Sonntag, 14. März

Nach dem gestrigen Sturm sitze ich am Morgen vor dem offenen Fenster, um zu lesen. Ich habe meine Füße an den Heizkörper gestemmt, meine Beine bilden einen rechten Winkel und draußen ist es so kalt, dass ich nach zehn Minuten bereits steif gefroren bin. Die Kaffeetasse dampft auf dem Fensterbrett, ich höre Günter Schlienz über den Bose-Lautsprecher, dessen Netzteil ich gestern eine Stunde lang unter völlig wahnsinnigen Verwünschungen in der Wohnung suchen mussten und nun erscheint mir diese phasenhafte Anfälligkeit ganz unerheblich und übertrieben. Womit man sich beschäftigt. Woran man sich aufhält. Worüber man in Wut gerät. 

Das meiste ist bedeutungslos, denke ich vor dem Fenster in meinem magentafarbenen Kapuzenpullover und der grünen Trainingshose mit roten Streifen an den Seiten. Gestern habe ich Hamsuns Pan gelesen, vorgestern Tove Ditlevsens Kindheit. Jetzt lese ich den neuen Kracht, während Orphée aux Enfers läuft und ich im Hades angekommen bin. Untermeerische Harfenklänge flattern durch ein moosgrünes Gewölbe, die Stimmen der Sirenen, ein Echo auf den Saiteninstrumenten und dazwischen die Rufe aus dem Inneren des Kosmos, Weltraumstimmen, zitherhaft, voller Vibrato.

Wahrscheinlich wird das heute ein langsamer Tag, denke ich. Einer dieser Tage ohne wirklichen Inhalt, der seinen Sinn bis zum Abend und Verschwinden des Lichts nicht offen legt. Manchmal erwischt man ein Gefühl für die eigene Zeit und für das in Augenblicke gehüllte Dasein, das man Gegenwart nennt, viel häufiger allerdings bemerkt man nicht, worin man steckt, in welchem Abschnitt man sich sozusagen befindet. Dann steht man einfach nur in der Gegend, so wie K und ich am späten Nachmittag gestern und sieht in einen Gewitterhimmel, durch den die Sonne plötzlich bricht. Und die Kontraste zwischen den dunklen Sturmwolken oben und dem irritierend gleißenden Licht dazwischen, das die Uferwiese verbrennt, die Grashalme wie Silberfackeln im Wind flattern lässt und uns blendet, diese Kontraste ziehen uns mit wütender Lebendigkeit in ihren Bann.

Heute morgen im Bett erkläre ich K, ich hätte es satt und eine Grenze sei erreicht, ich müsse endlich ein abenteuerliches Leben führen, ich könne hier nicht einfach weiterleben als Angestellter, der mit steigender Verzweiflung darauf hofft, das Schreiben würde ihn am Ende retten. Das erzähle ich natürlich nicht zum ersten Mal und öde mich auch sofort dabei an. Ich möchte weg, sage ich, denn das ist meine einzige und letzte Antwort auf alles, was mich je betroffen hat. Meine einzige, hilflose Waffe. Schon immer ist es die letzte, mir zur Verfügung stehende Antwort gewesen. Bereits als Kind wollte ich verschwinden. Das Wohin interessierte mich nie, mir ging es immer nur um meine Flucht. 

Ich bin ein einziges Mal von zu Hause weggelaufen und habe mit diesem Ausbruch sowohl meine Eltern als auch mich überrascht. Ich muss fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein und falls ich mich richtig erinnere, war ich damals noch nicht in der Schule. An den Grund meiner plötzlichen Flucht erinnere ich mich allerdings nicht, ich weiß nur, dass ich in meinem Kinderzimmer auf dem Teppichboden saß, um einen Entschluss zu fassen.

Ich würde meine Sachen packen und verschwinden.

Jetzt haue ich wirklich ab, so in etwa werde ich gedacht haben. Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt.

Natürlich reagierte niemand auf meine Drohungen, die bis dahin tatsächlich immer auch leere Drohungen geblieben waren. Aber an diesem Abend (mit einem Mal glaube ich mich an meine Eltern zu erinnern, die noch unten in der Küche beim Abendbrot saßen) griff ich nach meinem Rucksack und begann Hosen und Pullover in ihn zu stopfen. 

Ich sehe diesen Rucksack noch vor mir, ein waschechtes Neunzigerjahremodell in knalligen Neonfarben. Ich packte ihn randvoll, doch ich tat es nicht strategisch, ich plante nicht, indem ich mich fragte, was ich auf meiner Reise am Dringendsten benötigen würde, sondern suchte bloß wahllos in meinem Kleiderschrank herum, noch immer voller Wut und Trotz. Meine Erregung ließ mich nicht vernünftig vorgehen, sondern impulsiv, ich wollte nur weg und verschwinden und das Merkwürdigste, wie ich heute denke, bleibt das völlige Vergessen des Grundes meiner Flucht. Der Anlass meiner ersten, auf mich genommenen Reise ist verschwunden und nur die gefühlte Notwendigkeit, mich endlich von allem befreien zu müssen, blieb zurück. Jene unzweifelhafte Überzeugung, ein rettender Ausweg bestünde für mich allein im Ausbruch aus dem Haus meiner Eltern.

Jemand, der an die Wand gedrängt ist, denkt sicher ähnlich kopflos an das eigene Entkommen.

Die Durchführung der Flucht, ihr genauer Ablauf, verliert im gleichen Maß an Raum, wie der Zustand der Bedrohung, jene unerträgliche Wirklichkeit, vor der man zu flüchten versucht, an peinigender Nähe gewinnt. Irgendwann ist der Punkt erreicht, der keine Planungen mehr gestattet. Nur der überstürzte Akt, sich von den untragbaren Zuständen in aller Heftigkeit zu befreien, bleibt als Ausweg sichtbar.

In einem solchen Moment habe ich mich stets gefühlt, als verlöre ich mich selbst aus den Augen, glitte mir aus den eigenen Händen.

Und dann plötzlich war mein Rucksack gepackt und ich zerrte ihn auf meine Schultern. 

Ich nahm die alte, braun gestrichene Holztreppe nach unten, zog mir an der Garderobe die Jacke über und meine Schuhe im Flur vor der Toilette an. Vielleicht glaubten meine Eltern damals noch immer an einen Scherz, an eine Grenze, die ich auszureizen versuchte, denn sie mussten die Geräusche im Flur durch die angelehnte Küchentür bemerken. Jetzt glaube ich mich sogar zu erinnern, dass es mit einem Mal sehr still in der Küche wurde, als versuchten meine Eltern herauszuhören, was ich im Flur gerade tat. 

In mir war in diesem Moment alles bis auf einen winzigen Punkt zusammengeschrumpft. Obwohl ich beim Griff an die Klinke der Haustür verstand, dass es nun kein Zurück mehr für mich gab, ohne mich vor den anderen für alle Zeiten lächerlich zu machen, dass ich somit keine wirkliche Wahl mehr besaß und meiner Angst ins Gesicht sehen musste, die draußen auf der abendlichen Straße auf mich wartete, ließ ich mich von dieser Ausweglosigkeit, in die mich mein Vorhaben führte, dennoch nicht überwältigen, sondern drückte die Messingklinke nach unten und trat hinaus in den sommerlichen Abend.

Ich brachte den Vorgarten mit wenigen Schritten hinter mich, öffnete das alte, in den Angeln quietschende Gartentor und nahm den Fußweg hinauf in Richtung Kreuzung.

Der Weg führte am Küchenfenster vorbei und ich wusste, meine Eltern würden mich beobachten, weshalb ich mich dazu zwang, doppelt aufrecht an diesem Fenster entlang zu laufen, genau so, als mache mir das alles überhaupt nichts aus und als hätten sich mein Vater und meine Mutter mein Verschwinden selbst zuzuschreiben. 

Ich lief die Straße hinauf, ohne zurückzuschauen. Ich lief und hielt nicht an, stattdessen aber horchte ich auf jedes Geräusch, besonders in meinem Rücken. Ich versuchte auszumachen, ob sich jemand hinter mir näherte, ob man mir also nachlief oder nicht. Es war unmöglich, mein Verschwinden zu überhören, schließlich hatte ich die Haustür ziemlich laut ins Schloss gezogen. 

An der Kreuzung angelangt, bog ich nach rechts und lief weiter an den Vorgärten und Einfamilienhäusern entlang. Ich folgte einem Weg, den ich kannte und den wir immer wählten, um mit unserem Hund zur Wiese am Stadtrand zu gelangen. Hinter dieser Wiese lag die Landstraße und die einen hohen Hügel überziehenden Schrebergärten. Die Stadt kam dort an ihr Ende.

Als ich eine Nebenstraße querte, begann mir meine Planlosigkeit mit aller Gewalt aufzugehen. Ich würde die Wiese erreichen. Und dann würde ich mich entscheiden müssen, ob ich den Feldweg nahm oder weiter in Richtung Landstraße laufen sollte.

Was würde ich dann tun?

Mein Herz schlug wie wild.

Und plötzlich spürte ich meine Angst.

Die Angst stieg in mir auf und ich erschrak über meine heillose Flucht.

Was hatte ich getan?

Und dennoch hielt ich nicht an. Ich lief weiter, ich musste weiterlaufen, denn nun gab es keine andere Option. Ich würde laufen müssen, bis mir etwas Besseres einfiel, aber ein Anhalten, das kam überhaupt nicht in Frage. Der Gedanke einer Rückkehr tauchte damals nicht für einen Sekundenbruchteil in mir auf.

Dann hörte ich plötzlich Schritte in meinem Rücken und alles spielte sich so schnell ab, dass ich gar nicht mehr in der Lage war zu reagieren.

Heute möchte ich fast glauben, mein Vater habe sich angeschlichen und erst im letzten Augenblick seine Schritte beschleunigt.

Ich fühlte, wie mir jemand unter meine Arme griff und wie ich in die Luft gehoben wurde. Plötzlich saß ich auf den Schultern meines Vaters, der etwas zu mir gesagt haben muss, aber auch das habe ich vergessen.

Auf diesen Schultern endete meine Flucht. Mit seinen Händen hielt mein Vater meine Beine fest, damit das Gewicht meines Rucksacks mich nicht nach hinten zog. 

Mein Vater schwieg auf dem Rückweg, doch am Grund dieses Schweigens, das spürte ich unmissverständlich, lag keinerlei Vorwurf. Vielleicht lag sogar so etwas wie Achtung darin, eine überraschte Anerkennung und natürlich auch Erleichterung darüber, dass alles so gut ausgegangen und ich am Ende nicht tatsächlich spurlos verschwunden war, was ja zu einigen langwierigen Erklärungsversuchen seitens meiner Eltern gegenüber den Behörden geführt haben würde, wie ich annehme.

Und auch ich spürte diese Erleichterung. Ich fühlte mich erlöst, meine Flucht war mir zwar nur zu Hälfte gelungen, doch ich hatte mich zumindest hinaus gewagt. Der Ärger war verflogen, der Grund meines Verschwindens besaß nun kein Gewicht. Alles hatte sich aufgelöst, glücklicherweise aufgelöst. Erleichtert bogen wir erneut in unsere Straße ein und ich fühlte mich, als hätte ich etwas bestanden, das keine wirkliche Probe gewesen war. Etwas, das ich nur schnell wieder vergessen wollte. Etwas sogar, über das ich jetzt, in meiner neu gefundenen Sicherheit, ein wenig erschrak.