18. Februar

Gestern Mittag schickt mir meine Mutter eine Nachricht, in der sie schreibt, heute vor dreiundzwanzig Jahren ist dein Großvater gestorben. Vor dreiundzwanzig Jahren war ich dreizehn Jahre alt und wahrscheinlich in der siebten Klasse eines Gymnasiums, das es längst nicht mehr gibt. Ich erinnere mich noch genau an diesen Tag im Februar und sehe mich nach der Schule (es muss kurz nach zwei Uhr gewesen sein) auf der sanft ansteigenden Straße, an der unser Haus lag, ich sehe das eingeschossige Gebäude des Schusters noch vor der Kreuzung, die in diese Straße führt, sehe auch den Kindergarten, in dem ich selbst einige Jahre gewesen bin, auch wenn mir das jetzt alles unendlich fern erscheint, wie aus einer anderen Welt.

Ich laufe unsere Straße hinauf, meinen Rucksack auf dem Rücken und nehme den Weg kaum wahr. Ich bin ihn so oft gegangen, dass ich jeden Zentimeter kenne, die Abfolge der Häuser links und rechts, die Anordnung der Laternen, das Auftauchen des Abzweigs auch, der keine Straße, sondern nur ein Pfad ist und hinunter führt in Richtung der Schrebergärten. Ich habe auf dieser Straße längst einen ganz automatischen Gang angenommen, der mir nicht mehr ins Bewusstsein dringt und spüre, ohne meinen Blick vom Fußweg zu heben, wie weit das Haus meiner Eltern entfernt ist (das erkenne ich aus den Augenwinkeln an den an mir vorbeifließenden Lattenzäunen der Vorgärten).

Als ich mir sicher bin, unser Gartentor zu erreichen, hebe ich meinen Blick und bleibe stehen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkt das Auto meines Vaters, ein schwarzer, fünftüriger Mazda. Seit ich in der Schule bin, ist mein Vater niemals um die Mittagszeit zu Hause gewesen, er fährt morgens um sechs Uhr zur Arbeit und kehrt abends um sieben zurück. Ich weiß sofort, dass etwas vorgefallen ist, etwas muss ganz einfach passiert sein, aber natürlich ahne ich nicht, was genau das ist.

In jeder Familie existieren geheime Zeichen, die für das Außerordentliche stehen, ein Katalog aus dem Alltag fallender Symbole, der nur für diese Familie Verbindlichkeit besitzt und deshalb auch nur von ihren Mitgliedern verstanden werden kann. Diese Zeichen speisen sich aus dem Abstand zum Gewöhnlichen, es sind die Brüche im Muster des Alltäglichen, das Unerwartbare, das sich den Abläufen entzieht. Da die Abläufe in jeder Familie verschieden sind, trifft das auch auf das Unerwartete zu, auf die Ereignisse, die alles zum Stillstand bringen und dabei zeigen, wie fragil und wirkungslos unsere Routinen sind, mit denen wir das Leben überziehen, die uns Halt geben sollen und Sicherheit, eine Sicherheit, die sich genau dann als vollkommen unerheblich und fiktiv entpuppt, wenn man sie am nötigsten hat.

Ich betrat den Flur, zog meine Schuhe aus und legte meinen Rucksack und die Winterjacke ab. Im Wohnzimmer lief der Fernseher. Ich öffnete die nur angelehnte weiße Tür und trat hinein. Meine Schwester saß auf dem Teppich und sah sich einen Zeichentrickfilm an, was nichts Ungewöhnliches war. Sie ging noch in die Grundschule und hatte früher Schluss und deshalb traf ich sie bei meiner Rückkehr meist vor dem Fernseher, was nicht selten zu Streit führte, denn natürlich wollten wir beide über das Programm bestimmen und bekamen uns dadurch ständig in die Haare.

Heute aber lag eine ganz merkwürdige Stille im Raum und als ich näher trat, entdeckte ich meinen Vater auf der Couch. Er saß und sah dem Zeichentrickfilm zu, als wäre das etwas ganz Normales, als läge darin der Sinn dieses Tages und nicht die Andeutung des Wahnsinns und Zusammenbruchs der Welt. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich bin mir nicht einmal sicher, ihn begrüßt zu haben. Ich stand nur irgendwie im Raum und suchte nach einer Erklärung, die sich nicht finden ließ, nach einer Andeutung für die Verschiebung unserer Welt.

„Dein Großvater ist heute gestorben“, sagte mein Vater, als er mich endlich bemerkte. Er sagte das so, als mache er eine einfache Feststellung, als stünde er an einem der Fenster, die in den Garten zeigten, und sagte, „Wir müssen den Rasen mähen“ oder „Ich werde den Apfelbaum im Sommer beschneiden“. Nur wirkte er in sich gekehrter als sonst, er wirkte ernst und dieser Ernst hing mit der Stille und der Schwere zusammen, die auf dem Wohnzimmer lag und nach diesem Satz meines Vaters anzuwachsen begann, sie füllte alles restlos aus und nahm mir allmählich die Luft.

Meine Schwester verfolgte noch immer das Geschehen auf dem Fernseher. Die comichaften Soundeffekte des Trickfilms prasselten ungehindert auf uns ein. Nichts schien dem Tod zu entsprechen. Ich spürte, dass etwas Unglaubliches vorgefallen war, auf das aber niemand von uns angemessen reagierte. Mein Vater brach nicht in Tränen aus, er wirkte nicht verzweifelt, sondern nur bedrückt. Meine Schwester lief nicht kopflos und heulend durch die Gegend. Und auch ich spürte keinerlei Trauer, sondern nur die Verwirrung darüber, keine Trauer zu verspüren. 

Auf unserem Wohnzimmer lag diese Stille, jene merkwürdige Schwere, doch ließ sich das aufscheinende Gewicht mit der Trauer um einen Toten gleichsetzen, die Trauer um meinen Großvater, der vor wenigen Stunden und noch dazu an seinem achtzigsten Geburtstag gestorben war? Sah so das Sterben am Ende aus, die Geräusche eines Trickfilms im Hintergrund und drei Menschen, die nicht wussten, was sie damit anfangen sollten? Den Tod hatte ich mir stets als etwas Unfassbares vorgestellt, als eine Größe, die einen umwarf und sich gar nicht recht in Worte fassen ließ und nun spulte sich das Unfassbare vor meinen Augen ohne jede Feierlichkeit ab, ohne das Drama der Verzweiflung. Es gab nur den Bruch der alltäglichen Muster, die sich in der Anwesenheit meines Vaters in unserem Wohnzimmer zeigte, doch dieser Bruch schien die Tiefe des Vorgefallenen, mit dem er in Verbindung stand, in keiner Weise auszuleuchten, er wurde dem Sterben ganz einfach nicht gerecht und ich denke heute, dass wir das damals begriffen oder zumindest erahnten und deshalb an diesem Nachmittag dem Zeichentrickfilm weiter zusahen in unserer ganz eigenen Ratlosigkeit und Verwirrung darüber, dass sich der Tod schlussendlich eben auf diese Weise einstellt, er fällt zwischen die Lebenden und die Lebenden versuchen unbeholfen mit ihm umzugehen. Und nach und nach verstehen sie, wie wenig sie vorbereitet waren auf das, was passiert, wie wenig die inneren Bilder vom Sterben den späteren, äußeren entsprechen.

* * *

Am Abend gehe ich noch einmal für einen Spaziergang hinaus. Die Sonne taucht schon unter die Wolkendecke und lässt einen richtigen Tiepolo-Himmel entstehen und wenige Minuten später laufe ich am Flussufer entlang. Das Hochwasser ist verschwunden, hat auf den Wegen aber eine Schlammwüste hinterlassen, so dass ich häufig auf das Gras ausweichen muss.

Ich laufe in Richtung Luisenpark, nehme die Treppe hinauf zur Brücke, die am Krankenhaus zum äußeren Park führt und als ich oben auf dem letzten Treppenabsatz ankomme, fährt eine Exkollegin aus dem Museum auf ihrem Rad an mir vorbei. Unsere Blicke kreuzen sich nur für den Bruchteil einer Sekunde, doch ich weiß, dass sie mich erkannt hat, spüre dieses Erkennen mit einem tierischen Instinkt, vielleicht haben unsere Vorfahren vor sechzigtausend Jahren auf diese Weise das Auge des Säbelzahntigers registriert, sage ich mir, doch da ist meine Exkollegin schon verschwunden.

Früher hat mich dieses absichtliche Wegsehen wahnsinnig gemacht, heute aber lässt es mich kalt. Ich kann das alles sogar verstehen, wir waren nie wirklich eng miteinander, warum also sollte sie jetzt vom Rad absteigen, um mit mir ein gezwungenes Gespräch zu führen, das uns nur als Zeitverschwendung im Gedächtnis bleiben wird? Warum sich quälen, wenn es auch anders geht? 

Ich laufe durch den Park, denke an die Nachricht meiner Mutter und den Todestag meines Großvaters und erreiche bald den Sportplatz im Hintergrund. Hier gibt es eine Aschenbahn, auf der die Leute joggen und auch ein Fußballfeld und Sportgeräte zum Krafttraining. 

Ich entdecke die vietnamesischen Fußballer schon von weitem. Sie haben kleine Plastikzylinder auf dem Gras verteilt und spielen zu acht gegeneinander. Sie sind sicher um einiges jünger als ich, wahrscheinlich Mitte zwanzig und sie sprechen ein aufgeregtes Vietnamesisch, das ich damals auch in Hanoi gehört habe. Eine Supersprache, denke ich, während ich ihnen für eine Weile wie einer dieser alten Männer zusehe, die scheinbar nie etwas zu tun haben. Ich wünschte, ich könnte verstehen, was sie sagen, schaffe es aber nur, den eingespielten Bewegungen der Fußballer zu folgen, die sicher auch einen deutschen Pass haben und jetzt hier mit genialen vietnamesischen Kommandorufen über den Platz wetzen. Ich frage mich, wie das wohl ist, als Kind von Einwanderern aufzuwachsen in einem Land wie Deutschland und sehe den Fußballern weiter zu, während Menschen in blauen Trainingsanzügen durch das Bild joggen.

Auf dem Heimweg höre ich Russisch und Polnisch, irgendwann auch Englisch. Das alles erscheint mir wunderbar an diesem Abend. Für einen Moment fühlt es sich wirklich so an, als würde ich in einer Großstadt leben, in der die Herkunft manchmal in den Hintergrund tritt und auch ganz unerheblich ist in vielen Augenblicken. Als wäre ich plötzlich an einem anderen Ort, müsste vielleicht nicht einmal mehr auftauchen in meiner Wohnung. Hätte mich von allem für eine Weile gelöst.