1. Februar

Ich wache kurz vor sieben Uhr auf und bleibe noch für einige Minuten still im Bett. Durch das geschlossene Fenster dringen die Geräusche des Regens. Ein verhaltenes, durchsichtiges Rauschen breitet sich im Hinterhof aus, davor liegt eine Art helleres Klopfen, hin und wieder unterbrochen von einem Plätschern, das, wie ich finde, am ehesten nach Wasser klingt. Ich höre sozusagen das Aufschlagen der Tropfen auf der sich kräuselnden Oberfläche einer Pfütze, folge in Gedanken den sanften Schwingungen, die sich in alle Richtungen ausbreiten, bis sich unerwartet ein Glucksen vor der Fensterscheibe bemerkbar macht. Es fällt mir schwer, den Ursprung dieses Glucksens zu bestimmen, das nicht wirkt, als sei es Teil des Regens. Es klingt eher, als fiele da ein winziger Gegenstand (ein Kiesel, eine Nuss, ein Feuerzeug?) in einen bodenlosen Brunnen und als hallte kurze Zeit später der Aufschlag dieses Gegenstands in verkleinerter Form zu mir herauf. 

Das Bild des Kiesels (ich stelle ihn mir weiß vor, von der Sonne gebleicht, rund geschliffen vom Meer) lässt mich an Tor Ulven denken. Zwei Szenen aus dem Allgemein Unmenschlichen haben sich in mir eingegraben, obwohl ich das Buch nie zu Ende lesen konnte. Es ist eines dieser Bücher, das einem alles abverlangt, das keine Pausen gestattet, kein Weglegen, Vergessen und Zurückkehren, es ist ein anstrengendes Buch, das alles fordert und natürlich ist es deshalb so gut. Ein richtiges Brachialbuch, denke ich jetzt, ein Text, der nichts von Kompromissen wissen will.

Die erste Szene, an die ich mich erinnere, beschreibt die Ankunft des Erzählers mit einer Fähre. Er betritt das Land und einen Kiesweg, den er als schuppig beschreibt. Als ich dieses Adjektiv zum ersten Mal las, hat es in mir den unbekannten Kiesweg in einer Transparenz herauf beschworen, die ich anfangs gar nicht fassen konnte, das Wort überrumpelte mich regelrecht und endlich schien ich zu verstehen, was das eigentlich war, ein Kiesweg. Die zweite Szene hängt mit der Beschreibung eines Tanzes zusammen. Eine Gruppe Psychiatriepatienten tanzt miteinander auf einer dieser Veranstaltungen, die wahrscheinlich auf der ganzen Welt von Klinikleitungen aufgeboten werden, um die Verbannten auf den Stationen zu zerstreuen und diese Gruppe wird vom Erzähler sehr einfühlsam dargestellt, ein wenig so wie im Land des Schweigens und der Dunkelheit von Werner Herzog. Als das Auge von Ulvens Erzähler ein Paar fokussiert, fällt der Satz, sie tanzten, ohne den unermesslichen Abgrund unter ihren Füßen zu bemerken. Vielleicht lautet der Satz auch, sie tanzten, ohne den unermesslichen Abgrund zu bemerken, der jedem ihrer Schritte folgte. (Ich ziehe Ulvens Buch aus dem schmalen Regal über meinem Schreibtisch, es steht in einer zufälligen Reihe mit Indridasons Todeshauch, Vesaas Das Seltsame, Knausgårds Spielen und Lieben, Krasznahorkais Die Welt voran, Lenz’ Tagebuch vom Überleben und Leben, Heiner Müllers Die Gedichte und Bukowskis You Get So Alone At Times That It All Makes Sense. Ich habe den Satz, der ganz anders ist, als ich ihn erinnere, vor Jahren unterstrichen.)

Als wir gestern am Fluss spazieren wollen, hat die Stadtverwaltung bereits alle Zugänge zum Ufer versperrt. Das Hochwasser ist damit offiziell und obwohl sich K und ich, wie viele andere Bewohner unseres Viertels, von den Absperrungen nicht aufhalten lassen, macht der in der Nacht noch einmal spürbar angestiegene Pegel den Weg auf manchen Uferabschnitten unpassierbar. 

Die Schwäne paddeln jetzt direkt bis an den Damm. Die gesamte Wiese, auf der im Sommer die Leute in der sengenden Hitze liegen, hat sich in eine Unterwasserzone verwandelt und als ich das sehe, frage ich mich sofort, ob das Gras dem Ertrinken standhalten kann oder sich nach dem Hochwasser in ein verschlammtes Gebiet verwandeln wird. 

Wir folgen dem asphaltierten Weg, an dessen Rändern das schmutzigbraune Wasser leckt, und entdecken kurze Zeit später die beiden Basketballkörbe. Wie Ertrinkende ragen sie aus dem Fluss. Noch ein halber Meter und das Wasser reicht bis an die Metallkörbe heran, auf denen jetzt ein Rudel Möwen in demonstrativer Gelassenheit sitzt. Die Natur wartet nur darauf, alles in Beschlag zu nehmen, sage ich zu K, die meine evolutionsbiologische Bemerkung geflissentlich ignoriert, die Natur ist auch so ein Biest, so eine ewig gefräßige Gleichgültigkeit und während ich diesen Gedanken entwickle, bekämpfen sich auf der einstigen Wiese, die jetzt zum Fluss geworden ist, zwei geisteskranke Schwäne mit gebieterischen Fauchattacken. 

„Siehst du“, sage ich, „das sind die ersten Gebietsstreitigkeiten. Das Land wird unter den Vögeln neu verteilt und wir können nichts weiter machen, als zuzusehen!“

Aber K kann mir nur schwer folgen. Sie ist seit Tagen mit ihrem bevorstehenden Bewerbungsgespräch beschäftigt und schwankt zwischen Phasen heilloser Panik, in denen sie glaubt, sich für überhaupt nichts und erst recht keine Leitungsstelle zu eignen und einem fragilen, fast gläsernen Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Dieses Vertrauen müssen wir in mühevoller Arbeit und komplizierten Argumentationsketten immer erneut aufrichten. Ich komme mir vor wie ein Architekt oder Geburtshelfer und kann doch jede ihrer Regungen nachvollziehen.

„Wir gehen raus“, sage ich in letzter Zeit häufiger, „du brauchst frische Luft, um auf andere Gedanken zu kommen.“ 

Insgeheim begreife ich sehr genau, die Gesten meiner Eltern nachzuahmen. Auch sie haben ja stets die frische Luft angeführt, die so eine Art Allheilmittel für alle deprimierenden Geistesverfassungen war.

Ich stehe endlich auf, um Kaffee zu machen, schlurfe durch unsere Küche, die wieder voller Abwasch steht, obwohl ich die Spülmaschine erst gestern ausgeräumt und im gleichen Atemzug gefüllt habe und auch unser Mülleimer läuft natürlich über. Manchmal kommt es mir vor, als lebte noch ein weiteres Paar in unserer Wohnung, zwei einzelne Menschen können doch diese Berge schmutzigen Geschirrs überhaupt nicht produzieren, denke ich und bekomme sofort das schlechte Gewissen, noch immer zu leben wie ein Student mit Anfang zwanzig, dem der eigene Dreck ganz egal ist und der das Verdrecken selbst auch für eine wunderbar revolutionäre Geste hält, in der sich der eigentliche Kampf gegen Verbürgerlichung und Borniertheit spiegelt.

Genervt kehre ich in unser Schlafzimmer zurück und setze mich an meinen Rechner. Ich schalte WFMU ein, höre Ultimate Spinach und überarbeite den zweiten Roman. Der erste soll im Juni erscheinen, was nicht mehr ganz so weit weg ist, nicht einmal ein halbes Jahr. Merkwürdigerweise aber knüpft sich an dieses Erscheinen überhaupt kein Gefühl. Jetzt geht es los, versuche ich mir einzureden, ohne aber etwas zu spüren, ohne zu wissen, was überhaupt los gehen soll. Ich wollte ja immer nur weg und auch jetzt fühlt sich dieses Erscheinen des ersten echten Buches, das ja vielleicht Ankunft und Anfang bedeutet, wie eine Nebensächlichkeit an, wie ein Geschehen, das nichts grundlegend verändern wird. Aber vielleicht liegt das alles nur an der Trägheit der Gefühle, meiner ganz besonderen Trägheit, die dem Geschehen stets hinterherzuhinken scheint.

Nach zwei Stunden stehe ich auf, gehe in den Flur und hänge die Wäsche von unserem provisorisch untergebrachten Wäscheständer ab. Dann mache ich die nächste Maschine fertig und kann kaum glauben, unseren Wäschekorb komplett geleert zu haben. Das ist bisher noch nie vorgekommen, sage ich mir, als hätte ich eine bahnbrechende Entdeckung gemacht und stehe für einige Augenblicke andächtig über den geflochtenen Korb gebeugt, der plötzlich ganz anders aussieht als sonst. So wunderbar leer irgendwie. Schließlich schalte ich die Waschmaschine an und lege mich aufs Bett, schaue auf Youtube irgendwelche Videos, deren Inhalt ich nach fünf Minuten vergesse und rappele mich endlich wieder auf, um einzukaufen.

Draußen ist alles grau, aber es herrscht eine Regenpause. Die Leute laufen schnell durch die Gegend, folgen unbestimmten Zielen, vielleicht auch einer Eingebung, einem blinden Gedanken. Das wäre schön, sage ich mir, wenn hier draußen Leute herumspazierten, die es nicht eilig haben, sondern bloß kein rechtes Ziel vor Augen, die einem Instinkt auf der Spur sind, sich sozusagen gedankenlos durch die Straßen bewegen und offen sind für den Zufall hinter der nächsten Häuserecke.

Als ich die Laurentiusstraße erreiche, sehe ich im Augenwinkel einen Radfahrer, der auf die Kreuzung zusteuert. Ich halte an, um ihn vorbei zu lassen, aber er bremst bereits ab und im ersten Moment empfinde ich fast so etwas wie brüderliche Dankbarkeit, der ich nur etwas länger nachhängen müsste, um bei der völkerübergreifenden Solidarität und Grundgüte des Menschen zu landen. Dann aber fällt mein Blick auf das Gesicht des Radfahrers, so ein junger Typ mit runder Brille und Dreitagebart, der lässig und überlaut eine Melodie pfeift, damit auch alle anderen hören, dass er sich weder vom Wetter noch der Einrichtung der Welt die gute Laune vermiesen lässt und natürlich macht mich dieses Gehabe sofort rasend und setzt ganz gewalttätige Bilder in mir in Gang. Doch aus irgendeinem Grund nicke ich anstandshalber und laufe über die Fahrbahn, während das beschwingte Pfeifen dieses gnadenlosen Selbstdarstellers über den nassen Asphalt hallt und während ich möglichst langsam die Straßenseite wechsle, denke ich kryptisch, warte, dich erwischen sie auch und dann ist es endlich aus mit deiner Scheißpfeiferei.