10. Februar

Rome Streetz hat gestern ein neues Video auf Youtube gepostet und jetzt, ein paar Stunden später, taste ich mich durch den Schnee einer sehr unamerikanischen Stadt. Das hier ist ganz offensichtlich nicht Brooklyn, keiner käme auf einen solchen Gedanken, aber es ist so kalt wie in New York, denke ich und schaue auf meine fortschrittliche Uhr, die mir entgegnet, ja, du hast doch völlig recht, es sind acht Grad im Minus und das ist nun wirklich einfach Kälte, das lässt sich nicht leugnen. Schnee treibt über die Kreuzung in ganz merkwürdigen Mustern, es sieht aus wie ein dünnes Tuch, ein Vorhang, weiß und elastisch, eine wunderbare Beweglichkeit, die der Wind dort oben fabriziert, obwohl das, was über der Kreuzung in die bläuliche Dunkelheit treibt, andererseits auch gewissermaßen starr wirkt, als schöbe man eine Bühnenmalerei illusionslüstern durch die Gegend. 

Alles steckt voller geheimer Mechanik, denke ich, das verborgene Räderwerk bekommt man ja selten zu Gesicht, auch wenn man eine Ahnung von ihm hat. Aber für all diese abseitigen Überlegungen bleibt mir nun wirklich keine Zeit, ich muss weiter in Richtung Tram, muss über das Eis auf dem Gehweg balancieren so wie gestern, als mich meine Kollegin Sarah an der Kreuzung abgefangen hat, was ich hasse, wirklich hasse, denn ich will doch Musik hören und mich nicht schon vor dem eigentlichen Beginn der Bürohölle unterhalten müssen über all diesen Quatsch. Doch das sage ich natürlich nicht, ich halte mich zurück, ich bin sehr verständig und gehe auf meine Umwelt und deren Ansprüche ein (wie damals, als man mich ausgeladen hat von der Hochzeit meines Halbbruders, cf. Februar Acht). Doch in mir tobt ein heftiger Sturm, ein richtiggehender Widerwille, Erderschütterung, Ragnarök, nur muss ich mir gleichzeitig sagen, dass Sarah für meine Abneigung nichts kann, sie trägt doch am Ende überhaupt keine Schuld!

Ich lächle also und wir schlittern gemeinsam über das Mainzer Eis. Als wir eine Kreuzung queren, verliert sie das Gleichgewicht und greift nach meinem Arm, eine sehr unschuldige und natürlich nachvollziehbare Bewegung, doch ihr ist das merklich peinlich und deshalb stammelt sie sofort unter heillos verwirrtem Gelächter eine Entschuldigung hervor. Zehn Minuten später rutscht sie wieder aus und haut mir diesmal ihre Hand in meine Weichteile, was ich dann doch ein wenig eigenartig finde. Auch ist das Gelächter jetzt verhaltener, obwohl es noch existiert, nur hat sich die Situation gewandelt und ist ein wenig zu viel geworden sozusagen. Ich lasse mir aber nichts anmerken, trage auch meinen dicken Alpha-Industries-Parka mit der Fellkapuze und bin in der Unterleibsregion super gepolstert. So eine züchtige Frauenhand, die nach Halt sucht und dabei auf Abwege gerät, macht mir überhaupt nichts aus, da müsste schon ein Muay-Thai-Athlet kommen mit diesen verrückt gestählten Schienbeinen und mir richtig eine reinpfeffern. Dann, ja, dann ginge ich mit Sicherheit in die Knie, aber auf diese Weise hier über dem Eis und im Schneetreiben lasse ich mich nicht grundlos bezwingen, da soll die Welt mal etwas bieten, einen richtigen Zweikampf, so ein Wahnsinnsduell mitten auf der verschneiten Kreuzung, in diesem Grünlichttag, denn das Licht scheint mir wirklich grün zu sein unter der den Himmel querenden Wolkenschicht, die sich in Zeitlupe über die Gebäude verschiebt.

Aber die Welt funktioniert nicht auf diese simple Weise. Die Gegenspieler treten nicht leibhaftig auf, sie existieren bloß im Ungefähren. Mit dem Büro kann man nicht kämpfen, die Personifizierungen bleiben aus, man hantiert mit Symbolen und windschiefen Metaphern. So ein Duell, in dem man einem wirklichen Gegner in die Augen blickt, der alles in sich vereint, was man versucht aus den eigenen Tagen zu befördern, das wäre doch was. Wie wunderbar müssen die Zeiten gewesen sein, als der Hass sich tatsächlich in einem waschechten Gegenspieler manifestierte, nicht einfach nur in ihn hinein geschummelt wurde oder aufgestempelt, sondern wirklich in ihm lag. Einem solchen Hassobjekt ließ sich tatsächlich auf zwanzig Meter ein Kugel in die Brust jagen. Aber die Gegner sind heute ja vollkommen unbestimmt, körperlos, kaum zu ertasten und deshalb auch zu allem aufblasbar und ständig für die umfassendsten Schandtaten zu missbrauchen.

Am Morgen wirken die Menschen in der Tram wie Versprengte, die man aus den Häusern getrieben hat. Ich bin immer froh über Gesichter, die nach draußen sehen und nicht auf ihre Telefone, denn dort, auf den Displays, läuft doch letztlich nur unerheblicher Mist. Draußen aber schleppt sich der anbrechende Tag über die Brücke und den Fluss, ein noch dunkles Blau am Horizont. Die Lichter der Stadt kommen kaum dagegen an, am Morgen wirkt alles sanft, wahrscheinlich, weil der Schlaf noch hineinreicht in die Dämmerung. Die Menschen verhalten sich leise, kaum jemand telefoniert, auch die Gespräche wirken wie Ausnahmen und manchmal kommt es mir vor, als bewegte man sich durch eine Ansammlung von Teilen, die niemals zueinander finden möchten. 

In der Bahnhofshalle mustere ich die Anzeige und stelle fest, dass mein Zug ausgefallen ist. Auch die nachfolgenden Verbindungen haben entweder eine fast irrsinnige Verspätung (ich lese von siebzig Minuten und denke, warum gebt ihr nicht einfach auf, was hat es denn für einen Sinn, an dieser Stelle weiterzumachen?) oder sie werden gestrichen. Viele Pendler versammeln sich in der Halle und beobachten andächtig die Entwicklung. So setzt der Tag hier im Bahnhof ein. Die wenigen Züge, die ich durch die Schiebetüren an den Gleisen sehen kann, sind in Schnee und Eis verpackt, die Leute in dicke Jacken verstaut, die meisten haben auch die Kapuzen über ihre Köpfe gezogen und laufen über die Steige, um die Wärme in der Daunenhülle aufrecht zu erhalten. Auch die Tauben ziehen sich zurück. Zwei Polizisten patrouillieren müde durch die Eingangshalle, die behandschuhten Hände unter die schusssicheren Westen geklemmt.

Ich trete auf den Bahnsteig hinaus. Als sich die Schiebetüren lautlos hinter mir schließen und die Kälte nach mir greift, bin ich willenlos, weiß aber doch genau, wie ich meine Schritte zu setzen habe. Eine Viertelstunde später fahren wir über den grau-melierten Rhein, eine monströse Fläche ohne sichtbare Bewegung. Der Schnee legt sich als glanzloser Filter über das Gewässer, winzige weiße Irrlichter punktieren das monumentale Phlegma unter uns. Ein alter Mann sitzt mir gegenüber, die Maske unter dem Kinn, er stopft ein Brötchen in seinen Mund und bleibt ganz auf diesen Vorgang konzentriert, als hinge der Fortbestand der Welt von nichts anderem ab als dem Öffnen eines Mundes, einem sich hebenden Arm, einer Hand, die das Brötchen zwischen fünfzig Jahre alte Zähne klemmt. Er führt das Alltägliche mit einer übertrieben akribischen, fast liebevollen Aufmerksamkeit aus und zwinkert mich hin und wieder an. Ich wünschte, ich könnte zurückzwinkern, diene mich den anderen aber so ungern an. Also wende ich meinen Blick ab und tauche in die Masse der Gebäude vor dem Fenster ein, in die Lautlosigkeit des Sturms auf der Strecke. Ein Zug mit Containern rast an uns vorbei und ich folge den Aufschriften in großen Versalien. EVERGREEN, MANG TANG, COSCO, HAMBURG SÜD. Namen wie aus einem Märchen. Dahinter können keine Menschen stehen, keine Orte, Landstriche, Unternehmen, anonyme Körperschaften. Das Alles stammt aus dem Nichts und materialisiert sich auf den Gleisen hier im Schnee als bloße Laune, als echtes, achselzuckendes Augenfieber.