24. Februar

Die Brüstung des Schlafzimmerfensters reicht mir bis zur Hüfte, ich habe den rechten Flügel weit geöffnet, so dass er an unseren weißen Kleiderschrank stößt und stehe nun vor dem geöffneten Viereck, das fast ein Quadrat ist, ein perfekter Ausschnitt, der auf den Hinterhof führt. Die Fenster unserer Wohnung sind ungewöhnlich breit, was auf den ersten Blick leicht zu übersehen ist, denn die braunen Holzrahmen addieren noch einiges an Gewicht hinzu und dieses Gewicht verschiebt die Proportionen der Scheiben, die wir seit Monaten nicht geputzt haben.

Ich nehme den grauen Schleier kaum noch wahr, die Spuren des Regens, Schnees und den Staub der Hinterhöfe und Straßen. Mit wenigen Handgriffen wäre das alles verschwunden. Ich müsste nur in unser Bad gehen, den grauen Eimer unter dem Waschbecken hervorholen und den roten schwammartigen Lappen dazulegen. Ich müsste den Plastikeimer mit warmen Wasser und etwas Reinigungsmittel füllen, ihn durch den Flur zurück in das Schlafzimmer tragen und dann die Scheiben abwaschen, zuerst die Außenseiten, denn die sind am stärksten verschmutzt. Danach wären die inneren Scheiben dran und sobald die erste Schmutzschicht entfernt ist, würde ich wieder ins Bad laufen, den Glasreiniger holen und aus der Küche Zeitungspapier, das wir unter der Spüle aufbewahren. Der zweite Reinigungsgang ginge sicher schneller von der Hand als der erste, ich würde mit der Sprühflasche eine weiße Schaumlandschaft auf das Glas werfen und mit dem Zeitungspapier, das feucht wird und sich mit der Flüssigkeit vollsaugt, verreiben. Dieser letzte Arbeitsschritt wäre sehr befriedigend, denn vom Schmutz befreite Scheiben verändern auch die Atmosphäre der Zimmer. Ich erinnere mich noch gut an einen solchen Putzeinsatz damals in Berlin. Am Ende waren die Fenster so sauber, dass wir uns regelrecht den Blicken der Passanten draußen auf dem Fußweg ausgeliefert fühlten. Die Stadt wirkte plötzlich so nah, der Park schien greifbar, alles fühlte sich mit einem Mal hell und nah an und das nur, weil wir nach ein oder zwei Jahren endlich auf die Idee gekommen waren, die Fenster zu putzen.

Man säubert also Glas, man reinigt die Böden, man saugt Staub, man spült das Geschirr, wäscht die Wäsche und hängt sie auf und später nimmt man die Wäsche wieder ab, faltet sie zusammen und trägt sie in einem Wäschekorb in das Schlafzimmer. Dort sortiert man die Kleidungsstücke in den Schrank und in die Kommode und wenn man damit fertig ist, fallen einem die Flusen auf dem falschen Perserteppich auf und deshalb läuft man die wenigen Schritte in den Flur und greift nach dem Staubsauger.

Unter solchen Handlungen verschwindet allmählich der Tag. 

Man macht das Bett, schlägt die Decken zurück, schüttelt die Kissen aus und fragt sich, warum man das eigentlich tut. Hat diese Ordnung wirklich einen Sinn oder ist das alles totaler Quatsch, dieses Ausschütteln von Decken und Kissen und das Nachdenken darüber, ob man das Bettlaken nicht endlich gegen ein frisches auswechseln sollte.

Die am Kopfende des Bettes befestigte Lichterkette leuchtet still und äußert keine Bedenken. Auf dem Nachttisch wartet ein Bücherstapel (Werner Herzog: Eroberung des Nutzlosen, M. Agejew: Roman mit Kokain, David Sedaris: Naked, Garcia Marquez: Laubsturm und Bericht eines Schiffbrüchigen, Virgina Woolf: Orlando, Alphonse Daudet: Port-Tarascon, KO Knausgard: Lieben, ein verstaubter Katalog von Manufactum), es warten einige Münzen dort, zwei Salbentuben, ein Zerstäuber mit Lavendelöl, eine halbe Packung Kekse, ein Kugelschreiber und eine kleine Dose Tigerbalsam.

Wie der Schmutz auf den Scheiben sammeln sich die Dinge an, man stößt in der ganzen Wohnung auf sie. Es gibt keinen Raum ohne Gegenstände, kein leeres Zimmer, nur die Laufwege hält man frei und insgeheim weiß man doch sehr genau, dass all das verschwinden könnte und dabei nichts Wesentliches verloren ginge. Um keinen Gegenstand täte es mir leid. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das gut ist oder schlecht, vielleicht besitzt dieser Umstand keine moralische Kategorie, womöglich äußert sich darin nur eine stumpfe Gegenwärtigkeit und die Last der Dinge, mit der man sich befrachtet. Am Ende gehen ja alle in vollgestopften Räumen unter, auch in den Krankenhäusern stehen die Zimmer voller Gerätschaften. Niemand stirbt in einem freien Bereich, in einem Raum, der nur er selbst ist, in dem nur ein Mensch existiert, atmet, die Augen schließt, die Nacht vergisst, um am anderen Morgen vielleicht noch einmal zu erwachen.

Ich schalte den Wasserkocher ein und das Rauschen der Heizspirale hört sich wie ein kleines Gewitter an. Wolken steigen auf, die Küche verschwindet, eine Hügelkette treibt wie damals auf der Reise durch das Bild. Es gibt eine Fähre, die blind zwischen zwei Ufern pendelt. Die Leute gehen ans Land und kehren sofort wieder auf das im Ablegen begriffene Schiff zurück, als hätten sie es sich anders überlegt. Unverständliche Signale wehen von beiden Küsten heran, der Kapitän scheint verwirrt und hält sich deshalb doppelt starr an den von niemandem vorgegeben Kurs. Die Zeiten der Abfahrt und Ankunft werden pünktlich eingehalten.

Man richtet sich ein in dieser endlosen Pendelbewegung zwischen den Ufern. Und über dem Kocher dampf es weiter, ein Tiefdruckgebiet entsteht und fällt in sich zusammen, die Wirbel der Luft reißen nicht mehr ab. Jemand läuft in der Wohnung über mir mit schweren Schuhen, als bestiege er einen Berg. Und dann ist plötzlich wieder alles still und ich gehe in unser Schlafzimmer zurück, um die Fenster zu schließen.