2640, 11. Februar

Ich schreibe, während This Kind Of Punishment und danach The Clean laufen und es draußen Winter ist. Auf den Dächern liegt der Schnee als sehr, sehr dünne Schicht, die Balkone sind verlassen und wenn die Raucher nach einer Phase der Abwesenheit nach draußen treten, haben sie Jacken an, zögern allerdings für einen Augenblick. Eigentlich stehen sie noch halb in den beheizten Zimmern und halb draußen in der Kälte, sie warten auf der Schwelle und sehen in den Hinterhof und ich kann das gut verstehen. Ich würde jetzt auch ungern dort draußen in der Gegend warten auf das Ende einer Zigarette. Es ist kurz vor fünf, die Sonne geht allmählich unter, das Blau am Himmel wird blasser und spiegelt sich in den Fenstern der gegenüberliegenden Gebäude. Ich finde diese Reflexionen schön, diese Spiegelbildlichkeit der Häuser, die eine manchmal schwierige Ruhe umfasst, eine Ruhe, von der auch der Winter durchzogen ist. Selbst in der Stadt fällt mir diese Ruhe auf. 

Ich habe die Wohnung heute nicht verlassen, stattdessen habe ich gearbeitet. Ich habe mir mehrere Tassen Kaffee gekocht und dabei unsere kleine Espressokanne von Alessi bemüht. L meint, ich würde zu häufig über das Kaffeemachen schreiben, obwohl in dieser Beschreibung meiner Meinung nach genauso viel Schönheit steckt wie in den Abendreflexionen auf den Fensterscheiben. 

Aus dem Aluminiumbehälter rasseln die Espressobohnen in die Handmühle, deren Deckel ich im Anschluss befestige, um danach den Hebel auf ein kantiges Endstück aus Metall zu setzen. Ich brauche etwa drei Minuten, um die Bohnen zu Pulver zu zermahlen. Dabei halte ich die Mühle in meiner linken und bewege den Hebel mit meiner rechten Hand im Kreis, versuche einen Rhythmus zu finden, was mir aber nicht immer gelingt. Manchmal verklemmt sich eine Bohne, sie leistet Widerstand und will sich nicht einfach so zerkleinern lassen, aber mit einem Ruck ist auch diese Sturheit überwunden und der Kaffeegeruch taucht langsam auf. Ein Geruch, der sich gar nicht ignorieren lässt in seiner sanften Schärfe. Ich kann Leute verstehen, die ihn als Raumzerstäuber benutzen oder abgepackt und mit winzigen Löchern versehen in ihren Kleiderschränken unterbringen.

Gegen Mittag mache ich ein paar Übungen. Ich war ja noch nie so fit wie heute mit sechsunddreißig Jahren, was wahrscheinlich etwas merkwürdig ist. Früher habe ich Menschen, die Sport treiben, einfach nur belächelt. Nichts kam mir sinnloser vor als diese Herumgerenne damals in Berlin, die Leute im Volkspark Friedrichshain, im Mauerpark und Humboldthain. Ich habe das alles nicht verstanden, diesen Hang zur Beweglichkeit und Körperertüchtigung und deshalb stets geglaubt, die Leute betrieben diesen Aufwand bloß, um uns Schmalschultrige zu beeindrucken. Dabei hat mich die Schlaffheit meines eigenen Körpers auch damals schon irritiert, so wie ich Muskeln und männliche Klischeehärte immer gut fand. Mit siebzehn bin ich im weißen Feinrippunterhemd und schwarzen Levis mit Nietengürtel durch Gera marschiert und kam mir in dieser provinziellen Powerviolence-Kluft absolut gefährlich und unnahbar vor. Dabei hatte ich Arme wie Spaghetti und war doch fest überzeugt, es mit allem und jedem aufnehmen zu können.

Nur zweimal in meinem Leben habe ich mich in Handgreiflichkeiten verwickeln lassen und das ist wahrscheinlich zu wenig. Wer sich einmal ordentlich geprügelt hat, kennt seine Kraft und lernt vor allem die Kraft eines unscheinbaren Gegners einzuschätzen. Danach tritt man anders auf und läuft nicht mehr als Phantomgefährder durch die Gegend. 

Die erste Prügelei fand in der Grundschule statt, wir waren zu fünft oder sechst und trafen einige Jungs der anderen Klasse auf dem Schulhof. Es ging sofort zur Sache und ich bekam natürlich so ein richtiges Mistviech zugeteilt, wie das in größeren Schlägereien ja machmal der Fall ist (das habe ich mir zumindest sagen lassen). Das Gezerre ging sofort los, es gab sozusagen keine Exposition, kein langsames Aufwallen der Gewalttätigkeit. Ich riss an den Klamotten meines Gegenspielers, versuchte schließlich nachzuahmen, was ich irgendwann einmal gesehen hatte und hob meine Fäuste wie ein Boxer, um mein Gesicht zu schützen. Ich kann mich noch heute daran erinnern, wie merkwürdig sich diese Geste für mich anfühlte, dieses Heben der Fäuste, etwas ähnliches hatte ich noch nie getan und spürte in gewisser Weise, jetzt zu einem anderen zu werden. Aber natürlich lief alles viel schneller ab, die Schlägerei zwischen Zwölfjährigen spülte wie eine Feuerwalze über mich hinweg. 

Ich versuchte den fuchteligen Geraden meines Gegners auszuweichen, ein Rothaariger mit einer Lücke zwischen den Schneidezähnen, ein wirkliches Biest, der mich immer wieder erwischte. Die anderen nahm ich da schon nicht mehr wahr. Ich versuchte nur noch, diesen Schlägen auszuweichen und ging instinktiv in den Clinch, was nicht allein zu meiner Rettung führen sollte. Mit Schwung stieß ich gegen ihn, wir taumelten nach hinten und fielen in einen Busch. Irgendjemand zerrte mich aus dem Gestrüpp. Der Kampf war vorbei und ich heulte wie ein Schlosshund, kläglich und untröstlich zugleich, das war einfach alles zu viel für mich. 

Einige Jungs der anderen Klasse, die sich plötzlich sehr friedlich und zivilisiert verhielten, halfen in der Zwischenzeit meinem Gegner aus der Hecke. Der Kampf war beendet.

„Du blutest ja“, sagte einer.

Der Rothaarige wischte sich überrascht mit dem Handrücken über die Unterlippe.

Meine Freunde sahen mich ganz begeistert an, obwohl ich meine Schluchzer noch immer nicht unter Kontrolle bekam.

„Dem hast du es ja wirklich gegeben!“, rief jemand. „Er blutet!“

Ich brachte kein Wort heraus, wusste aber, dass die Lippe meines Gegners nicht unter einem meiner Schläge aufgeplatzt war, sondern von einem Stachel der Hecke verletzt. Merkwürdigerweise aber sagte der Rothaarige nichts. Er sah mich nur an und wischte sich das Blut ab. Und dann gingen wir auseinander.

Um ehrlich zu sein, waren die anderen Jungs aus meiner Klasse nicht meine Freunde. Wir kamen nur zufällig zusammen, die meiste Zeit war ich in der Grundschule allein und habe darunter ziemlich gelitten. Das alles hat erst nach diesem Kampf eine Wendung zum Besseren genommen. Plötzlich gehörte ich dazu, auch wenn mich alle beim Heulen gesehen hatten, was unter anderen Umständen selbstverständlich ein Todesurteil gewesen wäre. Die kleine Prügelei aber schien meine Nerven zu entschuldigen. Vielleicht hielt man mich auch für eine Art Kriegszitterer, der nach der Schlacht erst einmal einen neurasthenischen Anfall bekam. Dennoch blieb ich der einzige, der seinen Gegner blutig geschlagen hatte. Zumindest dachten das die anderen Jungs und ich tat natürlich einen Teufel, sie von diesem Gedanken abzubringen.

Die zweite Prügelei erwischte mich auf kaltem Fuß. Ich muss fünfzehn oder sechzehn gewesen sein und lief von Kristin, meiner ersten echten Freundin, nach Hause. Zwischen dem Haus meiner Eltern und dem Haus von Kristin lagen Felder, um die sich niemand kümmerte. Alles wirkte eher wie ein Brachland, ein Niemandsland sogar, das sich nach der Hälfte des Wegs in eine große Wiese verwandelte, auf der die am Stadtrand wohnenden Hundebesitzer ihre Tiere spazieren führten.

Ich lief über den Feldweg. Es war warm, wahrscheinlich war es Sommer und ich dachte an Kristin, an eines der schönsten Mädchen aus unserer Klasse, die sich ausgerechnet für mich entschieden hatte. Für mich! Ich konnte es nicht fassen.

Auf dem Feld tauchten zwei Jungs auf und kamen näher. Sie waren älter als ich, aber nicht sehr viel älter, ein oder zwei Jahre vielleicht. Einer der beiden steuerte direkt auf mich zu. Ich erinnere mich an seine Frisur, schwarze Haare, mit Gel nach oben zu einer Art Bergkamm aufgestellt.

„Bist du schwul?“, fragte er. 

Sein Gesicht wirkte unbeweglich, vollkommen ausdruckslos.

„Was?“, erwiderte ich.

Ich spürte den Schlag gegen mein Kinn, mein Kopf schoss nach hinten, ich sah den Himmel über mir, aber dieser Himmel wirkte plötzlich ganz anders. Er schien verzerrt, seine Farben fehlerhaft, etwas stimmte mit ihm nicht. 

Betäubt sah ich die beiden an. Keiner von uns sagte ein Wort. Sie lächelten nicht einmal überheblich oder herausfordernd, sie schienen einfach nur darauf zu warten, was als nächstes folgen würde und blieben genauso gespannt wie ich selbst.

Ich setzte mich in Bewegung und lief an ihnen vorbei, ohne sie anzusehen. Mein Herz schlug wie wild, meine Knie waren verstörend weich, ich glaubte, meine Beine würden in jeder Sekunde nachgeben und ich auf diesem Feldweg unter einer deutschen Vorabendsonne mein Ende finden.

Aber die beiden Jungs verhielten sich still. Sie riefen mir nichts nach, sie folgten mir nicht. Und ich habe mich auch nicht nach ihnen umgesehen.

* * *

Jetzt, so und so viele Jahre später, stelle ich fest, wie gut ein wenig Bewegung tut, sobald ich eine Runde am Fluss entlang laufe. Ich bekomme den Kopf tatsächlich frei und später, zu Hause, mühe ich mich noch am Fingerboard ab. Ich folge einem neuen Trainingsprogramm, das ich gestern durch Zufall entdeckt habe. Zehn Minuten dauert das Ganze, das meine Fingerkraft hoffentlich nicht völlig verschwinden lässt. Kurz vor der Schließung der Kletterhallen im November war ich doch auf dem vorletzten Schwierigkeitsgrad angelangt, das darf es jetzt nicht einfach gewesen sein.

Gegen Mittag finde ich im Kühlschrank eine angebrochene Schale Salat, überprüfe aufmerksam, ob sich in den unteren Ebenen nicht bereits alles in Auflösung befindet, wasche dann die Salatmischung und brate mir noch zwei vegetarische Burgerpatties in der Pfanne an. Während ich esse, schaue ich ein Video auf Youtube. Ein junger Typ, der für mich wie das Paradebeispiel eines Metallers aussieht (kantige und ziemlich unmodische Brille, lange Haare, Kinnbart und T-Shirt mit dem Aufdruck eines den Mond anheulenden Wolfs), testet Schwerter, indem er Tatamimatten durchschlägt. Wahrscheinlich stellt die Matte so etwas wie den Arm eines Menschen dar, denke ich und bin ziemlich beeindruckt über die perfekten Schnitte. Das Schwert, ein Kriegsmesser, wie ich erfahre, durchtrennt die Matte wunderbar geschmeidig, als gebe es dort keinerlei Widerstand der Materie und das beeindruckt mich doch sehr. Der Metall-Fan filmt seinen Schwerttest in einem kanadischen Garten. Im Hintergrund wächst dichter Wald, die Wiese ist schneebedeckt. Gegen Ende des Videos beginnt es zu schneien. Der Schwertmeister hat einige Kilo zu viel auf den Hüften, manövriert aber mit einer ziemlichen Behändigkeit durch die Gegend, wie ich finde. Ich folge seinem Kanal seit fast sieben Jahren.

Nach dem Essen arbeite ich weiter, es ist mittlerweile kurz vor eins. Ich mache mir Musik an, muss Henning Christiansens Symphony Natura aber nach einer Viertelstunde wieder unterbrechen, denn die verzerrten Rufe schwerkranker Tiere machen mich unglaublich nervös. Ich scrolle durch meine iTunes-Mediathek und klicke auf Nick Turner & Matt Christensens gleichnamiges Album. Die ersten elektronischen Töne beruhigen mich sofort. Im Vordergrund wandert eine Synthiemelodie die Tonleiter rauf und runter, es hört sich ein wenig zufällig an, die Melodie bleibt nicht gleich, aber doch erkennbar, wahrscheinlich spielen die beiden auf einem modularen Synthesizer und haben einen generativen Patch zusammengesteckt. Hinter dieser sich in Zufallsmustern bewegenden Melodie taucht ein Glitzern auf, fast wie das Schneegestöber, Töne aus Glas, sehr hoch, ein Blinken eher oder Funken, Tonfunken, die im Abseits sprühen und verschwinden. 

Schon nach einer Minute bin ich der Meinung, diese Musik könnte für immer laufen, böte genügend Abwechslung, um eine Epoche von einhundert oder zweihundert Jahren zu umspannen. Aber in solchen Dimensionen denkt vielleicht nur jemand wie John Cage mit seiner Monumentalkomposition in Halberstadt. Dort wartet man ja wirklich Jahre auf einen neuen Ton. 

Ich suche im Internet nach dem letzten Wechsel und stelle fest, dass er im vergangenen September stattgefunden hat. Der nächste Klang (gis) ist für den 5. Februar 2022 angesetzt. Das ganze Stück wird 2640 sein Ende finden. Zu diesem Zeitpunkt werde ich seit mehreren Jahrhunderten tot sein und alle, die ich kenne und noch kennenlernen werde, auch. Von den Menschen, die im Jahr 2640 dem letzten Wechsel des Klangs beiwohnen, die sich womöglich (auch wenn mir das jetzt sehr unglaubhaft erscheint) in der Halberstädter Kirche einfinden, um dieses unglaubliche musikalische Ende zu verfolgen, werde ich so weit entfernt sein wie ein Maler der Renaissance von mir in diesem Augenblick, wie ein Bauer, der sich im 15. Jahrhundert in eine Kirche verirrt und die geschlossenen Altäre bestaunt, um dann ergriffen auf die Knie zu sinken vor einem Gott, an den ich nicht glaube und an den womöglich auch kein Mensch mehr im Jahr 2640 glauben wird, ein Gott samt seiner geheimnisvollen Offenbarung.

Im Jahr 2640 wird der Tod seit einer ganzen Weile Geschichte sein, ein Märchen, das man den sich gruselnden Kindern erzählt (aber auch Kinder sind dann Raritäten). Die Geburten werden kontrolliert, die Größe der Menschheit darf sieben Milliarden nicht überschreiten und wird penibel überwacht. Nur hin und wieder macht ein Selbstmörder Platz oder eine Familie, die ins All auswandert. Der Mars hat sich vor einem Jahrhundert von der tellurischen Menschheit unabhängig erklärt und plant zu expandieren. Aber auch die anderen extraterrestrischen Kolonien, die sich auf die Galaxis verteilen, streben ihre Unabhängigkeit an. Auf der Erde wird darüber debattiert, ob man die Toten zum Leben erwecken soll, denn die im Jahr 2640 hinlänglich überwundene Sterblichkeit führt die größte Ungerechtigkeit der Menschheitsgeschichte vor Augen. Alle vergangenen Generationen, alle Verstorbenen, hatten keine andere Chance, ihr Sterben besaß weder Heilung noch Alternative. Diese monumentale Ungerechtigkeit gründet sich wie stets auf die Unzulänglichkeit der zur Verfügung stehenden Mittel. Doch der Vorschlag, die Toten, möglicherweise als Bewohner eines noch zu besiedelnden Planeten, wiederzuerwecken, stößt im Rat der Zehntausend auf taube Ohren. Niemand der Diskutierenden weiß, dass man eine Frage bespricht, die eine kleine Gruppe von Russen (Russland, ein Name wie aus einer alten Sage, die Nation ist selbstverständlich längst verschwunden) vor siebenhundertvierzig Jahren bereits besprochen hat. Die Abschaffung des Todes stand auch auf dem Programm einer vergessenen Avantgarde, die diese biologische Ungerechtigkeit zu einer Zeit erkannte, als der Tod noch eine feste Größe gewesen ist, man sich den Mond als unerreichbar vorgestellt hat und das Weltall als maßlos, gefährlich und ziemlich verhängnisvoll.