8. Februar

Wir sind zu L und T zum Kuchenessen eingeladen und machen uns gegen halb eins auf den Weg. Ich fühle mich sehr häuslich, als wir im Treppenhaus stehen und empfange den Regen auf der Straße mit einem hingebungsvollen Lächeln. Das Wetter ist doch nicht der Rede wert, sage ich mir. Wenn es die Tauben nicht interessiert und auch nicht die Krähen, die sich heute morgen kurz nach sechs über alle Hinterhöfe des Viertels hinweg unterhalten haben, muss das auch mich nicht interessieren. K meint, mit meiner schwarzen FFP2-Maske würde ich aussehen wie ein Rabe und obwohl ich mich gegen diese Behauptung wehre (ein wenig zu zaghaft, wie mir scheint), gefällt mir der Vergleich doch insgeheim sehr. 

Das Hochwasser nimmt trotz des Nieselregens weiter ab. Beim Überqueren der Brücke tauchen neue Inseln auf, dort, wo früher die Uferwiese gewesen ist. Grasbewachsene Archipele treten an die Oberfläche, eine zweite Scheidung von Wasser und Land setzt ein. Auch die Schwäne haben sich sprunghaft vermehrt und fressen jetzt die neue Uferkante ab. So hat doch jeder seine eigene Eile, sage ich mir, wir hier im Regen und die weißen Flussvögel dort unten mit der Panik im Nacken, das unerwartete Paradies könnte mitsamt seinen übervollen Vorräten schon morgen verschwunden sein.

Später essen wir Karottenkuchen und trinken Tee aus sehr filigranen, großmütterlichen Tassen. Am Morgen habe ich noch Hototogisus Chimärendämmerung gehört und nun ist bei L und T alles so friedlich und still. Auch ist ihre schöne, große und helle Wohnung sehr sauber, viel sauberer als bei uns natürlich. Kein schmutziges Geschirr steht in der Küche herum, im Flur kann man sich frei bewegen, ohne über Pakete, Tüten und Wäscheständer zu stolpern und selbst die Schuhe stehen säuberlich in einer Reihe. Die Ordnung wirkt nicht übertrieben penibel und gerade deshalb beeindruckt sie mich sehr und wenn ich durch die gläserne Tür hinaus zum Balkon sehe, auf dem ein wunderbarer Urwald auch jetzt im Februar wächst, beneide ich die beiden um ihre Fähigkeit sich einzurichten und einen Garten in der Kälte anzulegen. All die Pflanzen, die K und ich versucht haben auf unserem eigenen Balkon großzuziehen, sind eingegangen und dabei wünsche ich mir einen wirklich begrünten Balkon doch so sehr. Unserer gleicht einer Müllhalde.

Wir unterhalten uns über die Arbeit, aber meine Gedanken schweifen zu schnell ab, als dass ich in der Lage wäre, dem Gespräch zu folgen. Auch kenne ich Ks Geschichten ja schon und schalte mich nur hin und wieder mit einem kurzen Kommentar ein. Die restliche Zeit denke ich an die Mail meiner Verlegerin und an meinen Roman, glaube plötzlich, dass er aufgrund all der Unwägbarkeiten am Ende doch nicht im Sommer erscheinen wird. Aber das muss er doch!, sage ich mir, jetzt muss es doch endlich einmal losgehen. Das hier, dieses Jahr, das ist das Jahr der Fahnen! 

Ich erzähle den anderen von meinen Zweifeln und alle beruhigen mich natürlich sofort. Wer weiß, wie es am Ende ausgeht, so viele Leute stecken in Schwierigkeiten. Ich nicke und lasse mich beruhigen. L macht einen Sekt auf und ich trinke widerwillig, denn eigentlich mag ich jetzt keinen Alkohol, aber als sie auch noch Eiswürfel hervorzaubert, lasse ich mich überreden.

Wir ziehen in das Wohnzimmer um, ein riesiger, loftartiger Raum, in dem früher einmal eine Marktforschungsfirma saß, bis man alles in eine normale Wohnung umgewandelt hat. Hinter den Fenstern liegen die verregneten Planken und das Dachgeschoss eines anderen Gebäudes. Ein Frau steht dort gerade auf der Terrasse und raucht, aber sie sieht mich nicht. Ich nähere mich der Couch, die derart bequem ist, dass ich mich sofort gegen den Schlaf wehren muss, sobald ich Platz genommen habe, als mir ein Bandname einfällt, den ich für ganz ausgezeichnet halte. RADICAL CAPITAL würde sich doch wirklich super für eine Crustpunk-Gruppe eignen, ich gebe diesen Namen sehr gern her, bedient euch!

Später trinken wir Wein, es wird Käse serviert und Karotten und Gurke mit einem Dipp, vor dessen hoher Knoblauchdosis man uns prophylaktisch warnt. Irgendjemand kommt auf Kindheitsfotos zu sprechen und ich zeige ein Familienfoto, auf dem auch meine Schwester und meine beiden Halbbrüder zu sehen sind. 

„Wenn du dir die untere Hälfte vom Gesicht meines älteren Halbbruders wegdenkst“, erkläre ich L, „siehst du mein Gesicht. Also meine Augen und so weiter.“

L und T erklären, das träfe tatsächlich zu, wir würden uns ähnlich sehen.

Ich habe mich mit meinem Halbbruder wahrscheinlich nicht mehr als zehn Mal in meinem Leben unterhalten und diese Unterhaltungen blieben immer an der Oberfläche, auch wenn das keinem von uns vorzuwerfen ist. 

„Wie geht es dir?“

„Gut. Und dir?“

„Was macht deine Arbeit? Bist du noch im Museum?“

„Ja, alles gut. Wie geht es deinen Kindern?“

„Die werden langsam erwachsen. Du weißt ja, wie das ist.“

Ich nicke, ohne etwas zu erwidern und denke, nein, eigentlich weiß ich es nicht. Wie sollte ich auch, ich habe schließlich keine Kinder. Auch mit meinen Neffen habe ich selten mehr als einen Satz gewechselt, dabei kenne ich sie seit ihrer Geburt. Jetzt sind sie achtzehn oder zwanzig Jahre alt und studieren. Sie wollen Geld verdienen, das lausche ich den Gesprächen meiner Familie ab, erst einmal Geld verdienen und auf ein Auto sparen und dann, ja, dann gibt es so viele Möglichkeiten, wir sind alle sehr gespannt. 

Als mein Halbbruder vor Jahren heiratete, haben sie mich nicht zur Hochzeit eingeladen. Du hast in Berlin doch so viel zu tun, du bist doch auch so eigenbrötlerisch, da haben wir nicht damit gerechnet, dich könnte so eine Hochzeit interessieren. Merkwürdigerweise hat mich das damals verletzt, obwohl mich Hochzeiten ja tatsächlich nicht interessieren, aber ich bin nun einmal auch kein Automat, ich bin in der Lage, die Freude der anderen zu teilen! Wofür hält man mich hier eigentlich? Ich gehe doch auch durch die Welt, ich habe auch Augen, ich nehme die Gepflogenheiten sehr wohl wahr und richte mich nach ihnen aus. Mein Gott, ich bin doch auch ein Mitglied der Gesellschaft!

Im Wohnzimmer sprechen wir über meinen zweiten Roman. Auch T liest ihn gerade und tut sich etwas schwer damit. Für seinen Geschmack gibt es zu wenig Entwicklung im Erzähler, dessen Aufbegehren er aber registriert, was mich wiederum beruhigt. Ja, am Ende tut sich bei diesem Erzähler tatsächlich nicht viel, nicht viel mehr zumindest als ein kümmerlicher Versuch. Am Schluss steht er erneut am Anfang und diese Zirkelbewegung macht auch viel Sinn, sage ich mir. Ein Kreis wie in Antal Szerbs Reise im Mondlicht, die ich gerade ganz begeistert lese.

Der Abend findet bald ein Ende und obwohl es mir nicht im Ansatz aufgefallen ist, haben wir fünf Stunden miteinander verbracht. Im Flur ziehe ich mir meine schlammigen Trailrunningschuhe an und dann meine regendichte Patagonia-Jacke, setze meinen Rucksack auf und schieße ein Selfie, während K noch kurz auf der Toilette verschwindet. 

„Warum machst du jetzt ein Foto?“, fragt L. 

Ich fühle mich ein wenig betrunken vom Wein und bin ganz einfach in der Stimmung.

„Ich weiß nicht so recht“, antwortete ich und mache ein weiteres Foto.

Wir umarmen uns zur Verabschiedung und fahren mit dem Fahrstuhl nach unten. Noch in der Kabine mache ich weitere Bilder. Ich nehme mir vor, zu Hause sofort zu schreiben. Ich möchte über die neu erstandenen Archipele auf dem Fluss schreiben, die sich im Verlauf des Nachmittags noch vergrößert haben, wie K und ich einige Minuten später von der Brücke aus bemerken. Ich möchte über die Schwäne schreiben, die sich von der Dunkelheit nicht beirren lassen und einfach weiter fressen, ich möchte über diesen bodenlosen Hunger schreiben, denke ich, während ich Raw Silk Uncut Wood von Laurel Halo höre, eine neue Geschichte, in der jemand die Städte verwechselt und plötzlich in Santiago lebt, plötzlich in Chile ist, ich habe den Titel bereits auf der Zunge, denke aber mit einem Mal unsinnigerweise an Daniel Kehlmann, über den ich vor kurzem etwas gelesen habe und der so wenig auratisch wirkte, wie Herrndorf schrieb, und schon ist mir der Titel der Erzählung entfallen, in eine Spalte gerutscht und die Nacht schlägt über unseren Köpfen zusammen.

Auf das nasse Pflaster zeichnet sich die Stadt, die leeren Trams gleiten über ein lautloses Nichts. Unter ihnen existiert ein ungeheurer Bereich, kein Abgrund, aber auch nicht einfach nur der Asphalt, ein Zwischenraum, in dem die Nacht sich wie ein Urzeittier auszustrecken versucht. Da ist das Glühen der Lichter und der drei Türme am Ufer. Alles voller Leben, denke ich, und doch alles kurz vor dem Schlaf. Überhaupt die Städte und der Schlaf. Wie merkwürdig es ist, sich all die schlafenden Körper vorzustellen in ihren mehr oder weniger ähnlichen Zimmern. Gegen drei Uhr am Morgen ein gigantisches Stillleben, in dem hunderttausend Träume Kapriolen schlagen, viele davon mit ähnlichen Mustern, Türme, Ängste, Flucht. Und das alles in jeder Nacht, seit so und so vielen hunderttausend Jahren.