Zimmer, 28. März

Bis auf eine kurze Zeit in Berlin habe ich immer in engen Zimmer gelebt. Zimmer, die nie größer waren als fünfzehn Quadratmeter und in diesen Zimmern gab es ein oder auch zwei Fenster, die in Richtung Straße oder in Richtung Nachbarhaus zeigten. Es gab ein Bett, einen Schreibtisch und vor dem Schreibtisch einen Stuhl und es gab einen Kleiderschrank. Aus diesen Gegenständen bestand das gesamte Mobiliar und dieses Mobiliar hatte ich mir nie selbst besorgt, es existierte bereits, bevor ich die Zimmer betrat, um mich in ihnen einzurichten. 

Man richtet sich in einem Zimmer ein, merkwürdigerweise aber richtet man auch ein Leben ein, das dadurch eine räumliche Dimension gewinnt. Das Leben wird somit selbst zum Zimmer, in dem man die Dinge ordnen muss, denn die Dinge gehören an einen Platz. Auch im Leben gehört alles an einen Platz, allerdings ist dieser Zusammenhang, anders als bei den Zimmern, undeutlicher und tritt manchmal auch nach Jahren des Herumprobierens nicht klarer ans Licht. 

Man nimmt das Leben und die Räume in Besitz. Man spielt sich den Möbeln gegenüber zum Beherrscher auf, wahrscheinlich hat man auch Macht über sie, aber genauso gut könnte man sagen, dass die Möbel Macht über ihre Bewohner besitzen. Genauso wie auch die Zimmer aufgrund ihrer Lage, ihres Zuschnitts und der Atmosphäre, die in ihnen herrscht, eine fast unumschränkte Macht besitzen über den, der sich zufällig in ihnen verliert und dann zwischen vier mehr oder weniger stummen Wänden seine Tage verbringt, um in einem hellen Moment zu erahnen, dass auf diese Wände Generationen nun Verschwundener blickten, ungezählte und namenlose Biographien, für die sich niemand mehr interessiert, die mit der Zeit fast spurlos untergegangen sind. Ein ganzer Zug von Leuten also, die sich in dem gleichbleibenden Raum, der sich starr an die eigenen Dimensionen klammert, als gelte es eine Tatsache gegen die Behauptungen flüchtiger Besucher zu verteidigen, eingerichtet haben, die dort lebten, am Morgen die Tür hinter sich ins Schloss zogen, um am Abend diese Tür wieder aufzuschließen und in das Zimmer zurückzukehren. Bewohner, die Farbe auf die Wände brachten und diese Farbe wurde zwei oder drei Jahre später von einem Nachmieter mit Weiß überstrichen. Bewohner, die natürlich voller Erwartungen gewesen sind, für die das Zimmer auch eine Bedeutung besessen hat, die über den Raum weit hinaus ging, denn das Zimmer stellte einen Anfang dar oder Neubeginn, sie ließen etwas zurück (in einem anderen Zimmer) und jetzt begannen sie von vorn, vielleicht zum ersten oder aber zum zweiten oder dritten Mal. 

Von dieser sich im Geheimen abspielenden Chronik der Ereignisse ahnt man natürlich nichts, sobald man in einer neuen Wohnung steht. Es sei denn natürlich, man erfährt von jemandem, der in den Räumen gestorben ist, denn das erzählen die Vermieter meist aus irgendeinem Grund, wobei ich nie verstanden habe, weshalb sie das tun. Wen erschrecken schließlich die Toten? Man sollte sich eher vor den Geistern fürchten und die Zimmer sind natürlich voll von ihnen. Kratzt man an den Wänden, zieht man die alten Tapeten ans Licht mit ihren längst aus der Mode gekommenen Mustern, Schichten toter Zeit und toter Epochen. Da sind die Achtzigerjahre und manchmal sogar noch die Siebzigerjahre und das alles gehört komplett auf den Müll, wie man fühlt, ist überhaupt nicht mehr zu gebrauchen und ohne jede Bedeutung. Für die Leute damals allerdings gab es nur diese Gegenwart, die sich in den Tapetenmustern und Farben manifestierte, die vielleicht sogar nur in diesen äußeren Zeichen zu Tage trat, und genauso wenig, wie ich mir vorstellen kann, meine eigene Gegenwart werde einmal keinerlei Bedeutung mehr besitzen, werde keine Verbindlichkeit mehr haben und nur ein belächelnswerter Ausschnitt in diesem weiten, unüberschaubaren Ganzen sein, genauso wenig waren auch die Menschen vor mir in der Lage, die Bedeutungslosigkeit des winzigen Zeitausschnitts zu erkennen, den sie bewohnten.

Das Jetzt wird von einer heftigen Verbindlichkeit beherrscht, der sich niemand für längere Zeit entzieht und deshalb nimmt man vielleicht auch die Arbeit an und in den Zimmer auf sich, so wie man auch das Leben irgendwie auf sich nimmt. Niemand weiß genau, wie er es anzugehen hat, ich zumindest besitze noch immer nicht die leiseste Ahnung. Je älter ich werde, um so weniger verstehe ich. Die Gewissheiten schwinden mit den Jahren, eigentlich liegt darin sogar die einzige Gewissheit. Dass am Ende alles ungewiss bleibt und deshalb lächerlich, dass sich das Leben irgendwann sogar als umfassende Komödie entpuppt, über die man mit etwas Abstand herzhaft lachen könnte, als sei man kein Teil von ihr, als hätte das alles nicht auch mit einem selbst zu tun. 

Und noch etwas verbindet die Zimmer und das Leben. In beiden herrscht eine unablässige Bewegung, ein Zimmer ohne Veränderung (das Verschieben der Möbel, ein neuer Anstrich und so weiter) ist ein totes Zimmer so wie ja auch ein regungsloses Leben kein echtes Leben mehr ist. Beide kommen im Stillstand zu einem Ende. Bleibt der Wechsel aus, gibt es nur noch Staub, der sich auf alles legt. Auf den Schreibtisch, den Stuhl, das Bett und den Kleiderschrank. Auf die fleckigen Teppiche, die wie Treibgut angespülten Zeitungsausschnitte und ungelenk gerahmten Fotos an den Wänden. Alles Staub, alles Spur. Alles mit wenigen Handgriffen zusammengeräumt und aus der Welt geschafft.