Berlin (2. Zimmer), 30. April

Als ich mit achtzehn bei meinen Eltern auszog, um gemeinsam mit Roland nach Berlin zu gehen, gab es dafür eigentlich keinen Grund. Ich hatte nie einen Gedanken an Berlin verschwendet, ich wusste nichts über die Hauptstadt, Berlin interessierte mich nicht. Mein Onkel wohnte dort, wir hatten ihn ein oder zweimal während der Sommerferien für einen Nachmittag besucht, aber diese Besuche hatten keinerlei Begeisterung in mir ausgelöst. Berlin hatte sich damals wie jede andere Stadt angefühlt, sie war nur größer und unübersichtlicher und das war bereits alles. 

In diesem Sommer, der mit dem Auszug bei meinen Eltern endete, kam ich häufiger mit Roland ins Gespräch. Das erste Jahrzehnt der Zweitausender ging in sein drittes Jahr und unsere kleine Gruppe traf sich in der Bardzki-Villa in Gera, einer verfallenen, aber wunderschönen Fabrikantenvilla aus der Gründerzeit, in der wir Veranstaltungen und Clubnächte organisierten. Wir gründeten einen Verein unter dem Namen Loge du soleil, wir versuchten eine Art deutsch-französischen Kulturaustausch auf die Beine zu stellen, Pit steuerte sogar ein Logo bei und entwarf Visitenkarten, aber das alles verlief sich schon nach kurzer Zeit. 

Wir nahmen die Villa für unsere Veranstaltungen in Beschlag, ein Gebäude, das überhaupt nicht in diese Stadt im Osten passte, da es von riesigen Plattenbauten mit knallbunten Balkonen umgeben war. Die Balkone hatte man wahrscheinlich kurz nach der Wende gestrichen, als die Plattenbauwohnungen schlagartig ihre Anziehungskraft verloren. Die grellen Farben sollten die himmelschreiende Monotonie der Fassaden vergessen machen, betonten sie aber dadurch nur und passten in ihrer Tristesse zu den Alkoholikern vor dem Supermarkt, der jährlich seinen Besitzer wechselte. 

Die Villa blieb ein außerhalb des Zentrums gelegener Fremdkörper, der von einer Zeit sprach, als die Stadt vom Geld der ansässigen Textilindustrie regelrecht überschwemmt worden war. Selbst Henry van de Velde hatte ein Wohnhaus in der Nähe des Waldklinikums hinterlassen, aber davon wussten Jahrzehnte später unsere Kunstlehrer natürlich nichts, so wie unsere Lehrer im Allgemeinen recht wenig wussten, aber das habe ich erst später während meines Studiums begriffen. 

Selbst in ihrem heruntergekommenen Zustand deutete die Villa Bardzki, in der sich nach dem Zweiten Weltkrieg angeblich ein hoher russischer Militär samt Entourage eingerichtet hatte, einen Reichtum an, der mir die Sprache verschlug. Dieser Reichtum stammte aus einer anderen Welt, ein Überfluss, der mir märchenhaft erschien, für den mir die Bezugsgrößen fehlten und der mir manchmal in den Romanen der vorletzten Jahrhundertwende begegnete. Sobald Proust in seiner Suche nach der verlorenen Zeit eine Abendgesellschaft beschrieb, der sich ein verspäteter Nachzügler näherte, wobei das Licht aus dem Inneren des herrschaftlichen Gebäudes durch die hohen Fenster hinaus auf eine Freitreppe fiel, um die in den Garten führenden Stufen zu beleuchten, habe ich mir stets den Treppenaufgang der Villa Bardzki vorgestellt. 

In dem riesigen, mehrstöckigen Gebäude befand sich ein Salon, den man das Muschelzimmer nannte, ein mittelgroßer Raum, dessen Wände über und über mit Jakobsmuscheln besetzt gewesen sind, wobei sich dieses Relief zur Decke hin in eine aufwändige Stuckatur verwandelte. Hinter der Villa lag ein breiter, von hohen Mauern umschlossener Garten, in dem alte Kastanien wuchsen. Niemand kümmerte sich um diesen Garten, genauso wenig wie sich jemand um die Villa kümmerte. Die Stadt hatte kein Geld und sollte wenige Jahre nach meinem Umzug bankrott gehen, kurz nachdem sie auf einige von der Autobahn aus gut sichtbare Öltanks den Namen des berühmtesten Sohnes der Stadt – Otto Dix – völlig hilflos hatte pinseln lassen. 

Unsere kleine Gruppe stand im Garten der Villa, die Sonne fiel durch die Kronen der Kastanien und verwandelte das Gras in einen dunkelgrünen Flickenteppich. Überall lag das Licht in beweglichen Mustern, nahm an Stärke zu und wurde dann schwächer, als spielte jemand an einem dimmbaren Lichtschalter. Dieser stetige Wechsel hatte etwas Beruhigendes, machte aber auch benommen, sobald man sich für längere Zeit intensiv auf ihn konzentrierte.

Wir tranken Bier und sprachen über unsere Pläne, jetzt, nachdem die Schule endlich hinter uns lag. Ich konnte noch immer nicht glauben, diese zwölf Jahre überlebt zu haben. Zwölf Jahre! Eine Ewigkeit hatte ihren Abschluss gefunden, ein Zeitabschnitt, dessen Ende sich jahrelang derart fern angefühlt hatte und dann so plötzlich über uns gekommen war. 

Keiner von uns wusste, was er machen sollte. Dieser Sommer, kurz nach dem Abitur, wirkte wie ein See, auf dem unsere Boote kraftlos trieben, der Strömung und dem Wetter ausgesetzt. Niemand hatte einen wirklichen Plan, es gab nur Ideen. Für Pit war es eine Ausbildung zum Mediengestalter, für Steve ein Scharfschützentraining beim Bund. Stephan wollte bei einem Fotografen in die Lehre gehen. Simon und ich sahen uns mit großen Augen an. Er musste die zwölfte Klasse wiederholen und ich konnte nicht auf ihn warten. Ich musste weg.

Damals steigerte sich meine Unruhe in manchen Augenblicken derart, dass ich glaubte, den Verstand zu verlieren. 

Ich muss weg, dachte ich in einem solchen Moment. Ich muss weg, bloß weg. Nur wo sollte ich hin?

Roland brachte Berlin ins Spiel. Er hatte seine Zusage für die Freie Universität bereits in der Tasche und würde sich im Wintersemester in Ethnologie und Islamwissenschaften immatrikulieren. Außerdem suchte er nach einem Mitbewohner. Ohne darüber nachzudenken, sagte ich sofort zu.

„Was wirst du in Berlin machen?“, fragte er.

„Ich studiere natürlich“, antwortete ich.

„Ist dir klar, dass die Einschreibefristen abgelaufen sind?“

„Dann fange ich eben im nächsten Semester an. Das ist doch egal.“

Wir zogen in eine Zweiraumwohnung im Berliner Wedding, ganz in der Nähe vom Gesundbrunnencenter. Die Zimmergrößen waren nicht ideal für eine WG, aber das störte uns nicht, denn der Preis blieb unschlagbar. Bereitwillig drängte ich Roland das größere Zimmer auf, das sogar einen winzigen Balkon besaß, um mich mit dem weitaus kleineren Zimmer zufrieden zu geben.

In den ersten Monaten schlief ich auf der von meinen Eltern mitgebrachten Couch, die bereits in meinem alten Kinderzimmer gestanden hatte. Später gab es riesigen Streit, als ich diese Couch während meines nächsten Umzugs entsorgte. Meine Eltern wollten einfach nicht verstehen, dass ich kein Sofa in meinem Berliner Zimmer dulden konnte, das aus meiner Kindheit stammte und noch schlimmer, aus meinem Kinderzimmer. Wie hörte sich das denn an? Die blaue Couch mit ihrem Neunzigerjahremuster war sofort als stilistischer Totalausfall zu identifizieren und stellte mich vollständig bloß. Genauso gut hätte ich ein paar Stofftiere auf der Lehne dieser Couch platzieren können, um dadurch allen zu signalisieren, seht her, ich richte mich weiter ein, als sei ich zwölf. Diese Couch passte ganz einfach nicht zu meinem unangepassten, schwer zu umreißenden Stil, den ich damals ziemlich hilflos und wechselhaft kultivierte. Meine Eltern warfen mir die Geldverschwendung vor, doch für mich ging es um mehr, hier ging es darum, sich ein eigenes Leben einzurichten und zu einem eigenen Leben gehörten nicht nur Klamotten, die man sich kaufte, weil man durch sie in eine Rolle schlüpfte, in einen Charakter, den man imitierte, ohne sich das allerdings einzugestehen, zu diesem Leben gehörten auch Möbel, die einer solchen Rolle entsprachen und die sich natürlich absetzen mussten von den Möbeln, die man als Kind besessen hatte.

Den ersten Winter in Berlin hatte ich nichts zu tun. Roland verschwand in der Universität und tauchte nur selten, eigentlich nur in der Nacht, in unserer Wohnung auf. Er fand schnell Anschluss, denn im Gegensatz zu meinem eigenbrötlerischen Selbst war er offen, ging auf andere zu und suchte das Miteinander. 

Dieser erste Winter in Berlin war hart. Ich kann mich nicht mehr richtig erinnern, was ich damals eigentlich tat, denn ich hatte ja nichts zu tun, ich musste nirgendwo hin, es gab keine Vorlesungen und keine Seminare, die ich zu besuchen hatte. 

Ich lief durch das Viertel, lief durch die Eulerstraße, über die Pankstraße, lief in den Humboldthain und alles in diesem Viertel erschien mir fremd. Viele Türken und Araber wohnten in der Gegend und das war ich aus Thüringen natürlich nicht gewohnt, das war eine komplett andere Welt. In Gera hatte es in den Außenbezirken Zuwanderer aus Russland gegeben, aber mit diesen Zuwanderern kamen wir kaum in Kontakt, als lebten wir in unterschiedlichen Welten, als sei die Stadt in unsichtbare Hemisphären getrennt und der Wechsel zwischen diesen Zonen unmöglich. Und auch jetzt in Berlin sahen wir uns auf der Straße an und durch den jeweils anderen hindurch. Hin und wieder gab es ein paar aggressive Sprüche, aber das gehörte dazu.

Eines Morgens stand ich auf, kletterte vom Hochbett, das ich gemeinsam mit meinem Vater aus Kanthölzern zusammengebaut hatte und blieb an der Zimmertür stehen.

In der Mitte des Raums, direkt vor der Couch, lag ein Keks und ich starrte diesen Keks an, als hätte ich den unantastbaren Beweis paranormaler Aktivitäten vor Augen. Die Kekspackung lag auf der Couch und ich hatte diese Gebäckstück mit Schokofüllung auf dem Boden weder vergessen noch unachtsam fallen gelassen, so viel stand fest.

Ich trat näher und sah mir das Ganze genauer an. Der runde Keksrand war abgenagt. Viele kleine Zähne hatten sich an dieser Schokobackware zu schaffen gemacht und ein klares Muster hinterlassen.

Als Roland am Abend nach Hause kam, saß ich in der Küche. Schmutziges Geschirr türmte sich in der Spüle, wir kamen nicht richtig mit Haushalt und Saubermachen zurecht. Ein paar Monate später würde uns Simon besuchen und gemeinsam mit ihm und vor unsere Gesichter gebundenen Geschirrtüchern entsorgten wir Töpfe, in denen Nudelreste zentimeterdicke Schimmelpilzvariationen hervorgebracht hatten. Das Geschirr war nicht mehr zu retten.

„Alles gut?“, fragte Roland.

„In meinem Zimmer sind Mäuse.“

„Was?“

„Ich habe einen abgenagten Keks in meinem Zimmer gefunden.“

„Einen Keks?“

Ich nickte.

„Einen Keks mit Nagespuren?“

„Ja.“

„Wo sollen die Mäuse herkommen?“

„Keine Ahnung. Aber sie sind da.“

„Kacke.“

In der folgenden Nacht fand ich keinen Schlaf. Jedes noch so kleine Geräusch schreckte mich auf. 

Vielleicht sind es auch keine Mäuse, sondern Ratten, dachte ich und der Gedanke, diese Viecher mit ihren langen, nackten Schwänzen würden durch mein Zimmer wetzen, bereitete mir wahre Angstzustände.

Am Morgen kaufte ich in einem Baumarkt zwei Mausefallen und kehrte in unsere Wohnung zurück. Ich bestückte die Fallen mit großen Keksbrocken, spannte die Metallbügel und legte sie auf dem Zimmerboden aus. 

In der Nacht glaubte ich ein Rascheln zu hören, dann so etwas wie ein dumpfes, sehr leises Klopfen. Ich dachte an die Maus, die in einigen Sekunden unschuldigerweise ihren Tod in meinem Zimmer finden würde, einen kleinen, von mir verschuldeten Mäusetod. Dann dachte ich an die winzige Leiche, die auf eine Handfläche passte. An den leblosen Körper eines Tieres, das nichts verbrochen hatte.

Ich schaltete die Leselampe an und stieg vom Hochbett hinab, um die Fallen zu inspizieren. 

Die Keksstücke waren verschwunden. Beide Fallen wirkten, als hätte ich sie eben erst aus der Verpackung geholt. Offensichtlich waren diese Großstadtmäuse einiges gewohnt, man führte sie nicht so leicht hinters Licht.

Am nächsten Morgen nahm ich mein Zimmer gründlich unter die Lupe und bemerkte, dass an jener Stelle, an der eines der Heizungsrohre in die benachbarte Wohnung führte, genügend Spielraum für ein kleines Tier existierte. Ich holte aus der Küche Zeitungspapier und begann den Hohlraum auszustopfen, bis alles eine kompakte, feste Masse ergab.

In der Nacht weckte mich ein kaum hörbares Geräusch. Es klang, als zerrisse jemand Papier in winzige Stücke. Irgendwann verschwand das Geräusch und ich schlief ein.

Am anderen Morgen sah ich winzige Zeitungsschnipsel vor dem Heizungsrohr. Die Maus hatte ganze Arbeit geleistet. Wahrscheinlich hatte sie auf befreundete Mäuse zurückgegriffen und eine Art Schichtbetrieb unter Tage aufgebaut. 

„Es reicht. Wir holen den Kammerjäger“, sagte Roland, als ich ihm die Überreste des nächtlichen Baubetriebs zeigte.

Der Mann tauchte auf, sah uns an, als hätte er Außerirdische vor Augen und schmierte irgendeine Paste auf das Rohr, nachdem er mich gefragt hatte, was die Zeitung dort zu tun habe, das ganze Rohr sei damit voll. Ich habe versucht, die Zugänge dicht zu machen, erklärte ich. Der Mann betrachtete mich, als wäre ich schwachsinnig und schüttelte seinen Kopf. Wahrscheinlich konnte er nicht fassen, wie grenzenlos die menschliche Naivität am Ende doch war, unendlich, man hatte doch niemals alles gesehen.

Von da an ließen uns die Mäuse in Ruhe. Ich lag auf meinem Hochbett, das leise Klopfen und Rascheln setzte aus und die Stille kehrte zurück. Ein paar Wochen später begann mein erstes Semester und nach diesem Semester zog ich aus dem Wedding in den Prenzlauer Berg. Roland zog in eine WG nach Kreuzberg, irgendwo am Kotti, wie er sagte und damit verschwand mein erstes Zimmer, das nicht mit dem Haus meiner Eltern in Verbindung stand. Es lag in Richtung Hinterhof, ich hatte eine Mauer vor Augen und der bleigraue Himmel war nur in einem engen Ausschnitt über mir, über uns, über allen, die im Viertel lebten, zu erkennen.

Gera (1. Zimmer), 28. April

Früher gab es ein Zimmer im Haus meiner Eltern, dessen einziges Fenster auf den Giebel des Nachbargebäudes und auf eine Eibe zeigte. Lag ich im Bett, war nur die Eibe vor einem Stück Himmel zu erkennen, einem blauen Quadrat, das im Sommer häufig wolkenlos blieb, und vor diesem Quadrat wuchs die Eibe ins Nichts, sie wuchs in eine aquamarinfarbene Unverständlichkeit hinein, denn der Fensterausschnitt machte es unmöglich, sich Boden und Erde vorzustellen, es gab nur den Himmel in seiner Stofflosigkeit und Immaterialität und dieser Himmel leuchtete blau, es war ein richtiger Sommerhimmel, der die Hitze erahnen ließ, ohne dass man sie fühlte, eine Hitze, die draußen, außerhalb des Zimmers und des Hauses, träge und stickig auf etwas zu warten schien und in die sich die Geräusche der Küche mischten, in der meine Mutter das Mittagessen vorbereitete, das Rauschen des Dunstabzugs über dem Herd war zu hören und drang durch die geschlossene Küchentür bis zu mir in den ersten Stock hinauf, um mich gespannt auf den Ruf meiner Mutter warten zu lassen, es gebe bald Essen und wir, das heißt, meine Schwester und ich, sollten nach unten kommen, um den Tisch zu decken, was wir immer etwas widerwillig taten, machmal kam es auch zum Streit, wer das Besteck und wer die Teller hinüber ins Esszimmer schaffen sollte und vielleicht stand dieser Streit mit der Jahreszeit in Verbindung und dem blauen Rechteck in seiner Makellosigkeit sowie der schwerelosen Spitze des Baums, die so unbeweglich in der Windstille blieb, ein Baum, der entfernt an eine Rakete erinnerte, die niemals abhob, um eigensinnig an derselben Stelle zu verharren, ein dunkler Baum, der etwas mit den Kelten zu tun hatte, wenn ich mich richtig erinnerte, wahrscheinlich ein Totenbaum wie die Zypresse in Südeuropa und von diesem Baum ging eine merkwürdige Stille aus, keine Grabesstille, sondern eine Sommerstille, in dieser Stille potenzierte sich die Hitze, sie kugelte sich wie ein Tier in einer Höhle zusammen, fest geborgen in der Eibendunkelheit, die Hitze, sie knisterte und knackte, es waren nicht nur die Geräusche trockenen Holzes wie im Wald, die sich an sie knüpften, sondern auch die Geräusche aus der Küche, die erschöpft wirkten und schwer, matt wie die von der Sommerhitze überrumpelten Körper, die man im Park oder in den Schwimmbädern fand und auf meinem Bett, das blaue Quadrat mit dem moosgrünen Dreieck vor Augen, schien das Abflauen der Temperatur manchmal ganz unmöglich zu sein, die Hitze würde bleiben, die Hitze dehnte die Zeit, sie verwandelte den Mittag in eine Ewigkeit, die alte Uhr im Wohnzimmer, die man täglich mit einem Messingschlüssel aufziehen musste, setzte plötzlich aus, man fiel aus der Zeit, betrat einen zweiten Raum, als fahre man in den Nebenarm eines breiten Flusses hinein, einer dieser Flüsse im Weiß leerer Landkarten, und mit einem Mal machte nichts mehr Sinn, weder das Mittagessen noch das Bett oder das Haus und das Zimmer, nur das blaue Quadrat und die Eibe bestanden den Test, sie ruhten ineinander, sie glichen die Gegenwart des anderen aus, zwei Puzzleteile, die eine Einheit bildeten und für diese Einheit ergab der Begriff der Zeit keinen Sinn und dann, wie aus einem Traum heraus, kam endlich der Ruf, ein Ruf, dessen Worte man anfangs nicht verstand, eine weitere Reihe von ausgehöhlten Begriffen, nur Geräusche und keine echten Wort, doch beim zweiten Mal tauchte man langsam aus der Schwere wieder auf, die Kraft kehrte lethargisch in den Körper zurück, das Quadrat kippte und auch das Dreieck schien zu fallen, man stand auf, da war der Giebel des Nachbarhauses und da waren die ersten Wolken, weiß und bauchig, an den Unterseiten grau, vielleicht, dachte ich, während ich das Zimmer verließ, gibt es später Regen, vielleicht sogar ein Gewitter und dann legte ich meine Hand auf das Treppengeländer, das hinab in diesen dunklen Tunnel führte, der unseren Flur mit der Küche verband.

Tanit, Sonntag, 25. April

Die Tage finden schneller ein Ende. Vielleicht kommt es mir nur so vor, doch ich sehe am Morgen einige Male nach draußen, dann gegen Mittag und irgendwann schaue ich auf die Uhr meines Laptops und es ist bereits vier oder fünf, ohne dass ich irgendetwas unternommen, auf irgendeine Weise gehandelt hätte. Die Sonnenuntergänge schieben sich im April noch hinaus, sie lassen auf sich warten, das Licht vertragt die Rückkehr der Dunkelheit immer weiter, die Finsternis erhält einen weniger umfassenden Raum und dennoch bleiben Tage, die spurlos vergehen, an denen nichts Bemerkenswertes geschieht. Tage, an denen das Bemerkenswerte nicht einmal erzwungen werden kann, indem man zum Beispiel die Wohnung verlässt und auf die Straße tritt in das Licht. 

Das ganze Viertel ist unterwegs. Die Linden zwischen den geparkten Autos leuchten grün, die Sonne fällt von schräg oben in die Schlucht der Häuser, ohne die Straße dabei zu berühren. Das Licht bleibt an den Fassaden der Gebäude hängen, ein wenig unterhalb der ersten Etagen. Als wir das Flussufer erreichen, ist es von Leuten überschwemmt. Menschen, die auf mitgebrachten Decken sitzen und Bier trinken, Menschen auf Fahrrädern, Menschen, die Vikingerschach spielen, wie K mir erklärt, als ich etwas verdutzt eine Gruppe beobachte, die Kanthölzer auf der Wiese in einem Rechteck verteilt. Menschen, die Frisbees werfen oder Musik auf kleinen Bluetooth-Lautsprechern hören und auf dem Fluss schiebt sich eine Gruppe Ruderer lautlos an uns vorbei, wobei die Stille, die sie umgibt, ihre Schnelligkeit noch betont. 

Ich sehe den Schwänen im Landeanflug nach, die ganz unförmig wirken mit ihren langen, waagerecht nach vorn gereckten Hälsen. Sie sehen merkwürdig aus in der Luft, flugunfähig eigentlich, ein schwerer ovaler Körper, an dem ein langer weißer Hals mit einem winzigen Kopf angebracht ist und dieser Körper hebt sich über die Brücke und sinkt hinter ihr langsam in Richtung Wasser hinab, auf dem er irgendwann laut und ziemlich ungelenk landet. Schwäne brauchen ewig, um vom Fluss in die Luft abzuheben, sie peitschen für zwanzig Meter das Wasser mit ihren Flügelspitzen, was ein klatschendes Geräusch erzeugt, bekommen das eigene Gewicht aber einfach nicht hinauf. Und selbst in der Luft wirken sie noch für eine ganze Weile flugunfähig und völlig außerhalb ihres Elements, bis sie endlich eine gewisse Höhe erreichen und damit wahrscheinlich so etwas wie ein Gefühl für die Tragfähigkeit ihres Flugs, was sie selbst manchmal überrascht, als wunderten sie sich über das Gelingen dieses aussichtslosen Kraftakts.

Am Ufer lese ich Tolstoi, ich lese Wieviel Erde braucht der Mensch? und stelle ganz am Ende der Erzählung fest, dass ich sie bereits vor Jahren gelesen haben muss, denn das Ende bei den Baschkiren kommt mir einfach zu vertraut vor. Ich bin sehr froh über die Kürze der vier Erzählungen, die ich mir in einem häßlichen Band gekauft habe. Weltliteratur auf einhundert Seiten besitzt etwas Beruhigendes, man hat das Gefühl, einen Meilenstein nach kurzer Zeit zu erreichen. 

Ich sitze in der Sonne auf einer Treppe, während Jogger und Fahrradfahrer an mir vorbeiziehen, ich höre die Gespräche der anderen Spaziergänger, die der Wind verwischt und finde das Ende von Tolstois Erzählung ein wenig zu deutlich und klar, die Beantwortung der im Titel gestellten Frage nämlich. Wie viel Erde braucht der Mensch? Nicht so viel, wie Pachoms Gier und der Teufel ihm eingeben, nicht so viel Erde, wie er an einem Tag im Land der Baschkiren umlaufen kann, denn Pachom stirbt vor Anstrengung, weil er den Mund zu voll genommen hat und ihm die Augen vor lauter Habsucht übergingen, er rennt am Ende, um seinen Besitz zu umkreisen und damit festzuschreiben und weil er rennt, erwischt es sein Herz. Er stürzt zu Boden, Staub zu Staub sozusagen, das Urteil für die Todsünde folgt auf dem Fuß. Sein Knecht scharrt den toten Körper des Herrn an Ort und Stelle ein und beantwortet die Frage nach dem menschlichen Maß mit einer einfachen Flächenangabe, die dem ausgestreckten Körper Pachoms entspricht. Aber das stimmt nur zum Teil, denke ich, denn der Mensch braucht am Ende etwas mehr als das eigene Grab. Doch vielleicht spricht der Titel der Erzählung auch nicht direkt das Grab und damit die Nichtigkeit des menschlichen Besitzstrebens an, sondern einfach nur die Warnung vor der nie zu befriedigenden Gier, die den Tod nach sich zieht, was ja wiederum auch einen gewissen Reiz für die Gegenwart besitzt.

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich Anna Karenina, Krieg und Frieden und Auferstehung gelesen habe und ich glaube mich zu erinnern, dass Hannes in Berlin immer von Tolstoi geschwärmt hat, genauso wie von Kant, der bei ihm allerdings nicht Kant, sondern Kantimausi hieß, so wie Nietzsche für Hannes Nietzschilein war und Hegel Hegelchen. Ich bin mir fast sicher, dass Flaubert in unserer WG-Küche immer Flaubart genannt wurde, was für mich nach einem Fisch klang oder nach einem Piraten, sicher war ich mir jedenfalls nie. Über Hannes habe ich auch Emil Cioran kennengelernt und bis heute kann ich mich sehr genau an dieses Kennenlernen erinnern.

Damals wohnte Hannes noch an der Grenze zum Friedrichshain in einer Zweiraumwohnung, ganz in der Nähe vom Volkspark. Es gab einen neu gebauten Lidl gleich um die Ecke und hinter der Brücke mieteten C und ich einige Monate lang einen Proberaum in einem alten Hochhaus, das in der DDR wahrscheinlich ein Verwaltungsgebäude gewesen war. Dort probten wir mit unserer Zweimannband Tales from the Red Universe, bis Jakob später dazukam und wir den Namen der Band in Me, Ship änderten und sich auch die musikalische Ausrichtung von schnellem Post-Hardcore in so etwas wie studentischen Indierock mit komplizierten Gitarrenmelodien verwandelte. 

Das Innere des Elfgeschossers war das reinste Museum. Die Fahrstühle strömten einen unveränderten DDR-Touch aus, schönstes braunes Furnier und Holzimitat und vielleicht auch deshalb überraschte uns eines Tages eine Filmcrew vor dem Gebäude, die irgendeinen Tatort oder vielleicht auch einen richtigen Kinofilm drehten. Natürlich hatte uns niemand Bescheid gesagt und deshalb standen wir lange auf dem Parkplatz vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude herum und sahen der Filmcrew zu, die ein paar Trabis gemietet hatte und mit einem riesigen Kran und mehreren Kameraleuten hantierte. 

Wenn mich nicht alles täuscht, tauchte auch Matthias Schweighöfer zwischen diesen Leuten auf, was C und mich natürlich überhaupt nicht beeindruckte. In meiner Post im Prenzlauer Berg war ich einmal Nina Hoss in die Arme gelaufen und zwar richtig in die Arme gelaufen, ich war gerade dabei, die Filiale zu betreten und sie wollte zeitgleich hinaus und wie es manchmal so ist, wenn man einem anderen auszuweichen versucht, der in der gleichen Sekunde denselben Gedanken hat, führten wir voreinander einen kleinen Stepptanz auf. Ich sah sie dabei an und sie erwiderte meinen Blick, sie erkannte, dass ich sie erkannte und dann lächelte sie, begann mich zu umrunden und verschwand.

In Hannes kleiner quadratischen Küche lag Ciorans Vom Nachteil geboren zu sein auf dem weißen Fensterbrett. Ich sehe das schmale Suhrkamp-Buch mit dem Porträtfoto Ciorans auf dem Cover noch vor mir, es war in jener Zeit, als Suhrkamp das neue Reihendesign für seine Taschenbücher eingeführt hatte und ich nahm das Buch in die Hand und begann darin zu blättern. 

Hannes lief währenddessen in der Wohnung herum. Einen der fast gleich großen, quadratischen Räume hatte er in ein sparsam eingerichtetes Schlafzimmer verwandelt, das andere Zimmer stand bis auf einen Heimtrainer in Form eines Fahrrads komplett leer. Überhaupt besaß Hannes nur wenige Möbel, die meisten davon stammten aus dem Besitz seiner Eltern, die in Brandenburg auf einem kleinen Bauernhof lebten oder er hatte sie in einem Second-Hand-Laden gekauft. Hannes studierte Philosophie, aber mit seinem Studium ging es nicht recht voran. Allerdings haben wir das erst später bemerkt. Damals glaubten wir noch, er studiere wie wir anderen auch und kämpfe sich durch Kantimausis Kritik der reinen Vernunft.

Zu Hause suche ich im Regal nach Flauberts Briefen und finde sie schließlich in einem Regal, das K gehört und in dem eigentlich nur ihre Bücher stehen sollten. Ich greife mir den Band, rechne aus, in welchem Jahr Flaubert in meinem Alter gewesen sein muss und komme auf 1858. 

Der erste Brief des Jahres stammt vom 23. Januar. Flaubert ist in Paris, der Rummel um Madame Bovary ist noch immer riesig und er zieht über Schreiberlinge her, die aus dem Roman ein weiteres Bühnenstück machen wollen. „Doch dieser Mischmach von Kunst und Talern erschien mir wenig angemessen“, schreibt er seiner Briefpartnerin, Mademoiselle Leroyer de Chantepie, was ich sehr beruhigend finde.

Im nächsten Brief vom April 1858 ist Flaubert bereits auf dem Dampfer Tanit nach Afrika unterwegs. Ich nehme an, dass er für Salammbô recherchiert, was seine Orientbegeisterung zeigt, wie sie auch beim etwas älteren Delacroix mit den Frauen von Algier und dem Tod des Sardanapel zu finden ist, aber Salammbô wirkte für mich immer wie ein Fremdkörper zwischen Madame Bovary, der Erziehung des Herzens und Bouvard und Pecuchet, wobei ich den Heiligen Antonius nicht gelesen habe.

Im ersten Drittel des Briefbandes habe ich mir viele Passagen markiert, was mir heute etwas peinlich ist. Ich habe so ziemlich alle Passagen unterstrichen, in denen Flaubert auf das Glück, die Liebe und das Schreiben Bezug nimmt. Beispielsweise habe ich mir in einem langem Brief an Louise Colet von 1852 – Flaubert muss hier dreißig Jahre alt sein – folgende Passage angestrichen: „Die Mumien, die man im Herzen hat, zerfallen niemals zu Staub, und wenn man den Kopf über die Luke neigt, sieht man sie unten, wie sie einen mit ihren offenen, reglosen Augen anblicken.“ Vielleicht geht es hier weniger um das Glück oder die Liebe, aber es geht um etwas, das dich nicht mehr loslässt und dich dadurch zeichnet. Nach solchen Vergleichen habe ich damals händeringend gesucht und Flaubert hat sie mir wieder und wieder gegeben, denn schon ganz am Anfang, in den ersten Briefen, als er noch zwanzig ist, schreibt er tief, wenn auch altklug und mit dieser ungehobelten und ein wenig übertriebenen Ungeschliffenheit, die seinen kantigen Charakter etwas zu gewollt herausstellen soll.

„Hast Du manchmal darüber nachgedacht, mein lieber und zärtlicher Alter, wieviel Tränen das furchtbare Wort ‚Glück‘ hat fließen lassen? Ohne dieses Wort würde man ruhiger schlafen und behaglicher leben. Manchmal erfaßt mich ein seltsames Sehnen nach Liebe, wenngleich mir bis in die Eingeweide davor ekelt; vielleicht würde es unbemerkt vorübergehen, wenn ich nicht ständig aufmerksam wäre und mit gespanntem Auge das Spiel meines Herzens beobachtete.“

Dreizehn Jahre später, im April 1858, befindet sich Flaubert vor der tunesischen Küste auf einem Dampfer und schreibt an seine Freunde in Frankreich. 

„Die Nacht ist schön, das Meer ist glatt wie ein Ölsee. Die alte Tanit glänzt, die Maschine keucht, der Kapitän neben mir raucht auf seinem Diwan, das Deck ist voller Araber, die nach Mekka wollen; sie sind in ihre weißen Burnusse gehüllt, ihre Gesichter sind verborgen und ihre Füße nackt; sie sehen aus wie in Laken gewickelte Leichen.“

Irgendwann geht er an Land. Er will Karthago sehen. Bartgeier kreisen am Himmel. An diese Geier kann ich mich aus Salammbô erinnern. Eines meiner Lieblingsfotos aus den frühen Jahrzehnten nach Erfindung der Fotografie stammt von Flauberts erster Nordafrikareise, die er 1850 unternimmt. In Ägypten sitzt er auf dem Kopf der Ramsesstatue in der Nähe von Abu Simbel, die Hände auf seine Schenkel gestützt und sieht direkt in Richtung des Fotografen. Flauberts Gesicht, sein ganzer Kopf eigentlich, ist vollständig schwarz. Vielleicht wirft sein Hut einen langen Schatten, es ist schwer zu sagen, doch Flaubert bleibt auf der riesigen Statue des Pharaos unsichtbar, als habe er die Nacht auf den Schiffen voller Mumien und Leichen nicht verlassen, als hafte ihm diese Nacht selbst unter der grellen, ägyptischen Sonne unnachgiebig an.

Mittwoch, 21. April

Sonne. Der Hinterhof füllt sich mit Schatten und Licht, alles wirkt gefleckt und von abstrakten Mustern überzogen. Die Dächer der Gebäude werfen dunkle Zonen in den laubbedeckten Hof, der mich an einen Waldboden inmitten der Stadt erinnert. Wer auch immer für den in strenge Rechtecke aufgeteilten Hinterhof zuständig ist, scheint die abgestorbenen Blätter aus dem letzten Herbst und Winter zu ignorieren, obwohl sie einen dicken und trockenen Teppich bilden. Es würde mich nicht wundern, wenn unter diesem Teppich Leben herrscht und beispielsweise eine Kolonie von Mäusen ohne mein Wissen daran arbeitet, einen komplizierten Staat zu errichten. Doch von meinem Standpunkt aus lässt sich das nur schwer beurteilen. Eigentlich gibt es kein Anzeichen für die abseitige Arbeit der Mäuse.

Die Birke und die Buche im Hof stapeln ihre Blätter ins Licht. Das junge Blau des Himmels scheint in Ausschnitten hindurch, denn das Laub ist noch unverbunden und offen, es lässt die kompakte Fülle des Sommers kaum erahnen. Gegen Ende des Sommers wirken die Kronen der Bäume schwer und erst dann begreift man ihre Morphologie, die Notwendigkeit eines massiven Stamms zum Beispiel, der das Astwerk trägt und in der Erde verankert, diese natürliche Konstruktion vom Schweren ins Feine hinein, das Verjüngen und Zarterwerden bis in die Halbdurchsichtigkeit des von Adern durchzogenen Laubs. 

Die Blätter falten sich weiter aus, mit jeder Woche werden sie größer. Sie liegen übereinander und verdrängen in Schichten das Licht, staffeln die Schatten in Tiefe und Höhe, verschieden starke Schatten, die eine Farbe besitzen und nicht etwa schwarz sind. Über die Farbigkeit der Schatten habe ich das erste Mal in Leonardos Buch über die Malerei gelesen, davor war mir dieser Teil der Wirklichkeit unbekannt. Bis zu diesem Zeitpunkt sahen Schatten für mich schwarz aus und nicht etwa blau oder dunkelgrün und mit einer solchen Vorstellung lief ich durch die Welt, was ja ein ganz wesentlicher Irrtum gewesen ist. Stößt man auf derartige Irrtümer, blickt man kurz in einen unendlichen Abgrund aus weiteren Verwechslungen, der uns immer umhüllt und den wir dennoch selten bemerken, der uns überhaupt nicht auffällt, scheinbar unsichtbar bleibt. Eigentlich geht man blind, ohne die Blindheit wahrzunehmen. Eigentlich sind die verlässlichen Wahrheiten weit weniger verlässlich, als man sich das zu glauben getraut. Nur ist niemand in der Lage, sich tagtäglich vom Verlässlichen zu verabschieden, so falsch es am Ende auch ist. Nicht, dass man unbedingt am Falschen festhalten will, der Tausch ist das Problem. Die Überzeugungen zu tauschen, bleibt immer schmerzhaft, es fühlt sich an, als würde man noch einmal von vorn beginnen und mit dem Beginn tauchen alle Unsicherheiten auf, die man längst für überwunden gehalten hat.

Ich stehe auf, gehe drei Schritte und halte in der Mitte unseres Schlafzimmers an. Vor dem Bett wartet die blaue Ikeatüte, die ich mit Ausstellungskatalogen gefüllt habe. Ich schätze, dass die Tüte fünfzehn Kilo wiegt. Ich greife nach den Henkeln aus Stoff und fange an, den bleischweren Beutel in Richtung Brust zu heben, um meine Armmuskeln zu trainieren. Den ersten Satz mit zehn Wiederholungen schaffe ich problemlos, setze die Tüte wieder ab und lege dreißig Sekunden Pause ein. Der zweite Satz fällt mir schon deutlich schwerer. Meine Muskeln machen sich bemerkbar, als hätte ich sie unsanft aus tiefem Schlaf geweckt; sie wehren sich fauchend gegen die unerwartete Anstrengung. Ich zähle bis zehn und setze die blaue Plastiktüte wieder ab. Beim dritten Satz komme ich nur bis acht, was ich als Zeichen interpretiere, mich wieder an den Schreibtisch zu setzen.

Das Jahr der Fahnen durchbricht heute die magische Sechzigtausendwortmarke. Ich habe mehr als fünfzig Einträge geschrieben, in den ersten Januarnotizen lag noch Schnee und es herrschten Minusgrade. Jetzt sitze ich vor dem geöffneten Fenster und die milde Frühlingsluft weht von draußen herein. Aus dem Lautsprecher klingt Caterina Barbieris SOTRS, ich habe gestern mit Simon geschrieben, der Dramaturg in der Hauptstadt ist und viellicht Gärtner werden will. Ich habe auch mit C in Marseille geschrieben, der ein Zimmer seiner Wohnung in ein Mezzanin verwandelt und dieses Zwischengeschoss ganz allein eingebaut hat. Er hat eine Treppe konstruiert und auch die zweite Zimmerebene, es gibt Geländer und im unteren Bereich einen maßgeschneiderten Tisch mit Regalen an der Wand. Jetzt denkt er über ein Geschäft nach, eine Art Zimmermannsladen, das Mezzanine auf Bestellung fertigt. In Marseille sind die Wände der Wohnungen hoch und ich halte das alles für eine wirklich gute Idee. Die Kinder haben jetzt auch mehr Platz, schreibt er. Die Arbeiten dauerten eine ganze Woche und die Berechnungen stimmten genau. Seit zwanzig Jahren habe ich wieder einmal Millimeterpapier in die Hände genommen und in Kubikmetern gerechnet, lese ich. Dann verabschieden wir uns, denn er muss die Baustelle aufräumen. Im Hof höre ich Stimmen und beschließe, die Musik zu stoppen und mich auf das Bett zu legen. Ich schließe die Augen, höre das Rauschen der Bäume im Hof, Birke und Buche, wie ich weiß, zwei Bäume, die nicht alt sind, aber auch nicht jung und dann denke ich, dass bald Mai ist und ein Sommer kommt, der für mich der siebenunddreißigste Sommer ist.

Amaro, Samstag-Montag, 17.-19. April

Ich putze das Bad, mühe mich zuerst an der Badewanne und danach an der alten Toilette ab. Ich wische den Boden, der ein hoffnungsloser Fall ist, denn die Fugen sind von Jahren der Benutzung so mitgenommen und rissig, dass sie nicht mehr sauber zu bekommen sind, egal, wie energisch ich auch mit der harten Seite des Schwamms über ihre Oberfläche schrubbe. Ich mache das eine ganze Weile, so lange, bis meine Schultergelenke schmerzen, aber ein Ergebnis erzeuge ich damit nicht. Irgendwann bin ich sogar der Meinung, ich würde den Schmutz bloß verteilen, vergrößere ihn sogar unabsichtlich und als mir dieser Gedanke kommt, stehe ich schleunigst auf und mache mit dem Waschbecken weiter. 

Während ich putze, überlege ich, wie ich an Geld kommen kann. Nicht mehr arbeiten, nur schreiben. Auf eine mir unverständliche Weise muss das möglich sein. K und ich sprechen in letzter Zeit wieder häufig über das Verschwinden, über die Abkehr von Deutschland. Wir wollen nicht für immer weg, aber doch für eine längere Zeit. Allerdings ist dieser Plan genauso konkret wie meine Suche nach Geld. Vielleicht ist er ein wenig konkreter. Nach einem echten Ausweg fühlt es sich trotz allem nicht an. Schließlich haben wir das in ähnlicher Weise schon einmal vor zwei Jahren gemacht.

Gestern gebe ich ergebnislos Seemann mit 36 Jahren bei Google ein. Kündigen, nach Hamburg oder Rostock fahren, anheuern (keine Ahnung, was das heißt), meine Papiere zeigen (wahrscheinlich besitzt jeder Matrose so etwas wie Seemannsbuch; irgendwann habe ich davon zumindest gelesen) und dann auf ein Schiff, das in unbestimmte Richtung fährt. Es muss ja nicht einmal Indonesien oder die Philippinen sein, Brasilien würde mir schon reichen. Ich würde die Sprache lernen, luv, lee und diese ganzen Sachen, die, wenn ich mich richtig erinnere, mit der Windrichtung zu tun haben, ich würde irgendeine unbedeutende Aufgabe an Bord übernehmen, zum Beispiel in der Küche aushelfen, ich würde mich mit dem chilenischen Koch anfreunden und dem zweiten Küchengehilfen aus Mozambique und der Koch würde erzählen, dass er seit zwei Jahrzehnten auf den Ozeanen unterwegs ist. Zwanzig Jahre?, würde ich fragen, ein unvorstellbarer Zeitraum, in dem er einiges durchgemacht haben musste. 

¡Así es!, würde der chilenische Koch antworten, den ich längst bei seinem Vornamen, Amaro, nennen darf, obwohl er meinen Vornamen niemals in den Mund nimmt. Spricht er mit mir, stelle ich mir vor, gebraucht er stets ein Pronomen oder deutet ein Nicken an, was mich anfänglich verletzt, bis ich merke, dass er das mit allen anderen genauso macht. Aus einer unerklärlichen Zaghaftigkeit heraus vermeidet Amaro die Namen der anderen, was, aber darauf werde ich erst später kommen, seiner Erfahrung geschuldet ist. Wer zwanzig Jahre lang die Schiffe und Besatzungen wechselt, gewöhnt sich schlecht an neue Gesichter, die ohnehin bald wieder verschwinden werden. Er bleibt auf Distanz, ist nicht unfreundlich, Freundschaften aber lässt er nicht zu. Vertrautheit vielleicht, eine Vertrautheit, die den täglichen Abläufen geschuldet ist. 

Amaro hat die anderen zu oft verschwinden sehen, würde ich mir sagen. Sie haben das Schiff verlassen, um auf anderen Schiffen anzuheuern oder sie blieben an Land oder sie kehrten in ihre Heimat zurück. Doch egal, was passierte, der Kontakt zwischen ihnen riss bald ab. Das macht man einige Zeit mit und dann gibt man auf. Am Ende ist nichts verlässlich, lerne ich aus Amaros Geschichte, weder das Wasser noch das Land. Sollte er zurück nach Santiago kehren, wird auch dort alles anders sein. Die Freunde sind über die Stadt verstreut, sie haben Familien, einige sind bereits an Krankheiten gestorben, viel zu früh, wie es heißt, auch wenn man nicht richtig an einen solchen Satz glaubt. Die vertrauten Bars sind geschlossen, die Cafés der Vergangenheit existieren nicht mehr oder haben neue Besitzer, die das alte Mobiliar herausgerissen haben und damit das Herz des Cafés. Das Haus der Eltern musste schon vor fünfzehn Jahren einem mittlerweile ausgestorbenen Hotel weichen und der Onkel hat sich in einem Außenbezirk der Stadt mit seinem kleinen Bauunternehmen ruiniert. Ist das überhaupt noch Santiago?, wird sich Amaro fragen, aber da ist niemand, der ihm eine Antwort geben kann. Die Leute auf der Avenida Salesianos laufen an ihm vorbei, einige fluchen, weil er wie eine Statue der Olmeken mitten auf dem Bürgersteig alles behindert. Im Hintergrund ragen die Anden in den Himmel, schneeüberzogene Gipfel, die Amaro an einen anderen Gebirgszug erinnern, dessen Name ihm in diesem Augenblick aber einfach nicht einfallen will. Weiße Gipfel, die wirken, als wären sie mit Zucker bestäubt oder mit Bleiweiß gestrichen und Amaro stellt sich die Spitze dieser Gipfel, den höchsten Punkt der Berge, so scharf wie eines seiner Küchenmesser vor, die er zwanzig Jahre lang geschwungen hat.

Natürlich besteige ich kein Schiff. Meine kurze Recherche im Netz bliebt ohne Ergebnis und außerdem macht dieser Plan auch überhaupt keinen Sinn. Was wäre schließlich mit K, sie will doch gar nicht zur See. Auch ich möchte mich ja eigentlich nicht in einen Matrosen verwandeln, ich stelle mir das alles nur sehr romantisch vor und eine Flucht wäre es auch. Merkwürdigerweise komme ich über das Flüchten nicht hinaus. Ich frage mich, wie es die anderen machen, ob sie auch diesen Drang in sich spüren, der in eine unbekannte Richtung zeigt und sich unglaublich schwer in Worte fassen lässt.

Ich möchte weg, sage ich mir, nur weg und dieses Weg bezieht sich, wenn ich ehrlich bin, ausschließlich auf das Geldverdienen, auf den Zwang, meine Zeit für etwas anderes zu verwenden als das Schreiben. Der Wunsch zu verschwinden hat mich immer begleitet, vielleicht, weil ich mich niemals richtig wohl gefühlt habe, niemals das Gefühl hatte, angekommen zu sein. Wohnungen, Städte, das alles bedeutete mir nie etwas. Ich frage mich, ob man wirklich einfach losgehen kann und was das heißt. Kündigen, alles verkaufen, die Wohnung aufgeben und dann mit einem Rucksack los? Zu Fuß durch Deutschland in Richtung Osten? Warum gerade in Richtung Osten? 

Erschöpft gebe ich die Suche nach einer Lösung auf und rekapituliere die zurückliegenden Tage. Ich habe 160 Bücher über rebuy verkauft, ich arbeite am Lektorat meines Romans, der nun im August erscheinen soll. Ich habe lange mit meiner Verlegerin das Für und Wider eines solchen Erscheinungstermins diskutiert, aber um ehrlich zu sein, möchte ich nur, dass die Gärten in der Wildnis endlich im Sommer erhältlich sind, damit ich beginnen kann, meinen zweiten Roman unterzubringen. 

In der Zwischenzeit schreibe ich wieder Bewerbungen und habe Vorstellungsgespräche, die mich derart langweilen, dass ich einen Moment lang überlege, einfach aufzustehen und ohne jede Erklärung den Raum zu verlassen. Die fassungslosen Blicke der anderen folgen mir, aber ich ignoriere sie. Sicher halten sie mich für einen Wahnsinnigen. 

Später höre ich Patrick Shiroishis i shouldn’t have to worry when my parents go outside bei geöffnetem Fenster und halte den Albumtitel für ganz ausgezeichnet, bis mich das Geräusch einer Kreissäge draußen im Hinterhof irritiert. Deshalb stehe ich auf und sehe hinaus, natürlich nicht so offensichtlich vorwurfsvoll wie ein Rentner, sondern eher wie jemand, der sich ganz zufällig für die Außenwelt interessiert. Als ich stehe, fällt mir plötzlich auf, dass die Kreissäge nicht draußen im Hinterhof dröhnt, sondern von Shiroishis Album stammt. Das finde ich natürlich sofort total genial.

Am Morgen, von sieben bis neun, lese ich Despentes Vernon Subutex, halte alles für gut, besonders die vielen Beleidigungen bringen mich zum Lachen. Nichts ist schließlich angenehmer, als einen aufgeblasenen Filmproduzenten als fettes Trottelgesicht eingeführt zu bekommen und da sich der Roman schnell liest, bestelle ich auf Amazon gleich Band zwei und drei, natürlich antiquarisch, denn auf die Preise von ZVAB ist mittlerweile auch kein Verlass mehr.

Ist es möglich, die Kreisläufe zu durchbrechen?, frage ich mich jetzt. Jahrelange war ich der Meinung, die Kreisläufe stammten aus der Welt, doch mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher. Vielleicht stammt das alles auch aus mir, vielleicht verlangt die Welt überhaupt nichts, vielleicht bietet sie sich nur an, ohne auf die Verunsicherten Rücksicht zu nehmen. Ein Angebot, eine Einladung, mehr nicht. Man nimmt dich nicht an die Hand, man zeigt dir keinen Ausweg. Alles bleibt Andeutung, ein Vielleicht, die Möglichkeit. Und die Zeit läuft ab, sie läuft neben dir, hinter dir, stößt dich an, zieht an dir vorbei. Zweiundfünfzig Wochen, zwölf Monate, ein Jahr, dann sind es zwei, drei, vier, bald zehn. Und obwohl sich in einigen Sekunden die Gegenwart greifbar verkürzt, als würde sie sich in einen Gegenstand verwandeln, in einen Tisch zum Beispiel, an dem du sitzt und schreibst, ist diese Gegenwart doch nur eine Wiederholung in endloser Potenz, eine Wiederholung all des Unverständlichen, das jede Generation an die nächste weitergibt, ohne eine Lösung für jene Rätsel und Fragen gefunden zu haben, auf die es wirklich ankommt. Am Ende stehen alle ratlos herum und sehen sich an. Am Ende begreifen auch die meisten, dass besonders jenen nicht zu trauen ist, die den Besitz einer Antwort behaupten. Wir leben die Leben, denke ich, die man in allen Jahrhunderten findet. Dieselben Fragen seit so und so vielen Jahrtausenden und die gleichen vagen Antworten. Die gleichen Parolen. Vertrauen, Hoffnung, Glauben. Alle Fragen und das Meer, das sich nie verändert. Auch darin liegt eine seltsame Rücksichtslosigkeit. Das Meer hält sich bedeckt und wir machen weiter, es ist Montag, eine neue Woche, es ist Ende April und bald steht der Sommer da und fordert zu einer Reise auf oder zu einer Veränderung. Und vielleicht wird das Reisen sogar möglich sein. Dann studiert man die Zugverbindungen oder leiht sich ein Auto und macht sich damit auf den Weg, denkt auf der Fahrt an die Freiheit, die durch das geöffnete Fenster weht, an die Freiheit, die auch etwas ist, das sich ständig entzieht.