17. Februar

Mit meiner Kaffeetasse trete ich an das geöffnete Schlafzimmerfenster und sehe in den Hinterhof. Auf der Mauer, die unseren Teil des Hofs vom Nachbarhaus trennt, sitzt eine Taube und schaut mich an. Ich bewege meinen Kopf, ganz langsam zunächst, um sie nicht zu verschrecken und registriere das aufflammende Interesse des Vogels. Die Taube, ein ganz gewöhnliches Exemplar, eine richtige Stadttaube, deren Verschwinden man überhaupt nicht bemerken würde, erwidert neugierig meinen Blick, dreht den Kopf mit diesen abgehackten Vogelbewegungen, um mich besser zu betrachten. Und auch ich bewege meinen Kopf, einfach um zu sehen, was die Taube daraus macht. Noch immer beobachtet sie mich interessiert. Wahrscheinlich wirkt mein aus dem Nichts aufgetauchtes Gesicht auf sie ganz verrückt, damit hat sie nicht gerechnet. Für eine Sekunde stelle ich mir vor, wie sehr sie mein plötzliches Heraustreten aus dem Fenster erschrecken müsste, ich sehe meinen Körper durch den Hinterhof schweben, direkt auf diesen Vogel zu, der vor Angst erstarrt, wie ich glaube, denn ganz sicher besitzen auch Tauben ein Gespür für die Unmöglichkeiten unserer Art, für das, was uns Menschen somit versagt bleibt, das Fliegen zum Beispiel.

Wir bewegen gemeinsam unsere Köpfe. Der kleine Kopf der grauen Taube, die den Dinosauriern weitaus ähnlicher ist, als ich das bin mit meinem geringprozentigen Neanderthalerschädel, zuckt noch immer auf der Mauer herum, doch diese Bewegungen ebben allmählich ab. Die Gewohnheit hält zwischen uns Einzug, wir verlieren zur gleichen Zeit das Interesse aneinander. Auch darin sind uns die Tiere ähnlich. In der Begeisterung am neuen Reiz, im Auftauchen des Unbekannten, das die Blicke auf sich zieht. Vielleicht besitzen am Ende auch die Tiere ein Verständnis für das Unheimliche, denke ich dann, für eine Begegnung, die aus dem Rahmen fällt, weil sich jemand eigenartig bewegt, zu lange den eigenen Blicken standhält, die Worte falsch betont.

Das noch morgendliche Licht spült weich über die Häuser. Ein wenig fühlt es sich schon nach Frühling an, jetzt, wo die Temperaturen wieder steigen. In der kommenden Woche soll es bereits fünfzehn Grad über Plus geben, lese ich vom Display meines Handys ab und das ist dann doch etwas zu viel. Fünfzehn Grad im Februar! Wie soll die Natur da nicht durcheinander kommen? Und wie sollen wir dabei nicht ganz verrückt werden? 

Im Flur probiere ich vorsichtshalber schon einmal meine gelbe Übergangsjacke von RAB an. Das mache ich vor jedem Wechsel der Jahreszeit, bevor es warm oder kalt wird. Dann stehe ich an einem Morgen vor dem Spiegel und probiere meine Winterjacken an, die ich ja zur Genüge kenne, ich weiß also, wie ich in ihnen aussehe und genauso verhält es sich auch mit meinen Übergangs- und Regenjacken. Doch obwohl ich das alles weiß, stehe ich kurz vor dem Auftauchen der Wärme oder der Kälte in unserem Flur und inszeniere eine Modenschau. Kaum etwas bereitet mir mehr Freude als dieses Anprobieren, was ich nur halb auf meine Eitelkeit schiebe.

Während ich die Jacken wechsle und mich dabei im Spiegel betrachte, habe ich das Gefühl zu einem anderen zu werden, vielleicht sogar zu einem ganz neuen Menschen. Mein Spiegelbild ist mir um Wochen voraus, steckt bereits in einer Jahreszeit, die erst noch kommen wird, die bislang nur in meiner Vorstellung existiert. Im Spiegel taucht die Zukunft bereits auf und mit ihr die Vorfreude, doch diese Zukunft ist nur halbumschrieben. Es gibt sie bloß als einen Wechsel der Temperatur, alles andere in ihr bleibt reine Möglichkeit. Ein ganz neues Leben, ein Aufbruch, der Aufruhr. Die Probe meiner Jacken bereitet mich auf diesen vor, ich teste den Aufruhr aus, ich sehne mich nach einer ganz neuen Wendung. Im Spiegel scheint sie greifbar und unendlich leicht zu sein, fast so, als zöge man sich eine neue Jacke an und liefe einfach davon.