3. Februar

Seit achtzehn Jahren lebe ich nicht mehr bei meinen Eltern und genau achtzehn Jahre habe ich bei ihnen gelebt. Diese merkwürdige Teilung in zwei Hälften fällt mir heute morgen in unserer Küche auf. Ich spüle einen Teller ab, in dem Reste von Tomatensauce ein abstraktes Muster hinterlassen haben, das mich an Malereien von Cy Twombly erinnert, stelle den Teller dann auf das Abtropfgestell, wobei ich erst eine riesige Salatschüssel aus dem Weg räumen muss, gegen die ich mich bei einem kopflosen IKEA-Einkauf nachdrücklich, aber erfolglos zur Wehr gesetzt habe. Die Schüssel gleitet mir aus der Hand und schlägt scheppernd auf dem Boden der Küche auf. Dann rollt sie in schwerfälligen und betrunkenen Ellipsen unter den Tisch. Plötzlich macht sich eine Ruhe im Raum bemerkbar, wie sie sonst nur nach einem lauten Knall existiert. Die Ruhe scheint ja häufig nicht viel mehr als eine abgekehrte Seite der Wirklichkeit mit ihren unentwegten Forderungen und Geräuschen, wobei sie eigentlich allem unterliegt, der wirkliche Grundton ist, wie ich denke. Nur wenige Kilometer über unseren Köpfen herrscht sie als wahre Unendlichkeit, die ich niemals verstehen werde, und sicher auch aus diesem Grund macht uns die Stille häufig Angst. Angeblich foltern die Amerikaner in schallisolierten Zellen. Keine nahen Geräusche und schon tappt der Wahnsinn heran.

Der eben erst angebrochene Morgen schwappt zurück nach draußen in Richtung Hof, wo es noch immer dunkel ist. Es fällt mir nicht schwer, hinter der Balkontür Wirbel zu entdecken, die Dunkelheit baut sich außerhalb unserer Wohnung ein Netz, zimmert sich in aller Abgeschiedenheit ein eigenes Haus, das erst in jenem Augenblick in seine Einzelteile zerfällt, wenn die Lichter in den gegenüberliegenden Gebäuden eingeschaltet werden. So war es auch früher bei meinen Eltern, denn aus meinem Zimmer konnte ich auf das Nachbarhaus sehen und die Nacht war zu Ende, sobald dort drüben die Lichter aufleuchteten.

An vielen Nachmittagen bin ich nach der Schule die ansteigende Straße hinauf bis zur Kreuzung gelaufen. Das Haus meiner Eltern lag nur etwa zweihundert Meter von dieser Kreuzung entfernt und auf der Straße herrschte nicht viel Verkehr. Links und rechts standen Ein- oder Zweifamilienhäuser, die meisten davon in den Zwanziger Jahren gebaut und dann gab es noch die durch Lattenzäune von der Straße getrennten Gärten an einem Hang. Obwohl der gesamte Straßenzug zur unmittelbaren Nachbarschaft zählte, nahm ich nur die beiden Häuser neben unserem eigenen als solche wahr. Alles was hinter diesen Häusern begann, das Gebiet der anderen sozusagen, blieb für mich fremd und merkwürdig gefährlich. Nur unter Aufbringung all meiner Kräfte brachte ich es über mich, diese unbekannten Menschen zu grüßen, wie es meine Eltern von mir verlangten, denn was, dachte ich damals, habe ich mit diesen Leuten überhaupt zu tun? Ich kenne doch keinen einzigen!

Nach der Schule lief ich die Straße hinauf, beschleunigte meine Schritte, sobald ich eine Bewegung in den Vorgärten bemerkte, die auf einen der sogenannten Nachbarn deutete und machte mich unentdeckt aus dem Staub. An der Kreuzung gab es zwei Möglichkeiten. Entweder nach rechts, vorbei an weiteren Häusern des am Stadtrand liegenden Viertels und dann über die Straße auf das Feld oder nach links, einen steileren Anstieg hinauf und auf einen ziemlich abseitigen Weg, der durch ein Spalier weiterer Gärten führte. Am Ende dieses Wegs tauchte ein Hügel auf, der eine weitläufige Wiese überblickte. Unten spazierten die Hundebesitzer unseres Viertels durch das Gras, darunter hin und wieder eine alte Frau mit einem riesigen Schäferhund, der mir damals eine Heidenangst einjagte.

Ich arbeitete mich durch dichtes Gestrüpp, um hinauf auf den Hügel zu gelangen. Brombeersträucher wuchsen hier wild und wenn man nicht aufpasste, zerrissen sie einem die Hose und zerschnitten die Haut. Junge Bäume ragten ungerührt in den Himmel, ihre Stämme waren noch dünn und jung und wirkten ausgesprochen glatt. Ab und zu verstellten sie mir den Weg und ich musste mich erst umständlich an ihnen vorbei tasten, denn die Erde war weich und lose und man rutschte sehr schnell aus. 

Vom Scheitel des Hügels bekam man die gesamte Wiese in den Blick. Auf der einen Seite wurde sie von einer Landstraße begrenzt, auf der anderen lief sie ungehindert bis zum Horizont. Ich sah im Hintergrund die Ausläufer eines Gewerbegebiets, doch die Supermärkte und Möbelhäuser, die man in einer Art Niemandsland errichtet hatte, wirkten endlos entfernt. Auch wenn man nur eine Viertelstunde brauchte, um sie zu erreichen.

Tiefe Mulden übersäten den Hügel, auf dem das Gras in Büscheln wuchs. Die Erde war so etwas wie der vorherrschende Ton, keine dunkle Erde allerdings, sondern eine helle, graue Schicht, die sich im Sommer in trockenen Staub verwandelte und im Herbst in klebrigen Schlamm. Mein Vater erklärte mir später auf einem Spaziergang, dieser Hügel sei kein richtiger Hügel, sondern eine aufgeschüttete Halde voll Schutt, auf der sich langsam die Natur ausbreite. Erst da begriff ich, warum sich auf dem Scheitel des Hügels so viele Bruchstücke von roten Ziegeln fanden, sobald man nur ein wenig in der Erde grub. Auch der übrige herumliegende Müll passte jetzt plötzlich ins Bild und ich kam mir mit einem Mal wie ein Idiot vor, denn all diese Überreste hatte ich selbst für ziemlich rätselhaft gehalten und als Hinterlassenschaften okkulter Zusammenkünfte interpretiert.

* * *

Viele hundert Male muss ich auf der Halde gewesen sein, um hinab in Richtung Wiese zu sehen, hunderte von Nachmittagen, die jetzt ein einziger Nachmittag sind, ein Nachmittag, an dem kein bestimmtes Wetter herrscht, weder Sonne noch Regen, eher dieser kurze graue Augenblick nach einem Schauer, in dem die Wärme zurückkehren will, die Luft aber noch kühl ist und einen frösteln lässt. Auf diesem Hügel war ich allein unterwegs oder mit meinem besten Freund, den ich nach der Grundschule sofort aus den Augen verloren habe. Vier Jahre lang bin ich mit ihm an fast jedem Nachmittag auf unseren BMX-Rädern unterwegs gewesen. Wir sind so ziemlich alle Straßen der näheren Umgebung abgefahren, waren aber häufig auch in einem Park unterwegs, um uns mit voller Geschwindigkeit über die aufgeworfenen Wurzeln alter Kastanien zu katapultieren. Für einen kurzen Moment wurden wir schwerelos, der Körper aufgerichtet und in die Pedalen gestemmt und so flogen wir auf unbeschreibliche Weise durch die Gegend, der Kopf ganz leer, das Herz in heftigem Takt, eine Zeitlupenszenerie vor den Augen und mit dem Aufschlag auf der Erde tauchten wir wieder auf, begeistert und staunend, das alles überlebt zu haben.

Auf dem Hügel entdeckten wir an einem dieser Nachmittage ein provisorisches Zelt. Jemand hatte eine alte Armeeplane über eine der Mulden gebreitet und an den Rändern mit Steinen beschwert. Ein Stock in der Mitte des Zelts, dessen Inneres so niedrig war, dass man hineinkriechen musste, spannte die Plane über der Mulde auf. Wir diskutierten eine ganze Weile herum, ob wir in das Zelt kriechen sollten oder nicht.

„Und wenn uns jemand erwischt?“, fragte ich.

„Wer soll uns denn erwischen? Wir sind doch ganz allein.“

„Vielleicht sollte einer Wache halten. Nur falls jemand kommt. Wenn wir einmal im Zelt sind, sehen wir doch nichts mehr.“

„So ein Quatsch. Wir gehen da jetzt gemeinsam rein.“

Von außen konnte man das Zelt leicht übersehen, denn es war gut getarnt und hob sich vom Müll kaum ab, der in verstreuten Inseln den Hügel überzog. Im Inneren des Zelts aber herrschte penible Ordnung. Ich erinnere mich an eine ganze Sammlung übereinandergestülpter Eimer aus Plastik, verstreute Klamotten und eine Handvoll bunter Feuerzeuge, die mir sofort ins Auge fiel. Aber ich getraute mich nicht nach einem der Feuerzeuge zu greifen. Das Zelt machte keinesfalls den Eindruck eines Provisoriums, sondern als wohnte hier tatsächlich ein Mensch und mein Herz schlug unruhig, als säße uns jemand im Nacken.

Als wir wieder auf dem Hügel standen, atmete ich auf und sah in der Hand meines Freundes ein Feuerzeug aus Metall.

„Funktioniert es?“, wollte ich wissen.

Mit dem Daumen öffnet er die silberne Verschlusskappe, die mit einem Klicken nach hinten schnappte. Dann drückte er den Knopf mit einem weiteren Klicken hinab und ich hörte im gleichen Augenblick das ausströmende Gas, ohne aber eine Flamme zu sehen.

„Das ist ein Sturmfeuerzeug“, sagte meine Freund. „Die Dinger sind teuer.“

Ich staunte das Feuerzeug an und konzentrierte mich auf die unsichtbare Flamme. In einem ruhigen Moment ließ sich ein hellblauer, transparenter Kranz ganz dicht über dem Metall ausmachen.

Im Zelt hatte ich Papier gesehen und kroch zurück. Jemand hatte einige schmutzigen Blätter mit Kugelschreiber beschrieben, doch jetzt gab es keine Zeit, um diese Notizen durchzugehen.

Wir legten die Blätter übereinander und zündeten sie an. Das unsichtbare Feuer sprang sofort auf die beschmutzten Seiten über, aber im Nachmittagslicht ließ sich auch jetzt die gefräßige Flamme kaum erkennen. Man sah nur den braunen Rand und die von diesem Rand abbröckelnde Asche, dort, wo sich das Papier schwärzte und in Schuppen zu Boden fiel. 

Das trockene Papier brannte ausgezeichnet und die Flammen setzten bald die ersten Grasbüschel in Brand. Ein wenig Rauch stieg auf, grau und durchscheinend, wurde vom Wind aber sofort in alle Richtungen getragen.

„Ich gehe heim“, sagte ich plötzlich.

„Ich bleibe noch ein bisschen hier oben“, antwortete mein Freund.

Darauf erwiderte ich nichts. Wir hockten noch immer auf dem Hügel und ließen nun das Gras in Rauch aufgehen. Irgendetwas lag in der Luft, es war ganz eigenartig. Auch die Hundebesitzer waren von der Wiese verschwunden.

„Lass uns zusammen gehen“, sagte ich dann. „Du hast doch einen viel weiteren Heimweg.“

„Ich glaube, ich werde noch ein bisschen hier oben bleiben“, sagte er.

„Okay, dann mach’s gut.“

„Du auch.“

* * *

In dieser Nacht schlief ich schlecht, das Feuerzeug ließ mich einfach nicht los. Auch glaubte ich, aus Richtung des Stadtzentrums Sirenen zu hören, sah im Traum einen Löschzug, der sich mir in unendlicher Langsamkeit näherte. Am nächsten Morgen suchte ich nervös meinen Freund in der Schule, der aber genauso war wie auch sonst.

„Hast du das Feuerzeug dabei?“, wollte ich wissen.

Er zuckte mit den Schultern. 

„Ich habe es zurückgelegt“, antwortete er.

Gleich nach dem Ende des Unterrichts machte ich mich auf und erreichte am frühen Nachmittag den Hügel. Schon von weitem sah ich die verkohlten Grasbüschel in der Nähe des Zeltes, das es nicht mehr gab. Die Plane war verschwunden und nirgends zu sehen und die Gegenstände aus dem Inneren lagen verstreut herum, hier und da von schwarzen Spuren gezeichnet, Versuchen, diesen ganzen Mist anzuzünden. Keines der bunten Feuerzeuge, die ich gestern gesehen hatte, ließ sich in diesem traurigen Chaos ausmachen, obwohl ich mit einem langen Stock ziemlich akribisch den Müll durchpflügte. Und natürlich ich fand ich auch das silberne Sturmfeuerzeug nicht mehr.

Für eine Weile saß ich dann auf dem Hügel und starrte auf die Wiese hinab. Alles um mich herum lag eigenartig still, als hätte sich die Welt der Geräusche vorsichtshalber zurückgezogen. Kurze Zeit später tauchte unter mir ein Mensch auf mit einem Hund, der schwerfällig über Feldweg schlurfte, mühsam, wie ein alter Mensch eben läuft. In diesem Menschen erkannte ich die Frau mit dem Schäferhund und merkwürdigerweise, vielleicht aus einem dummen Zufall heraus, blieb sie an diesem Nachmittag stehen und erkannte auch mich, dort oben auf meinem Hügel. Auch der Hund blieb stehen, als witterte er etwas, sprengte dann aber desinteressiert davon.

Die Frau sah weiter in meine Richtung und obwohl sie mich aus der Entfernung kaum erkennen konnte, begann die Wut in mir aufzusteigen. Hätte es diesen Scheißhund nicht gegeben, ich wäre mit meinem Stock hinunter gerannt durch das Gestrüpp und hätte wer weiß etwas getan. Mit erhobener Waffe wäre ich den Abhang hinter gelaufen und an den jungen Bäumen vorbei, ich hätte wie wild geschrieen, wäre direkt auf sie zugestürmt und sie hätte nichts, überhaupt nichts begriffen. Aber dann machte sich die dicke Alte endlich los und folgte ihrem geistesgestörten Schäferhund, der ein oder zwei Jahre später starb. Angeblich hat ihn ein Nachbar vergiftet, der das nächtliche Gejaule nicht mehr ausgehalten hat und die Sache schließlich in die eigenen Hände nahm. Von da an tauchte auch die Alte nicht mehr auf der Wiese auf. Ich sah sie noch ein paar Mal in unserem Viertel, wechselte aber stets die Straßenseite, als bekäme ich es mit der Angst und meiner Wut zu tun wie damals auf dem Hügel. Doch hier unten fehlte die Distanz. Es fehlten Wiese und Hügel, zwei scharf voneinander getrennte Bereiche wie es sie an jenem Nachmittag, kurz nach dem Ende der Schule, gegeben hatte.