26. Februar

Die erleuchteten Wohnungen im Hinterhof wirken jetzt am Abend wie eine Szene aus dem Dekalog von Kieslowski, lauter helle Kästen, in denen sich Leute bewegen und ein fremdes Leben führen. Die Linien dieser Leben scheinen mir für einen kurzen Augenblick vertraut und meinem eigenen ähnlich, doch sobald ich etwas länger hinsehe, kehrt die Fremdheit zurück. Überall flimmern Fernseher als riesige Flechten an den Wänden, im Erdgeschoss wohnt ein Mann, den ich auf Ende Fünfzig schätze und dieser Mann ist immer allein. Meist quert er in einem weißen Feinrippunterhemd seine Wohnung (das Wohnzimmer mündet in eine offene Küche), läuft zum Kühlschrank, öffnet ihn, da ist wieder Licht, diesmal ein helles Leuchtstoffröhrenlicht, er holt etwas hervor, wahrscheinlich etwas zu essen, denke ich, und dann steht er für einige Augenblicke an einem Tresen, der die offene Küche vom restlichen Wohnzimmer zumindest provisorisch trennt und sieht zu seinem gigantischen Bildschirm. In diesem Moment verschwindet er, dort unten steht die Einsamkeit, für sie gibt es kein besseres Bild und während der Mann selbstvergessen auf irgendetwas wartet und nichts tut, läuft über ihm eine Rentnerin hinter den Vorhängen von links nach rechts, ruhelos und durcheinander, als warte sie auf Besuch, auf die Kinder, die sich angemeldet haben und doch nicht kommen werden. 

Gestern spaziere ich am Flussufer entlang, das voller Menschen ist, die Leute fallen regelrecht übereinander her, die Möwen kreisen angriffslustig über unseren Köpfen, Kinder schreien, als wären sie verwundet, Hunde rasen aufeinander zu und überschlagen sich lefzenfetzend im Spiel und auf den Steinstufen sitzt ein Auditorium aus Jugendlichen und Pennern und sieht meinem Spaziergang total unbeeindruckt zu. Äußerlich umgibt sie das Gespenst jener wahnsinnigen Grundlässigkeit, deren Kehrseite von einem Meer aus Unsicherheit, Angst und Verwirrung gebildet wird und aus diesem Meer kommt man nur selbst heraus und das braucht viele Jahre. Einige gehen währenddessen unter, finden sich ab, viele kommen auch nie ganz heraus, alles ist Sumpf, man tauscht Meer gegen Brachland und das Brachland gegen eine Stadt und dort spult man die Versuche ab und manchmal glaubt man, dem Ziel ein wenig näher zu kommen.

Neulich spricht mich am Bahnhof jemand an und bettelt um Geld, aber ich mach da nicht mehr mit, mein Mitleid ist kaum noch vorhanden, hat sich komplett abgenutzt in den letzten zwei oder drei Jahren, ich spende ab und zu für Wikipedia oder irgendeinen anderen schrecklichen Grund und hasse insgeheim die wunderbaren Moralisten, die sich überall bemerkbar machen, um ihre Hilfsleistungen ganz kleinteilig aufzuzählen. Am Ende haben sie ja recht, aber sie sollen mich in Ruhe lassen. Mein Versuch besteht seit längerem darin, den Ausstieg zu schaffen, den Riss im Mauerwerk zu entdecken, durch den ich schlüpfen kann, die lose Holzlatte im scheinbar gut vernagelten Zaun, nur stellt sich das natürlich als nicht ganz so leicht heraus, wie anfangs gedacht. 

Vor Jahren habe ich einmal auf der Fahrt zu meinen Eltern hinter dem Zugfenster einen Mann am Bahnhof gesehen, der mich komplett umgehauen hat. In irgendeinem Provinznest der thüringischen Wüste, in einem wirklich ganz rückständigen und verlassenen Dorf lehnte ein Mittvierziger geduldig an einer Kastanie neben dem zugenagelten Bahnhofsgebäude. Er trug eine Hochwasserhose, neue Vans, war volltätowiert und hatte so etwas Künstlerhaftes an sich, schulterlange und zurückgekämmte Haare, ein kurz geschnittener Bart und das alles passte überhaupt nicht ins Bild dieses kleinkarierten Dorfs, dem man die verbiesterte Engstirnigkeit richtig ansah, der Mann fiel aus allem heraus und blieb ein Rätsel. Wie hatte er sich an diese Stelle verirrt? Warum führte er ausgerechnet ein Leben an diesem Ort? Er musste in dieser Kleinstadt schon äußerlich ein Fremder sein und der Stein des Anstoßes bleiben und er wusste davon, er wusste genau, wofür er mit seinen muskulösen und vor der Brust verschränkten Armen stand. Und dann stieg ein junges Mädchen aus dem Zug und lief ihm entgegen und in diesem Moment hellte sich sein Gesicht in einem Anflug echten Glücks auf und ich war mir sicher, dass ist seine Tochter. 

Als mein Zug kurze Zeit später wieder anfuhr, tauchte in mir der unbestimmte Wunsch auf, dieser Vierzigjährige zu sein, mich in ihn zu verwandeln und der unüberwindbare Abstand zwischen mir und ihm ließ mich in diesem Augenblick damals regelrecht verzweifeln. Es gibt keinen Weg, dachte ich, ihr lebt in anderen Teilen der Wirklichkeit. Doch der Gedanke blieb und ich wiederholte stumm, ich möchte auch so sein, meinetwegen in einem gottverlassenen ostdeutschen Nest leben und den ganzen Tag in einer Scheune verbringen, um scheußliche Malereien zu fabrizieren oder schrecklich einfältige Bücher. Nur wie stelle ich das an? 

Ich sehe das alles noch heute vor mir und frage mich, warum die Halbwertszeit eines solchen Bilds so unwahrscheinlich ist. Warum es auch nach Jahren und Jahrzehnten nicht verschwindet. So viele andere Bilder verschwinden, ohne Spuren und Erinnerung zu hinterlassen und dann sind dort Szenen, die sich tief eingravieren. Etwas an ihnen reicht hinab, denke ich, diese Bilder sind mit uns verwachsen, sie rühren da an einem wunden Punkt oder auch an einem sehr bedeutungsvollen, an einem Punkt der eigenen Person sozusagen und in diesem Punkt steht man sich plötzlich selbst gegenüber mit allem, was man in sich trägt oder in sich zu tragen glaubt, alle Wünsche, Erwartungen, Versprechen, die jeder besitzt und die jeder auf so leichte, so traurig leichte Weise auch verlieren kann. 

Meine große Lebensangst stammt aus der Erziehung des Herzens. Ganz am Ende des Romans treffen sich die beiden Freunde, der Erzähler, dessen Namen ich vergessen habe und jetzt nicht nachschlagen will und auch sein bester, ebenfalls namenloser Freund (mein Namensgedächtnis ist derart kaputt, dass ich seit längerem an eine neurologische Erkrankung glaube); und diese beiden Freunde breiten voreinander die Erinnerungen aus, bereits in die Jahre gekommen und als alte Männer, sie sprechen über die unwahrscheinlichen Lebenswünsche, die sie einmal hatten oder glaubten zu haben. Nur erinnern sie sich schlecht und können einander auch nicht helfen. Und dann fragen sie sich, was man als Schönstes dieser jungen Jahren behalten hat, welches Ereignis aus der Fülle aller Ereignisse also im Gedächtnis geblieben ist und den wunderbarsten Sehnsuchtsmoment des eigenen Lebens markiert. Und beide kommen zum Schluss, es müsse ein gemeinsamer Bordellbesuch gewesen sein, der, wenn mich nicht alles täuscht, in der erzählten Zeit des Romans überhaupt nicht auftaucht, weil er keinerlei Bedeutung besessen hat, was Flaubert natürlich wusste. Kein Wunder, dass es mit ihm im Rinnstein zu Ende ging und sich keine Sau um ihn kümmerte, so viel Gemeinheit haben die Leute damals einfach nicht ertragen und besonders nicht in einem Dorf wie Rouen (merkwürdigerweise erinnere ich mich an Flauberts Geburts- und Lebensstadt sofort, klasse, ich erinnere die Namen meiner Freunde aus der Schulzeit nicht, aber so was fällt mir gleich wieder ein…). In solche Spiegel mochte damals und auch heute niemand sehen. Und daher meine Lebensangst, man schrumpfe auf eine unbedeutende Winzigkeit zusammen, das eigene Leben böte in der Rückschau nichts als einen Sommertag, ein Treffen mit Freunden im Park, die Zeile eines Buches, an die man sich nur halb erinnert, eine merkwürdig verschwommene Flucht aus Zimmern, Gesichtern, Halbeindrücken.