Tisch, 10. März

Ist gestern eigentlich etwas passiert?, frage ich mich und sehe nach draußen. An den Zweigen der Buche deuten sich erste Knospen an und bezeichnen das noch unsichtbare Grün, das in wenigen Wochen die Verdickungen des Holzes durchstoßen wird, um sich dann über Nacht wie eine Yogamatte zu entrollen. Im Park öffnen sich die Pelzkörper der Magnolien und die Gärtner verteilen Mulch auf den Rosenstöcken. Die Rose ist eine Pflanze, die in der Natur nicht überlebt, das habe ich vor wenigen Tagen irgendwo gelesen. Man hat sie in die Bedürftigkeit gezüchtet, in die Lebensunfähigkeit hinein. Jetzt steht sie unter Beobachtung und braucht den Menschen und seine mehr oder weniger glückliche Hand. 

Im Hof ist es windstill. Früher einmal, vor so und so vielen Jahrhunderten, hat das Wort Mulch den Staub und die zerfallende Erde bezeichnet. Der Himmel ist grau und will mich an Irland erinnern, obwohl ich niemals in Irland gewesen bin. Irland, das ist eine weitere angelesene Erinnerung unter so vielen anderen, angelesenen Erinnerungen. Und diese angelesenen Erinnerungen verlieren selten ihre Fremdheit, fallen mir kaum noch auf. Die Haarfarben meiner Nachbarn allerdings fallen mir auf, sie wechseln fast wöchentlich. Da ich ihre Gesichter kaum behalte, grüße ich einfach drauflos. Die Menschen lächeln und scheinen zufrieden, auch wenn man sich in dieser Beziehung niemals sicher sein kann. Überhaupt dringen aus den angrenzenden Wohnungen selten deutbare Laute. Nur von oben hämmert und schiebt es wie wild und das fast jeden Tag. 

Über uns wohnt ein Lehrerpärchen, manchmal hole ich Pakete bei ihnen ab, meist sind es Büchersendungen. Der Lehrer ist Mitte Vierzig, nehme ich an, und öffnet mir die Tür mit einem fragenden Blick, wobei er häufig schon das Paket in der Hand hält, als besäße er einen sechsten Sinn für denjenigen, der kommen muss, als hätte er sich seit längerem an die Muster meiner Abholungen gewöhnt. 

Hinter ihm liegt der immer ausnahmslos dunkle Flur. Die Wohnung selbst ist wie unsere eigene geschnitten, so dass ich mir die Größe und Verteilung der Zimmer ungefähr vorstellen kann. Der Lehrer hat graue Haare und sieht ganz gut aus. Die Frau, mit der er zusammenwohnt, habe ich allerdings noch nie gesehen. Aus irgendeinem Grund scheint mir der Lehrer kein richtiger Lehrer zu sein, etwas haftet ihm an, seiner Kleidung vielleicht, seinem verlebten Gesicht und unstetem Blick. Eigentlich wirkt er wie jemand, der haarfein am Leben vorbeigeht, der keinen rechten Zugang findet, um irgendwann im Abseits zu landen. Er wirkt auf mich wie jene gescheiterten Existenzen, die manchmal durch die Straßen laufen und keine greifbare Geschichte besitzen, obwohl alles an ihnen nach Geschichte riecht. Mich würde es nicht wundern, wenn er mir irgendwann erklärte, er wüsste eigentlich nicht, was er hier verloren hätte, in dieser Wohnung, mit dieser unsichtbaren Frau, in diesem Zwischenbereich, der Winter und Frühling auf unerklärliche Weise trennt. Die Geräusche, die aus seiner Wohnung stammen, so als räume er jeden Abend das gesamte Mobiliar in den eigenen Zimmern um, grenzen an Wahnsinn und dieser Wahnsinn verwundert mich nicht, scheint mir fraglos im Bereich des Möglichen zu liegen.

Ich öffne die Sendungen und ziehe die Bücher heraus. Dann lege ich sie auf einen Stapel, der langsam zu einem Turm auf meinem Schreibtisch anwächst. Mein alter Schreibtisch, der sich nun seit ungefähr fünfzehn Jahren in meinem Besitz befindet und doch viel älter ist. Die Vorbesitzer haben ihn gut behandelt, seine Platte wies damals keine Spuren auf. Eigentlich ist es ein Esstisch, an dessen Stirnseiten man eine Verlängerung unter der Platte herausziehen kann. Auch wenn ich mir wünsche, an diesem erweiterten Tisch zu sitzen, um mehr Fläche für Bücher und sinnlose Gegenstände zu haben, reicht der Platz in unserem Schlafzimmer dafür nicht aus. Ein schmaler Kleiderschrank bedrängt den Tisch auf der linken Seite, ein paar Kartons mit Kassetten, Synthesizern und Effekten auf der rechten.

Die Platte des Tischs habe ich in all den Jahren mit Hunderten, vielleicht sogar Tausenden von Kratzern und Wasserringen überzogen. Jeder weitere Ring löste den Tisch von seinen gesichtslosen Vorbesitzern ab, um ihn mit meiner nachlässigen Handschrift zu versehen. Meine Eltern waren immer der Meinung, ich hätte keinen Respekt vor den Dingen, was nicht stimmt. Mein Respekt fällt anders aus, ist sentimentaler, ganz auf unbestimmte Gefühle gerichtet. Der braune Anstrich des Tischs ist an vielen Stellen abgerieben, darunter wird die Maserung des Holzes sichtbar. Der Tisch wackelt heftig, die Spannkraft seiner Konstruktion lässt allmählich nach. Doch das macht ihn zu einem guten Tisch, zu einem Möbelstück mit Charakter.

Auf der abgeriebenen Platte schieben sich Wolkenbahnen durchs Bild. Eine Decke wie in Irland, denke ich, die dunkle Verfugung einer ungewissen Leichtigkeit, die von hellgrauen Arealen durchzogen wird. Ein Hochdruckgebiet trifft auf eine Kaltwetterfront. Ein weiteres Pleistozän kündigt sich an, die Spuren entwickeln ihre eigene Gestalt. Ich schiebe das Wasserglas zurück und greife nach der Kaffeetasse. Die Morphologie der Wolken wird neu gemischt und ich stehe auf, um in Richtung Küche zu verschwinden.