Alles auf neu, 19. Februar

Ich verbringe den Morgen damit, meine Musiksammlung auf dem Rechner komplett zu überarbeiten, nachdem ich gestern eine halbe Stunde lang durch Hunderte von Alben scrollen musste, ohne etwas Passendes zu finden. Heute lösche ich alles, sichere die Sammlung aber zuerst auf meiner externen Festplatte, um dann für zwei Stunden Bandcamp zu durchstöbern. Ich kaufe mir einige Alben, die schon längere Zeit auf meiner Wunschliste stehen und verfolge den Downloadbalken des Browsers aufmerksam, eine rote Linie, die nur langsam anwächst, denn unsere Internetverbindung ist ziemlich schlecht. Manchmal komme ich selbst mit meinem Handy nicht ins Netz, bin aber zu faul, diesem Fehler auf den Grund zu gehen.

Als ich die alte Musik von meinem Laptop lösche, wird dieser Vorgang von einem Gefühl der Erleichterung begleitet. Der ganze Mist verschwindet und jetzt ist da erst einmal nichts, nur eine graue Fläche im virtuellen Raum, die erneut gefüllt werden kann. In einigen Wochen beginnt das Spiel dann von vorn, in diesem Löschen und Anfüllen verbirgt sich die Logik des Verbrauchs, ein Verlangen nach dem Neuen, das sich auf den ungewissen Wert des Alten stützt. Ganz verrückt scheint mir die Vorstellung, es müsse ein Zeitalter gegeben haben, in dem ein Haushalt bloß eine einzige Schallplatte besaß, um diese zwanzig oder dreißig Jahre lang zu besonderen Gelegenheiten abzuspielen, so wie man auch nur einen einzigen Esstisch in seinem Leben besaß und maximal zwei verschiedene Sofas. Angeblich hielten früher die Gegenstände mehrere Generationen lang, angeblich war alles für die Ewigkeit gemacht und wenn diese auf die Ewigkeit angelegten Gegenstände verschwinden, was bedeutet das Verschwinden für den Begriff der Ewigkeit selbst? 

Es muss eine Zeit gegeben haben, in der sich die Dinge länger hielten als die Menschen, die mit ihnen lebten. Heute erscheint mir das seltsam, denn die Dinge sind für uns in ihrer Flüchtigkeit kaum noch wahrzunehmen, sie sind viel vergänglicher als wir. Ihre Dauer ist auf winzige Lebensläufe zusammengeschrumpft, auf den zwangsläufigen Ersatz. Heute vererbt man noch ein Bild, aber man vererbt keine Wohnzimmereinrichtung mehr. Ein solcher Gedanke ist völlig abwegig. Früher haben sie in Zimmern gelebt, in denen bereits die Eltern und Großeltern gelebt haben und aus den Spuren der Benutzung wurden irgendwann die Spuren der Toten. 

Mein Besitz kommt ohne jede Erinnerung aus. Ich habe kein einziges Möbelstück meiner Eltern oder gar meiner Großeltern in Gebrauch. Ich besitze, was ich mir gekauft habe, meist bei IKEA oder einem billigen Second-Hand-Möbelladen. Natürlich träume auch ich von einem Eames-Chair, doch dieser Sessel, den ich mir nie leisten werde können, trüge eine Erinnerung, die ich nicht verstünde. Jeder ist ja blind für die Spuren einer fremden Familie.

Bei Robert Walser findet man noch das Gedächtnis der Dinge, denn nur so ist zu erklären, warum Walser den unscheinbarsten Resten – der Asche, dem Staub und dem Bleistift – einen solchen Wert beimisst. Das sind eben keine leicht zu ersetzenden Überbleibsel des Gebrauchs oder bloße Nebensächlichkeiten, sondern es sind Dinge, die einmal eng mit dem Leben eines Menschen verknüpft waren und deshalb Aufmerksamkeit verdienen. Keiner meiner Gegenstände, meiner Möbel, elektronischen Geräte, Musikinstrumente und Kleidungsstücke ist älter als zehn Jahre; nur die Bücher reißen aus. Ich besitze weder ein Erinnerungsstück aus meiner Kindheit noch aus meiner Jugend. Alles, was ich mit zwanzig besessen habe, ist verschwunden, wurde abgelöst von neuen oder gebrauchten, anonymen Objekten, die nicht schlechter oder besser sind als ihre Vorgänger. Nur die Geschichte hat sich verflüchtigt. Selbstverständlich existieren Hunderte Fotos. Doch was sind diese Fotos tatsächlich wert?

Gegen elf schließe ich die Renovierarbeiten auf meinem Rechner ab. 27 Alben stehen mir nun zur Verfügung, davor waren es knapp 1.000 und eine solche, fast obszöne Sammlung ist natürlich absoluter Irrsinn. Jetzt gehe ich meine Liste durch und freue mich auf diese neue Übersichtlichkeit, mit der ich für einige Wochen zu leben beschließe:

Lawrence English – Lassitude
The Dead C – Unknowns
The Dead C – All Goodbye
Gate – Falling Ghosts
Space Afrika – hybtwibt?
Markus Floats – Third Album
Helen Svoboda – dormant, I lay
Kevin Drumm – MayerOfPosen
Kevin Drumm – October(Early Warning)
Kevin Drumm – A Small Register Of Motion
Kevin Drumm – 1204
Kassel Jaeger – Swamps / Things
Jim O’Rourke – sleep like it’s winter
Jim O’Rourke – Disengage
Jim O’Rourke – steamroom 53
FUTURAT – Incinerat
Jana Winderen – Pasvikdalen
Julius Eastman – Femenine
Keiji Haino + Sumac – Even for just the briefest moment / Keep charging this “expiation” / Plug in to making it slightly better
Max Bober – Poema
Rome Streetz – Kontraband
Rome Streetz – Noise Kandy 4
Rome Streetz – TKKTK
Ultimate Spinach – Ultimate Spinach
Unseen Worlds – A Young Person's Guide to Unseen Worlds - Mixed by Visible Cloaks
Alio Die & Zeit – Sunja
Ashley Paul – Ray