Teich, 16. März

Ich stelle mir vor, dass die Häuser verlassen sind. Der Verkehr ist endlich verschwunden, die Türen der Wohnungen sind abgeschlossen. Man hat die Städte endgültig satt. Alle haben sich auf den Weg gemacht, haben die Ausfallstraßen gewählt, die Bundesstraßen, irgendwelche kaum befahrenen Wege. Der Wind treibt auf dem Fluss kleine Wellen gegen die Strömung. Das Wasser bildet Gebirgsketten und diese Gebirgsketten staffeln sich nacheinander auf, formen ein geometrisches Muster wie im Gewebe eines persischen Teppichs, dort, wo die Bilder verboten sind. Die Schulen sind zu, in den Parks tobt der Sturm. Von den alten Kastanien reißt es Zweige und Äste hinab und auf den Kieswegen verkeilt sich das tote Holz ineinander, um als brüchiges Knäuel zuerst über die Wiese zu wandern, dann über das Fußballfeld, an den Sportgeräten vorbei und schließlich am Zaun, der den Tennisplatz vom Rest des Parks trennt, zu enden. Irgendetwas ist geschehen. Es ist März und im März nimmt man den Wechsel des Wetters nicht weiter ernst. Die plötzlichen Stürme gehören dazu, man hat sich an sie gewöhnt. So geht man allein durch den Park. Die verschwundenen Menschen fallen nicht auf, sie besaßen, wenn man ehrlich zu sich ist, stets nur erträumte Biographien, deuteten auf Dinge, die sich niemals recht in Erfahrung bringen ließen, sprachen über Ereignisse, so wie man über weit entfernte Länder spricht, über den Tagesablauf eines Bewohners von Hanoi zum Beispiel. Im Park befällt flaschengrünes Moos die Bäume, Misteln füllen ihre kahlen Kronen aus. Ich halte vor dem künstlichen Teich. In der grauen Tiefe schweben weichgezeichnete Körper durch eine behäbige, schwere Masse, die mir nicht wie Wasser erscheint, sondern träger ist, Öl, Gallert, eine Flüssigkeit kurz vor dem Ersticken. Ich nehme langsame Bewegungen wahr, die von einem Traum nicht leicht zu unterscheiden sind, aber ich träume nicht und behalte das Wasser im Auge. Die grauen Körper nähern sich der schmutzigen Oberfläche, auf der sich faulendes Laub, leere Plastikflaschen und anderer Müll zu übersichtlichen Archipelen vereint und die stumpfen, taubengrauen Körper der Fische verschwinden zwischen diesen Inselgruppen und den Schatten, die aus dem Wasser stammen und nicht vom Rand des künstlichen Teichs. Denn hinter den Trauerweiden ist kein Licht, das Licht muss sich tief am Grund befinden, eine Lampe, denke ich, wie im Wrack eines versunkenen Schiffs, ein verstörendes Licht, das einfach weiterleuchtet, die dunkelgrauen Fischkörper von unten streift und ihnen diesen merkwürdigen, überweltlichen Schein verleiht. Eine Lampe, die für immer brennt, ein ewiges Licht. Dort unten in der Tiefe leuchtet es und die Fische kreisen über dem Licht wie eine löchrige Wolke und erst am Abend, wenn alles schwächer wird (der Sturm, der Tag, die Lust am Gehen), tauchen sie hinab und lassen eine unbewegte Ebene zurück, die an keinen Teich, nicht einmal an so etwas wie Wasser erinnert. Dann ist alles sehr still und nur das Licht leuchtet ungerührt weiter, ein zweifelhafter Bezug, ein ungültiges, zufälliges Zentrum, um das herum sich alles, selbst die faulenden Archipele, versammelt.