Pad Thai, Büro, 5. März

Am späten Nachmittag schleppt mich K zum Einkaufen hinaus. Sie will am Abend Pad Thai kochen und muss dafür in einen asiatischen Supermarkt. Ich habe nichts dagegen, ziehe mir meine dicke Jacke über (gestern Nacht hat es sich merklich abgekühlt) und dann nehmen wir die Brücke, laufen am Fluss entlang und biegen kurz vor dem katholischen Krankenhaus nach rechts in Richtung Innenstadt.

Unterwegs stoßen wir auf ein paar Krähen, die sich mitten auf dem Weg ziemlich rowdyhaft prügeln. Es fliegen zwar keine Federn, aber das Geschrei ist groß. Ich möchte K gegenüber eine scharfsinnige Bemerkung machen, allerdings fällt mir auf die Schnelle nichts ein und so laufen wir an den ineinander verkeilten Krähen vorbei. Die rühren sich nicht vom Fleck, sind völlig auf ihren Kampf konzentriert, dessen Gegenstand, wie ich annehme, die Vorherrschaft über die Uferpromenade ist. Ich erinnere mich an C und eine Aufnahme, die er vor elf oder mehr Jahren unter dem Alias Krähe verspeist toten Igel veröffentlicht hat.

Hinter mir liegen drei Tage Büroarbeit. Ich beklage mich viel zu häufig über das Büro, denke ich unterwegs, aber auf irgendeine Weise muss ich mir Luft verschaffen. Wer nie in einem Büro gearbeitet hat, noch dazu im Büro einer Kultureinrichtung, weiß nicht, wovon er spricht. Jeder glaubt, in einer eigenen, alles Maß sprengenden Tragödie zu stecken, doch die wahre Tragödie, das ist sicher, steckt in der Kultur und besonders dort, wo sie verwaltet wird.

Das Büro ist mein Kreuzweg, sage ich mir.

Auch wenn mir das Maß des Religiösen gänzlich abgeht, verstehe ich doch die Verbindlichkeit der Passion. Und das Büro ist meine Passion, die Folter, die mir irrsinnigerweise am ehesten entspricht. Davon wussten auch Kafka und Walser und Genazino. Pessoa und Melville. All die schreibenden Büroangestellten. Ich wünschte, ich könnte Bartlebys I’d rather not to an die Wände meiner Zelle malen und jedem verfluchten Telefonidioten ins Gesicht, ich wünschte, die Verweigerung könnte offen ins Feld getragen werden.

Und vielleicht ist das sogar möglich. Vielleicht fehlt mir einfach nur der Mut. Das wäre auch ein Lebensthema, der Mangel an Mut.

In Leipzig stieß ich auf dem Zentralfriedhof vor Jahren auf einen Grabstein, auf den sich der Tote ein eigens verfasstes Epitaph hatte meißeln lassen. Es endete ungefähr so: Was für ein Wahn, dass ich nicht dreimal mutiger gewesen bin. Bis heute hat diese Zeile ihre Gültigkeit behalten. 

Im Büro verbringe ich Stunden mit Erklärungen, der Arbeit an Listen und Übersichten, ich bereite zahllose Abläufe vor, während mich das Vorzimmer der Direktion unablässig zu erreichen versucht. In einer Telefonkonferenz, in der ich seit Jahrzehnten am Museum angestellten Kollegen erkläre, was eine museale Sammlung ist und was nicht („eure Reinigungsmaschinen stehen zwar im Depot, sind aber keine Sammlungsobjekte“), explodiere ich fast, als im Minutentakt die Anrufversuche aus dem Vorzimmer einlaufen. Ein kurzer Hinweis leuchtet dann auf meinem Bildschirm auf, der neueste Schrei der städtischen IT. Doch wer nach drei Versuchen und besetzter Leitung nicht begreift, eine Mail sei das adäquate Mittel der Verständigung, ist einfach hoffnungslos verloren und wird von meiner alttestamentarischen Verachtung gestraft. Für so etwas habe ich wirklich nichts mehr übrig, da versteinere ich und werde superaggressiv.

Gegen Mittag rufe ich die Museumsleitung zurück. Sie übermittelt neue Aufträge, das meiste davon habe ich längst bedacht und erledigt, lasse mir aber nichts anmerken. Sie kann es nicht leiden, wenn andere ein Lösungsvermögen erkennen lassen, das sie selbst nicht besitzt. Und sie hat ein großes Problem mit Kollegen, die in bestimmten Bereichen erfolgreicher sind als sie, die womöglich mehr Erfahrung haben, vielleicht sogar mit einer Ausstellung oder einer Publikation brillieren. So etwas macht sie rasend. Auch schiebt sie gern alles auf die lange Bank, zögert eine Entscheidung bis zum letzten Augenblick heraus. Doch die Notwendigkeit dieser Entscheidung löst sich natürlich nicht auf, sie kehrt ein paar Tage oder Wochen später verschärft zurück und dann muss in Windeseile, oft binnen Stunden gehandelt werden. Unter diesem zeitlichen Druck spielt sich alles ab und natürlich fallen auch die Ergebnisse entsprechend aus.

Jeder im Museum entwickelt andere Strategien, um sich zu schützen. Denn darum geht es in der Welt der Arbeit, denke ich, es geht um Selbstschutz, den Versuch, sich am Ende und trotz allen Widerstands zu behaupten. Das ist der Kampf, auch wenn Kampf womöglich ein zu großes Wort ist. Wir tragen den Kampf nicht mehr offen aus. Der Kampf ist in uns verschwunden und führt dort sein Unwesen und Eigenleben. 

Ich habe die innere und äußere Kündigung kennengelernt, die sich analog zur inneren und äußeren Emigration denken lässt. Die meisten meiner Kollegen haben innerlich mit der Einrichtung abgeschlossen. Sie bewegen sich in einer Grauzone, die man Dienst nach Vorschrift nennen kann und erinnern mich an russische Romane aus dem neunzehnten Jahrhundert. Dostojewski, Gontscharow, Turgenjew, Gogol. Dort finden sich ähnliche Amtsschimmel, die Punkt fünf am Nachmittag den Stift aus der Hand fallen lassen, die sich gegen jeden Mehraufwand mit der aufbrausenden Kraft eines fettleibigen Obristen wehren. Dann gibt es die Jungen, zweifellos Engagierten, zu denen ich mich manchmal zähle. Sie glauben noch an Möglichkeiten, an Veränderung, leisten mehr, als sie müssten und rennen gegen Wände an. Jede Zurücksetzung, sei es durch die Labyrinthe der Bürokratie oder die Unberechenbarkeit der Direktion, knabbert an ihnen. Nach etwa einem Jahr (ein Jahr, das ist die Halbwertszeit des Engagements) lassen sich die Spuren der einsetzenden Resignation unmissverständlich von den Gesichtern ablesen. 

Was mich betrifft, ist die Selbstverleugnung die eigentliche Folter. Das Büro setzt einen ganzen Katalog befremdlichen Verhaltens voraus, ein Glossar zweifelhafter Ausdrücke und Gesten, die bei genauerer Betrachtung wenn nicht an Wahnsinn, so doch an Verstellung und Verschlagenheit grenzen. Niemand sagt natürlich, was er denkt. Jeder taktiert, bringt sich in Stellung. Das Ganze besitzt etwas zweifellos Militärisches, kommt einer Arbeit an Schlachtplänen gleich, die das Plausible gegen die irrationale Gegenwehr der Museumsleitung durchzusetzen versuchen. Da kein Raum für das offene, unverstellte Wort existiert, verwandelt man sich mit den Jahren in einen Knecht, entwickelt Ressentiment und Sklavenmoral, wie das Nietzsche ja ziemlich hellsichtig erkannt hat und Nietzsche war als Professor schließlich auch eine Art Verwaltungsangestellter. Es gibt Momente, in denen ich mich hasse für das Appeasement meiner Worte, die meinen Gegenüber möglichst behutsam zu einer Einsicht bringen sollen, die der Sache und nicht der Eigenliebe dient. Dabei stehe ich kurz vor der Explosion. Doch ich verbiege mich und werfe mir das später auf der Heimreise doppelt vor. 

Ich müsste einen kühleren Kopf bewahren, sage ich mir im Abteil. Ich müsste verschwinden, mich zum wiederholten Mal auf und davon machen. Schließlich sind es nur drei Tage Arbeit in der Woche. Wer kann sich da schon beschweren? Doch diese drei Tage, sie fühlen sich wie Monate an, als verlangsame der Stumpfsinn neben allem anderen auch die Zeit. Am Abend kehre ich völlig zerschlagen heim und versuche K zu erklären, womit ich meinen Tag verbracht habe. Was ist da eigentlich passiert? Tatsächlich hat sich kaum etwas ereignet. Wir sind kein Stück voran gekommen, haben aber viel miteinander gesprochen. Wir haben Verständnis signalisiert, die Notwendigkeit einer Handlung. Es gibt viele Probleme. Wahrscheinlich gibt es Lösungen. Was machen wir, wenn die Museen plötzlich wieder öffnen? Es gäbe da einige Optionen, ja, es gäbe sicher ein Möglichkeit.

Jetzt laufen K und ich durch die letzte Märzkälte. In etwa vierzehn Tagen soll der Frühling endlich beginnen. Auf der Parkwiese stehen Schneeglöckchen, die immer ein wenig traurig mit ihren gesenkten Köpfen wirken und dazwischen entdecke ich Inseln violetter Krokusse. 

Ich müsste alles hinwerfen, geht es mir wieder durch den Kopf. Aber das Geld, sage ich mir sofort, was machst du, um an etwas Geld zu kommen. Mein ganzes Arbeitsleben habe ich im Museum verbracht. Von außen mag es sogar ziemlich aufregend aussehen, aber es ist nicht meins, ich bin in diese Geschichte, wie in so vieles andere auch, ganz ahnungslos hineingerutscht. Die Dinge haben sich ohne meine Zustimmung entwickelt, sage ich mir. Vielleicht ist das die Entfremdung, von der jedes Leben am Ende gezeichnet wird. Und während man diese Entwicklung bedenkt und zu überschauen versucht, vergehen sieben Jahre und man überlegt noch immer, wie es weitergehen kann. Wie es besser wird. Wo der Ausweg liegt.

K gibt mir im Supermarkt den Auftrag, nach getrockneten Shrimps zu suchen. Ich irre ziemlich orientierungslos durch die Gänge und versuche die fremden Alphabete zu entziffern. Ich stoße auf zerkleinerten und mit Chiliflocken gemischten Fisch, auf Einkilopakete mit Röstzwiebeln, auf Sachen, die ich überhaupt nicht zuordnen kann. Doch die getrockneten Shrimps finde ich natürlich nicht. K fragt einen netten Mann, der uns aushilft und sofort in die richtige Abteilung des Ladens führt. Ich bin ihm unendlich dankbar, fühle so etwas wie eine tiefe Verbundenheit mit diesem älteren Herrn, der in einem fremden Land lebt, uns versteht, sehr gut Deutsch spricht. Sofort möchte ich ihm meine Hilfe anbieten und als Kassenkraft im Supermarkt beginnen.

Später packe ich noch eine Riesenladung Tempeh in den Korb, den esse ich manchmal ganz gern. K schaut mich prüfend an. Ob ich das Ding, das wie ein abgepackter flacher Stollen aussieht, auch wirklich komplett schaffen würde. Selbstverständlich, sage ich, das ist ja wohl die Höhe. Als würde ich so eine fermentierte Sojaspielerei nicht im Handumdrehen vernichten können.

Jetzt sitze ich an meinen Schreibtisch. Der Kopf meiner Stehlampe ist auf die Wand gerichtet. Seit Jahren versuche ich K beizubringen, dass indirektes Licht das wahre Licht in einer Wohnung ist. Die Deckenleuchten kann man ignorieren, auch das habe ich von C in Berlin gelernt. Aber K will mir einfach nicht glauben, obwohl sie mehrfach, auch gegenüber der eigenen Familie, betonte, ich besäße ein gewisses Auge für die Einrichtung unserer Zimmer. 

Ich schreibe noch ein wenig. Das ist meine eigentliche Arbeit, denke ich. Ich pendle von einer Arbeit, die nicht meine eigentliche Arbeit ist und nur dazu dient, die Miete zu bezahlen und die Einkäufe, zu meiner eigentlichen Arbeit, die für alles andere existiert, für das tatsächliche Leben. Zwischen diesen beiden Arbeiten erfolgt der Wechsel, aber diesen Wechsel auszuhalten, ist keine Kleinigkeit. Manchmal scheint es mir die eigentliche Leistung zu sein, die Arbeit an sich. Aber jetzt ruft K und das Pad Thai ist fertig. Ich schalte die silberne Stehlampe aus und klappe den Rechner zu.