Halt auf halber Strecke, 3. März

Seit Jahren, seit ich achtzehn bin, mein Traum, auf halber Strecke auszusteigen, in einem völlig verkehrten und fremden Ort. Einem Ort, der nicht das Ziel meiner Reise ist, es zumindest nicht am Anfang war. Ich lasse mich vom Klang der Ortsnamen und Haltestellen leiten und von einem untergründigen Gefühl. Jetzt ist es Zeit. Der Zug fährt ein und du stehst auf, gehst durch den Gang. Die Leute merken dir nichts an, für sie sieht alles danach aus, als seist du tatsächlich am Ende deiner Reise angelangt, was ganz natürlich ist. Doch du spürst mit einer Gewissheit, die es sonst kaum für dich gibt, dass etwas Ungehöriges geschieht, etwas Unerhörtes sogar, das dich bislang zurückschrecken ließ, vor dem du dich gefürchtet hast.

Ein vorzeitiges Aussteigen, denkst du dann, macht ja mit allem Schluss, zieht alles in Zweifel. Den Sinn der Reise, den Sinn einer Ankunft, den Sinn eines vorherbestimmten Ziels. Im vorzeitigen Ausstieg liegt die Freiheit. Vielleicht findet sie sich nirgendwo so klar wie hier. Und vielleicht zieht sie dich aus diesem Grund auch derart an, denn die meiste Zeit über hast du das Gefühl, nur für das Offensichtliche gemacht zu sein.

Doch nicht nur die Nähe und Möglichkeit der Freiheit ziehen dich an, während draußen vor dem Zug die Landschaft ins Dunkle rollt, auch der Übertritt lockt mit seinen ganz eigenen Versprechen. Das Überschreiten des Alltäglichen, des Nützlichen, dessen, was man abzuleisten hat. Den Weg zur Arbeit. Den Weg zurück. Die eingebrannten, zur zweiten Haut gewordenen Fahrpläne. Weinberge, Felder, Übergänge und Kreuzungen, der Fluss auf der einen Seite der Gleise, die Hänge auf der anderen. Drei Tunnel tauchen nach Verlassen des ersten Bahnhofs in kurzen Abständen auf. Sie sind nicht besonders lang, die Dunkelheit fällt über den Zug und erscheint bei der Einfahrt doch fast schon geläutert, von etwas Helligkeit durchsetzt. Später erreichst du die Außenbezirke und schließlich die zweite Stadt in langem Schwung. Der Zug fährt auf eine Art Rampe, dann eine Brücke, die sich weit nach Westen zu einer sanften Kurve steigert und dann kommen die anderen Bahnhöfe in schneller Folge. Sie gehören bereits zur zweiten Stadt.

Die Rhythmen der Fahrt sind dir derart vertraut, dass du den Verlauf deiner Reise von einem Baum in der Nähe der Trasse ablesen kannst, von der Staffelung der Felder, die im Vorbeifahren ihre Farbe wechseln. Von Braun nach Schwarz, als schlügen dort in einem genau berechneten Muster sehr eng gepflanzte Ähren in ihre Schattenseite um, was dich an einen Pullover aus Samt erinnert oder Velours. Streicht man die Fasern in die eine Richtung, bricht sich das Licht auf eine bestimmte Weise, die es beim Strich in die andere Richtung nicht besitzt. Dunkel und hell, zwischen diesen ewigen Polen liegen auch die Felder draußen. Manchmal wirkt es so, als staffelten sie sich grenzenlos bis an den Horizont.

All das ist dir vertraut und du bemerkst es deshalb nicht. Du registrierst stattdessen die fremden, seltsam schmucklosen Bahnhöfe, an denen der Zug hin und wieder hält. Dort draußen erwartet dich nichts. Nichts Verheißungsvolles zumindest, das in die Augen sticht. Und dennoch tickt der Gedanke in dir, gerade im Schmucklosen fände sich Rettung, du müsstest nur aufstehen, um den Kreis zu durchbrechen und deiner Reise eine andere Wendung zu verleihen.

Selbst das dumme Wörtchen Abenteuer stellt sich ein. So beginnt ja ein Abenteuer, es beginnt mit dem Unvorhergesehenen, mit einem Ereignis, das aus dem Lauf des Alltäglichen fällt. Also aufstehen, den Rucksack packen, ihn über die Schultern werfen, bereits mit klopfendem Herzen und dann in Richtung Tür, die Tür des Abteils, die sich automatisch und als untrügliches Zeichen vor dir öffnet und dann weiter zu den schwereren Türen des Zugs, die bereits offen stehen, hinter denen der unbekannte, falsche und doch richtige Bahnhof liegt und dann hinaus (in Gedanken) mit dir, die Füße zuerst, die Schuhe, die plötzlich Wanderschuhe sind und ewig halten werden, die Jacke, die nicht die deine ist und doch gegen jedes Wetter schützt, eine Mütze auf dem Kopf, die du vor einer halben Stunde nicht besessen hast und dann betrittst du endlich das Pflaster, Endlich!, sagt es in dir, so ein Dreck, das hätte ich schon vor Jahren tun sollen, diesen Schritt hinaus auf den fremden Bahnsteig, und als du dich ein letztes Mal wie zur Verabschiedung umdrehst, siehst du den sich bereits entfernenden Zug und entdeckst die Gesichter der Leute hinter den spiegelnden Scheiben. Sie alle rufen dir etwas zu, sie rufen und winken mit weißen Taschentüchern wie in den alten Filmen und du verstehst mit einem Mal, weshalb sie so euphorisch sind. Sie freuen sich für dich, für einen der ihren, einer, der es endlich hinaus geschafft hat, auch wenn er ein wenig idiotisch wirkt mit seinen neuen Klamotten, verlassen auf diesem ganz irrealen Bahnhof, der natürlich auf keinem Streckenplan verzeichnet ist.

Montag, 1. März

Vor etwa einem Jahr habe ich mir drei gerahmte Kunstdrucke von David Hockney gekauft. Ich weiß nicht mehr, wie ich plötzlich auf diesen Gedanken kam, aber eines Morgens, ich saß bereits an meinem Rechner, konnte ich an nichts anderes als die Landschaften von David Hockney denken. 

Es war kein Problem, eine Seite im Netz zu finden, die das Rahmen eigener Fotos anbot und zu meiner Überraschung kostete das Ganze nicht viel. Eine halbe Stunde lang suchte ich nach hochauflösenden Abbildungen von Hockneys Landschaften und wurde sehr schnell fündig, denn David Hockney ist ein Superstar, selbst Menschen, die sich für Kunst nicht interessieren, kennen ihn und seine Malereien. 

In Hockneys Gemälden lebt sich die Farbe aus und das zieht die meisten und wohl auch mich sehr an. Ich wählte ein Bild im Querformat, es zeigt einen englischen Park im Herbst, eine Herbstlandschaft, wenn man so will. Direkt im Zentrum des Bildes verläuft ein gerader Weg in den Hintergrund. Man sieht ein wenig stählernes Blau, vielleicht deutet dieses Blau auf einen Kiesweg oder auf Steinplatten hin, wobei es vom Rot und Orange des herabgefallenen Laubes fast vollständig bedeckt wird, das in ausladenden Flächen den Großteil des Bildraums dominiert. Hohe Bäume rahmen den Weg, sie wachsen im linken und rechten Drittel des Gemäldes nach oben in den ebenfalls graublauen Himmel. 

Die Borke der Bäume ist grün, violett, gelb, orange und malvenfarben. Das Laub auf dem Boden des Parks wirkt wie ein warmer, flüssiger Teppich. Lange Schatten durchschneiden das intensive Orange und Rot dieses Teppichs, die Sonne steht also bereits tief, der Tag geht zu Ende.

Die beiden anderen Gemälde zeigen ein Interieur sowie den Ausschnitt einer tropischen Veranda. Ich habe mir das Bild der Veranda in einem kleineren Format bestellt, natürlich passepartouriert mit einem hellen, weißen Karton und einem schwarzen Kunststoffrahmen versehen. Das Parkbild besitzt einen Holzrahmen, ich glaube aus Birke oder einem anderen weniger wertvollen Holz. Ich werde die Hierarchie der Bäume niemals verstehen, auch wenn ich natürlich begreife, dass sich verschiedene Hölzer für verschiedene Zwecke mehr oder minder gut eignen. Es gibt teures Holz, das selten ist und langsam wächst und es gibt zügig wachsende, weniger wertvolle Bäume wie die Birke.

Aber die Birke, denke ich, was ist das für ein wunderschöner Baum. Ich kann Russland gut verstehen und die Birkenmanie der russischen Menschen. Lebte ich in einem Haus und läge vor oder hinter diesem Haus ein Garten, ich würde sofort eine Birke pflanzen. Selbst der lateinische Name der Birke wirkt wunderbar. Betula. Das klingt wie ein nordischer Zauberspruch und kommt das Weiß noch hinzu, falle ich richtig hinein in die Magie. Betula alba.

Hockneys Interieur hängt in unserem Schlafzimmer zwischen dem weißen Kleiderschrank und der grünen Kommode. Es zeigt eine ältere blonde Frau in einem rosafarbenen Kleid. Sie steht vor einem modernistischen Bau, alles wirkt ausgesprochen funktional, klare Linien beherrschen die Komposition. Das Gebäude besitzt nur eine Etage und ist von ausladenden Glasflächen geprägt, so dass das Innere des Hauses eigentlich im Außen liegt. Die Frau steht im Profil und blickt zum linken Bildrand. Sie wirkt sehr allein inmitten der aufgeräumten Architektur, in der jedes Möbelstück seinen exakt zugewiesenen Platz besitzt. Der Liegestuhl etwa, der mit einem gemusterten zebraähnlichen Stoff bespannt ist, aber wie das Exponat eines Museums wirkt. Unbenutzbar. Unberührbar eigentlich, als wäre es nicht für einen Menschen gemacht.

Von allen drei Kunstdrucken gefällt mir der Herbstpark am besten. Er hängt über unserem Küchentisch und manchmal stehe ich grundlos im Raum, um auf die preiswerte Kopie von Hockneys Gemälde zu starren. Ist das ein hoffnungsvolles Bild? Ich bin mir nicht sicher. Es strahlt eine ganz merkwürdige Ruhe aus, eine Ruhe, wie sie vielleicht nur eine Herbstlandschaft besitzen kann. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Ich stelle mir vor, mich in das rote Laub zurückzuziehen. Das Laub besitzt keinen Geruch. Nur die Nässe ist da und unter mir löst sich plötzlich die Erde auf. Das Laub allerdings hält stand, ich weiß, dass es meterhoch ist, rot und orange, leuchtend, warm, wie eine Milliarde glitzernde Schuppen. Das Laub, das nicht von den Bäumen stammt, sondern aus dem Nichts, das sich bildet, als wäre es ein eigener Organismus und kein Anhängsel der Buchen, denn ich nehme an, Hockney habe hier Buchen gemalt, vielleicht aber auch Eschen. 

Ich möchte mich mit diesen Farben bedecken, bis nur noch mein Kopf herausschaut aus dem Laub und dann sehe ich in Richtung Himmel. Mein Körper ist warm, wird von den Blättern geschützt, ich höre das Pfeifen unbekannter Vögel, das Rascheln der Tiere, die nichts von mir wissen und warte auf das, was sich zwangsläufig ereignen muss. Ich warte auf den Wechsel des Wetters, auf das Vergehen der Zeit, das Verstreichen der Jahre. Ich warte auf den ersten Schnee und auf den eisigen Regen, der ihn ankündigen wird. Ich warte auf das schwächer werdende Licht, auf die kalten Nächte, auf die Rückkehr des Frühlings und die vielen Knospen, die auf den Zweigen wachsen, bis sie endlich platzen und sich das Grün entrollt. Ich warte. Ich warte allein in meiner Höhle aus Laub. Und die Buchen und Birken und Eschen in meiner Nähe sehen mir unbeeindruckt zu.