Bücher, 2. April

K behauptet, die Wände unserer Wohnung würden immer näher rücken, es stünden einfach zu viele Bücher in den Regalen und das könne so nicht weitergehen. Anfangs wehre ich mich natürlich gegen diese Behauptung, fühle mich insgeheim aber auch geschmeichelt, denn die Übernahme unserer Zimmer durch meine Bücher besitzt etwas sehr Romanhaftes, fast wie bei Canetti, denke ich, obwohl ich Canetti seit bestimmt fünfzehn Jahren nicht mehr gelesen habe. 

Und genau das ist unser Problem, erklärt K. Diese vielen Bücher, in die du niemals wieder schauen wirst, die einfach nur herumstehen und Staub fangen, wie DAS ARCHIPEL GULAG zum Beispiel. 

Das hebe ich mir für später auf, erkläre ich. Das ARCHIPEL verlangt einen besonderen Moment, das kann ich nicht im Frühling anfangen und außerdem habe ich ja auch erst vor einigen Monaten einen anderen Solschenizyn gelesen, den TAG IM LEBEN IWAN DENISSOWITSCHS oder wie das hieß.

K lässt sich davon nicht überzeugen, aber sie hat natürlich auch recht und da in den beiden Bücherschränken meines Großvaters alles auf zweiter Rehe steht – hüfthohe, braune Unterschränke mit Glasaufsätzen aus den Sechzigerjahren der DDR, die ich vor dem Sperrmüll retten konnte, in den meine Eltern sie zwangsläufig geworfen hätten –, finde ich seit Monaten nichts, falls ich doch einmal nach etwas suche.

Am Nachmittag fange ich an und nehme mir den Schrank im Flur vor. Ich öffne die Türen und starre auf eine kompakte Masse eng geschichteter Bücherstapel, die dicht an dicht das gesamte Innere des Unterschranks ausfüllen. Die Bücher stehen nicht Rücken an Rücken, sondern in einer Art Paketmuster, um möglichst platzsparend so viele Bände wie möglich unterzubringen. 

Ich ziehe die ersten heraus, darunter eine ganze Sammlung Roland Barthes und Literaturtheorie und das muss alles weg, beschließe ich sofort. So gern ich Barthes auch während meines Studiums gelesen habe, so sehr widert mich die Wissenschaft jetzt, zehn Jahre nach meinem Abschluss, an. Eigentlich hat sie mich bereits in meinen letzten Semestern angeödet, aber das habe ich damals nicht richtig verstanden. Ich dachte, ich wäre einfach müde, hätte nach diesen Jahren keine Lust mehr auf die gleichförmige Universität mit ihren vorhersagbaren Mustern aus Seminar, Vorlesung und Abschlussarbeit. Dabei war ich der Wissenschaft an sich müde, ohne meine Müdigkeit zu erkennen. Nur aus diesem Grund habe ich später meine Promotion überhaupt begonnen. Wie so oft, musste ich noch einige Zeit in die falsche Richtung laufen, um dann verspätet etwas festzustellen, das ich von Anfang an zwar nicht begriffen, aber doch erahnt habe. 

Ich packe die Suhrkamp-Taschenbücher in einen Karton und während ich das mache, fallen ständig alte Notizzettel aus den Büchern von Goodman, Simmel und Bordieu. Ich sehe mir die Notizen nicht an, sondern schichte sie auf einen kleinen Haufen, den ich später in den Papiermüll werfe. Damals habe ich so fleißig Notizen gemacht, ständig irgendwelche Zettel beschrieben, Sätze unterstrichen, Anmerkungen festgehalten und später nichts davon wieder in die Hand genommen. Dabei hat mich die Theorie anfangs so gefesselt, jede Theorie, wenn ich mich richtig erinnere, egal ob Literatur, Philosophie oder Kunst, alles war unendlich spannend. Die Fremdheit der Gedanken von Barthes zum Beispiel elektrisierte mich in den ersten Semestern in Berlin. So konnte man über Literatur schreiben? Das war ganz ungalublich! Im Gegensatz zu den angestaubten und unhinterfragbaren Lobeshymnen auf den literarischen Kanon, die mich in der Schule so irritiert hatten, gingen Leute wie Barthes, die ich sofort zu meinen neuen Helden erklärte, ganz anders mit den Texten um. Sie arbeiteten richtig am Text. Der Text war nicht mehr sakrosankt, verlor seine Heiligkeit und damit auch die Unnahbarkeit selbst. Man konnte ihn zerlegen, ganz anders lesen, als ihn der Autor selbst gelesen und interpretiert hatte, man war frei, ja, im eigentlichen Sinn war man frei gegenüber dem Text und konnte ihn ohne Scheu und falsche Scham gebrauchen. Es gab keine Verbote mehr, es gab nur dieses unermessliche Reich der Zeichen, in dem die Bedeutungen je nach Lichteinfall wechselten und andere, manchmal unvorstellbare Reflexionen warfen. Und Wissenschaftler wie Barthes waren nicht einfach nur Wissenschaftler, sondern halbe Schriftsteller, deren Bücher kein Supplement zum Werk eines Autors darstellten, sondern Werke eigenen Ranges.

Während PEACEFUL SOLUTIONS auf WFMU läuft, ziehe ich weitere Bände aus dem Schrank und lasse sie nun bereits automatisch im Karton verschwinden. Ich halte nur bei jenen an, die eine Widmung besitzen. Simon und Christine gratulieren mir in LUNAR PARK von Bret Easton Ellis zum Geburtstag. Wann muss das gewesen sein?, denke ich, finde aber keine Antwort. Es ist sicher zehn Jahre her, vielleicht auch etwas länger. Mit Christine habe ich sicher seit sechs oder sieben Jahren nicht mehr gesprochen.

Nach einer halben Stunde passt tatsächlich kaum noch etwas in den Karton. Ich ziehe zwei weitere aus dem fragilen, aber mannshohen Altpapierstapel, den wir in den letzten Monaten neben unserer Wohnungstür errichtet haben. Dieser Stapel fällt in regelmäßigen Abständen mit lautem Gepolter in sich zusammen und stellt so etwas wie ein unbeabsichtigtes Kunstwerk dar. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dieser Stapel müsse noch einige Zentimeter wachsen, bis ich es nicht mehr aushalte und ihn dann endlich in einer selbstmörderischen Aktion in die Pappcontainer im Hinterhof verfrachten werde.

Ich beginne die neuen Kartons mit Büchern zu füllen und nehme mir nun jene Bände vor, die ich seit Jahren loswerden möchte. Der ganze Peter Weiss zum Beispiel, von der ÄSTEHTIK DES WIDERSTANDS bis zu den STÜCKEN muss endlich raus. Nur den FLUCHTPUNKT rette ich, nachdem ich die erste Passage wieder gelesen haben, die mir sofort gefällt. Der komplette Volker Braun muss dann aber doch die Wohnung verlassen. Das halte ich ganz einfach nicht aus. DIE REISE von Vesper übrigens auch nicht mehr. Alles muss weg, so schnell wie möglich. Denke ich an Vesper, denke ich aus irgendeinem Grund auch an Brigitte Reimanns FRANZISKA LINKERHAND, was mir einen regelrechten Gruselschauer über den Rücken jagt.

Nachdem auch die beiden neuen Kisten gepackt sind, trage ich alles nach unten und stelle die Bücher vor das Haus. Jemand wird sie mitnehmen, da bin ich mir sicher. Vielleicht wundert sich dieser Unbekannte auch über die vielen Anstreichungen, vielleicht hält er meine Notizen sogar für ziemlich einfältig oder übertrieben und dumm. Ich bin mir sicher, mit Anfang zwanzig sehr sentimentale Unterstreichungen gemacht zu haben, die mir heute sicher ziemlich peinlich wären, aber diese Unterstreichungen bekomme ich ja nun nicht mehr zu Gesicht.

Ich erinnere mich noch ziemlich gut an die Notizen jener Fremden, die mich in antiquarisch gekauften Büchern stets irritierten. Sie unterstrichen fast ausnahmslos Passagen, die für mich keine oder nur eine untergeordnete Bedeutung besaßen und je nach meiner Tagesform damals mit Anfang zwanzig rechnete ich jenen Abstand zwischen mir und den Vorbesitzern meinem eigenen Unverständnis zu oder aber natürlich der Naivität der anderen. Doch sicher konnte ich mir natürlich nicht sein und das wusste ich auch. Vielleicht verstand ich da nur etwas in seiner Oberfläche, drang nicht wirklich in die Tiefe ein. Und vielleicht leuchtete diese Tiefe gerade aus der unergründlichen Anstreichung eines Fremden zu mir auf. Ich fand darauf einfach keine Antwort. Deshalb versetzte mich auch jede Anmerkung in Euphorie, die wirklich und eindeutig mit meiner eigenen Auslegung des Textes übereinzustimmen schien, die ich also verstand und die deshalb kein Rätsel für mich blieb. Offensichtlich, sagte ich mir dann, bist du genauso in der Lage mit den Büchern umzugehen wie andere auch. Und das beruhigte mich. Alles erschien mir damals so unsicher und schwer verständlich. Zumindest die Bücher durften ihre Verlässlichkeit nicht verlieren. Und das haben sie bis auf ganz wenige Augenblicke auch nie getan, sage ich mir im Flur, stehe auf und schließe den Schrank. Äußerlich hat sich an der Menge der Bände kaum etwas verändert. Ich habe eine der doppelt stehenden Reihen abgetragen und dadurch etwas Ordnung geschaffen. Ich denke, das muss es für heute gewesen sein.