Montag, 1. März

Vor etwa einem Jahr habe ich mir drei gerahmte Kunstdrucke von David Hockney gekauft. Ich weiß nicht mehr, wie ich plötzlich auf diesen Gedanken kam, aber eines Morgens, ich saß bereits an meinem Rechner, konnte ich an nichts anderes als die Landschaften von David Hockney denken. 

Es war kein Problem, eine Seite im Netz zu finden, die das Rahmen eigener Fotos anbot und zu meiner Überraschung kostete das Ganze nicht viel. Eine halbe Stunde lang suchte ich nach hochauflösenden Abbildungen von Hockneys Landschaften und wurde sehr schnell fündig, denn David Hockney ist ein Superstar, selbst Menschen, die sich für Kunst nicht interessieren, kennen ihn und seine Malereien. 

In Hockneys Gemälden lebt sich die Farbe aus und das zieht die meisten und wohl auch mich sehr an. Ich wählte ein Bild im Querformat, es zeigt einen englischen Park im Herbst, eine Herbstlandschaft, wenn man so will. Direkt im Zentrum des Bildes verläuft ein gerader Weg in den Hintergrund. Man sieht ein wenig stählernes Blau, vielleicht deutet dieses Blau auf einen Kiesweg oder auf Steinplatten hin, wobei es vom Rot und Orange des herabgefallenen Laubes fast vollständig bedeckt wird, das in ausladenden Flächen den Großteil des Bildraums dominiert. Hohe Bäume rahmen den Weg, sie wachsen im linken und rechten Drittel des Gemäldes nach oben in den ebenfalls graublauen Himmel. 

Die Borke der Bäume ist grün, violett, gelb, orange und malvenfarben. Das Laub auf dem Boden des Parks wirkt wie ein warmer, flüssiger Teppich. Lange Schatten durchschneiden das intensive Orange und Rot dieses Teppichs, die Sonne steht also bereits tief, der Tag geht zu Ende.

Die beiden anderen Gemälde zeigen ein Interieur sowie den Ausschnitt einer tropischen Veranda. Ich habe mir das Bild der Veranda in einem kleineren Format bestellt, natürlich passepartouriert mit einem hellen, weißen Karton und einem schwarzen Kunststoffrahmen versehen. Das Parkbild besitzt einen Holzrahmen, ich glaube aus Birke oder einem anderen weniger wertvollen Holz. Ich werde die Hierarchie der Bäume niemals verstehen, auch wenn ich natürlich begreife, dass sich verschiedene Hölzer für verschiedene Zwecke mehr oder minder gut eignen. Es gibt teures Holz, das selten ist und langsam wächst und es gibt zügig wachsende, weniger wertvolle Bäume wie die Birke.

Aber die Birke, denke ich, was ist das für ein wunderschöner Baum. Ich kann Russland gut verstehen und die Birkenmanie der russischen Menschen. Lebte ich in einem Haus und läge vor oder hinter diesem Haus ein Garten, ich würde sofort eine Birke pflanzen. Selbst der lateinische Name der Birke wirkt wunderbar. Betula. Das klingt wie ein nordischer Zauberspruch und kommt das Weiß noch hinzu, falle ich richtig hinein in die Magie. Betula alba.

Hockneys Interieur hängt in unserem Schlafzimmer zwischen dem weißen Kleiderschrank und der grünen Kommode. Es zeigt eine ältere blonde Frau in einem rosafarbenen Kleid. Sie steht vor einem modernistischen Bau, alles wirkt ausgesprochen funktional, klare Linien beherrschen die Komposition. Das Gebäude besitzt nur eine Etage und ist von ausladenden Glasflächen geprägt, so dass das Innere des Hauses eigentlich im Außen liegt. Die Frau steht im Profil und blickt zum linken Bildrand. Sie wirkt sehr allein inmitten der aufgeräumten Architektur, in der jedes Möbelstück seinen exakt zugewiesenen Platz besitzt. Der Liegestuhl etwa, der mit einem gemusterten zebraähnlichen Stoff bespannt ist, aber wie das Exponat eines Museums wirkt. Unbenutzbar. Unberührbar eigentlich, als wäre es nicht für einen Menschen gemacht.

Von allen drei Kunstdrucken gefällt mir der Herbstpark am besten. Er hängt über unserem Küchentisch und manchmal stehe ich grundlos im Raum, um auf die preiswerte Kopie von Hockneys Gemälde zu starren. Ist das ein hoffnungsvolles Bild? Ich bin mir nicht sicher. Es strahlt eine ganz merkwürdige Ruhe aus, eine Ruhe, wie sie vielleicht nur eine Herbstlandschaft besitzen kann. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.

Ich stelle mir vor, mich in das rote Laub zurückzuziehen. Das Laub besitzt keinen Geruch. Nur die Nässe ist da und unter mir löst sich plötzlich die Erde auf. Das Laub allerdings hält stand, ich weiß, dass es meterhoch ist, rot und orange, leuchtend, warm, wie eine Milliarde glitzernde Schuppen. Das Laub, das nicht von den Bäumen stammt, sondern aus dem Nichts, das sich bildet, als wäre es ein eigener Organismus und kein Anhängsel der Buchen, denn ich nehme an, Hockney habe hier Buchen gemalt, vielleicht aber auch Eschen. 

Ich möchte mich mit diesen Farben bedecken, bis nur noch mein Kopf herausschaut aus dem Laub und dann sehe ich in Richtung Himmel. Mein Körper ist warm, wird von den Blättern geschützt, ich höre das Pfeifen unbekannter Vögel, das Rascheln der Tiere, die nichts von mir wissen und warte auf das, was sich zwangsläufig ereignen muss. Ich warte auf den Wechsel des Wetters, auf das Vergehen der Zeit, das Verstreichen der Jahre. Ich warte auf den ersten Schnee und auf den eisigen Regen, der ihn ankündigen wird. Ich warte auf das schwächer werdende Licht, auf die kalten Nächte, auf die Rückkehr des Frühlings und die vielen Knospen, die auf den Zweigen wachsen, bis sie endlich platzen und sich das Grün entrollt. Ich warte. Ich warte allein in meiner Höhle aus Laub. Und die Buchen und Birken und Eschen in meiner Nähe sehen mir unbeeindruckt zu.