Alles auf neu, 19. Februar

Ich verbringe den Morgen damit, meine Musiksammlung auf dem Rechner komplett zu überarbeiten, nachdem ich gestern eine halbe Stunde lang durch Hunderte von Alben scrollen musste, ohne etwas Passendes zu finden. Heute lösche ich alles, sichere die Sammlung aber zuerst auf meiner externen Festplatte, um dann für zwei Stunden Bandcamp zu durchstöbern. Ich kaufe mir einige Alben, die schon längere Zeit auf meiner Wunschliste stehen und verfolge den Downloadbalken des Browsers aufmerksam, eine rote Linie, die nur langsam anwächst, denn unsere Internetverbindung ist ziemlich schlecht. Manchmal komme ich selbst mit meinem Handy nicht ins Netz, bin aber zu faul, diesem Fehler auf den Grund zu gehen.

Als ich die alte Musik von meinem Laptop lösche, wird dieser Vorgang von einem Gefühl der Erleichterung begleitet. Der ganze Mist verschwindet und jetzt ist da erst einmal nichts, nur eine graue Fläche im virtuellen Raum, die erneut gefüllt werden kann. In einigen Wochen beginnt das Spiel dann von vorn, in diesem Löschen und Anfüllen verbirgt sich die Logik des Verbrauchs, ein Verlangen nach dem Neuen, das sich auf den ungewissen Wert des Alten stützt. Ganz verrückt scheint mir die Vorstellung, es müsse ein Zeitalter gegeben haben, in dem ein Haushalt bloß eine einzige Schallplatte besaß, um diese zwanzig oder dreißig Jahre lang zu besonderen Gelegenheiten abzuspielen, so wie man auch nur einen einzigen Esstisch in seinem Leben besaß und maximal zwei verschiedene Sofas. Angeblich hielten früher die Gegenstände mehrere Generationen lang, angeblich war alles für die Ewigkeit gemacht und wenn diese auf die Ewigkeit angelegten Gegenstände verschwinden, was bedeutet das Verschwinden für den Begriff der Ewigkeit selbst? 

Es muss eine Zeit gegeben haben, in der sich die Dinge länger hielten als die Menschen, die mit ihnen lebten. Heute erscheint mir das seltsam, denn die Dinge sind für uns in ihrer Flüchtigkeit kaum noch wahrzunehmen, sie sind viel vergänglicher als wir. Ihre Dauer ist auf winzige Lebensläufe zusammengeschrumpft, auf den zwangsläufigen Ersatz. Heute vererbt man noch ein Bild, aber man vererbt keine Wohnzimmereinrichtung mehr. Ein solcher Gedanke ist völlig abwegig. Früher haben sie in Zimmern gelebt, in denen bereits die Eltern und Großeltern gelebt haben und aus den Spuren der Benutzung wurden irgendwann die Spuren der Toten. 

Mein Besitz kommt ohne jede Erinnerung aus. Ich habe kein einziges Möbelstück meiner Eltern oder gar meiner Großeltern in Gebrauch. Ich besitze, was ich mir gekauft habe, meist bei IKEA oder einem billigen Second-Hand-Möbelladen. Natürlich träume auch ich von einem Eames-Chair, doch dieser Sessel, den ich mir nie leisten werde können, trüge eine Erinnerung, die ich nicht verstünde. Jeder ist ja blind für die Spuren einer fremden Familie.

Bei Robert Walser findet man noch das Gedächtnis der Dinge, denn nur so ist zu erklären, warum Walser den unscheinbarsten Resten – der Asche, dem Staub und dem Bleistift – einen solchen Wert beimisst. Das sind eben keine leicht zu ersetzenden Überbleibsel des Gebrauchs oder bloße Nebensächlichkeiten, sondern es sind Dinge, die einmal eng mit dem Leben eines Menschen verknüpft waren und deshalb Aufmerksamkeit verdienen. Keiner meiner Gegenstände, meiner Möbel, elektronischen Geräte, Musikinstrumente und Kleidungsstücke ist älter als zehn Jahre; nur die Bücher reißen aus. Ich besitze weder ein Erinnerungsstück aus meiner Kindheit noch aus meiner Jugend. Alles, was ich mit zwanzig besessen habe, ist verschwunden, wurde abgelöst von neuen oder gebrauchten, anonymen Objekten, die nicht schlechter oder besser sind als ihre Vorgänger. Nur die Geschichte hat sich verflüchtigt. Selbstverständlich existieren Hunderte Fotos. Doch was sind diese Fotos tatsächlich wert?

Gegen elf schließe ich die Renovierarbeiten auf meinem Rechner ab. 27 Alben stehen mir nun zur Verfügung, davor waren es knapp 1.000 und eine solche, fast obszöne Sammlung ist natürlich absoluter Irrsinn. Jetzt gehe ich meine Liste durch und freue mich auf diese neue Übersichtlichkeit, mit der ich für einige Wochen zu leben beschließe:

Lawrence English – Lassitude
The Dead C – Unknowns
The Dead C – All Goodbye
Gate – Falling Ghosts
Space Afrika – hybtwibt?
Markus Floats – Third Album
Helen Svoboda – dormant, I lay
Kevin Drumm – MayerOfPosen
Kevin Drumm – October(Early Warning)
Kevin Drumm – A Small Register Of Motion
Kevin Drumm – 1204
Kassel Jaeger – Swamps / Things
Jim O’Rourke – sleep like it’s winter
Jim O’Rourke – Disengage
Jim O’Rourke – steamroom 53
FUTURAT – Incinerat
Jana Winderen – Pasvikdalen
Julius Eastman – Femenine
Keiji Haino + Sumac – Even for just the briefest moment / Keep charging this “expiation” / Plug in to making it slightly better
Max Bober – Poema
Rome Streetz – Kontraband
Rome Streetz – Noise Kandy 4
Rome Streetz – TKKTK
Ultimate Spinach – Ultimate Spinach
Unseen Worlds – A Young Person's Guide to Unseen Worlds - Mixed by Visible Cloaks
Alio Die & Zeit – Sunja
Ashley Paul – Ray

18. Februar

Gestern Mittag schickt mir meine Mutter eine Nachricht, in der sie schreibt, heute vor dreiundzwanzig Jahren ist dein Großvater gestorben. Vor dreiundzwanzig Jahren war ich dreizehn Jahre alt und wahrscheinlich in der siebten Klasse eines Gymnasiums, das es längst nicht mehr gibt. Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag im Februar und sehe mich nach der Schule (es muss kurz nach zwei Uhr gewesen sein) auf der sanft ansteigenden Straße, an der unser Haus lag, ich sehe das eingeschossige Gebäude des Schusters noch vor der Kreuzung, die in diese Straße führt, sehe auch den Kindergarten, in dem ich selbst einige Jahre gewesen bin, auch wenn mir das jetzt alles unendlich fern erscheint, wie aus einer anderen Welt.

Ich laufe unsere Straße hinauf, meinen Rucksack auf dem Rücken und nehme den Weg kaum wahr. Ich bin ihn so oft gegangen, dass ich jeden Zentimeter kenne, die Abfolge der Häuser links und rechts, die Anordnung der Laternen, das Auftauchen des Abzweigs auch, der keine Straße, sondern nur ein Pfad ist und hinunter führt in Richtung der Schrebergärten. Ich habe auf dieser Straße längst einen ganz automatischen Gang angenommen, der mir nicht mehr ins Bewusstsein dringt und spüre, ohne meinen Blick vom Fußweg zu heben, wie weit das Haus meiner Eltern entfernt ist (das erkenne ich aus den Augenwinkeln an den an mir vorbeifließenden Lattenzäunen der Vorgärten).

Als ich mir sicher bin, unser Gartentor zu erreichen, hebe ich meinen Blick und bleibe stehen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkt das Auto meines Vaters, ein schwarzer, fünftüriger Mazda. Seit ich in der Schule bin, ist mein Vater niemals um die Mittagszeit zu Hause gewesen, er fährt morgens um sechs Uhr zur Arbeit und kehrt abends um sieben zurück. Ich weiß sofort, dass etwas vorgefallen ist, etwas muss ganz einfach passiert sein, aber natürlich ahne ich nicht, was genau das ist.

In jeder Familie existieren geheime Zeichen, die für das Außerordentliche stehen, ein Katalog aus dem Alltag fallender Symbole, der nur für diese Familie Verbindlichkeit besitzt und deshalb auch nur von ihren Mitgliedern verstanden werden kann. Diese Zeichen speisen sich aus dem Abstand zum Gewöhnlichen, es sind die Brüche im Muster des Alltäglichen, das Unerwartbare, das sich den Abläufen entzieht. Da die Abläufe in jeder Familie verschieden sind, trifft das auch auf das Unerwartete zu, auf die Ereignisse, die alles zum Stillstand bringen und dabei zeigen, wie fragil und wirkungslos unsere Routinen sind, mit denen wir das Leben überziehen, die uns Halt geben sollen und Sicherheit, eine Sicherheit, die sich genau dann als vollkommen unerheblich und fiktiv entpuppt, wenn man sie am nötigsten hat.

Ich betrat den Flur, zog meine Schuhe aus und legte meinen Rucksack und die Winterjacke ab. Im Wohnzimmer lief der Fernseher. Ich öffnete die nur angelehnte weiße Tür und trat hinein. Meine Schwester saß auf dem Teppich und sah sich einen Zeichentrickfilm an, was nichts Ungewöhnliches war. Sie ging noch in die Grundschule und hatte früher Schluss und deshalb traf ich sie bei meiner Rückkehr meist vor dem Fernseher, was nicht selten zu Streit führte, denn natürlich wollten wir beide über das Programm bestimmen und bekamen uns dadurch ständig in die Haare.

Heute aber lag eine ganz merkwürdige Stille im Raum und als ich näher trat, entdeckte ich meinen Vater auf der Couch. Er saß und sah dem Zeichentrickfilm zu, als wäre das etwas ganz Normales, als läge darin der Sinn dieses Tages und nicht die Andeutung des Wahnsinns und Zusammenbruchs der Welt. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich bin mir nicht einmal sicher, ihn begrüßt zu haben. Ich stand nur irgendwie im Raum und suchte nach einer Erklärung, die sich nicht finden ließ, nach einer Andeutung für die Verschiebung unserer Welt.

„Dein Großvater ist heute gestorben“, sagte mein Vater, als er mich endlich bemerkte. Er sagte das so, als mache er eine einfache Feststellung, als stünde er an einem der Fenster, die in den Garten zeigten, und sagte, „Wir müssen den Rasen mähen“ oder „Ich werde den Apfelbaum im Sommer beschneiden“. Nur wirkte er in sich gekehrter als sonst, er wirkte ernst und dieser Ernst hing mit der Stille und der Schwere zusammen, die auf dem Wohnzimmer lag und nach diesem Satz meines Vaters anzuwachsen begann, sie füllte alles restlos aus und nahm mir allmählich die Luft.

Meine Schwester verfolgte noch immer das Geschehen auf dem Fernseher. Die comichaften Soundeffekte des Trickfilms prasselten ungehindert auf uns ein. Nichts schien dem Tod zu entsprechen. Ich spürte, dass etwas Unglaubliches vorgefallen war, auf das aber niemand von uns angemessen reagierte. Mein Vater brach nicht in Tränen aus, er wirkte nicht verzweifelt, sondern nur bedrückt. Meine Schwester lief nicht kopflos und heulend durch die Gegend. Und auch ich spürte keinerlei Trauer, sondern nur die Verwirrung darüber, keine Trauer zu verspüren. 

Auf unserem Wohnzimmer lag diese Stille, jene merkwürdige Schwere, doch ließ sich das aufscheinende Gewicht mit der Trauer um einen Toten gleichsetzen, die Trauer um meinen Großvater, der vor wenigen Stunden und noch dazu an seinem achtzigsten Geburtstag gestorben war? Sah so das Sterben am Ende aus, die Geräusche eines Trickfilms im Hintergrund und drei Menschen, die nicht wussten, was sie damit anfangen sollten? Den Tod hatte ich mir stets als etwas Unfassbares vorgestellt, als eine Größe, die einen umwarf und sich gar nicht recht in Worte fassen ließ und nun spulte sich das Unfassbare vor meinen Augen ohne jede Feierlichkeit ab, ohne das Drama der Verzweiflung. Es gab nur den Bruch der alltäglichen Muster, die sich in der Anwesenheit meines Vaters in unserem Wohnzimmer zeigte, doch dieser Bruch schien die Tiefe des Vorgefallenen, mit dem er in Verbindung stand, in keiner Weise auszuleuchten, er wurde dem Sterben ganz einfach nicht gerecht und ich denke heute, dass wir das damals begriffen oder zumindest erahnten und deshalb an diesem Nachmittag dem Zeichentrickfilm weiter zusahen in unserer ganz eigenen Ratlosigkeit und Verwirrung darüber, dass sich der Tod schlussendlich eben auf diese Weise einstellt, er fällt zwischen die Lebenden und die Lebenden versuchen unbeholfen mit ihm umzugehen. Und nach und nach verstehen sie, wie wenig sie vorbereitet waren auf das, was passiert, wie wenig die inneren Bilder vom Sterben den späteren, äußeren entsprechen.

* * *

Am Abend gehe ich noch einmal für einen Spaziergang hinaus. Die Sonne taucht schon unter die Wolkendecke und lässt einen richtigen Tiepolo-Himmel entstehen und wenige Minuten später laufe ich am Flussufer entlang. Das Hochwasser ist verschwunden, hat auf den Wegen aber eine Schlammwüste hinterlassen, so dass ich häufig auf das Gras ausweichen muss.

Ich laufe in Richtung Luisenpark, nehme die Treppe hinauf zur Brücke, die am Krankenhaus zum äußeren Park führt und als ich oben auf dem letzten Treppenabsatz ankomme, fährt eine Exkollegin aus dem Museum auf ihrem Rad an mir vorbei. Unsere Blicke kreuzen sich nur für den Bruchteil einer Sekunde, doch ich weiß, dass sie mich erkannt hat, spüre dieses Erkennen mit einem tierischen Instinkt, vielleicht haben unsere Vorfahren vor sechzigtausend Jahren auf diese Weise das Auge des Säbelzahntigers registriert, sage ich mir, doch da ist meine Exkollegin schon verschwunden.

Früher hat mich dieses absichtliche Wegsehen wahnsinnig gemacht, heute aber lässt es mich kalt. Ich kann das alles sogar verstehen, wir waren nie wirklich eng miteinander, warum also sollte sie jetzt vom Rad absteigen, um mit mir ein gezwungenes Gespräch zu führen, das uns nur als Zeitverschwendung im Gedächtnis bleiben wird? Warum sich quälen, wenn es auch anders geht? 

Ich laufe durch den Park, denke an die Nachricht meiner Mutter und den Todestag meines Großvaters und erreiche bald den Sportplatz im Hintergrund. Hier gibt es eine Aschenbahn, auf der die Leute joggen und auch ein Fußballfeld und Sportgeräte zum Krafttraining. 

Ich entdecke die vietnamesischen Fußballer schon von weitem. Sie haben kleine Plastikzylinder auf dem Gras verteilt und spielen zu acht gegeneinander. Sie sind sicher um einiges jünger als ich, wahrscheinlich Mitte zwanzig und sie sprechen ein aufgeregtes Vietnamesisch, das ich damals auch in Hanoi gehört habe. Eine Supersprache, denke ich, während ich ihnen für eine Weile wie einer dieser alten Männer zusehe, die scheinbar nie etwas zu tun haben. Ich wünschte, ich könnte verstehen, was sie sagen, schaffe es aber nur, den eingespielten Bewegungen der Fußballer zu folgen, die sicher auch einen deutschen Pass haben und jetzt hier mit genialen vietnamesischen Kommandorufen über den Platz wetzen. Ich frage mich, wie das wohl ist, als Kind von Einwanderern aufzuwachsen in einem Land wie Deutschland und sehe den Fußballern weiter zu, während Menschen in blauen Trainingsanzügen durch das Bild joggen.

Auf dem Heimweg höre ich Russisch und Polnisch, irgendwann auch Englisch. Das alles erscheint mir wunderbar an diesem Abend. Für einen Moment fühlt es sich wirklich so an, als würde ich in einer Großstadt leben, in der die Herkunft manchmal in den Hintergrund tritt und auch ganz unerheblich ist in vielen Augenblicken. Als wäre ich plötzlich an einem anderen Ort, müsste vielleicht nicht einmal mehr auftauchen in meiner Wohnung. Hätte mich von allem für eine Weile gelöst. 

17. Februar

Mit meiner Kaffeetasse trete ich an das geöffnete Schlafzimmerfenster und sehe in den Hinterhof. Auf der Mauer, die unseren Teil des Hofs vom Nachbarhaus trennt, sitzt eine Taube und schaut mich an. Ich bewege meinen Kopf, ganz langsam zunächst, um sie nicht zu verschrecken und registriere das aufflammende Interesse des Vogels. Die Taube, ein ganz gewöhnliches Exemplar, eine richtige Stadttaube, deren Verschwinden man überhaupt nicht bemerken würde, erwidert neugierig meinen Blick, dreht den Kopf mit diesen abgehackten Vogelbewegungen, um mich besser zu betrachten. Und auch ich bewege meinen Kopf, einfach um zu sehen, was die Taube daraus macht. Noch immer beobachtet sie mich interessiert. Wahrscheinlich wirkt mein aus dem Nichts aufgetauchtes Gesicht auf sie ganz verrückt, damit hat sie nicht gerechnet. Für eine Sekunde stelle ich mir vor, wie sehr sie mein plötzliches Heraustreten aus dem Fenster erschrecken müsste, ich sehe meinen Körper durch den Hinterhof schweben, direkt auf diesen Vogel zu, der vor Angst erstarrt, wie ich glaube, denn ganz sicher besitzen auch Tauben ein Gespür für die Unmöglichkeiten unserer Art, für das, was uns Menschen somit versagt bleibt, das Fliegen zum Beispiel.

Wir bewegen gemeinsam unsere Köpfe. Der kleine Kopf der grauen Taube, die den Dinosauriern weitaus ähnlicher ist, als ich das bin mit meinem geringprozentigen Neanderthalerschädel, zuckt noch immer auf der Mauer herum, doch diese Bewegungen ebben allmählich ab. Die Gewohnheit hält zwischen uns Einzug, wir verlieren zur gleichen Zeit das Interesse aneinander. Auch darin sind uns die Tiere ähnlich. In der Begeisterung am neuen Reiz, im Auftauchen des Unbekannten, das die Blicke auf sich zieht. Vielleicht besitzen am Ende auch die Tiere ein Verständnis für das Unheimliche, denke ich dann, für eine Begegnung, die aus dem Rahmen fällt, weil sich jemand eigenartig bewegt, zu lange den eigenen Blicken standhält, die Worte falsch betont.

Das noch morgendliche Licht spült weich über die Häuser. Ein wenig fühlt es sich schon nach Frühling an, jetzt, wo die Temperaturen wieder steigen. In der kommenden Woche soll es bereits fünfzehn Grad über Plus geben, lese ich vom Display meines Handys ab und das ist dann doch etwas zu viel. Fünfzehn Grad im Februar! Wie soll die Natur da nicht durcheinander kommen? Und wie sollen wir dabei nicht ganz verrückt werden? 

Im Flur probiere ich vorsichtshalber schon einmal meine gelbe Übergangsjacke von RAB an. Das mache ich vor jedem Wechsel der Jahreszeit, bevor es warm oder kalt wird. Dann stehe ich an einem Morgen vor dem Spiegel und probiere meine Winterjacken an, die ich ja zur Genüge kenne, ich weiß also, wie ich in ihnen aussehe und genauso verhält es sich auch mit meinen Übergangs- und Regenjacken. Doch obwohl ich das alles weiß, stehe ich kurz vor dem Auftauchen der Wärme oder der Kälte in unserem Flur und inszeniere eine Modenschau. Kaum etwas bereitet mir mehr Freude als dieses Anprobieren, was ich nur halb auf meine Eitelkeit schiebe.

Während ich die Jacken wechsle und mich dabei im Spiegel betrachte, habe ich das Gefühl zu einem anderen zu werden, vielleicht sogar zu einem ganz neuen Menschen. Mein Spiegelbild ist mir um Wochen voraus, steckt bereits in einer Jahreszeit, die erst noch kommen wird, die bislang nur in meiner Vorstellung existiert. Im Spiegel taucht die Zukunft bereits auf und mit ihr die Vorfreude, doch diese Zukunft ist nur halbumschrieben. Es gibt sie bloß als einen Wechsel der Temperatur, alles andere in ihr bleibt reine Möglichkeit. Ein ganz neues Leben, ein Aufbruch, der Aufruhr. Die Probe meiner Jacken bereitet mich auf diesen vor, ich teste den Aufruhr aus, ich sehne mich nach einer ganz neuen Wendung. Im Spiegel scheint sie greifbar und unendlich leicht zu sein, fast so, als zöge man sich eine neue Jacke an und liefe einfach davon.

Gärten in der Wildnis, 14. Februar

Vor ein paar Tagen hat mich der Probedruck meines Romans erreicht und als ich das Buch aus der Luftpolstertasche ziehe, spüre ich echtes, ungetrübtes Glück. Ich kann nicht glauben, jetzt endlich dieses Buch in den Händen zu halten, das im Sommer erscheinen soll. Nun passiert es also, denke ich aufgeregt, jetzt geht es wirklich los.

Ich mache einige Fotos mit dem Roman in meinen Händen und schicke sie C, der nach wenigen Minuten begeistert antwortet. Wow!, schreibt er, voll der Wels! Er schreibt Wels, nicht Wälzer, was ein kleiner Scherz ist und natürlich hat er recht. Gärten in der Wildnis ist kein kurzer Roman, aber dafür hat der Verlag alles sehr lesbar gesetzt. Man kommt gut hindurch, braucht für eine Seite nur wenige Minuten. Zu klein gesetzte Bücher machen mich wahnsinnig. Ich verstehe natürlich die wirtschaftlichen Aspekte, die geringeren Herstellungskosten und so weiter, aber für den Leser ist eine winzige Schrift nichts weiter als Qual. Wer will schon eine Viertelstunde für zwei Seiten brauchen, die so eng gesetzt sind, dass man als Notfall in der Augenklinik landet. Mir ging das damals mit Goethes Dichtung und Wahrheit so. Nach dem dritten Band war ich brillenreif und das nur, weil dtv die Herstellungskosten windschief kalkulierte.

Nachdem ich den Probedruck zur Seite gelegt habe, mache ich mich wieder an die Arbeit. Ich gehe ein weiteres Mal über den zweiten Roman, schreibe drei Kapitel um, was mir gut von der Hand geht, auch wenn ich in der letzten Nacht richtige Panik hatte vor dieser neuerlichen Schreibarbeit. Ich weiß nie, ob mir die Korrekturen gelingen, ich steuere im Blindflug durch meinen Text, anfangs fühle ich stets eine immense Abneigung gegen diese Neubehandlung und meine Abneigung lässt mich wie ein Tier um den Schreibtisch schleichen. 

Sobald ich aber die Trägheit überwinde, geht alles von allein. Lese ich die erste Zeile im Typoskript, stecke ich drin und beginne zu arbeiten. Ich lege ein Kopie des Kapitels an (natürlich nur zur Sicherheit, denn ich weiß, dass ich diese Kopie nicht mehr brauchen werde), stoße zur besagten Stelle vor, an der mein Erzähler auf den Galeristen trifft, um mit ihm aus der Bar in die Nacht und damit in das Chaos zu verschwinden und schon knüpfen sich die Verbindungen wie von selbst, die Gespräche spulen sich fast automatisch ab und mir kommen neue Einfälle, die ich gut finde, sehr gut sogar. Dieser Fluss der Worte und Zeilen beruhigt mich, die Sprache, die von sich aus zu fließen beginnt. Vielleicht ist das blinde Arbeiten meine einzige Beruhigung, ein Arbeiten, in dem ich mich vergessen darf, untergehe, verschwinde. 

Sobald K das Zimmer betritt, wedele ich sie weg und fühle mich erstaunlicherweise wie Thomas Mann, von dem ich einmal gelesen habe, dass ihn Klaus und die restlichen Kinder niemals im Schreibzimmer stören durften. In der Nachahmung einer solch peinlichen Geste fühle ich mich merkwürdigerweise sehr bedeutungsvoll, auch wenn ich ahne, K damit zu verletzen.

Später entschuldige ich mich bei ihr. Das ist nichts weiter als meine Eitelkeit, erkläre ich, wenn es einmal gut läuft, kann jede Unterbrechung alles zerstören, man spürt den Sätzen ja nur nach, hat sie erst wirklich erwischt, wenn sie auf dem Bildschirm leuchten. Davor bleibt das meiste undeutlich und formlos und jeder Versuch aus dieser Formlosigkeit etwas ans Licht zu holen, steht auf wackeligen Füßen, ist ganz unbeholfen sogar. Eine falsche Unterbrechung und schon stürzt das Kartenhaus ein und man findet nicht oder nur unter wirklich barbarischen Schwierigkeiten zurück.

Ich glaube, dass K meine Erklärungsversuche akzeptiert und setze mich, nachdem ich die Tür zum Schlafzimmer hinter mir ins Schloss gezogen habe, wieder an den Schreibtisch. Ich starte den Livestream von WFMU, bevor ich weitermache, obwohl ich natürlich weiß, mit Musik im Hintergrund nicht schreiben zu können. In New Jersey spielt gerade eine elektronische Dronekomposition, die mich augenblicklich nervös macht und deshalb schalte ich die Musik wieder aus. Jetzt ist es still im Zimmer. Nur ab und zu dringen Geräusche aus dem Flur zu mir herein, aber diese Geräusche sind stumpf, als wären sie weit weg, als wäre auch K weit weg, als trennte uns ein schwer zu beschreibendes Gebiet, ein Hafen vielleicht, der voller Klänge und Rufe ist, auch wenn man die Urheber dieser Klänge und Rufe nicht ausfindig machen kann.

Zum Schreiben brauche ich Ruhe. Ich kann zum Beispiel nicht wie Knausgård arbeiten, der, wie ich einmal las, zwangsläufig einen Song in Endlosschleife im Hintergrund spielen lässt. Das ist sehr knausgårdig, finde ich, ein Lied von Echo & the Bunnymen laufen zu lassen, während man über die eigene Jugend und das Erwachsenwerden schreibt, über Norwegen im Schnee und die Schüchternheit und das komplizierte Verhältnis zu den Mädchen. Ich kann das leider nicht, obwohl ich es mir manchmal wünsche. Ich kann auch nicht in warmen Zimmern schreiben, zumindest nicht im Winter. Ich muss das Fenster weit öffnen (im Hinterhof liegt noch Schnee, es sind vier Grad im Minus) und ich muss die kalte Luft spüren, die in den Raum hinein fließt. 

Die Wärme einer Heizung macht mich beim Schreiben ebenso unruhig wie Musik aus dem Off oder die Schritte meiner Nachbarn über mir. Die Kälte löst etwas aus, sie macht die Gedanken klarer und leichter, auch scheint es mir hin und wieder so, als würde ein geöffnetes Fenster das Zimmer erweitern, die Dimensionen sozusagen vergrößern, um damit die gewohnten Verhältnisse auf den Kopf zu stellen. Der Kontakt zur Außenwelt ist durch ein geöffnetes Fenster plötzlich da, die Welt kommt als Geräuschmuster zu mir, es wirkt, als würde ich halb auch im Hinterhof sitzen und nicht abgeschottet in einem Raum und das finde ich wunderbar, diesen Zwischenzustand, als sei ich Teil der Welt und des Viertels mit meinem Schreiben, als sei ich Teil der Kälte auch, die ich viel zärtlicher finde als die künstliche Wärme, die das Zimmer beherrscht.

Gegen zwölf Uhr speichere ich den zweiten Roman, der jetzt wirklich und endlich fertig ist, fühle aber nichts. Keine Euphorie, keine Erleichterung, kein Stolz auf die geleistete Arbeit. In solchen Momenten spüre ich niemals etwas, das ist einer meiner hervorstechenden Charakterzüge. Es fühlt sich eher so an, als wäre überhaupt nichts geschehen, als existierten weder Arbeit noch Ergebnis. Eigentlich möchte ich sofort weitermachen und etwas neues beginnen, weiß aber, dass ich gegen diesen verfrühten Gedanken ankämpfen muss. 

Noch immer, trotz des Erscheinens meines ersten Romans im Sommer, fühle ich mich so, als würde es das alles nicht geben, als schriebe ich weiterhin in die Stille hinein, in eine Unwirklichkeit, als sei diese Arbeit, wie alles andere auch, am Ende eben doch vergebens, bliebe ohne Reaktion. Vielleicht ist das meine Angst, sich wieder und wieder abzumühen und doch niemals die Startlinie zu erreichen, nicht das Ziel etwa, sondern den Start, denn ich fühle mich noch immer so, als bereitete ich das Schreiben bloß vor, als brächte ich es gerade auf den Weg, obwohl ich ja seit Jahrzehnten schreibe, obwohl es so viele abgeschlossene Texte und Bücher gibt. Doch die Bücher allein reichen nicht aus. Man muss auch hinaus, es braucht ja Leser und Verlage und diesen ganzen Zirkus, den ich nicht verstehe, der mir sogar Angst macht, wenn ich ehrlich bin, denn ich kenne meine Unfähigkeit zu gut, ich weiß, wie wenig ich als Vermarkter funktioniere, als jemand, der Kontakte knüpfen soll, der etwas hermacht, der interessant ist. 

Allein der Gedanke an das Geschäft, das ja nun einmal dazu gehört, setzt etwas in mir in Gang, das ich nur als Abgrund beschreiben kann. Eine ganz unmäßige Leere macht sich in mir bemerkbar, eine Erstarrung, die sich an die ungewisse Ahnung knüpft, alles könnte am Ende doch vergeblich sein und ich niemals im Bereich des Schreibens existieren. Als ein Mensch also, der Bücher veröffentlicht, der vielleicht sogar über diese Bücher spricht, den andere Menschen als jemanden wahrnehmen, der schreibt, vielleicht sogar davon lebt, der sich Gedanken macht und Geschichten baut und dabei immer unsicher bleibt, unsicher bis in die Ausweglosigkeit.

Merkwürdigerweise liegt darin meine Grundstimmung. Jeder Mensch besitzt so etwas wie eine Grundstimmung, eine unvernünftige, vorbewusste Reaktion auf das Leben und die Ansprüche, die dieses Leben stellt. Meine Grundstimmung war stets der Glaube an die Unerheblichkeit des eigenen Tuns, an die Vergeblichkeit jeder Handlung. Insgeheim war ich der Meinung, alles, was ich tat, würde keinerlei Ergebnis zeitigen, würde ungesehen verhallen, sich einfach folgenlos auflösen. Meine Mutter hat sich über diese Einstellung dem Leben gegenüber bereits lustig gemacht, als ich noch ein Kind war. Bis heute kursiert bei uns die Erzählung, ich wäre auf einer Wanderung durch den Thüringer Wald schon auf dem Parkplatz der Meinung gewesen, wir würden den Aufstieg nicht schaffen. Das schaffen wir sowieso nicht, hätte ich damals gesagt. Und dieser Satz – das schaffen wir sowieso nicht – ist mit den Jahren in unserer Familie so etwas wie mein Erkennungszeichen geworden, das man mir immer dann halb im Scherz vorgehalten hat, wenn es um eine größere Aufgabe ging, die vor mir stand.

Seltsam, denn ich habe alle größeren Aufgaben ziemlich gut gemeistert, so gut sogar, dass die anderen, die ebenso wenig Vertrauen in meine Fähigkeiten hatten wie ich selbst, manchmal über das Ergebnis staunten. Das war bei meinem Abitur der Fall und bei meinem Studium, das ich mit Auszeichnung abgeschlossen habe, auch wenn ich mir daraus nichts mache und darauf auch nichts einbilden will. Viele andere schließen mit Auszeichnungen ab. Viele andere, die womöglich ebenso wissen, wie wenig hinter einem solchen Abschluss steckt. Bei meinen späteren Jobs lief es auf dasselbe hinaus. Doch für mich zählt das alles nicht. Ich nehme es kaum wahr.

Ich greife nach meinem Handy und mache den Fehler, auf Instagram nach anderen Autoren zu suchen. Ich lese von Debütromanen, von Zweitauflagen, bevor das erste Buch überhaupt erschienen ist, ich folge langen Kommentarketten und Danksagungen an befreundete Rezensenten, Blogger, Podcaster, die sich um den Roman bemüht haben, im Vorfeld schon so viel Werbung gemacht haben für ihn und während ich das alles lese, werde ich immer stiller, ich kann mir beim Verschwinden regelrecht zusehen, registriere meinen offenen Rückzug. Im Anblick dieser Betriebsamkeit, hinter der ja ein sehr gut funktionierender Geschäftssinn steckt, werde ich sprachlos, ich kann mich darin nicht im Ansatz wiederfinden. Ich ahne, genau hier die Kehrseite des Schreibens vor Augen zu haben, für die ich keinerlei Begabung besitze und dieses Ungenügen zieht sofort meine gesamte Existenz in Zweifel. So sehen die Regeln des Spiels nun einmal aus, sage ich mir, du entkommst ihm nicht. Auf die Gärten wartet keine Zweitauflage. Es ist ja noch nicht einmal klar, ob nicht doch noch alles aus den Rudern laufen wird. Das Erscheinen des Buchs steht auf wackeligen Füßen, höre ich mich sagen, so viel kann bis zum Sommer noch passieren. Ich möchte vertrauen, doch aus irgendeinem Grund fällt mir das unbeschreiblich schwer. Mir fehlt die Fähigkeit, an die Güte der Welt zu glauben. Daran, alle Teile fänden am Ende zueinander, auf jeden warte ein Happy End. Dabei verachte ich das Happy End. Das Leben ist doch voller Tragödien!, rufe ich theatralisch, das Leben ist doch eine einzige Katastrophe voller Unterbrechungen! Nur wäre es eben schön, wenn mich diese Tragödie jetzt auch einmal in Ruhe ließe, sich einmal zurückziehen würde für eine Weile.

Am Ende misstraue ich der Welt. Ich gehe stets davon aus, sie lauere nur auf unseren Sturz, auf den Fall, der nicht ausbleiben kann. Unsere Sehnsucht stachelt sie an, sie versucht die Träume zu verwischen, unsere Pläne zu durchkreuzen. Die Welt ist keine Verbündete, im Gegenteil. Man läuft gegen sie an, wieder und wieder, und erfährt doch kaum, ob dieses Anlaufen etwas nützt oder ob es am Ende eine Tätigkeit unter anderen bleibt. Wie das Sitzen in einem Büro, das Warten in einem Wartezimmer, das Telefonieren mit einem Unbekannten.

* * *

Wir haben fast nichts mehr in unserem Kühlschrank und deshalb beschließe ich gegen halb zwölf einzukaufen. Im Lidl ist bereits viel los, aber die Leute wirken desorientiert, als könnten sie mit der Situation, in der sie sich befinden, nicht wirklich etwas anfangen. Ich manövriere an Großmütterchen vorbei, die so wirken, als wären sie beim Prüfen von abgepacktem Salat, Paprika und roter Beete eingeschlafen und lege dabei wahllos irgendwelche Dinge in meine blaue Ikeatüte. 

Ich bin nicht besonders experimentierfreudig. Wenn es um das Essen geht, fühle ich mich sogar ausgesprochen gewöhnlich und folge eingefahrenen Gleisen. Eigentlich kaufe ich immer das gleiche, ich kaufe Salat, Pak Choi, Gurken, Paprika, ein paar Dosen Kidneybohnen, vegetarische Burger, Cheddar in Scheiben, Joghurt und Skyr, Tiefkühlgemüse, das ich für die Arbeit aufwärmen werde, hin und wieder eine Nussmischung oder so etwas, ein paar Maiswaffeln und Erdnussbutter. Ich will so wenig Zeit wie möglich an das Essen verschwenden und besitze für das Kochen keinerlei Geduld. Alles muss nur schnell gehen und satt machen, das war schon während meines Studiums in Berlin der Fall und das habe ich bis heute beibehalten. Ich mache mir schnell etwas warm und schaufle das zusammengewürfelte Ensemble dann in Windeseile in mich rein, während ich ein neues Video von John Oliver auf Youtube schaue.

Gegen eins scheint wieder alles weit weg. Die Bücher, meine beiden Romane, mein unnützes Anrennen, die Enttäuschungen und Vergeblichkeit. Das alles werde ich nicht mehr los, zumindest nicht in diesem Leben. Diese Vergeblichkeit wird mich begleiten, wir werden uns gemeinsam irgendwann davon machen. Ich möchte in diesem Jahr noch verreisen, denke ich plötzlich, ich möchte etwas anderes sehen. Nicht mehr nur diesen Hinterhof. Vielleicht die Slowakei oder Schottland. Aber Fliegen möchte ich auch nicht mehr. Ich fahre mit dem Zug und mit der Fähre. Das muss doch möglich sein. Wenn alles gut geht, bin ich im Sommer unterwegs.

Teich, 12. Februar

Im Park ist der Teich zugefroren, die Fontäne, die im Frühjahr und Sommer in der Mitte des Wassers lotrecht in Richtung Himmel schießt, um nach einigen Metern durch den Wind auszufasern und sich in einen Schleier zu verwandeln, wurde von der Parkverwaltung schon vor Monaten abgeschaltet. Das Wasser ist mehrfach überfroren, ich hocke mich an das mit Pflastersteinen ausgekleidete Ufer, das sehr sanft zum Teich hin abfällt und sehe mir das Eis näher an, in dem Luftblasen eingeschlossen in der Sonne schweben. Es sieht so aus, als existierten dort unten viele Schichten und nicht einfach bloß eine mehrere Zentimeter dicke Eislage. Das Eis selbst besitzt eine ganz merkwürdige Tiefe, die sich mit den Augen durchdringen lässt, eine regungslose Tiefe voller Einschlüsse, voll Laub, Blasen, Schmutz, Rissen und Schlieren, eine ganz phantastische und rätselhafte Landschaft, die der Frost in den letzten Tagen gebildet hat. 

Ein paar Meter von mir entfernt steckt einer der grauen Metallstühle im Eis, die es überall im Park verteilt gibt. Jemand muss ihn in das Wasser geworfen haben. Jemand, der auf die Kälte wartete, der das Überfrieren des Teiches erahnte und sich für die Verwandlung interessierte, die dieser Stuhl durch das Eis erfährt. Verlorene Gegenstände im Eis wirken immer unheimlich in ihrem Schwebezustand, sie verwandeln sich, verändern ihr Wesen. Ein Stuhl im Eis ist nicht mehr einfach nur ein Stuhl. Er wird sofort zu einem archäologischen Rätsel, so wie ein steifgefrorenes Urzeittier in der sibirischen Einöde nicht mehr einfach nur ein Tier ist, das durch einen dummen Zufall Tausende von Jahre überdauert, sondern ein Symbol oder Zeichen für die Entwicklung irgendeiner Art, für die Darstellung eines wissenschaftlichen Konzepts, der Evolution zum Beispiel. 

Das Eis ist stabil. Ich betrete die Fläche und fühle den Achtjährigen in mir, der dem plötzlich unbeweglichen Wasser misstraut. Ich wippe ein wenig auf und ab, versuche so die Stärke und Verlässlichkeit des durchscheinenden Bodens abzuschätzen. Alles wirkt gut, das erstarrte Wasser trägt mich und ich fasse Vertrauen. Ein paar Minuten später gleite ich über das Eis. Ich nehme auf der Uferwiese Anlauf und schiebe mich über die helle Fläche. Was die anderen wohl denken?, geht es mir durch den Kopf. Ein fast Vierzigjähriger, der über den zugefrorenen Teich schlittert. Vielleicht schütteln sie ihre Köpfe. Der wird auch nicht erwachsen, tuscheln sie, wahrscheinlich führt er ein ganz verantwortungsloses Leben.

Mir fallen die Karpfen ein, die es hier gibt und die K hasst. Sie findet sie schleimig und in ihrer unermüdlichen Gefrässigkeit abstoßend. Ich überlege, wo diese Karpfen jetzt sind. Sicher in der Tiefe, sage ich mir, was wiederum den Gedanken nach sich zieht, wie weit das Eis hinabreicht in die Dunkelheit. Was machen die Fische dort unten? Müssen sie nicht irgendwann an die Oberfläche? Ich könnte nach einer Antwort suchen, denn ich habe mein Handy dabei, aber wie bei vielen anderen Naturrätseln auch, die mir eine ziemlich umfassende Wissenslücke vor Augen stellen, eine wirklich profunde Ahnungslosigkeit mit Blick auf sehr elementare natürliche Vorgänge, tue ich nichts. Ich würde die Antwort ja doch nur vergessen. Viel zu oft habe ich den Grund für das Blau des Himmels nachgeschlagen, um einige Monate später wieder bei null anzufangen. Und der Grund dieses Blaus ist ein einziges Faktum im Meer unendlicher Fakten. Wie war das noch, die Brechung des Lichts in einem Element der Atmosphäre? Die farbbestimmenden Moleküle, ein Prisma, die Wellenlänge der Strahlen. Das Eis ist ganz stumm. Kein Knacken, kein Knistern. Als gebe es da nichts, auf dem ich stehe, um in Richtung des anderen Ufers zu schlittern. Eine weite, gläserne Abwesenheit, die unter mir liegt und nur der Temperatur geschuldet ist, die in den kommenden Tagen wieder ansteigen soll. Dann wird auch diese stille Fläche hier verschwinden und einer der Parkangestellten wird sich abmühen, den unter Wasser gesetzten Metallstuhl an Land zu zerren. Für ihn wird das kein Rätsel sein. Nur eine weitere Aufgabe, die man zu erledigen hat, während man die eigentlich Verantwortlichen insgeheim beschimpft, um ihnen eine unklare, mindestens ebenso nervtötende Strafe an den Hals zu wünschen.