alle Häuser etwas ähnlich sehen und das Leben in diesen Häusern auch, obwohl das nur für das äußere Leben gilt und nicht für das innere, das jeweils ein ganz anderes ist und nach den kleineren Siedlungen tauchen wieder die Felder auf und dann kommt erneut ein Wald, ein riesiger Wald ist es diesmal, ein Wald, der den Horizont verbirgt (das heißt die winzige und unberührbare Trennung zwischen Himmel und Erde) und in diesem Wald ragen die gefledderten Kiefern in die Höhe, Wind und Stürmen scheinbar schutzlos ausgesetzt in ihrer kränklichen Kahlheit, denn diese Kiefern wirken ganz anders als zum Beispiel eine sehr widerstandsfähige Esche, die wahrscheinlich gerade aufgrund ihrer Widerstandsfähigkeit für die Kelten zum Weltenbaum geworden ist, ein eleganter und sehr gerader Stamm, der in zehn Metern Höhe auszweigt und sich dann langsam verästelt, wobei die Äste selbst noch weiter in die Höhe und nicht etwa, wie man denken könnte, in die Waagerechte streben, nein, die Äste streben nach oben, vielleicht grundlos, vielleicht auch nicht, man müsste sich einmal mit dem Wachstum der Bäume beschäftigen, denn natürlich gibt es für alles einen Grund und eine einleuchtende Erklärung und erst sehr weit oben, dort, wo die mächtigsten Äste sich in ein Aderwerk verjüngen und ausfalten, stößt die Esche an ihr Ende, findet sozusagen ihre Grenze und wirkt samt ihrer noch kahlen, alles überragenden Krone (es ist, wie gesagt, April) unbezwingbar, unüberwindbar sogar.

Nach etwas mehr als zwei Stunden halten wir an einer Raststätte an. Es stehen Leute im Wind, gestern ist es wieder kalt geworden und die Menschen tragen Winterjacken und dicke Mäntel. Die wenigsten gehen in die Raststätte hinein. Viele haben Kaffee oder Tee in Thermosbechern auf die Fahrt mitgenommen und essen belegte Brote und Obst in Reichweite ihrer Autos.

Auf einem abgesperrten Spielplatz sind zwei Kinder unterwegs, die ihre Eltern scheinbar verloren haben, ohne sich daraus aber etwas zu machen. Ihre ausgelassenen Rufe sind von Weitem zu hören. Im Vorbeigehen sehe ich zu den Kindern, die gerade damit beschäftigt sind, eine Art Turm zu erklimmen, der durch eine polierte Metallrutsche, in der sich der blaue Himmel spiegelt, mit dem weichen Gummiboden des Spielplatzes verbunden ist. Ich warte kurz in der Hoffnung, eines der Kinder werde im nächsten Augenblick auf der Rutsche erscheinen, aber es tut sich nichts und K und ich gehen weiter.

Als ich die Toilette der Raststätte betrete, kommt mir ein riesiger Typ mit tätowierten Armen entgegen. Er trägt nur ein T-Shirt, scheint sich für die Kälte draußen somit nicht im mindesten zu interessieren. Die Sonnenbrille hat er sich verkehrt herum aufgesetzt, die Bügel der Brille sitzen zwar auf seinen Ohren, die Gläser allerdings in seinem Nacken. Ich habe nie verstanden, wie sich diese doch sehr eigenwillige Art, eine Brille zu tragen, verbreiten konnte, besonders unter diesen Türstehercharakteren mit Hang zum Gewichtheben und ungesunder Röte, doch ganz offensichtlich gibt es für alles eine Subkultur. Wobei es mir gleichzeitig irre erscheint, irgendjemand würde genau auf dieses Accessoire anspringen, um einen Freund mit einem geheimen Zeichen auf den Türstehertypen hinzuweisen und zu sagen, sieh mal, die Brille, das find ich echt geil.

K und ich stehen kurze Zeit später wieder draußen im Wind. Unsere am Morgen in einer Bäckerei gekauften Käsestangen sind längst gegessen, aber richtig Hunger haben wir nicht. Außerdem sind wir in einer Stunde bei meinen Eltern und dort erwartet uns das Mittagessen. Wahrscheinlich gibt es Suppe, denke ich kurz (und habe damit recht), während ich von K den Autoschlüssel in Empfang nehme, um weiterzufahren.

Ein paar Minuten später schieße ich mit einhundertsiebzig Stundenkilometern über die Autobahn, was eine ziemlich hohe Geschwindigkeit darstellt, wie ich finde, und mich in einen überschaubaren, manchmal von kurzen Angstmomenten durchbrochenen Rausch versetzt. Ich kann kaum glauben, welche Angst ich noch vor zwei oder drei Jahren vor dem Autofahren hatte, obwohl ich wie all meine anderen Freunde auch den Führerschein gleich mit achtzehn gemacht habe. Aber dann bin ich nach Berlin gezogen, um zu studieren und in Berlin habe ich natürlich kein Auto gebraucht. Bis auf C besaß auch niemand in meinem Freundeskreis ein Auto, alle fuhren mit den Öffentlichen oder einem Rad und in diesen Jahren saß ich für längere Zeit hinter keinem Steuer. Mit der fehlenden Praxis wuchs nach und nach meine Angst, ich hätte möglicherweise alles wieder verlernt. Erst in Neuseeland hat mich K an das Steuer unseres Campers gezwungen und obwohl ich mich anfangs mit Händen und Füßen dagegen wehrte, um mich gleichzeitig für meine Schwäche zu schämen, die ich besonders meinen männlichen Freunden gegenüber stets empfand, denn wer in meinem Alter hatte schließlich noch Angst vor dem Autofahren?, setzte ich mich irgendwann doch hinter das Lenkrad auf der rechten Fahrzeugseite und natürlich lief alles ohne Probleme ab.

Ich steuerte den Kleinbus schwitzend und mit pumpendem Herzen durch Dunedin und wenig später durch die unglaubliche neuseeländische Landschaft, links die schneebedeckten Gebirge, rechts der Ozean, das Weltmeer, die Brandung und ich hatte das Autofahren in keiner Weise verlernt, niemand hätte mir angesehen, dass ich seit längerer Zeit zum ersten Mal wieder hinter einem Steuer saß.

Als die Angst mich verließ, konnte ich nicht glauben, vor welcher Kleinigkeit ich all die Jahre lang zurückgeschreckt war. Warum hatte ich mich meiner Angst nicht einfach gestellt? Stattdessen hatte ich mich wie ein Kind vor ihr versteckt und mir dadurch eine ganze Menge Möglichkeiten entgehen lassen, mit einem Auto irgendwohin zu fahren, vielleicht sogar ein Abenteuer zu erleben. Jahrelang hatte mir meine Mutter im Sommer angeboten, ihr Auto zu benutzen. Ich hätte mit meinen Freunden ans Meer fahren können oder in die Berge oder auch, wie es andere taten, quer durch Europa. Stattdessen habe ich mich von meiner Angst zurückhalten lassen, ich habe mich der Angst unterworfen und dann Jahre gebraucht, um diese Angst auf Veranlassung eines anderen zu überwinden.

Ich trat auf das Gaspedal, beschleunigte auf einhundertachtzig, wobei auch mein Puls an Geschwindigkeit gewann, und schoss an den Autos auf der rechten Spur vorbei. Noch ein paar Kilometer und dann würden wir die Abfahrt erreichen, würden uns durch die Hügellandschaft bis in ein weiteres Waldstück bewegen und das Auto parken. Die hohe, grau gepflasterte Auffahrt, der große Vorgarten mit den Beeten und der wilden Wiese, auf die meiner Mutter solchen Wert legte, weil es die Kräuter, die hier wuchsen, nur in Waldnähe gab und nicht in der Stadt. Die Gartentore würden für unsere Ankunft von meinem Vater bereits geöffnet sein, ich würde das Auto hinauffahren und vor der Garage abstellen und dann würde es etwas zu essen geben und die üblichen Gespräche. Wie es uns ginge. Was es Neues auf Arbeit gäbe. Ob wir uns erst einmal von der Fahrt erholen wollten.