Danny, 22. Februar

Vor meinem Fenster legt sich das Licht, es sind noch einige Menschen auf den Balkonen und bepflanzen Blumenkörbe, denn jetzt plötzlich ist es warm und der Frühling fast da und ich höre ein wenig Danny Clay, der so alt ist wie ich selbst und in Los Angeles ganz unwahrscheinliche Musik unter sehr magischen Titeln wie echo park, new jerusalem und ganymede komponiert. Vor einigen Jahren haben wir ein paar Mails gewechselt, wenn mich nicht alles täuscht, hat er an irgendeiner amerikanischen Universität Musik studiert, aber was er jetzt macht, weiß ich nicht. Er wird sich durchschlagen, nehme ich an, lebt von Stipendien und hin und wieder nimmt er eine Platte auf, die etwa zweihundert oder dreihundert Leute kaufen, alle verstreut auf der Welt und dann hört man so eine Danny-Clay-Komposition in Singapur und Wellington, Berlin, Brest und San Francisco. Irre.

Ich habe heute an einer längeren Erzählung geschrieben, die noch keinen Titel besitzt, dafür aber rund achtzig Seiten. Noch einmal achtzig und ich bin fertig, ich kann das Ende bereits sehen und freue mich darauf. Der zweite Roman ist jetzt abgeschlossen, bald werde ich mich an das Exposé machen müssen für die Verlagsrundfahrt und vor diesem Exposé graut es mir bereits, nur ist da eben nichts zu machen. Jeder stirbt ja irgendeinen Tod und mein Tod wird vom Exposéschreiben angekurbelt, von diesen anbiedernden Werbetexten, die am Ende ein namenloser Praktikant zwischen die Finger bekommt und gleich wieder vergisst. 

Aber gut, so ist das nun einmal und lange Jeremiaden bringen auch nichts. Man macht einfach weiter, mein Generalspruch seit ca. 2004. Etwas Besseres ist mir bislang, auch nach weiteren zwanzig durchgemachten Jahren, nicht eingefallen. Man macht weiter, denn das Aufgeben ist keine Option. Ich wünschte, mir hätte sich in der Zwischenzeit ein poetischerer Mantel für diese nicht sehr tief reichende Weisheit offenbart, aber das hat er leider nicht. Irgendwie gefällt mir dieser leicht blödsinnige Spruch in seiner Trotzhaftigkeit auch. Man macht einfach weiter. Darin äußert sich der Starrsinn des Bauern und auch die Weisheit eines Thomas von Aquin. Die wichtigsten Losungen im Leben scheinen ja stets zur Hälfte der Dummheit abgelauscht, ich glaube Herbert Achternbusch würde mir da recht geben.

Jetzt klingelt es aus den Lautsprechern meines Macbooks. Danny Clay spielt Xylophon oder ein Glockenspiel (den Unterschied habe ich nie begriffen) und ich fühle mich sofort ganz wohl dabei und denke, ja, Danny, klimper einfach weiter auf diesen Metallglöckchen herum, ich höre dir gern dabei zu und stelle mir vor, dass du irgendwo in Echo Park ein Apartment besitzt und von einer großen Aufnahme träumst, die dich berühmt machen wird, obwohl du das Rampenlicht natürlich meidest. Dann spielst du mit deinen Kassettenrekordern plötzlich in der Lincoln Hall in New York und setzt dich später ans Klavier und das Publikum äugt ganz begeistert aus dem Raum und hört dir atemlos zu. Selbst die senilen Alten, die man aus allen Winkeln der Metropole rankarrt zu deinem Konzert, sind endlich einmal still, obwohl sie überhaupt nicht wissen, wo sie sich befinden, vielleicht sogar annehmen, dort unten spiele schon wieder so ein nervtötender Europäer. Und später kommen alle im Foyer zusammen und flüstern, sie hätten das ja immer geahnt, sie wussten stets, irgendwann müsse ein neues amerikanisches Genie von sich Reden machen und natürlich stamme ein solches Genie aus dem Westen des Landes, aus Los Angeles, der Stadt des Films, der Erdbeben und operierten Engel und nun könne man sich also wieder nach Hause begeben nach diesem wunderbaren, schmerzhaft schönen Konzert.

Draußen ist die Sonne weg, aber die Luft fühlt sich noch immer frühsommerlich an. Ich glaube, unsere Nachbarn haben Streit, die Nachbarn direkt gegenüber. Ich habe sie schon länger nicht mehr gemeinsam auf der Terrasse gesehen, auch wirken die meisten Gewächse der früher ziemlich üppigen Bepflanzung ziemlich tot. Aber das kann natürlich auch am Winter liegen. 

Dafür treten jetzt andere Menschen auf ihre Balkone, sie schieben den Schmutz durch den Spalt unter der Brüstung und der Staub, gemischt mit vertrockneten Blättern, wird vom Wind in die Hinterhöfen geweht. Ich kann die Worte nicht verstehen, die sie untereinander wechseln, aber zumindest dort drüben, auf den Balkonen, wirkt die Welt in diesem Augenblick ganz in Ordnung. Es herrscht eine echte Abendstimmung, eine richtige Abendphantasiestimmung. Bloß der Herd fehlt und der rauchende Schornstein und Schäfer und Schafe gibt es hier natürlich längst nicht mehr. 

In der Küche rappelt sich unsere Waschmaschine zum altersschwachen Schleuderabschnitt auf und rumpelt merklich vor sich hin. Auch die Gegenstände entwickeln mit den Jahren ihre Schrullen. Unfassbar, worauf man so alles achten muss, welche Sensibilitäten selbst die tote Welt im Verlauf der Zeit hervorbringt. Ich freue mich wie ein Kind über jeden erfolgreich absolvierten Waschgang und rede der Maschine einfühlsam zu. Einmal klappt das noch, sage ich. Du hast jetzt dreißig Jahre durchgehalten, was zählt da noch ein weiteres Jahr? Ein weiteres Jahr ist doch überhaupt nicht der Rede wert.