Teich, 12. Februar

Im Park ist der Teich zugefroren, die Fontäne, die im Frühjahr und Sommer in der Mitte des Wassers lotrecht in Richtung Himmel schießt, um nach einigen Metern durch den Wind auszufasern und sich in einen Schleier zu verwandeln, wurde von der Parkverwaltung schon vor Monaten abgeschaltet. Das Wasser ist mehrfach überfroren, ich hocke mich an das mit Pflastersteinen ausgekleidete Ufer, das sehr sanft zum Teich hin abfällt und sehe mir das Eis näher an, in dem Luftblasen eingeschlossen in der Sonne schweben. Es sieht so aus, als existierten dort unten viele Schichten und nicht einfach bloß eine mehrere Zentimeter dicke Eislage. Das Eis selbst besitzt eine ganz merkwürdige Tiefe, die sich mit den Augen durchdringen lässt, eine regungslose Tiefe voller Einschlüsse, voll Laub, Blasen, Schmutz, Rissen und Schlieren, eine ganz phantastische und rätselhafte Landschaft, die der Frost in den letzten Tagen gebildet hat. 

Ein paar Meter von mir entfernt steckt einer der grauen Metallstühle im Eis, die es überall im Park verteilt gibt. Jemand muss ihn in das Wasser geworfen haben. Jemand, der auf die Kälte wartete, der das Überfrieren des Teiches erahnte und sich für die Verwandlung interessierte, die dieser Stuhl durch das Eis erfährt. Verlorene Gegenstände im Eis wirken immer unheimlich in ihrem Schwebezustand, sie verwandeln sich, verändern ihr Wesen. Ein Stuhl im Eis ist nicht mehr einfach nur ein Stuhl. Er wird sofort zu einem archäologischen Rätsel, so wie ein steifgefrorenes Urzeittier in der sibirischen Einöde nicht mehr einfach nur ein Tier ist, das durch einen dummen Zufall Tausende von Jahre überdauert, sondern ein Symbol oder Zeichen für die Entwicklung irgendeiner Art, für die Darstellung eines wissenschaftlichen Konzepts, der Evolution zum Beispiel. 

Das Eis ist stabil. Ich betrete die Fläche und fühle den Achtjährigen in mir, der dem plötzlich unbeweglichen Wasser misstraut. Ich wippe ein wenig auf und ab, versuche so die Stärke und Verlässlichkeit des durchscheinenden Bodens abzuschätzen. Alles wirkt gut, das erstarrte Wasser trägt mich und ich fasse Vertrauen. Ein paar Minuten später gleite ich über das Eis. Ich nehme auf der Uferwiese Anlauf und schiebe mich über die helle Fläche. Was die anderen wohl denken?, geht es mir durch den Kopf. Ein fast Vierzigjähriger, der über den zugefrorenen Teich schlittert. Vielleicht schütteln sie ihre Köpfe. Der wird auch nicht erwachsen, tuscheln sie, wahrscheinlich führt er ein ganz verantwortungsloses Leben.

Mir fallen die Karpfen ein, die es hier gibt und die K hasst. Sie findet sie schleimig und in ihrer unermüdlichen Gefrässigkeit abstoßend. Ich überlege, wo diese Karpfen jetzt sind. Sicher in der Tiefe, sage ich mir, was wiederum den Gedanken nach sich zieht, wie weit das Eis hinabreicht in die Dunkelheit. Was machen die Fische dort unten? Müssen sie nicht irgendwann an die Oberfläche? Ich könnte nach einer Antwort suchen, denn ich habe mein Handy dabei, aber wie bei vielen anderen Naturrätseln auch, die mir eine ziemlich umfassende Wissenslücke vor Augen stellen, eine wirklich profunde Ahnungslosigkeit mit Blick auf sehr elementare natürliche Vorgänge, tue ich nichts. Ich würde die Antwort ja doch nur vergessen. Viel zu oft habe ich den Grund für das Blau des Himmels nachgeschlagen, um einige Monate später wieder bei null anzufangen. Und der Grund dieses Blaus ist ein einziges Faktum im Meer unendlicher Fakten. Wie war das noch, die Brechung des Lichts in einem Element der Atmosphäre? Die farbbestimmenden Moleküle, ein Prisma, die Wellenlänge der Strahlen. Das Eis ist ganz stumm. Kein Knacken, kein Knistern. Als gebe es da nichts, auf dem ich stehe, um in Richtung des anderen Ufers zu schlittern. Eine weite, gläserne Abwesenheit, die unter mir liegt und nur der Temperatur geschuldet ist, die in den kommenden Tagen wieder ansteigen soll. Dann wird auch diese stille Fläche hier verschwinden und einer der Parkangestellten wird sich abmühen, den unter Wasser gesetzten Metallstuhl an Land zu zerren. Für ihn wird das kein Rätsel sein. Nur eine weitere Aufgabe, die man zu erledigen hat, während man die eigentlich Verantwortlichen insgeheim beschimpft, um ihnen eine unklare, mindestens ebenso nervtötende Strafe an den Hals zu wünschen.