Montag, 8. März

In einem Tagebucheintrag Tomas Espedals lese ich von der Rückkehr des Frühlings nach einem sechsmonatigen Winter. Der Frühling kündigt sich durch eine Motte an, die im Zimmer, sicher unter der Deckenlampe, ihre Kreise zieht. Sofort möchte ich über eine Hummel schreiben, die gestern auf dem Weg am Flussufer lag. Sie befand sich in ihren letzten Zügen, der Körper arbeitete noch heftig und pulsierte sehr schnell, fast als sammelte er Kraft, um sich erneut vom schwarzen Asphalt zu erheben. Als sei die Rückkehr zum Flug noch eine Möglichkeit. Dabei ist alles schon vorbei und die Bewegungen dieses winzigen Körpers, der in der Luft immer ein wenig ungelenk wirkt und schwerfällig, so als flöge da ein taumelndes Gewicht durch die Gegend, deuten nicht das Wiederaufblühen, sondern das Verschwinden des Lebens an.

Ich empfinde für die verfrühten Insekten ein merkwürdiges Mitleid. Die Wärme, die sie lockt, ist keine Illusion, doch hinter ihr, im Schatten, lauert weiterhin der Winter. Man fühlt den kalten Luftzug, sobald man aus dem Licht in eine Seitenstraße tritt oder auf der Uferwiese in den Schatten der Bäume. Ich begreife die Euphorie der Insekten, in denen das Leben durch die erste Wärme wiedererwacht und die nicht genügend Weitblick besitzen, um das Licht als etwas Vorläufiges, vielleicht sogar Trügerisches zu begreifen. Die Wärme ist zwiespältig, sie ist noch jung. Deshalb trifft sie auch keine Schuld, sie ist nicht willentlich trügerisch, verstellt sich nicht. Vielleicht hängt also alles mit der Unvorsichtigkeit der Insekten zusammen, die kopflos in die ersten wärmenden Strahlen stürzen, so wie auch wir das tun, und dann überrascht werden von der Kälte, die sich längst noch nicht zurückgezogen hat. 

Im Gegensatz zu uns allerdings, die wir uns vorbereiten können, trifft die Kälte die Insekten mit aller Macht. Sie haben sie nicht ansatzweise erahnt. Wie hätten sie die Kälte, die sich im Schatten des Lichts verbirgt, auch erahnen können? In dieser Ahnungslosigkeit steckt die Unschuld und der Grund meines Mitleids. Eigentlich sind alle Tiere unschuldig, denn für sie existiert nur das Unmittelbare. Das Licht ist das Licht. Die Wärme ist die Wärme. Sie kann kein Zweites sein. Sie kann nicht gleichzeitig warm und kalt sein, lebenspendend und tödlich. Die Tiere wittern selten Verrat. Das macht sie, genauso wie auch die Kinder, zu den Unschuldigen an sich. Für die Unschuldigen besitzt die Welt noch eine Eindeutigkeit, die sie für uns längst verloren hat.

Mein Mitleid liegt in diesem Umstand beschlossen. Dass ausgerechnet das erste Licht, die erste Wärme, den überstürzten, gerade erst zum Leben erwachten Insekten zum Verhängnis wird. Weil diese erste Wärme noch nicht trägt, weil sie so leicht ist, so schnell verschwinden kann. Dass die Insekten somit einem Missverständnis zum Opfer fallen. Dass sie etwas vorsichtiger hätten sein müssen, etwas geduldiger. Aber die Vorsicht verlangt Berechnung, einen Sinn für das Trügerische und Ambivalente. Unschuldig lassen sich die Tiere übertölpeln.

Doch jetzt denke ich auch, dass im Trügerischen das Wunderbare liegt. Im Ausschalten der Vernunft, im Glauben an das Offensichtliche. Die Bedenken abstellen. Die Hintergründe nicht wahrnehmen wollen. Das, was sich zeigt, als Wahrheit begreifen und nicht als Zeichen für etwas ganz anderes. Darin liegt das Verlockende der Dummheit, der Verrohung, der Abkehr vom Denken. Alles wird einfach, weil es eindimensional wird. Weil die Grauzonen verschwinden, die mittleren Bereiche. Die Welt teilt sich auf in das, was ist und das, was übergangen werden kann. Nur die Oberflächen bleiben zurück. Das Licht auf der Wiese, auf dem Fluss. Die Fabrikanlagen im Hintergrund. Die Rauchsäulen über den Schloten, die schnurgerade in Richtung Himmel wachsen.