Dienstag, 30. März

Traum: wir liegen am Strand. Ich bin mir nicht sicher, wo sich dieser Strand befindet, aber um uns herum gibt es nur wenige Menschen. Ich betrachte das Meer, das an einer Stelle ganz in unserer Nähe sehr ruhig wirkt, als brandeten dort keine Wellen ans Land. Mit einem Mal wird diese Stelle dunkler und färbt sich tiefblau. Ich sehe auf. Die nächsten Wellen, die an den Strand spülen, wirken ungewöhnlich hoch, es sind zwei oder drei in kurzer Folge und schon machen sich die ersten Leute aufgeregt davon. Noch weiß keiner, was passiert, aber diese größeren Wellen samt den ersten Fluchtbewegungen der Menschen machen auch mich nervös. Wir stehen deshalb auf und wollen so schnell wie möglich mit den anderen fort und in diesem Augenblick, als wir uns aufgerappelt haben und umdrehen, stößt mir die Gefahr mit einem heftigen Schlag gegen die Brust, denn ich weiß, dort hinten rollt ein Tsunami auf uns zu. Wir laufen jetzt, laufen einen Hang hinauf, eine riesige Düne, die uns schützen muss, weil sie so hoch ist. Auf dem Scheitel der Düne, die wie ein heller, ockerfarbener Berghang wirkt, kann ich Ferienwohnungen oder die Dachgeschosse eines Hotels erkennen. Als ich diese Dächer in den Blick bekomme, taucht hinter ihnen eine riesenhafte vierte Welle auf, hundertmal höher als das, was ich eben am Strand gesehen habe. Das Meer stürzt also von zwei Seiten auf uns ein, was mich für eine Sekunde irritiert, eine Sekunde, in der die Riesenwelle aufgrund ihrer monumentalen Größe gefroren erscheint, unbeweglich, als wäre sie aus dunklem Glas. Dann aber neigt sich ihr weißer und im Sonnenlicht wunderschön glitzernder Kamm und ich begreife, dass es keine Rettung für uns gibt. Alle Seiten sind vom Wasser verstellt. Die Welle bricht und noch bevor sie mich berührt und von den Füßen reißt, wache ich auf und lache leise vor mich hin. Es ist Nacht und K schläft, hat von allem nichts mitbekommen.

Es sind zwanzig Grad, als ich das Haus verlasse. Ich spaziere am Ufer entlang, hier sind viele Leute unterwegs, obwohl es Montag ist, vor allem Jüngere, Studenten, wie ich denke. Sie sitzen auf der Wiese und am Wasser und sie spielen Frisbee oder Federball oder machen irgendeinen anderen unsinnigen Sport. Zwei Frauen in meinen Alter kommen mir mit Sportsonnenbrillen und Yogamatten bewaffnet entgegen und wirken total entspannt, aber das nehme ich ihnen natürlich nicht ab, diese Grundgelassenheit ist nichts anderes als der blasierte Ausdruck eines mit allen Mitteln erzwungenen Halbgleichgewichts.

Als ich weitergehe, jagen Hunde an mir vorbei, stürzen über das Ufer und verkeilen sich spielend zwischen den sitzenden Gruppen. Anfangs wirken diese Hunde immer herrenlos, doch dann höre ich die Rufe ihrer Besitzer und versuche, die unglaublich kreativen Tiernamen zu ignorieren. Der Einheitsbrei, fällt mir dann auf, wird natürlich auch auf den unschuldigen Hund übertragen, der sich schließlich genauso wenig wie die eigenen Kinder wehren kann, die auch alle nur Leonard, Lasse, Lukas und Charlotte heißen, ohne dass sich die Eltern dafür schämen.

Später sitze ich auf einer treppenartigen Struktur und sehe in Richtung Fluss. Die Sonne brennt auf mein Gesicht, zum ersten Mal in diesem Jahr trage ich ein T-Shirt. Ich lese im Weißen Buch, das mir C empfohlen hat und fühle mich gleichzeitig unterhalten und komplett genervt. Das ist so richtige Yuppie-Literatur, denke ich, ganz klassisch vor Zweitausendundeins mit seiner neuen Terrorwirklichkeit, der die Generation Golf ja wirklich überhaupt nichts entgegenzusetzen hatte. An dieser Stelle versagte sie total, wie bei allem anderen eigentlich auch. Aber das ist natürlich kein Wunder und ein Vorwurf soll es genauso wenig sein. Mit Helden wie Marusha und Stuckrad-Barre, den ich am Rosenthaler Platz mal fast vom Fahrrad gegen einen Bus der BVG gestoßen hätte, macht man eben keine großen Schritte, sondern nur die eine oder andere Tanzveranstaltung. Aber das ist vielleicht ein bisschen zu viel und unfair ist es sicher auch.

Kurz nach drei mache ich mich auf den Rückweg. Über mir im wolkenlosen Himmel verjagt eine Krähe gerade einen der grünen Papageien, die den nahe gelegenen Park fast vollständig bevölkert haben. Ich gehe in den Lidl, kaufe Biobananen, Tiefkühlgemüse und ein paar vegetarische Burgerpatties und dann lege ich mich zu Hause ins Bett und höre nur die Stimmen aus dem Hinterhof. Ein Kind schreit draußen wie am Spieß. Es ist ein ganz normaler Tag, sage ich mir. Und auch an einem dieser ganz normalen Tage schreien die Kinder ohne ersichtlichen Grund und ich bin mir sicher, dass nicht viel fehlte und auch ein paar Erwachsene stimmten ein in das Geschrei. Es fehlte nicht viel und sie riefen sich die Stimmbänder wund, krakeelten irgendwelche halb garen Forderungen, die natürlich niemals in Erfüllung gingen, weil sie nur in einem Hinterhof existierten. Und die in einem Hinterhof formulierten Forderungen wiegen am Ende natürlich genauso viel wie der an jedem Tagesende in den eigenen Zimmern vorgebrachte Satz, man mache morgen mit allem Schluss, man habe das Ganze ein und für alle Mal satt.

Zimmer, 28. März

Bis auf eine kurze Zeit in Berlin habe ich immer in engen Zimmer gelebt. Zimmer, die nie größer waren als fünfzehn Quadratmeter und in diesen Zimmern gab es ein oder auch zwei Fenster, die in Richtung Straße oder in Richtung Nachbarhaus zeigten. Es gab ein Bett, einen Schreibtisch und vor dem Schreibtisch einen Stuhl und es gab einen Kleiderschrank. Aus diesen Gegenständen bestand das gesamte Mobiliar und dieses Mobiliar hatte ich mir nie selbst besorgt, es existierte bereits, bevor ich die Zimmer betrat, um mich in ihnen einzurichten. 

Man richtet sich in einem Zimmer ein, merkwürdigerweise aber richtet man auch ein Leben ein, das dadurch eine räumliche Dimension gewinnt. Das Leben wird somit selbst zum Zimmer, in dem man die Dinge ordnen muss, denn die Dinge gehören an einen Platz. Auch im Leben gehört alles an einen Platz, allerdings ist dieser Zusammenhang, anders als bei den Zimmern, undeutlicher und tritt manchmal auch nach Jahren des Herumprobierens nicht klarer ans Licht. 

Man nimmt das Leben und die Räume in Besitz. Man spielt sich den Möbeln gegenüber zum Beherrscher auf, wahrscheinlich hat man auch Macht über sie, aber genauso gut könnte man sagen, dass die Möbel Macht über ihre Bewohner besitzen. Genauso wie auch die Zimmer aufgrund ihrer Lage, ihres Zuschnitts und der Atmosphäre, die in ihnen herrscht, eine fast unumschränkte Macht besitzen über den, der sich zufällig in ihnen verliert und dann zwischen vier mehr oder weniger stummen Wänden seine Tage verbringt, um in einem hellen Moment zu erahnen, dass auf diese Wände Generationen nun Verschwundener blickten, ungezählte und namenlose Biographien, für die sich niemand mehr interessiert, die mit der Zeit fast spurlos untergegangen sind. Ein ganzer Zug von Leuten also, die sich in dem gleichbleibenden Raum, der sich starr an die eigenen Dimensionen klammert, als gelte es eine Tatsache gegen die Behauptungen flüchtiger Besucher zu verteidigen, eingerichtet haben, die dort lebten, am Morgen die Tür hinter sich ins Schloss zogen, um am Abend diese Tür wieder aufzuschließen und in das Zimmer zurückzukehren. Bewohner, die Farbe auf die Wände brachten und diese Farbe wurde zwei oder drei Jahre später von einem Nachmieter mit Weiß überstrichen. Bewohner, die natürlich voller Erwartungen gewesen sind, für die das Zimmer auch eine Bedeutung besessen hat, die über den Raum weit hinaus ging, denn das Zimmer stellte einen Anfang dar oder Neubeginn, sie ließen etwas zurück (in einem anderen Zimmer) und jetzt begannen sie von vorn, vielleicht zum ersten oder aber zum zweiten oder dritten Mal. 

Von dieser sich im Geheimen abspielenden Chronik der Ereignisse ahnt man natürlich nichts, sobald man in einer neuen Wohnung steht. Es sei denn natürlich, man erfährt von jemandem, der in den Räumen gestorben ist, denn das erzählen die Vermieter meist aus irgendeinem Grund, wobei ich nie verstanden habe, weshalb sie das tun. Wen erschrecken schließlich die Toten? Man sollte sich eher vor den Geistern fürchten und die Zimmer sind natürlich voll von ihnen. Kratzt man an den Wänden, zieht man die alten Tapeten ans Licht mit ihren längst aus der Mode gekommenen Mustern, Schichten toter Zeit und toter Epochen. Da sind die Achtzigerjahre und manchmal sogar noch die Siebzigerjahre und das alles gehört komplett auf den Müll, wie man fühlt, ist überhaupt nicht mehr zu gebrauchen und ohne jede Bedeutung. Für die Leute damals allerdings gab es nur diese Gegenwart, die sich in den Tapetenmustern und Farben manifestierte, die vielleicht sogar nur in diesen äußeren Zeichen zu Tage trat, und genauso wenig, wie ich mir vorstellen kann, meine eigene Gegenwart werde einmal keinerlei Bedeutung mehr besitzen, werde keine Verbindlichkeit mehr haben und nur ein belächelnswerter Ausschnitt in diesem weiten, unüberschaubaren Ganzen sein, genauso wenig waren auch die Menschen vor mir in der Lage, die Bedeutungslosigkeit des winzigen Zeitausschnitts zu erkennen, den sie bewohnten.

Das Jetzt wird von einer heftigen Verbindlichkeit beherrscht, der sich niemand für längere Zeit entzieht und deshalb nimmt man vielleicht auch die Arbeit an und in den Zimmer auf sich, so wie man auch das Leben irgendwie auf sich nimmt. Niemand weiß genau, wie er es anzugehen hat, ich zumindest besitze noch immer nicht die leiseste Ahnung. Je älter ich werde, um so weniger verstehe ich. Die Gewissheiten schwinden mit den Jahren, eigentlich liegt darin sogar die einzige Gewissheit. Dass am Ende alles ungewiss bleibt und deshalb lächerlich, dass sich das Leben irgendwann sogar als umfassende Komödie entpuppt, über die man mit etwas Abstand herzhaft lachen könnte, als sei man kein Teil von ihr, als hätte das alles nicht auch mit einem selbst zu tun. 

Und noch etwas verbindet die Zimmer und das Leben. In beiden herrscht eine unablässige Bewegung, ein Zimmer ohne Veränderung (das Verschieben der Möbel, ein neuer Anstrich und so weiter) ist ein totes Zimmer so wie ja auch ein regungsloses Leben kein echtes Leben mehr ist. Beide kommen im Stillstand zu einem Ende. Bleibt der Wechsel aus, gibt es nur noch Staub, der sich auf alles legt. Auf den Schreibtisch, den Stuhl, das Bett und den Kleiderschrank. Auf die fleckigen Teppiche, die wie Treibgut angespülten Zeitungsausschnitte und ungelenk gerahmten Fotos an den Wänden. Alles Staub, alles Spur. Alles mit wenigen Handgriffen zusammengeräumt und aus der Welt geschafft.

Gehen, 25. März

Ich plane eine Reise zu Fuß an den Landstraßen entlang. Ich habe kein bestimmtes Ziel, es geht nur darum, sich aufzumachen und loszugehen. Auf Google Maps stecke ich die Route ab, ich sehe die Landstraßen in Waldstücken verschwinden, sehe die Städte, die von oben wie etwas ganz und gar Unbewohnbares erscheinen, wie etwas Kriminelles sogar, eine Art Verbrechen. Vielleicht laufe ich zur Küste, sage ich mir. In die Berge möchte ich nicht, im Gebirge bekomme ich immer eine Heidenangst und Beklemmung. Alles ist dort so eng, obwohl es auch weit ist, aber die Flanken des Gebirges verstellen manchmal den Himmel und schaffen ein klaustrophobisches Gebiet, das mich panisch werden lässt. Nur auf den Gipfeln geht es, dort lässt die Angst wieder nach. Doch dann denke ich, dass ich auch an der Küste nichts verloren habe. Mir fällt es schwer, eine Reise um des Reisens willen zu beginnen, ich fühle mich dafür bereits zu alt. Mit Anfang zwanzig ist das kein Problem, aber jetzt? Ich denke sofort an einen Zweck, an ein Ziel, etwas, das ich mit dieser Wanderung erreichen will. Und das ist natürlich Quatsch, ich sage mir, das ist alles Unsinn, daran musst du keinen Gedanken verschwenden, denn das alles steht deiner Wanderung im Weg. Ich überlege, wo ich schlafen soll, wo ich ein Zelt herbekommen kann, ob meine Wanderschuhe bis zur Küste durchhalten (wahrscheinlich tun sie das). Und dann denke ich, sobald du an der Küste bist, gehst du direkt zum Meer und wirfst dein ganzes Gepäck, den Rucksack, das Zelt, den Schlafsack und all deine Kleider einfach ins Wasser, siehst deinen Sachen beim Untergehen zu. Und weiter denke ich nicht, über den Untergang möchte ich gar nicht hinaus. 

Mach dich auf

Es gibt nur das Eine

Zwei Birken, die Buche, dahinter das Haus

Und den unbetasteten Himmel

Es hängt rote Wäsche im Wind

Und ich denke: dieses Bettlaken sieht wie eine Fahne aus

Ein Zeichen, das mich aufwecken soll

So wie die lautlosen Schatten

Manchmal ist alles so still

An einem Donnerstag

Oder am Tag danach

Wenn der Verkehr wie eine Aufnahme in Zeitlupe wirkt

Wenn er keine Macht besitzt, keine Wirklichkeit

Dann rufen die Vögel

Während du schreibst, gleiten sie hinab in den Hof

Und du weißt: dort wartet die herrenlose, schwarze Katze

Ich sah sie gestern auf dem Moosdach und bewunderte ihren tastenden Gang

So geschmeidig würde ich auch gerne gehen

Leise, unhörbar

Der bewundernswürdige Gang der Tiere

Er erinnert dich an eine Nacht

An das ausgefallene Licht

Den Winter

Das Fernbleiben der anderen

Das Schleichen durch die Flure

An eine fremde Welt nach Mitternacht

Graal-Müritz, 21. März

Gegen drei in der Nacht wache ich auf, steige über K  hinweg und will leise durch den Flur in das Wohnzimmer verschwinden, so wie ich es immer mache, wenn ich keinen Schlaf finden kann. Für einen kurzen Moment aber stehe ich noch auf dem Teppich vor unserem Bett und schaue durch das Fenster nach draußen in den dunklen Hof. Das gegenüberliegende Gebäude hinter den Garagen ist vollständig schwarz, das Dach fließt in den Himmel, so dass sich das Haus ins Unendliche erweitert, an Höhe gewinnt, sich wie ein Riese aufspannt, den Kopf zwischen unsichtbaren Wolken versteckt. In einer einzigen Wohnung brennt noch Licht und dieses Licht, das hinter einem Vorhang liegt, erscheint mir falsch. Warum sind die Leute in diesem Zimmer noch wach? Was haben sie um diese Zeit zu tun? 

Der Vorhang aus grobem Stoff dämpft das Licht und plötzlich denke ich: so sieht ein Endpunkt aus, so erscheint womöglich das Ende der Welt. Ein von stumpfem Licht erfüllter Raum in einem Ozean aus Dunkelheit. Eine glänzende Barke weit draußen auf dem namenlosen Meer und es lässt sich nicht sagen, ob inmitten der Nacht noch einige Menschen um ein Licht herum versammelt sitzen, das vom Wellengang auf und ab bewegt wird, ein einziges, vielleicht sogar unnötig weiches Licht, das keine Worte mehr gestattet, oder ob dieses Licht bloß eine Scheinwelt beleuchtet, in der die Bewohner seit langem verschwunden sind.

Ich wechsle den Raum und laufe für einige Minuten geräuschlos das Wohnzimmer ab. In mir ist alles ruhig, dennoch aber kann ich nicht schlafen. Ich weiß nicht, was mich wach hält, habe dafür keinen Begriff. Ich konzentriere mich auf meinen Atem, ich sauge die Luft tief durch meine Nase ein und stoße sie durch die halb geöffneten Lippen wieder aus, spüre eine sich ausdehnende Weite in meiner Brust, die Kühle der Luft, die aus dem unbeheizten Wohnzimmer auf meine Lunge trifft. Ich fühle, wie die Luft über das Innere meiner Lungenflügel streicht, besonders den linken Flügel bemerke ich dabei, es fühlt sich an wie ein sanfter Hauch auf meiner Haut und ich denke an das Meer.

Vor einigen Jahren fuhr ich nach Graal-Müritz an der Ostsee, es muss im Juni oder im Juli gewesen sein, jedenfalls aber war es im Sommer. Ich fuhr von Stuttgart aus mit dem Zug, stieg in Rostock in eine Regionalbahn um, die dann noch eine oder zwei Stunden bis zum Meer benötigte und an winzigen Orten hielt, die aus nichts weiter als ein paar Häusern bestanden. 

Ich fuhr allein. Draußen vor dem Zugfenster schrumpfte die Landschaft auf eine stumme Abfolge endloser Flächen zusammen und nur die hin und wieder auftauchenden Häuser und Höfe durchbrachen die Monotonie. Selbst die Bahntrasse verlor irgendwann an Breite, bis uns nach einiger Zeit auch das andere, von den entgegenkommenden Zügen genutzte Gleis abhanden kam. 

Von da ab regelten Weichen den Verkehr. Plötzlich gab es keine Bahnhöfe mehr, sondern nur noch einzelne Steige, hinter denen Schrebergärten oder Landstraßen lagen und manchmal auch nichts. Die Station befand sich dann im Nirgendwo, schien unverbunden mit den Dörfern und Städten der Gegend, als hätte sich jemand einen Scherz erlaubt oder den Nutzen einer solchen Haltestelle ganz aus den Augen verloren.

Eine Woche lang verbrachte ich in Graal-Müritz. Ich hatte mir ein Zimmer bei einer Familie gemietet, schlief lang, trank morgens meinen Instantkaffee an einem Tisch mit gemustertem Plastiktuch, ich sah in den gepflegten Garten, der zum Haus der Familie gehörte und versuchte, so unsichtbar wie möglich zu sein.

Schon bei meiner Ankunft war mir mein Vorhaben mit einem Mal schrecklich unsinnig vorgekommen.

Was machte ich hier eigentlich?

Warum fuhr ich allein und für eine ganze Woche an die Ostsee?

Ich war noch nicht ganz dreißig und verbrachte meinen Urlaub ohne Begleitung. Ich fuhr nicht mit meiner Freundin ans Meer, denn ich hatte keine Freundin und ich wollte mich genauso wenig meinen Freunden anschließen, sondern allein auf eine Reise gehen, denn Rolle des einsamen Reisenden gefiel mir ausgesprochen gut. Auch der Blick des Vermieters bei meiner Ankunft schien diesen Umstand anzudeuten. Er sah mich etwas eigentümlich an, betrachtete mich wie einen Sonderling, für den ich mich natürlich sofort hielt, um meine ausgelassene Freundlichkeit noch auf die Spitze zu treiben, so zu tun, als sei ich ständig allein unterwegs. Vor diesem Mann wollte ich plötzlich normal wirken, so normal wie nur möglich.

Aber dann, in meinem Zimmer, das auf den Garten zeigte, wurde mir allmählich bewusst, wie idiotisch diese Reise tatsächlich war. Wie abwegig sie nicht nur auf jemandem in meinem Alter wirken musste, sondern auf jeden anderen auch. Noch dazu hatte ich die Reise nur deshalb unternommen, weil Kafka irgendwann in Graal-Müritz auf einer Sonnenliege in der Hoffnung gelegen hatte, die salzige Meeresluft werde seine tuberkulosekranke Lunge heilen. Plötzlich verstand ich überhaupt nicht, was ich mit diesem hastig gebuchten Urlaub überhaupt bezweckte. Wollte ich Kafka näher sein? Warum?

Ich lief durch den Ort, besorgte mir Bier in einem Supermarkt und ging dann zum Strand. Ich zog mich bis auf meine Badehose aus, legte mich in den warmen Sand und öffnete eine Halbliterdose. Das Bier war warm und schmeckte nicht und deshalb sah ich zum Meer und betrachtete den Strandabschnitt, auf dem nur wenige Menschen unterwegs gewesen sind. 

Es wehte ein frischer Wind, der die Hitze der Sonne vergessen ließ und ich begriff, dass sich der Badeort noch in der Vorsaison befinden musste, denn es waren ganz einfach zu wenige Leute am Strand unterwegs. Und natürlich würde auch das Wasser noch zu kalt zum Schwimmen sein, was sich später als richtig herausstellte.

Als ich am Abend zurück in mein Zimmer kehrte und mir im Badezimmer die Hände wusch, sah ich in den Spiegel. Ich hatte mich komplett verbrannt, das Gesicht, den Oberkörper, auch die Beine. An Sonnencreme hatte ich überhaupt nicht gedacht und der kühle Wind am Meer hatte mich die Stärke des Lichts nicht ansatzweise fühlen lassen.

Jetzt sah ich aus wie ein Idiot. 

Ich leuchtete krebsrot, hatte mich an meinem ersten Urlaubstag komplett entstellt.

Am nächsten Morgen besorgte ich mir in einer Apotheke zur Belustigung des gesamten Personals zwei Sprühflaschen mit Schaum, der besser als eine Wundsalbe gegen meinen Sonnenbrand helfen sollte, und zog mich danach wieder in mein Zimmer zurück.

Meine Haut brannte wie Feuer, aber der Schaum kühlte tatsächlich, was mir gut tat und so verbrachte ich die Zeit bis zum Sonnenuntergang in meinem Krankenzimmer, schaute Filme auf meinem Laptop oder las in einem Buch.

Erst gegen Abend traute ich mich wieder an die Luft, steckte ein paar Bierdosen, die ich im Kühlschrank meines Zimmers aufbewahrte, in den Beutel und lief in Richtung Strand.

Dort saß ich schließlich in den Dünen und trank und hoffte, etwas werde passieren. Irgendetwas, es war mir bereits ganz egal. Mir hätte alles genügt, ein Schiff auf der Linie zwischen Meer und Himmel, ein paar Mädchen am Strand, ein einsamer, vielleicht herrenloser Hund. Aber nichts passierte, wirklich nichts.

Jeden Abend lief ich zum Strand. Gegen Ende der Woche ließ der Sonnenbrand allmählich nach und machte es mir leichter, hinauszugehen. Dann saß ich an meinem Platz in den Dünen, trank aus einer Bierdose und sah in den Nachthimmel hinauf oder auf das unbewegliche, manchmal fast stillstehende Meer. Und mit jedem verstreichenden Tag begann mir klarer zu werden, dass ich an der Ostsee überhaupt nichts verloren hatte, sondern nur meine Zeit verschwendete. Dass ich weder ein Abenteuer erlebte noch die Rolle des außergewöhnlichen Reisenden spielte, der alles anders machte als seine Eltern und Freunde und der aus diesem Grund der Wahrheit und einem abenteuerlichen Leben genauso wenig näher kam wie alle anderen auch.

Das einzige, was ich am Ende dieser Reise fühlte, war meine Einsamkeit. In guten Momenten war ich in der Lage, mir alles mögliche einzureden, meine Zugehörigkeit zum Meer zum Beispiel, die Notwendigkeit des Alleinseins, um später darüber zu schreiben, die Notwendigkeit dieser Reise, die mir einen Sinn offenbaren musste, den ich sonst nirgends fand. Und jetzt war dieses Vorhaben auf ganzer Linie gescheitert. 

Am letzten Tag unternahm ich einen letzten und langen Spaziergang durch ein Waldstück voller Kiefern. Ich lief eine schnurgerade, asphaltierte Straße entlang, hörte das Meer hinter dem Kiefernwald, der wie ein in Streifen geschnittener Vorhang wirkte und wusste nicht genau, wohin mich meine Wanderung führte.

Hin und wieder überholten mich Autos, aber ich tat so, als würde ich in diesen Momenten zur Seite in Richtung Meer sehen, um nicht in das ungläubige, vielleicht sogar mitleidige Gesicht eines anderen Menschen blicken zu müssen.

Warum läufst du hier draußen allein herum? Warum bist du überhaupt allein? Sind nicht alle immer zusammen?

Ich lief eine Dreiviertelstunde, erreichte einen Parkplatz und langte schließlich vor dem Eingang eines Zeltplatzes an. Unschlüssig, was ich tun sollte, stand ich in der Gegend herum, wich den Leuten aus, die in ihre Autos stiegen, um zurück in den Ort zu fahren, und riss mich, als ich meine Unzufriedenheit mit mir selbst und dieser ganzen Reise einfach nicht mehr aushielt, endlich los, um quer durch den Wald in Richtung Strand zu laufen. 

Das Licht lag fleckig auf dem Waldboden, es roch nach Harz, nach heißem Sand gemischt mit Kiefernnadeln und in mir stiegen Selbstvorwürfe und Verwünschungen auf, während Zweige unter meinen Schuhen knackten und ich eine knisternde Landschaft durchlief. 

Als ich den Strand erreichte, achtete ich nicht auf das Meer. Stattdessen machte ich sofort kehrt und lief zurück, ging früh zu Bett und nahm am nächsten Morgen den ersten Zug. Als sich die Schiene teilte und die Strecke erneut an Breite gewann, atmete ich auf und nahm mir vor, meine Reise zu verschweigen. Keinem meiner Freunde würde ich von ihr erzählen. Ich behielte alles für mich, so wie man die wirklich wichtigen Niederlagen für sich behält. Über die unerheblichen Verluste erzählt jeder frei und gern, sie sorgen für Sympathie und Verständnis. Das hingegen, was wirklich zählt, bleibt im Verborgenen. Die großen Enttäuschungen behält man besser für sich.

Freitag, 19. März

Der Wind vor den Fenstern frischt wieder auf und legt sich auf das Schreiben, weht über die fiktiven Seiten meines Bildschirms, hinterlässt diese Zeilen, ein paar wenige, aneinander gereihte Zeichen. Man wechselt die Plätze, die Zimmer, tauscht das Büro gegen einen anderen Schreibtisch aus und beginnt dort erneut. Man erzählt und beschreibt einen Tag. Was ist an diesem Tag alles geschehen, in diesen wenigen Stunden zwischen Nacht und Nacht, Schlaf und Schlaf, zwischen zwei Anfängen, die immer nur lose miteinander verbunden bleiben. 

Ich laufe durch den Park. Noch immer ist es kalt und ich erreiche das Gehege der Tiere, stehe für Minuten vor den Vogelvolieren und sehe mir die ins Freie zurückgekehrten Enten an. Es sind keine gewöhnlichen Enten, sie sind kleiner, haben braunes Gefieder mit weißen Punkten und die Federn glänzen wie Samt, obwohl der Himmel bedeckt ist und das Licht eher stumpf. 

Auch das Truthahnpärchen ist jetzt, nach Monaten der Abwesenheit, wieder im Freien unterwegs und stolziert etwas unsicher durch den eng begrenzten Bereich der eigenen Gefangenschaft. Ich wünsche den Tieren stets, dass sie nicht recht verstehen, was mit ihnen geschieht, dass sie nur halb bei Bewusstsein sind, zumindest in ihren Käfigen, das Eingesperrtsein somit kaum, vielleicht nur in seltenen Momente erahnen oder vielmehr erfühlen, um dann sofort wieder alles zu vergessen. Das halbe Bewusstsein der Tiere würde uns Menschen entlasten, die wir so etwas wie Gefängniswärter sind in einem globalen, wirklich unfassbaren Ausmaß. Denkt man länger über die Gefangenschaft dieser endlosen Populationen nach, scheint der Wahnsinn nicht mehr weit, der Wahnsinn, denke ich manchmal, ist überhaupt eine sehr einfache Sache, wenn man ehrlich zu sich ist.

Hinter dem Truthahnkäfig warten die Wollschweine auf mich, die immer mit irgendetwas beschäftigt sind. Tatsächlich wirken sie stets so zufrieden, als wären sie genau in ihrem Element. Es können noch so viele Familien mit schreienden Kindern vor der Mauer stehen, die Schweine kümmern sich darum nicht, wühlen stattdessen im Schlamm oder kauen unablässig auf kleinen Kieseln herum, die sie sich, wer weiß woher, besorgt haben. In der Mitte des Schweinegeheges hat man einen kleinen, kreisrunden Tümpel angelegt, der völlig verschlammt ist und auch grün, aber das scheint die Schweine nicht zu stören, die ihre Kiesel hier bewässern und dann weiter auf den Steinen kauen, was ich einmal nachschlagen müsste, wie ich denke, denn ich weiß natürlich überhaupt nicht, weshalb die Schweine das machen und gehe einfach davon aus, es habe sicher etwas mit ihrer Verdauung zu tun, mit Mineralien, die ein Schweinekörper eben braucht und nur in solchen Kieseln finden kann.

Ich laufe weiter. Heute ist kaum etwas los im Park, denn vor einer halben Stunde hat es stark geregnet und jetzt trauen sich die Leute erst einmal vorsichtshalber nicht mehr vor die eigene Tür.

Die Zwergziegen sind munter, ich sehe drei Jungs an der gegenüberliegenden Mauer des Streichelgeheges stehen, sie sind vielleicht zehn oder elf Jahre alt und beobachten mich aufmerksam. Ich gehe weiter zu den Shetlandponys, mit denen mich eine  Art Wahlverwandtschaft verbindet und schaue dann zurück zu den Kindern, die jetzt gerade die Mauer erklimmen und hinein springen in das eigentlich für Besucher geschlossene Gehege.

Ich überlege, ob ich etwas sagen soll, ob ich jetzt den Erwachsenen spielen muss und schwinge mich innerlich bereits zum Verteidiger der Ziegen auf, die ich in Ruhe gelassen wissen will, bin plötzlich eine Art Ziegenschützer, doch schon in der nächsten Sekunde erscheint mir das alles völlig sinnlos. Warum sollte ich diesen Kindern einen Schrecken einjagen, sie haben ja nicht wirklich etwas vor und lassen, wie ich dann sehe, die Ziegen auch komplett in Ruhe. Wahrscheinlich war das Erklimmen der Mauer eine Mutprobe oder so etwas, ähnliche Sachen habe ich in diesem Alter, das mir jetzt so unendlich fern vorkommt, als hätte ich es nie durchlebt, wahrscheinlich auch gemacht, damals mit meinem besten Freund Thomas in Gera, der als kleiner Junge in eine Pumpe gegriffen hatte, die ihm das erste Glied seines rechten Zeigefingers zerquetschte.

Die Shetlandponys sind natürlich wieder völlig lethargisch und machen sich an der mit Stroh vollgestopften Krippe zu schaffen. Ich bin seit Jahren in diesem Park unterwegs und habe die beiden Ponys noch niemals in Bewegung gesehen. Entweder sie stehen vor der Krippe oder sie warten total verloren am entgegengesetzten Ende ihres Geheges und scheinen von der Existenz des anderen Artgenossen keinerlei Notiz zu nehmen. Überhaupt arbeiten die Tiere merkwürdigerweise nicht zusammen, um gemeinsam der Gefangenschaft zu entkommen, sich in einem Akt der Totalverweigerung ihrem Joch zu entziehen. Warum tun sie das nicht? Die meisten Tiere ziehen gemeinsam ihre Jungen auf, viele jagen im Rudel oder Schwarm, formen ausgeklügelte Hierarchien, kooperieren in ganz fantastischem Ausmaß, aber dem Eingesperrtsein scheinen sie nichts entgegensetzen zu können, vielleicht, weil die Gefangenschaft nicht in ihnen steckt, die Natur eine solche Entwicklung der Dinge nicht vorausgesehen hat.

Vielleicht warten sie aber auch nur auf den richtigen Zeitpunkt und knabbern an den Holzeinzäunungen, sobald die Besucher und Parkwächter verschwunden sind. Und das machen sie seit Jahren im Geheimen und wissen, bald ist es so weit und wir brechen hier aus und dann wetzen zwei tagsüber verschlafen wirkende Shetlandponys plötzlich mit nie gekannter Energie durch die nächtlichen Straßen, um dabei wie ausgewechselt auszusehen. Eine solche Lebendigkeit hat man ihnen gar nicht zugetraut. Und so verschwinden die Pferde im Schutz der Nacht und machen sich auf, die Stadt liegt bereits hinter ihnen, sie haben eine namenlose Wiese erreicht und halten auf dieser Wiese an, als gehörten sie von Anfang an dort hin und am nächsten Morgen fahren frühe Pendler auf Fahrrädern durch die Felder (nur ihre Körper sind oberhalb der grünen Ähren zu sehen, die Fahrräder sind verdeckt und deshalb sieht es so aus, als schwebten die Menschen in merkwürdiger Haltung durch die Landschaft hindurch), die Pendler fahren durch die Felder und sehen die beiden Ponys auf dem Gras und wundern sich darüber doch nicht. Kaum etwas Auffälliges haftet den Tieren hier draußen an. Sie stehen, wie Ponys eben stehen müssen, auf einer Wiese und rupfen das Gras und irgendwann, aber da sieht bereits niemand mehr hin, setzen sich die Tiere ein weiteres Mal in Bewegung, um sich endgültig aus dem Staub zu machen.