2640, 11. Februar

Ich schreibe, während This Kind Of Punishment und danach The Clean laufen und es draußen Winter ist. Auf den Dächern liegt der Schnee als sehr, sehr dünne Schicht, die Balkone sind verlassen und wenn die Raucher nach einer Phase der Abwesenheit nach draußen treten, haben sie Jacken an, zögern allerdings für einen Augenblick. Eigentlich stehen sie noch halb in den beheizten Zimmern und halb draußen in der Kälte, sie warten auf der Schwelle und sehen in den Hinterhof und ich kann das gut verstehen. Ich würde jetzt auch ungern dort draußen in der Gegend warten auf das Ende einer Zigarette. Es ist kurz vor fünf, die Sonne geht allmählich unter, das Blau am Himmel wird blasser und spiegelt sich in den Fenstern der gegenüberliegenden Gebäude. Ich finde diese Reflexionen schön, diese Spiegelbildlichkeit der Häuser, die eine manchmal schwierige Ruhe umfasst, eine Ruhe, von der auch der Winter durchzogen ist. Selbst in der Stadt fällt mir diese Ruhe auf. 

Ich habe die Wohnung heute nicht verlassen, stattdessen habe ich gearbeitet. Ich habe mir mehrere Tassen Kaffee gekocht und dabei unsere kleine Espressokanne von Alessi bemüht. L meint, ich würde zu häufig über das Kaffeemachen schreiben, obwohl in dieser Beschreibung meiner Meinung nach genauso viel Schönheit steckt wie in den Abendreflexionen auf den Fensterscheiben. 

Aus dem Aluminiumbehälter rasseln die Espressobohnen in die Handmühle, deren Deckel ich im Anschluss befestige, um danach den Hebel auf ein kantiges Endstück aus Metall zu setzen. Ich brauche etwa drei Minuten, um die Bohnen zu Pulver zu zermahlen. Dabei halte ich die Mühle in meiner linken und bewege den Hebel mit meiner rechten Hand im Kreis, versuche einen Rhythmus zu finden, was mir aber nicht immer gelingt. Manchmal verklemmt sich eine Bohne, sie leistet Widerstand und will sich nicht einfach so zerkleinern lassen, aber mit einem Ruck ist auch diese Sturheit überwunden und der Kaffeegeruch taucht langsam auf. Ein Geruch, der sich gar nicht ignorieren lässt in seiner sanften Schärfe. Ich kann Leute verstehen, die ihn als Raumzerstäuber benutzen oder abgepackt und mit winzigen Löchern versehen in ihren Kleiderschränken unterbringen.

Gegen Mittag mache ich ein paar Übungen. Ich war ja noch nie so fit wie heute mit sechsunddreißig Jahren, was wahrscheinlich etwas merkwürdig ist. Früher habe ich Menschen, die Sport treiben, einfach nur belächelt. Nichts kam mir sinnloser vor als diese Herumgerenne damals in Berlin, die Leute im Volkspark Friedrichshain, im Mauerpark und Humboldthain. Ich habe das alles nicht verstanden, diesen Hang zur Beweglichkeit und Körperertüchtigung und deshalb stets geglaubt, die Leute betrieben diesen Aufwand bloß, um uns Schmalschultrige zu beeindrucken. Dabei hat mich die Schlaffheit meines eigenen Körpers auch damals schon irritiert, so wie ich Muskeln und männliche Klischeehärte immer gut fand. Mit siebzehn bin ich im weißen Feinrippunterhemd und schwarzen Levis mit Nietengürtel durch Gera marschiert und kam mir in dieser provinziellen Powerviolence-Kluft absolut gefährlich und unnahbar vor. Dabei hatte ich Arme wie Spaghetti und war doch fest überzeugt, es mit allem und jedem aufnehmen zu können.

Nur zweimal in meinem Leben habe ich mich in Handgreiflichkeiten verwickeln lassen und das ist wahrscheinlich zu wenig. Wer sich einmal ordentlich geprügelt hat, kennt seine Kraft und lernt vor allem die Kraft eines unscheinbaren Gegners einzuschätzen. Danach tritt man anders auf und läuft nicht mehr als Phantomgefährder durch die Gegend. 

Die erste Prügelei fand in der Grundschule statt, wir waren zu fünft oder sechst und trafen einige Jungs der anderen Klasse auf dem Schulhof. Es ging sofort zur Sache und ich bekam natürlich so ein richtiges Mistviech zugeteilt, wie das in größeren Schlägereien ja machmal der Fall ist (das habe ich mir zumindest sagen lassen). Das Gezerre ging sofort los, es gab sozusagen keine Exposition, kein langsames Aufwallen der Gewalttätigkeit. Ich riss an den Klamotten meines Gegenspielers, versuchte schließlich nachzuahmen, was ich irgendwann einmal gesehen hatte und hob meine Fäuste wie ein Boxer, um mein Gesicht zu schützen. Ich kann mich noch heute daran erinnern, wie merkwürdig sich diese Geste für mich anfühlte, dieses Heben der Fäuste, etwas ähnliches hatte ich noch nie getan und spürte in gewisser Weise, jetzt zu einem anderen zu werden. Aber natürlich lief alles viel schneller ab, die Schlägerei zwischen Zwölfjährigen spülte wie eine Feuerwalze über mich hinweg. 

Ich versuchte den fuchteligen Geraden meines Gegners auszuweichen, ein Rothaariger mit einer Lücke zwischen den Schneidezähnen, ein wirkliches Biest, der mich immer wieder erwischte. Die anderen nahm ich da schon nicht mehr wahr. Ich versuchte nur noch, diesen Schlägen auszuweichen und ging instinktiv in den Clinch, was nicht allein zu meiner Rettung führen sollte. Mit Schwung stieß ich gegen ihn, wir taumelten nach hinten und fielen in einen Busch. Irgendjemand zerrte mich aus dem Gestrüpp. Der Kampf war vorbei und ich heulte wie ein Schlosshund, kläglich und untröstlich zugleich, das war einfach alles zu viel für mich. 

Einige Jungs der anderen Klasse, die sich plötzlich sehr friedlich und zivilisiert verhielten, halfen in der Zwischenzeit meinem Gegner aus der Hecke. Der Kampf war beendet.

„Du blutest ja“, sagte einer.

Der Rothaarige wischte sich überrascht mit dem Handrücken über die Unterlippe.

Meine Freunde sahen mich ganz begeistert an, obwohl ich meine Schluchzer noch immer nicht unter Kontrolle bekam.

„Dem hast du es ja wirklich gegeben!“, rief jemand. „Er blutet!“

Ich brachte kein Wort heraus, wusste aber, dass die Lippe meines Gegners nicht unter einem meiner Schläge aufgeplatzt war, sondern von einem Stachel der Hecke verletzt. Merkwürdigerweise aber sagte der Rothaarige nichts. Er sah mich nur an und wischte sich das Blut ab. Und dann gingen wir auseinander.

Um ehrlich zu sein, waren die anderen Jungs aus meiner Klasse nicht meine Freunde. Wir kamen nur zufällig zusammen, die meiste Zeit war ich in der Grundschule allein und habe darunter ziemlich gelitten. Das alles hat erst nach diesem Kampf eine Wendung zum Besseren genommen. Plötzlich gehörte ich dazu, auch wenn mich alle beim Heulen gesehen hatten, was unter anderen Umständen selbstverständlich ein Todesurteil gewesen wäre. Die kleine Prügelei aber schien meine Nerven zu entschuldigen. Vielleicht hielt man mich auch für eine Art Kriegszitterer, der nach der Schlacht erst einmal einen neurasthenischen Anfall bekam. Dennoch blieb ich der einzige, der seinen Gegner blutig geschlagen hatte. Zumindest dachten das die anderen Jungs und ich tat natürlich einen Teufel, sie von diesem Gedanken abzubringen.

Die zweite Prügelei erwischte mich auf kaltem Fuß. Ich muss fünfzehn oder sechzehn gewesen sein und lief von Kristin, meiner ersten echten Freundin, nach Hause. Zwischen dem Haus meiner Eltern und dem Haus von Kristin lagen Felder, um die sich niemand kümmerte. Alles wirkte eher wie ein Brachland, ein Niemandsland sogar, das sich nach der Hälfte des Wegs in eine große Wiese verwandelte, auf der die am Stadtrand wohnenden Hundebesitzer ihre Tiere spazieren führten.

Ich lief über den Feldweg. Es war warm, wahrscheinlich war es Sommer und ich dachte an Kristin, an eines der schönsten Mädchen aus unserer Klasse, die sich ausgerechnet für mich entschieden hatte. Für mich! Ich konnte es nicht fassen.

Auf dem Feld tauchten zwei Jungs auf und kamen näher. Sie waren älter als ich, aber nicht sehr viel älter, ein oder zwei Jahre vielleicht. Einer der beiden steuerte direkt auf mich zu. Ich erinnere mich an seine Frisur, schwarze Haare, mit Gel nach oben zu einer Art Bergkamm aufgestellt.

„Bist du schwul?“, fragte er. 

Sein Gesicht wirkte unbeweglich, vollkommen ausdruckslos.

„Was?“, erwiderte ich.

Ich spürte den Schlag gegen mein Kinn, mein Kopf schoss nach hinten, ich sah den Himmel über mir, aber dieser Himmel wirkte plötzlich ganz anders. Er schien verzerrt, seine Farben fehlerhaft, etwas stimmte mit ihm nicht. 

Betäubt sah ich die beiden an. Keiner von uns sagte ein Wort. Sie lächelten nicht einmal überheblich oder herausfordernd, sie schienen einfach nur darauf zu warten, was als nächstes folgen würde und blieben genauso gespannt wie ich selbst.

Ich setzte mich in Bewegung und lief an ihnen vorbei, ohne sie anzusehen. Mein Herz schlug wie wild, meine Knie waren verstörend weich, ich glaubte, meine Beine würden in jeder Sekunde nachgeben und ich auf diesem Feldweg unter einer deutschen Vorabendsonne mein Ende finden.

Aber die beiden Jungs verhielten sich still. Sie riefen mir nichts nach, sie folgten mir nicht. Und ich habe mich auch nicht nach ihnen umgesehen.

* * *

Jetzt, so und so viele Jahre später, stelle ich fest, wie gut ein wenig Bewegung tut, sobald ich eine Runde am Fluss entlang laufe. Ich bekomme den Kopf tatsächlich frei und später, zu Hause, mühe ich mich noch am Fingerboard ab. Ich folge einem neuen Trainingsprogramm, das ich gestern durch Zufall entdeckt habe. Zehn Minuten dauert das Ganze, das meine Fingerkraft hoffentlich nicht völlig verschwinden lässt. Kurz vor der Schließung der Kletterhallen im November war ich doch auf dem vorletzten Schwierigkeitsgrad angelangt, das darf es jetzt nicht einfach gewesen sein.

Gegen Mittag finde ich im Kühlschrank eine angebrochene Schale Salat, überprüfe aufmerksam, ob sich in den unteren Ebenen nicht bereits alles in Auflösung befindet, wasche dann die Salatmischung und brate mir noch zwei vegetarische Burgerpatties in der Pfanne an. Während ich esse, schaue ich ein Video auf Youtube. Ein junger Typ, der für mich wie das Paradebeispiel eines Metallers aussieht (kantige und ziemlich unmodische Brille, lange Haare, Kinnbart und T-Shirt mit dem Aufdruck eines den Mond anheulenden Wolfs), testet Schwerter, indem er Tatamimatten durchschlägt. Wahrscheinlich stellt die Matte so etwas wie den Arm eines Menschen dar, denke ich und bin ziemlich beeindruckt über die perfekten Schnitte. Das Schwert, ein Kriegsmesser, wie ich erfahre, durchtrennt die Matte wunderbar geschmeidig, als gebe es dort keinerlei Widerstand der Materie und das beeindruckt mich doch sehr. Der Metall-Fan filmt seinen Schwerttest in einem kanadischen Garten. Im Hintergrund wächst dichter Wald, die Wiese ist schneebedeckt. Gegen Ende des Videos beginnt es zu schneien. Der Schwertmeister hat einige Kilo zu viel auf den Hüften, manövriert aber mit einer ziemlichen Behändigkeit durch die Gegend, wie ich finde. Ich folge seinem Kanal seit fast sieben Jahren.

Nach dem Essen arbeite ich weiter, es ist mittlerweile kurz vor eins. Ich mache mir Musik an, muss Henning Christiansens Symphony Natura aber nach einer Viertelstunde wieder unterbrechen, denn die verzerrten Rufe schwerkranker Tiere machen mich unglaublich nervös. Ich scrolle durch meine iTunes-Mediathek und klicke auf Nick Turner & Matt Christensens gleichnamiges Album. Die ersten elektronischen Töne beruhigen mich sofort. Im Vordergrund wandert eine Synthiemelodie die Tonleiter rauf und runter, es hört sich ein wenig zufällig an, die Melodie bleibt nicht gleich, aber doch erkennbar, wahrscheinlich spielen die beiden auf einem modularen Synthesizer und haben einen generativen Patch zusammengesteckt. Hinter dieser sich in Zufallsmustern bewegenden Melodie taucht ein Glitzern auf, fast wie das Schneegestöber, Töne aus Glas, sehr hoch, ein Blinken eher oder Funken, Tonfunken, die im Abseits sprühen und verschwinden. 

Schon nach einer Minute bin ich der Meinung, diese Musik könnte für immer laufen, böte genügend Abwechslung, um eine Epoche von einhundert oder zweihundert Jahren zu umspannen. Aber in solchen Dimensionen denkt vielleicht nur jemand wie John Cage mit seiner Monumentalkomposition in Halberstadt. Dort wartet man ja wirklich Jahre auf einen neuen Ton. 

Ich suche im Internet nach dem letzten Wechsel und stelle fest, dass er im vergangenen September stattgefunden hat. Der nächste Klang (gis) ist für den 5. Februar 2022 angesetzt. Das ganze Stück wird 2640 sein Ende finden. Zu diesem Zeitpunkt werde ich seit mehreren Jahrhunderten tot sein und alle, die ich kenne und noch kennenlernen werde, auch. Von den Menschen, die im Jahr 2640 dem letzten Wechsel des Klangs beiwohnen, die sich womöglich (auch wenn mir das jetzt sehr unglaubhaft erscheint) in der Halberstädter Kirche einfinden, um dieses unglaubliche musikalische Ende zu verfolgen, werde ich so weit entfernt sein wie ein Maler der Renaissance von mir in diesem Augenblick, wie ein Bauer, der sich im 15. Jahrhundert in eine Kirche verirrt und die geschlossenen Altäre bestaunt, um dann ergriffen auf die Knie zu sinken vor einem Gott, an den ich nicht glaube und an den womöglich auch kein Mensch mehr im Jahr 2640 glauben wird, ein Gott samt seiner geheimnisvollen Offenbarung.

Im Jahr 2640 wird der Tod seit einer ganzen Weile Geschichte sein, ein Märchen, das man den sich gruselnden Kindern erzählt (aber auch Kinder sind dann Raritäten). Die Geburten werden kontrolliert, die Größe der Menschheit darf sieben Milliarden nicht überschreiten und wird penibel überwacht. Nur hin und wieder macht ein Selbstmörder Platz oder eine Familie, die ins All auswandert. Der Mars hat sich vor einem Jahrhundert von der tellurischen Menschheit unabhängig erklärt und plant zu expandieren. Aber auch die anderen extraterrestrischen Kolonien, die sich auf die Galaxis verteilen, streben ihre Unabhängigkeit an. Auf der Erde wird darüber debattiert, ob man die Toten zum Leben erwecken soll, denn die im Jahr 2640 hinlänglich überwundene Sterblichkeit führt die größte Ungerechtigkeit der Menschheitsgeschichte vor Augen. Alle vergangenen Generationen, alle Verstorbenen, hatten keine andere Chance, ihr Sterben besaß weder Heilung noch Alternative. Diese monumentale Ungerechtigkeit gründet sich wie stets auf die Unzulänglichkeit der zur Verfügung stehenden Mittel. Doch der Vorschlag, die Toten, möglicherweise als Bewohner eines noch zu besiedelnden Planeten, wiederzuerwecken, stößt im Rat der Zehntausend auf taube Ohren. Niemand der Diskutierenden weiß, dass man eine Frage bespricht, die eine kleine Gruppe von Russen (Russland, ein Name wie aus einer alten Sage, die Nation ist selbstverständlich längst verschwunden) vor siebenhundertvierzig Jahren bereits besprochen hat. Die Abschaffung des Todes stand auch auf dem Programm einer vergessenen Avantgarde, die diese biologische Ungerechtigkeit zu einer Zeit erkannte, als der Tod noch eine feste Größe gewesen ist, man sich den Mond als unerreichbar vorgestellt hat und das Weltall als maßlos, gefährlich und ziemlich verhängnisvoll.

10. Februar

Rome Streetz hat gestern ein neues Video auf Youtube gepostet und jetzt, ein paar Stunden später, taste ich mich durch den Schnee einer sehr unamerikanischen Stadt. Das hier ist ganz offensichtlich nicht Brooklyn, keiner käme auf einen solchen Gedanken, aber es ist so kalt wie in New York, denke ich und schaue auf meine fortschrittliche Uhr, die mir entgegnet, ja, du hast doch völlig recht, es sind acht Grad im Minus und das ist nun wirklich einfach Kälte, das lässt sich nicht leugnen. Schnee treibt über die Kreuzung in ganz merkwürdigen Mustern, es sieht aus wie ein dünnes Tuch, ein Vorhang, weiß und elastisch, eine wunderbare Beweglichkeit, die der Wind dort oben fabriziert, obwohl das, was über der Kreuzung in die bläuliche Dunkelheit treibt, andererseits auch gewissermaßen starr wirkt, als schöbe man eine Bühnenmalerei illusionslüstern durch die Gegend. 

Alles steckt voller geheimer Mechanik, denke ich, das verborgene Räderwerk bekommt man ja selten zu Gesicht, auch wenn man eine Ahnung von ihm hat. Aber für all diese abseitigen Überlegungen bleibt mir nun wirklich keine Zeit, ich muss weiter in Richtung Tram, muss über das Eis auf dem Gehweg balancieren so wie gestern, als mich meine Kollegin Sarah an der Kreuzung abgefangen hat, was ich hasse, wirklich hasse, denn ich will doch Musik hören und mich nicht schon vor dem eigentlichen Beginn der Bürohölle unterhalten müssen über all diesen Quatsch. Doch das sage ich natürlich nicht, ich halte mich zurück, ich bin sehr verständig und gehe auf meine Umwelt und deren Ansprüche ein (wie damals, als man mich ausgeladen hat von der Hochzeit meines Halbbruders, cf. Februar Acht). Doch in mir tobt ein heftiger Sturm, ein richtiggehender Widerwille, Erderschütterung, Ragnarök, nur muss ich mir gleichzeitig sagen, dass Sarah für meine Abneigung nichts kann, sie trägt doch am Ende überhaupt keine Schuld!

Ich lächle also und wir schlittern gemeinsam über das Mainzer Eis. Als wir eine Kreuzung queren, verliert sie das Gleichgewicht und greift nach meinem Arm, eine sehr unschuldige und natürlich nachvollziehbare Bewegung, doch ihr ist das merklich peinlich und deshalb stammelt sie sofort unter heillos verwirrtem Gelächter eine Entschuldigung hervor. Zehn Minuten später rutscht sie wieder aus und haut mir diesmal ihre Hand in meine Weichteile, was ich dann doch ein wenig eigenartig finde. Auch ist das Gelächter jetzt verhaltener, obwohl es noch existiert, nur hat sich die Situation gewandelt und ist ein wenig zu viel geworden sozusagen. Ich lasse mir aber nichts anmerken, trage auch meinen dicken Alpha-Industries-Parka mit der Fellkapuze und bin in der Unterleibsregion super gepolstert. So eine züchtige Frauenhand, die nach Halt sucht und dabei auf Abwege gerät, macht mir überhaupt nichts aus, da müsste schon ein Muay-Thai-Athlet kommen mit diesen verrückt gestählten Schienbeinen und mir richtig eine reinpfeffern. Dann, ja, dann ginge ich mit Sicherheit in die Knie, aber auf diese Weise hier über dem Eis und im Schneetreiben lasse ich mich nicht grundlos bezwingen, da soll die Welt mal etwas bieten, einen richtigen Zweikampf, so ein Wahnsinnsduell mitten auf der verschneiten Kreuzung, in diesem Grünlichttag, denn das Licht scheint mir wirklich grün zu sein unter der den Himmel querenden Wolkenschicht, die sich in Zeitlupe über die Gebäude verschiebt.

Aber die Welt funktioniert nicht auf diese simple Weise. Die Gegenspieler treten nicht leibhaftig auf, sie existieren bloß im Ungefähren. Mit dem Büro kann man nicht kämpfen, die Personifizierungen bleiben aus, man hantiert mit Symbolen und windschiefen Metaphern. So ein Duell, in dem man einem wirklichen Gegner in die Augen blickt, der alles in sich vereint, was man versucht aus den eigenen Tagen zu befördern, das wäre doch was. Wie wunderbar müssen die Zeiten gewesen sein, als der Hass sich tatsächlich in einem waschechten Gegenspieler manifestierte, nicht einfach nur in ihn hinein geschummelt wurde oder aufgestempelt, sondern wirklich in ihm lag. Einem solchen Hassobjekt ließ sich tatsächlich auf zwanzig Meter ein Kugel in die Brust jagen. Aber die Gegner sind heute ja vollkommen unbestimmt, körperlos, kaum zu ertasten und deshalb auch zu allem aufblasbar und ständig für die umfassendsten Schandtaten zu missbrauchen.

Am Morgen wirken die Menschen in der Tram wie Versprengte, die man aus den Häusern getrieben hat. Ich bin immer froh über Gesichter, die nach draußen sehen und nicht auf ihre Telefone, denn dort, auf den Displays, läuft doch letztlich nur unerheblicher Mist. Draußen aber schleppt sich der anbrechende Tag über die Brücke und den Fluss, ein noch dunkles Blau am Horizont. Die Lichter der Stadt kommen kaum dagegen an, am Morgen wirkt alles sanft, wahrscheinlich, weil der Schlaf noch hineinreicht in die Dämmerung. Die Menschen verhalten sich leise, kaum jemand telefoniert, auch die Gespräche wirken wie Ausnahmen und manchmal kommt es mir vor, als bewegte man sich durch eine Ansammlung von Teilen, die niemals zueinander finden möchten. 

In der Bahnhofshalle mustere ich die Anzeige und stelle fest, dass mein Zug ausgefallen ist. Auch die nachfolgenden Verbindungen haben entweder eine fast irrsinnige Verspätung (ich lese von siebzig Minuten und denke, warum gebt ihr nicht einfach auf, was hat es denn für einen Sinn, an dieser Stelle weiterzumachen?) oder sie werden gestrichen. Viele Pendler versammeln sich in der Halle und beobachten andächtig die Entwicklung. So setzt der Tag hier im Bahnhof ein. Die wenigen Züge, die ich durch die Schiebetüren an den Gleisen sehen kann, sind in Schnee und Eis verpackt, die Leute in dicke Jacken verstaut, die meisten haben auch die Kapuzen über ihre Köpfe gezogen und laufen über die Steige, um die Wärme in der Daunenhülle aufrecht zu erhalten. Auch die Tauben ziehen sich zurück. Zwei Polizisten patrouillieren müde durch die Eingangshalle, die behandschuhten Hände unter die schusssicheren Westen geklemmt.

Ich trete auf den Bahnsteig hinaus. Als sich die Schiebetüren lautlos hinter mir schließen und die Kälte nach mir greift, bin ich willenlos, weiß aber doch genau, wie ich meine Schritte zu setzen habe. Eine Viertelstunde später fahren wir über den grau-melierten Rhein, eine monströse Fläche ohne sichtbare Bewegung. Der Schnee legt sich als glanzloser Filter über das Gewässer, winzige weiße Irrlichter punktieren das monumentale Phlegma unter uns. Ein alter Mann sitzt mir gegenüber, die Maske unter dem Kinn, er stopft ein Brötchen in seinen Mund und bleibt ganz auf diesen Vorgang konzentriert, als hinge der Fortbestand der Welt von nichts anderem ab als dem Öffnen eines Mundes, einem sich hebenden Arm, einer Hand, die das Brötchen zwischen fünfzig Jahre alte Zähne klemmt. Er führt das Alltägliche mit einer übertrieben akribischen, fast liebevollen Aufmerksamkeit aus und zwinkert mich hin und wieder an. Ich wünschte, ich könnte zurückzwinkern, diene mich den anderen aber so ungern an. Also wende ich meinen Blick ab und tauche in die Masse der Gebäude vor dem Fenster ein, in die Lautlosigkeit des Sturms auf der Strecke. Ein Zug mit Containern rast an uns vorbei und ich folge den Aufschriften in großen Versalien. EVERGREEN, MANG TANG, COSCO, HAMBURG SÜD. Namen wie aus einem Märchen. Dahinter können keine Menschen stehen, keine Orte, Landstriche, Unternehmen, anonyme Körperschaften. Das Alles stammt aus dem Nichts und materialisiert sich auf den Gleisen hier im Schnee als bloße Laune, als echtes, achselzuckendes Augenfieber.

8. Februar

Wir sind zu L und T zum Kuchenessen eingeladen und machen uns gegen halb eins auf den Weg. Ich fühle mich sehr häuslich, als wir im Treppenhaus stehen und empfange den Regen auf der Straße mit einem hingebungsvollen Lächeln. Das Wetter ist doch nicht der Rede wert, sage ich mir. Wenn es die Tauben nicht interessiert und auch nicht die Krähen, die sich heute morgen kurz nach sechs über alle Hinterhöfe des Viertels hinweg unterhalten haben, muss das auch mich nicht interessieren. K meint, mit meiner schwarzen FFP2-Maske würde ich aussehen wie ein Rabe und obwohl ich mich gegen diese Behauptung wehre (ein wenig zu zaghaft, wie mir scheint), gefällt mir der Vergleich doch insgeheim sehr. 

Das Hochwasser nimmt trotz des Nieselregens weiter ab. Beim Überqueren der Brücke tauchen neue Inseln auf, dort, wo früher die Uferwiese gewesen ist. Grasbewachsene Archipele treten an die Oberfläche, eine zweite Scheidung von Wasser und Land setzt ein. Auch die Schwäne haben sich sprunghaft vermehrt und fressen jetzt die neue Uferkante ab. So hat doch jeder seine eigene Eile, sage ich mir, wir hier im Regen und die weißen Flussvögel dort unten mit der Panik im Nacken, das unerwartete Paradies könnte mitsamt seinen übervollen Vorräten schon morgen verschwunden sein.

Später essen wir Karottenkuchen und trinken Tee aus sehr filigranen, großmütterlichen Tassen. Am Morgen habe ich noch Hototogisus Chimärendämmerung gehört und nun ist bei L und T alles so friedlich und still. Auch ist ihre schöne, große und helle Wohnung sehr sauber, viel sauberer als bei uns natürlich. Kein schmutziges Geschirr steht in der Küche herum, im Flur kann man sich frei bewegen, ohne über Pakete, Tüten und Wäscheständer zu stolpern und selbst die Schuhe stehen säuberlich in einer Reihe. Die Ordnung wirkt nicht übertrieben penibel und gerade deshalb beeindruckt sie mich sehr und wenn ich durch die gläserne Tür hinaus zum Balkon sehe, auf dem ein wunderbarer Urwald auch jetzt im Februar wächst, beneide ich die beiden um ihre Fähigkeit sich einzurichten und einen Garten in der Kälte anzulegen. All die Pflanzen, die K und ich versucht haben auf unserem eigenen Balkon großzuziehen, sind eingegangen und dabei wünsche ich mir einen wirklich begrünten Balkon doch so sehr. Unserer gleicht einer Müllhalde.

Wir unterhalten uns über die Arbeit, aber meine Gedanken schweifen zu schnell ab, als dass ich in der Lage wäre, dem Gespräch zu folgen. Auch kenne ich Ks Geschichten ja schon und schalte mich nur hin und wieder mit einem kurzen Kommentar ein. Die restliche Zeit denke ich an die Mail meiner Verlegerin und an meinen Roman, glaube plötzlich, dass er aufgrund all der Unwägbarkeiten am Ende doch nicht im Sommer erscheinen wird. Aber das muss er doch!, sage ich mir, jetzt muss es doch endlich einmal losgehen. Das hier, dieses Jahr, das ist das Jahr der Fahnen! 

Ich erzähle den anderen von meinen Zweifeln und alle beruhigen mich natürlich sofort. Wer weiß, wie es am Ende ausgeht, so viele Leute stecken in Schwierigkeiten. Ich nicke und lasse mich beruhigen. L macht einen Sekt auf und ich trinke widerwillig, denn eigentlich mag ich jetzt keinen Alkohol, aber als sie auch noch Eiswürfel hervorzaubert, lasse ich mich überreden.

Wir ziehen in das Wohnzimmer um, ein riesiger, loftartiger Raum, in dem früher einmal eine Marktforschungsfirma saß, bis man alles in eine normale Wohnung umgewandelt hat. Hinter den Fenstern liegen die verregneten Planken und das Dachgeschoss eines anderen Gebäudes. Ein Frau steht dort gerade auf der Terrasse und raucht, aber sie sieht mich nicht. Ich nähere mich der Couch, die derart bequem ist, dass ich mich sofort gegen den Schlaf wehren muss, sobald ich Platz genommen habe, als mir ein Bandname einfällt, den ich für ganz ausgezeichnet halte. RADICAL CAPITAL würde sich doch wirklich super für eine Crustpunk-Gruppe eignen, ich gebe diesen Namen sehr gern her, bedient euch!

Später trinken wir Wein, es wird Käse serviert und Karotten und Gurke mit einem Dipp, vor dessen hoher Knoblauchdosis man uns prophylaktisch warnt. Irgendjemand kommt auf Kindheitsfotos zu sprechen und ich zeige ein Familienfoto, auf dem auch meine Schwester und meine beiden Halbbrüder zu sehen sind. 

„Wenn du dir die untere Hälfte vom Gesicht meines älteren Halbbruders wegdenkst“, erkläre ich L, „siehst du mein Gesicht. Also meine Augen und so weiter.“

L und T erklären, das träfe tatsächlich zu, wir würden uns ähnlich sehen.

Ich habe mich mit meinem Halbbruder wahrscheinlich nicht mehr als zehn Mal in meinem Leben unterhalten und diese Unterhaltungen blieben immer an der Oberfläche, auch wenn das keinem von uns vorzuwerfen ist. 

„Wie geht es dir?“

„Gut. Und dir?“

„Was macht deine Arbeit? Bist du noch im Museum?“

„Ja, alles gut. Wie geht es deinen Kindern?“

„Die werden langsam erwachsen. Du weißt ja, wie das ist.“

Ich nicke, ohne etwas zu erwidern und denke, nein, eigentlich weiß ich es nicht. Wie sollte ich auch, ich habe schließlich keine Kinder. Auch mit meinen Neffen habe ich selten mehr als einen Satz gewechselt, dabei kenne ich sie seit ihrer Geburt. Jetzt sind sie achtzehn oder zwanzig Jahre alt und studieren. Sie wollen Geld verdienen, das lausche ich den Gesprächen meiner Familie ab, erst einmal Geld verdienen und auf ein Auto sparen und dann, ja, dann gibt es so viele Möglichkeiten, wir sind alle sehr gespannt. 

Als mein Halbbruder vor Jahren heiratete, haben sie mich nicht zur Hochzeit eingeladen. Du hast in Berlin doch so viel zu tun, du bist doch auch so eigenbrötlerisch, da haben wir nicht damit gerechnet, dich könnte so eine Hochzeit interessieren. Merkwürdigerweise hat mich das damals verletzt, obwohl mich Hochzeiten ja tatsächlich nicht interessieren, aber ich bin nun einmal auch kein Automat, ich bin in der Lage, die Freude der anderen zu teilen! Wofür hält man mich hier eigentlich? Ich gehe doch auch durch die Welt, ich habe auch Augen, ich nehme die Gepflogenheiten sehr wohl wahr und richte mich nach ihnen aus. Mein Gott, ich bin doch auch ein Mitglied der Gesellschaft!

Im Wohnzimmer sprechen wir über meinen zweiten Roman. Auch T liest ihn gerade und tut sich etwas schwer damit. Für seinen Geschmack gibt es zu wenig Entwicklung im Erzähler, dessen Aufbegehren er aber registriert, was mich wiederum beruhigt. Ja, am Ende tut sich bei diesem Erzähler tatsächlich nicht viel, nicht viel mehr zumindest als ein kümmerlicher Versuch. Am Schluss steht er erneut am Anfang und diese Zirkelbewegung macht auch viel Sinn, sage ich mir. Ein Kreis wie in Antal Szerbs Reise im Mondlicht, die ich gerade ganz begeistert lese.

Der Abend findet bald ein Ende und obwohl es mir nicht im Ansatz aufgefallen ist, haben wir fünf Stunden miteinander verbracht. Im Flur ziehe ich mir meine schlammigen Trailrunningschuhe an und dann meine regendichte Patagonia-Jacke, setze meinen Rucksack auf und schieße ein Selfie, während K noch kurz auf der Toilette verschwindet. 

„Warum machst du jetzt ein Foto?“, fragt L. 

Ich fühle mich ein wenig betrunken vom Wein und bin ganz einfach in der Stimmung.

„Ich weiß nicht so recht“, antwortete ich und mache ein weiteres Foto.

Wir umarmen uns zur Verabschiedung und fahren mit dem Fahrstuhl nach unten. Noch in der Kabine mache ich weitere Bilder. Ich nehme mir vor, zu Hause sofort zu schreiben. Ich möchte über die neu erstandenen Archipele auf dem Fluss schreiben, die sich im Verlauf des Nachmittags noch vergrößert haben, wie K und ich einige Minuten später von der Brücke aus bemerken. Ich möchte über die Schwäne schreiben, die sich von der Dunkelheit nicht beirren lassen und einfach weiter fressen, ich möchte über diesen bodenlosen Hunger schreiben, denke ich, während ich Raw Silk Uncut Wood von Laurel Halo höre, eine neue Geschichte, in der jemand die Städte verwechselt und plötzlich in Santiago lebt, plötzlich in Chile ist, ich habe den Titel bereits auf der Zunge, denke aber mit einem Mal unsinnigerweise an Daniel Kehlmann, über den ich vor kurzem etwas gelesen habe und der so wenig auratisch wirkte, wie Herrndorf schrieb, und schon ist mir der Titel der Erzählung entfallen, in eine Spalte gerutscht und die Nacht schlägt über unseren Köpfen zusammen.

Auf das nasse Pflaster zeichnet sich die Stadt, die leeren Trams gleiten über ein lautloses Nichts. Unter ihnen existiert ein ungeheurer Bereich, kein Abgrund, aber auch nicht einfach nur der Asphalt, ein Zwischenraum, in dem die Nacht sich wie ein Urzeittier auszustrecken versucht. Da ist das Glühen der Lichter und der drei Türme am Ufer. Alles voller Leben, denke ich, und doch alles kurz vor dem Schlaf. Überhaupt die Städte und der Schlaf. Wie merkwürdig es ist, sich all die schlafenden Körper vorzustellen in ihren mehr oder weniger ähnlichen Zimmern. Gegen drei Uhr am Morgen ein gigantisches Stillleben, in dem hunderttausend Träume Kapriolen schlagen, viele davon mit ähnlichen Mustern, Türme, Ängste, Flucht. Und das alles in jeder Nacht, seit so und so vielen hunderttausend Jahren.

6. Februar

Im strömenden Regen gehe ich für einen kurzen Spaziergang nach draußen, nehme eine mir unbekannte Straße und habe mich nach zehn Minuten verlaufen. Obwohl ich seit vier Jahren in dieser Stadt und diesem Viertel wohne, kenne ich die Gegend noch immer nur in Ansätzen, erinnere höchstens zwei oder drei Straßennamen und kann auch sonst niemandem weiterhelfen, der auf die Idee kommt, mich nach dem Weg zu fragen. Merkwürdigerweise ging mir das in allen Städten so, in Berlin, Wien, Leipzig, Ludwigsburg und jetzt in Mannheim.

Ich möchte eigentlich zum neuen Messplatz hinüber, den ich mir in seiner grauen Verlassenheit wunderbar im Regen vorstelle, doch statt den Platz zu erreichen, tauche ich gleich in der Nähe des Rotlichtviertels auf. Es ist kein komplettes Viertel, sondern nur eine einzige Straße, deren Enden mit dunkelroten Metalltoren abgesperrt sind. Die Farbe ist stumpf, bordeauxrot vielleicht und erinnert mich an die Dielen in Katharinas Berliner Wohnung. Die hatte man auch in diesem Ton gestrichen, nur nannte man die Farbe nicht Rot, sondern Ochsenblut, was mich damals, als ich diesen Begriff zum ersten Mal in aller Unschuld hörte, regelrecht umgehauen hat. Die Farbe stammte sozusagen aus den Schlachthöfen und hat die einstigen Bewohner im ochsenblutroten Wedding auch an nichts anderes erinnert. Die Leute wateten tagsüber in den Schlachthäusern bis zu den Knöcheln im Blut und haben dann, wahrscheinlich weil ihnen jede andere Farbgebung des Bodens schon nach kurzer Zeit verlogen und völlig falsch erschienen ist, auch die Holzdielen ihrer kümmerlichen Zimmer so gestrichen. Während ich weiterlaufe, erscheint mir diese Unfähigkeit, das Grauen hinter sich zu lassen, als klarer Beweis für das Trauma, das wir niemals überwinden, sondern immer nur in anderen Ecken verteilen.

Heute hat natürlich alles geschlossen, die Bordelle und Museen sind zu, das Virus mutiert, der Himmel ist filzgrau und die Autos auf der Fahrbahn durchpflügen den Regen mit nassen, schmatzenden Geräuschen. Was ist das für ein Tag, denke ich. Nicht mal das Herumlaufen ergibt einen Sinn und normalerweise tut es das doch stets. Allein gebe ich mich ungern als echten Spaziergänger zu erkennen, ich setzte meinen Rucksack auf, um den Anschein eines Ziels und einer Aufgabe zu erwecken, als hätte ich die Wohnung gerade in Richtung Supermarkt verlassen oder käme von der Arbeit zurück. Das nehmen einem die Leute viel eher ab, als dieses Bild des müßig herumschlendernden Mittdreißigers, der hin und wieder anhält, um ein minimalistisches Handyfoto ausgestorbener Geschäftsflächen zu knipsen. Ich frage mich, wann diese Gesten unmöglich werden. Wann Scham und Selbsterkenntnis mich gnadenlos überwältigen und ich begreife, am Ende eben doch nur jenes Abbild all der verachteten Klischees zu sein, die ich vor zehn oder fünfzehn Jahren pausenlos entdeckte.

Ich laufe weiter quer durch das Viertel, erreiche nach einer Weile gedankenverloren die Alte Feuerwache und laufe über die Brücke. Der Neckar ist nun wirklich atemberaubend angeschwollen, wirkt wie ein Urwaldgewässer mit seiner ockerfarbenen, verschlammten Oberfläche. Der Fluss bewegt sich träge, schläfrig sogar und plump. So stelle ich mir eine satte Anaconda vor, die sich nach einer elaborierten Mahlzeit wunderbar und angeschwollen rekelt. Wenn man es genau betrachtet, hat das alles auch etwas Obszönes. Das Gefräßige, das Verschlingen, das Einverleiben der Landschaft.

Von der Brücke aus scanne ich das Ufer. Vieles davon liegt in unscharfen Schlieren, besonders natürlich der Hintergrund Richtung Heidelberg. Meine Augen waren auch einmal besser. Wahrscheinlich brauche ich bald ein Brille, dabei bilde ich mir auf mein glasfreies Gesicht doch so viel ein. Plötzlich fällt mir etwas auf. Dort unten am Ufer steht ein Hippiemädchen. So etwas würde ich selbst als halbblinder Augenpatient erkennen, dafür besitze ich eine Art sechsten Sinn. Diese Leute in ihrer albernen Staffage, die irgendein Freiheitsgefühl vorgaukeln soll, das man sich in einem superalternativen Onlineversand zulegt, um es mit dem Geld, das alle anderen auch verschwenden, zu bezahlen, stechen doch wirklich überall heraus und ziehen die Aufmerksamkeit ja auch zielsicher wie quengelnde, unendlich verwöhnte Kinder an.

Das Mädchen steht ganz allein hinter der Hochwasserabsperrung. Natürlich gut sichtbar für alle, die sich auf den oberen Uferpfaden bewegen. Und sie steht nicht einfach nur da, um das Wasser oder was auch immer zu betrachten, nein – sie jongliert. Klar, das ist ja auch passend, denke ich sofort mit einer wirklich atemberaubenden Wut in der Brust, hier versucht mal wieder so ein Regenmagier in peruanischer Nascauniform die Götter zu beruhigen. Diese Leute sind so unglaublich berechenbar, das mir richtig übel wird, obwohl ich mich samt meiner kleinbürgerlichen Verbitterung doch auch nicht einfach losreißen kann. 

Das Mädchen jongliert ja nicht für sich, das könnte sie auch zu Hause in ihrer Patschuliwohnung tun. Nein, sie muss hinaus, sie muss hinter die Absperrungen, die selbstverständlich bloß für alle anderen existieren, denn für sie, ja, sie sind die Regeln nichts weiter als belächelnswerte Äußerungen eines völlig beschränkten gesellschaftlichen Geists. Doch diesen Umstand kann sie nicht für sich behalten. Nein, sie muss den anderen zeigen, wie frei sie ist, wie ungebunden, wie wenig sie sich um das Konforme schert. Diese zur Schau gestellte Ungebundenheit hat etwas Überhebliches, etwas ganz eigenartig Selbstbezogenes, das auch den esoterischen Mittvierzigern eigen ist, die im Alnatura Schlange stehen. Auch sie arbeiten sich mit Ellenbogen an der Kasse nach vorn, obwohl sie in jedem Gespräch von Achtsamkeit, Fairtrade und Selbsterfahrung faseln. In ihrer ganz eigenen Konformität kopieren sie unbewusst die Gesten des neoliberalen Egomanen, für den sich alles auch nur um sich selbst dreht. Ich spüre, dass hier eine große Verwechslung vorliegt, dass die Leute den Begriff der Freiheit völlig missverstehen und zur Pose verkommen lassen, zu einer weiteren Arbeitsaufgabe, der man sich self-help-mäßig widmen muss. Und natürlich wünsche ich mir in diesem Augenblick einen heimtückischen Schwanenangriff herbei, der das Hippiemädchen in JAWS-Manier auf Nimmerwiedersehen in die öligen Fluten zieht.

3. Februar

Seit achtzehn Jahren lebe ich nicht mehr bei meinen Eltern und genau achtzehn Jahre habe ich bei ihnen gelebt. Diese merkwürdige Teilung in zwei Hälften fällt mir heute morgen in unserer Küche auf. Ich spüle einen Teller ab, in dem Reste von Tomatensauce ein abstraktes Muster hinterlassen haben, das mich an Malereien von Cy Twombly erinnert, stelle den Teller dann auf das Abtropfgestell, wobei ich erst eine riesige Salatschüssel aus dem Weg räumen muss, gegen die ich mich bei einem kopflosen IKEA-Einkauf nachdrücklich, aber erfolglos zur Wehr gesetzt habe. Die Schüssel gleitet mir aus der Hand und schlägt scheppernd auf dem Boden der Küche auf. Dann rollt sie in schwerfälligen und betrunkenen Ellipsen unter den Tisch. Plötzlich macht sich eine Ruhe im Raum bemerkbar, wie sie sonst nur nach einem lauten Knall existiert. Die Ruhe scheint ja häufig nicht viel mehr als eine abgekehrte Seite der Wirklichkeit mit ihren unentwegten Forderungen und Geräuschen, wobei sie eigentlich allem unterliegt, der wirkliche Grundton ist, wie ich denke. Nur wenige Kilometer über unseren Köpfen herrscht sie als wahre Unendlichkeit, die ich niemals verstehen werde, und sicher auch aus diesem Grund macht uns die Stille häufig Angst. Angeblich foltern die Amerikaner in schallisolierten Zellen. Keine nahen Geräusche und schon tappt der Wahnsinn heran.

Der eben erst angebrochene Morgen schwappt zurück nach draußen in Richtung Hof, wo es noch immer dunkel ist. Es fällt mir nicht schwer, hinter der Balkontür Wirbel zu entdecken, die Dunkelheit baut sich außerhalb unserer Wohnung ein Netz, zimmert sich in aller Abgeschiedenheit ein eigenes Haus, das erst in jenem Augenblick in seine Einzelteile zerfällt, wenn die Lichter in den gegenüberliegenden Gebäuden eingeschaltet werden. So war es auch früher bei meinen Eltern, denn aus meinem Zimmer konnte ich auf das Nachbarhaus sehen und die Nacht war zu Ende, sobald dort drüben die Lichter aufleuchteten.

An vielen Nachmittagen bin ich nach der Schule die ansteigende Straße hinauf bis zur Kreuzung gelaufen. Das Haus meiner Eltern lag nur etwa zweihundert Meter von dieser Kreuzung entfernt und auf der Straße herrschte nicht viel Verkehr. Links und rechts standen Ein- oder Zweifamilienhäuser, die meisten davon in den Zwanziger Jahren gebaut und dann gab es noch die durch Lattenzäune von der Straße getrennten Gärten an einem Hang. Obwohl der gesamte Straßenzug zur unmittelbaren Nachbarschaft zählte, nahm ich nur die beiden Häuser neben unserem eigenen als solche wahr. Alles was hinter diesen Häusern begann, das Gebiet der anderen sozusagen, blieb für mich fremd und merkwürdig gefährlich. Nur unter Aufbringung all meiner Kräfte brachte ich es über mich, diese unbekannten Menschen zu grüßen, wie es meine Eltern von mir verlangten, denn was, dachte ich damals, habe ich mit diesen Leuten überhaupt zu tun? Ich kenne doch keinen einzigen!

Nach der Schule lief ich die Straße hinauf, beschleunigte meine Schritte, sobald ich eine Bewegung in den Vorgärten bemerkte, die auf einen der sogenannten Nachbarn deutete und machte mich unentdeckt aus dem Staub. An der Kreuzung gab es zwei Möglichkeiten. Entweder nach rechts, vorbei an weiteren Häusern des am Stadtrand liegenden Viertels und dann über die Straße auf das Feld oder nach links, einen steileren Anstieg hinauf und auf einen ziemlich abseitigen Weg, der durch ein Spalier weiterer Gärten führte. Am Ende dieses Wegs tauchte ein Hügel auf, der eine weitläufige Wiese überblickte. Unten spazierten die Hundebesitzer unseres Viertels durch das Gras, darunter hin und wieder eine alte Frau mit einem riesigen Schäferhund, der mir damals eine Heidenangst einjagte.

Ich arbeitete mich durch dichtes Gestrüpp, um hinauf auf den Hügel zu gelangen. Brombeersträucher wuchsen hier wild und wenn man nicht aufpasste, zerrissen sie einem die Hose und zerschnitten die Haut. Junge Bäume ragten ungerührt in den Himmel, ihre Stämme waren noch dünn und jung und wirkten ausgesprochen glatt. Ab und zu verstellten sie mir den Weg und ich musste mich erst umständlich an ihnen vorbei tasten, denn die Erde war weich und lose und man rutschte sehr schnell aus. 

Vom Scheitel des Hügels bekam man die gesamte Wiese in den Blick. Auf der einen Seite wurde sie von einer Landstraße begrenzt, auf der anderen lief sie ungehindert bis zum Horizont. Ich sah im Hintergrund die Ausläufer eines Gewerbegebiets, doch die Supermärkte und Möbelhäuser, die man in einer Art Niemandsland errichtet hatte, wirkten endlos entfernt. Auch wenn man nur eine Viertelstunde brauchte, um sie zu erreichen.

Tiefe Mulden übersäten den Hügel, auf dem das Gras in Büscheln wuchs. Die Erde war so etwas wie der vorherrschende Ton, keine dunkle Erde allerdings, sondern eine helle, graue Schicht, die sich im Sommer in trockenen Staub verwandelte und im Herbst in klebrigen Schlamm. Mein Vater erklärte mir später auf einem Spaziergang, dieser Hügel sei kein richtiger Hügel, sondern eine aufgeschüttete Halde voll Schutt, auf der sich langsam die Natur ausbreite. Erst da begriff ich, warum sich auf dem Scheitel des Hügels so viele Bruchstücke von roten Ziegeln fanden, sobald man nur ein wenig in der Erde grub. Auch der übrige herumliegende Müll passte jetzt plötzlich ins Bild und ich kam mir mit einem Mal wie ein Idiot vor, denn all diese Überreste hatte ich selbst für ziemlich rätselhaft gehalten und als Hinterlassenschaften okkulter Zusammenkünfte interpretiert.

* * *

Viele hundert Male muss ich auf der Halde gewesen sein, um hinab in Richtung Wiese zu sehen, hunderte von Nachmittagen, die jetzt ein einziger Nachmittag sind, ein Nachmittag, an dem kein bestimmtes Wetter herrscht, weder Sonne noch Regen, eher dieser kurze graue Augenblick nach einem Schauer, in dem die Wärme zurückkehren will, die Luft aber noch kühl ist und einen frösteln lässt. Auf diesem Hügel war ich allein unterwegs oder mit meinem besten Freund, den ich nach der Grundschule sofort aus den Augen verloren habe. Vier Jahre lang bin ich mit ihm an fast jedem Nachmittag auf unseren BMX-Rädern unterwegs gewesen. Wir sind so ziemlich alle Straßen der näheren Umgebung abgefahren, waren aber häufig auch in einem Park unterwegs, um uns mit voller Geschwindigkeit über die aufgeworfenen Wurzeln alter Kastanien zu katapultieren. Für einen kurzen Moment wurden wir schwerelos, der Körper aufgerichtet und in die Pedalen gestemmt und so flogen wir auf unbeschreibliche Weise durch die Gegend, der Kopf ganz leer, das Herz in heftigem Takt, eine Zeitlupenszenerie vor den Augen und mit dem Aufschlag auf der Erde tauchten wir wieder auf, begeistert und staunend, das alles überlebt zu haben.

Auf dem Hügel entdeckten wir an einem dieser Nachmittage ein provisorisches Zelt. Jemand hatte eine alte Armeeplane über eine der Mulden gebreitet und an den Rändern mit Steinen beschwert. Ein Stock in der Mitte des Zelts, dessen Inneres so niedrig war, dass man hineinkriechen musste, spannte die Plane über der Mulde auf. Wir diskutierten eine ganze Weile herum, ob wir in das Zelt kriechen sollten oder nicht.

„Und wenn uns jemand erwischt?“, fragte ich.

„Wer soll uns denn erwischen? Wir sind doch ganz allein.“

„Vielleicht sollte einer Wache halten. Nur falls jemand kommt. Wenn wir einmal im Zelt sind, sehen wir doch nichts mehr.“

„So ein Quatsch. Wir gehen da jetzt gemeinsam rein.“

Von außen konnte man das Zelt leicht übersehen, denn es war gut getarnt und hob sich vom Müll kaum ab, der in verstreuten Inseln den Hügel überzog. Im Inneren des Zelts aber herrschte penible Ordnung. Ich erinnere mich an eine ganze Sammlung übereinandergestülpter Eimer aus Plastik, verstreute Klamotten und eine Handvoll bunter Feuerzeuge, die mir sofort ins Auge fiel. Aber ich getraute mich nicht nach einem der Feuerzeuge zu greifen. Das Zelt machte keinesfalls den Eindruck eines Provisoriums, sondern als wohnte hier tatsächlich ein Mensch und mein Herz schlug unruhig, als säße uns jemand im Nacken.

Als wir wieder auf dem Hügel standen, atmete ich auf und sah in der Hand meines Freundes ein Feuerzeug aus Metall.

„Funktioniert es?“, wollte ich wissen.

Mit dem Daumen öffnet er die silberne Verschlusskappe, die mit einem Klicken nach hinten schnappte. Dann drückte er den Knopf mit einem weiteren Klicken hinab und ich hörte im gleichen Augenblick das ausströmende Gas, ohne aber eine Flamme zu sehen.

„Das ist ein Sturmfeuerzeug“, sagte meine Freund. „Die Dinger sind teuer.“

Ich staunte das Feuerzeug an und konzentrierte mich auf die unsichtbare Flamme. In einem ruhigen Moment ließ sich ein hellblauer, transparenter Kranz ganz dicht über dem Metall ausmachen.

Im Zelt hatte ich Papier gesehen und kroch zurück. Jemand hatte einige schmutzigen Blätter mit Kugelschreiber beschrieben, doch jetzt gab es keine Zeit, um diese Notizen durchzugehen.

Wir legten die Blätter übereinander und zündeten sie an. Das unsichtbare Feuer sprang sofort auf die beschmutzten Seiten über, aber im Nachmittagslicht ließ sich auch jetzt die gefräßige Flamme kaum erkennen. Man sah nur den braunen Rand und die von diesem Rand abbröckelnde Asche, dort, wo sich das Papier schwärzte und in Schuppen zu Boden fiel. 

Das trockene Papier brannte ausgezeichnet und die Flammen setzten bald die ersten Grasbüschel in Brand. Ein wenig Rauch stieg auf, grau und durchscheinend, wurde vom Wind aber sofort in alle Richtungen getragen.

„Ich gehe heim“, sagte ich plötzlich.

„Ich bleibe noch ein bisschen hier oben“, antwortete mein Freund.

Darauf erwiderte ich nichts. Wir hockten noch immer auf dem Hügel und ließen nun das Gras in Rauch aufgehen. Irgendetwas lag in der Luft, es war ganz eigenartig. Auch die Hundebesitzer waren von der Wiese verschwunden.

„Lass uns zusammen gehen“, sagte ich dann. „Du hast doch einen viel weiteren Heimweg.“

„Ich glaube, ich werde noch ein bisschen hier oben bleiben“, sagte er.

„Okay, dann mach’s gut.“

„Du auch.“

* * *

In dieser Nacht schlief ich schlecht, das Feuerzeug ließ mich einfach nicht los. Auch glaubte ich, aus Richtung des Stadtzentrums Sirenen zu hören, sah im Traum einen Löschzug, der sich mir in unendlicher Langsamkeit näherte. Am nächsten Morgen suchte ich nervös meinen Freund in der Schule, der aber genauso war wie auch sonst.

„Hast du das Feuerzeug dabei?“, wollte ich wissen.

Er zuckte mit den Schultern. 

„Ich habe es zurückgelegt“, antwortete er.

Gleich nach dem Ende des Unterrichts machte ich mich auf und erreichte am frühen Nachmittag den Hügel. Schon von weitem sah ich die verkohlten Grasbüschel in der Nähe des Zeltes, das es nicht mehr gab. Die Plane war verschwunden und nirgends zu sehen und die Gegenstände aus dem Inneren lagen verstreut herum, hier und da von schwarzen Spuren gezeichnet, Versuchen, diesen ganzen Mist anzuzünden. Keines der bunten Feuerzeuge, die ich gestern gesehen hatte, ließ sich in diesem traurigen Chaos ausmachen, obwohl ich mit einem langen Stock ziemlich akribisch den Müll durchpflügte. Und natürlich ich fand ich auch das silberne Sturmfeuerzeug nicht mehr.

Für eine Weile saß ich dann auf dem Hügel und starrte auf die Wiese hinab. Alles um mich herum lag eigenartig still, als hätte sich die Welt der Geräusche vorsichtshalber zurückgezogen. Kurze Zeit später tauchte unter mir ein Mensch auf mit einem Hund, der schwerfällig über Feldweg schlurfte, mühsam, wie ein alter Mensch eben läuft. In diesem Menschen erkannte ich die Frau mit dem Schäferhund und merkwürdigerweise, vielleicht aus einem dummen Zufall heraus, blieb sie an diesem Nachmittag stehen und erkannte auch mich, dort oben auf meinem Hügel. Auch der Hund blieb stehen, als witterte er etwas, sprengte dann aber desinteressiert davon.

Die Frau sah weiter in meine Richtung und obwohl sie mich aus der Entfernung kaum erkennen konnte, begann die Wut in mir aufzusteigen. Hätte es diesen Scheißhund nicht gegeben, ich wäre mit meinem Stock hinunter gerannt durch das Gestrüpp und hätte wer weiß etwas getan. Mit erhobener Waffe wäre ich den Abhang hinter gelaufen und an den jungen Bäumen vorbei, ich hätte wie wild geschrieen, wäre direkt auf sie zugestürmt und sie hätte nichts, überhaupt nichts begriffen. Aber dann machte sich die dicke Alte endlich los und folgte ihrem geistesgestörten Schäferhund, der ein oder zwei Jahre später starb. Angeblich hat ihn ein Nachbar vergiftet, der das nächtliche Gejaule nicht mehr ausgehalten hat und die Sache schließlich in die eigenen Hände nahm. Von da an tauchte auch die Alte nicht mehr auf der Wiese auf. Ich sah sie noch ein paar Mal in unserem Viertel, wechselte aber stets die Straßenseite, als bekäme ich es mit der Angst und meiner Wut zu tun wie damals auf dem Hügel. Doch hier unten fehlte die Distanz. Es fehlten Wiese und Hügel, zwei scharf voneinander getrennte Bereiche wie es sie an jenem Nachmittag, kurz nach dem Ende der Schule, gegeben hatte.