28. Februar

Drei Kinder sind im Haus und verhalten sich auffällig still. Normalerweise hetzen Kinder in diesem Alter durch die Wohnung, die gerade sonnendurchflutet ist und ihr Geschrei übertönt alles, selbst die eigenen Gedanken. Jetzt aber sind die Kinder ruhig und sitzen, wie ich von meiner Bank am Küchentisch aus annehme, im angrenzenden Wohnzimmer (das hellste Zimmer des Hauses), um irgendein sicher sehr ernstes Spiel zu spielen. Ich kenne keine aufgeschlosseneren Kinder als diese hier, sie sind K und mir gegenüber anfangs immer etwas zurückhaltend, aber ihre Schüchternheit ist eine kindliche Schüchternheit, etwas ganz Natürliches und nicht eine solche übermäßige Angst, wie ich sie damals fühlte. Die Kinder strahlen außerdem eine einnehmende Grundentspanntheit aus. Das sind Sonntagskinder, sage ich mir, auch wenn keines der drei an einem Sonntag geboren sein mag, dennoch aber besitzen sie eine innere Ruhe, mit der sie der Welt begegnen, ein merkwürdiges Vertrauen, das ich bewundere, weil es mir so unendlich fremd ist. Die Kinder erinnern mich auch an die Söhne von C. Dasselbe In-der-Welt-sein. Man spürt die Abwesenheit jeder Verunsicherung und die Freude an den kleinsten, weil unerschöpflichen Ereignissen. Später fragen die beiden älteren Kinder, warum K und ich mit dem Zug fahren müssen und nennen dabei unsere Namen. Das Mädchen habe ich erst einmal gesehen, den Jungen schon etwas häufiger, aber meinen Namen von ihnen zu hören (sie sagen ihn schüchtern, denn es bleibt ein seltener, fremder Name), berührt mich merkwürdigerweise sehr. Jahrzehntelang bin ich mit der Grundüberzeugung durch die Welt gegangen, kein anderer könne sich an diesen Namen erinnern und hatte deshalb insgeheim stets die Zweitvorstellung parat. Mein Name ist Thomas, wir haben uns da und da einmal kennengelernt. Kannst du dich zufällig daran erinnern?

Ich sehe durch das Küchenfenster nach draußen. Wir befinden uns in einer gesichtslosen Wohnsiedlung voller Mehrfamilienhäuser. Die Sonne steht in einem ungetrübten Blau, durch das sich nicht einmal die Flugzeuge in dieser Stunde bewegen und ich beobachte das oberste Stockwerk des gegenüberliegenden Gebäudes. Die Fenster dieser Etage besitzen eine eigenartige Textur, die Glasfläche wirkt gewellt, zerfurcht, von Dellen überzogen, als hätte man die Scheibe mit einem kleinen Hammer bearbeitet und das alles hat zur Folge, dass sich das Innere der Wohnung nicht erkennen lässt. Ich sehe zum Himmel, dann wieder zum Fenster, ich sehe

Blau

Glas

Blau

das Glas und dann taucht plötzlich ein Schatten hinter der Scheibe auf. Es ist nur die Andeutung eines Menschen und diese Andeutung zieht sich sofort in die Dunkelheit zurück. Eigentlich ist dort überhaupt kein Mensch gewesen, auch wenn die Silhouette natürlich auf einen Menschen deutete, auf eine Frau. Doch das Leben hinter dem Fenster gewann keine Schärfe, die äußere Gestalt blieb unglaubhaft und formlos und mit einem Mal bin ich mir sicher, auch die innere Gestalt, das innere Leben, müsse auf die gleiche Weise unglaubhaft und formlos bleiben. Mein Beobachten bedingt plötzlich das Leben und dieses Leben hinter dem Glas ist nichts weiter als eine Metapher. Tatsächlich war dort ein Körper, aber dieser Körper bleibt für immer unsichtbar, er ist unsichtbar für mich, verhüllt wie ein Gebirgszug bei starkem Regen oder eine Landschaft, die unter Nebeln liegt.

Später fährt uns K im Auto zurück. Ich lehne mich tief im Sitz nach hinten, kippe die Lehne noch weiter an und liege nun halb unter der Windschutzscheibe. Das warme Licht fällt auf mein Kinn, sackt durch die Haut und das Fleisch, trifft auf den Kieferknochen. Die Wärme ist so intensiv, dass ich sie in meinem Schädelgerüst fühlen kann. Wir halten an einer Ampel. Draußen ist alles voller Spaziergänger. Viele laufen mit verbissenen Gesichtern durch das Licht, als absolvierten sie eine weitere, unliebsame Aufgabe. Diese Leute, denke ich, als die Ampel auf Grün schaltet und K Gas gibt, sind nicht wirklich da, sie existieren ebenso wenig wie der Körper hinter dem Glas. Und sollten sie dennoch existieren, was mir allerdings nicht nur unwahrscheinlich, sondern wie ein dummer Scherz erscheint, dann stammen sie aus einer anderen Zeit, aus einer längst vergangenen Epoche, sie stammen nicht aus diesem Tag. Nichts, denke ich, stammt heute aus diesem hellen, sicher viel zu schönen Tag.

26. Februar

Die erleuchteten Wohnungen im Hinterhof wirken jetzt am Abend wie eine Szene aus dem Dekalog von Kieslowski, lauter helle Kästen, in denen sich Leute bewegen und ein fremdes Leben führen. Die Linien dieser Leben scheinen mir für einen kurzen Augenblick vertraut und meinem eigenen ähnlich, doch sobald ich etwas länger hinsehe, kehrt die Fremdheit zurück. Überall flimmern Fernseher als riesige Flechten an den Wänden, im Erdgeschoss wohnt ein Mann, den ich auf Ende Fünfzig schätze und dieser Mann ist immer allein. Meist quert er in einem weißen Feinrippunterhemd seine Wohnung (das Wohnzimmer mündet in eine offene Küche), läuft zum Kühlschrank, öffnet ihn, da ist wieder Licht, diesmal ein helles Leuchtstoffröhrenlicht, er holt etwas hervor, wahrscheinlich etwas zu essen, denke ich, und dann steht er für einige Augenblicke an einem Tresen, der die offene Küche vom restlichen Wohnzimmer zumindest provisorisch trennt und sieht zu seinem gigantischen Bildschirm. In diesem Moment verschwindet er, dort unten steht die Einsamkeit, für sie gibt es kein besseres Bild und während der Mann selbstvergessen auf irgendetwas wartet und nichts tut, läuft über ihm eine Rentnerin hinter den Vorhängen von links nach rechts, ruhelos und durcheinander, als warte sie auf Besuch, auf die Kinder, die sich angemeldet haben und doch nicht kommen werden. 

Gestern spaziere ich am Flussufer entlang, das voller Menschen ist, die Leute fallen regelrecht übereinander her, die Möwen kreisen angriffslustig über unseren Köpfen, Kinder schreien, als wären sie verwundet, Hunde rasen aufeinander zu und überschlagen sich lefzenfetzend im Spiel und auf den Steinstufen sitzt ein Auditorium aus Jugendlichen und Pennern und sieht meinem Spaziergang total unbeeindruckt zu. Äußerlich umgibt sie das Gespenst jener wahnsinnigen Grundlässigkeit, deren Kehrseite von einem Meer aus Unsicherheit, Angst und Verwirrung gebildet wird und aus diesem Meer kommt man nur selbst heraus und das braucht viele Jahre. Einige gehen währenddessen unter, finden sich ab, viele kommen auch nie ganz heraus, alles ist Sumpf, man tauscht Meer gegen Brachland und das Brachland gegen eine Stadt und dort spult man die Versuche ab und manchmal glaubt man, dem Ziel ein wenig näher zu kommen.

Neulich spricht mich am Bahnhof jemand an und bettelt um Geld, aber ich mach da nicht mehr mit, mein Mitleid ist kaum noch vorhanden, hat sich komplett abgenutzt in den letzten zwei oder drei Jahren, ich spende ab und zu für Wikipedia oder irgendeinen anderen schrecklichen Grund und hasse insgeheim die wunderbaren Moralisten, die sich überall bemerkbar machen, um ihre Hilfsleistungen ganz kleinteilig aufzuzählen. Am Ende haben sie ja recht, aber sie sollen mich in Ruhe lassen. Mein Versuch besteht seit längerem darin, den Ausstieg zu schaffen, den Riss im Mauerwerk zu entdecken, durch den ich schlüpfen kann, die lose Holzlatte im scheinbar gut vernagelten Zaun, nur stellt sich das natürlich als nicht ganz so leicht heraus, wie anfangs gedacht. 

Vor Jahren habe ich einmal auf der Fahrt zu meinen Eltern hinter dem Zugfenster einen Mann am Bahnhof gesehen, der mich komplett umgehauen hat. In irgendeinem Provinznest der thüringischen Wüste, in einem wirklich ganz rückständigen und verlassenen Dorf lehnte ein Mittvierziger geduldig an einer Kastanie neben dem zugenagelten Bahnhofsgebäude. Er trug eine Hochwasserhose, neue Vans, war volltätowiert und hatte so etwas Künstlerhaftes an sich, schulterlange und zurückgekämmte Haare, ein kurz geschnittener Bart und das alles passte überhaupt nicht ins Bild dieses kleinkarierten Dorfs, dem man die verbiesterte Engstirnigkeit richtig ansah, der Mann fiel aus allem heraus und blieb ein Rätsel. Wie hatte er sich an diese Stelle verirrt? Warum führte er ausgerechnet ein Leben an diesem Ort? Er musste in dieser Kleinstadt schon äußerlich ein Fremder sein und der Stein des Anstoßes bleiben und er wusste davon, er wusste genau, wofür er mit seinen muskulösen und vor der Brust verschränkten Armen stand. Und dann stieg ein junges Mädchen aus dem Zug und lief ihm entgegen und in diesem Moment hellte sich sein Gesicht in einem Anflug echten Glücks auf und ich war mir sicher, dass ist seine Tochter. 

Als mein Zug kurze Zeit später wieder anfuhr, tauchte in mir der unbestimmte Wunsch auf, dieser Vierzigjährige zu sein, mich in ihn zu verwandeln und der unüberwindbare Abstand zwischen mir und ihm ließ mich in diesem Augenblick damals regelrecht verzweifeln. Es gibt keinen Weg, dachte ich, ihr lebt in anderen Teilen der Wirklichkeit. Doch der Gedanke blieb und ich wiederholte stumm, ich möchte auch so sein, meinetwegen in einem gottverlassenen ostdeutschen Nest leben und den ganzen Tag in einer Scheune verbringen, um scheußliche Malereien zu fabrizieren oder schrecklich einfältige Bücher. Nur wie stelle ich das an? 

Ich sehe das alles noch heute vor mir und frage mich, warum die Halbwertszeit eines solchen Bilds so unwahrscheinlich ist. Warum es auch nach Jahren und Jahrzehnten nicht verschwindet. So viele andere Bilder verschwinden, ohne Spuren und Erinnerung zu hinterlassen und dann sind dort Szenen, die sich tief eingravieren. Etwas an ihnen reicht hinab, denke ich, diese Bilder sind mit uns verwachsen, sie rühren da an einem wunden Punkt oder auch an einem sehr bedeutungsvollen, an einem Punkt der eigenen Person sozusagen und in diesem Punkt steht man sich plötzlich selbst gegenüber mit allem, was man in sich trägt oder in sich zu tragen glaubt, alle Wünsche, Erwartungen, Versprechen, die jeder besitzt und die jeder auf so leichte, so traurig leichte Weise auch verlieren kann. 

Meine große Lebensangst stammt aus der Erziehung des Herzens. Ganz am Ende des Romans treffen sich die beiden Freunde, der Erzähler, dessen Namen ich vergessen habe und jetzt nicht nachschlagen will und auch sein bester, ebenfalls namenloser Freund (mein Namensgedächtnis ist derart kaputt, dass ich seit längerem an eine neurologische Erkrankung glaube); und diese beiden Freunde breiten voreinander die Erinnerungen aus, bereits in die Jahre gekommen und als alte Männer, sie sprechen über die unwahrscheinlichen Lebenswünsche, die sie einmal hatten oder glaubten zu haben. Nur erinnern sie sich schlecht und können einander auch nicht helfen. Und dann fragen sie sich, was man als Schönstes dieser jungen Jahren behalten hat, welches Ereignis aus der Fülle aller Ereignisse also im Gedächtnis geblieben ist und den wunderbarsten Sehnsuchtsmoment des eigenen Lebens markiert. Und beide kommen zum Schluss, es müsse ein gemeinsamer Bordellbesuch gewesen sein, der, wenn mich nicht alles täuscht, in der erzählten Zeit des Romans überhaupt nicht auftaucht, weil er keinerlei Bedeutung besessen hat, was Flaubert natürlich wusste. Kein Wunder, dass es mit ihm im Rinnstein zu Ende ging und sich keine Sau um ihn kümmerte, so viel Gemeinheit haben die Leute damals einfach nicht ertragen und besonders nicht in einem Dorf wie Rouen (merkwürdigerweise erinnere ich mich an Flauberts Geburts- und Lebensstadt sofort, klasse, ich erinnere die Namen meiner Freunde aus der Schulzeit nicht, aber so was fällt mir gleich wieder ein…). In solche Spiegel mochte damals und auch heute niemand sehen. Und daher meine Lebensangst, man schrumpfe auf eine unbedeutende Winzigkeit zusammen, das eigene Leben böte in der Rückschau nichts als einen Sommertag, ein Treffen mit Freunden im Park, die Zeile eines Buches, an die man sich nur halb erinnert, eine merkwürdig verschwommene Flucht aus Zimmern, Gesichtern, Halbeindrücken.

24. Februar

Die Brüstung des Schlafzimmerfensters reicht mir bis zur Hüfte, ich habe den rechten Flügel weit geöffnet, so dass er an unseren weißen Kleiderschrank stößt und stehe nun vor dem geöffneten Viereck, das fast ein Quadrat ist, ein perfekter Ausschnitt, der auf den Hinterhof führt. Die Fenster unserer Wohnung sind ungewöhnlich breit, was auf den ersten Blick leicht zu übersehen ist, denn die braunen Holzrahmen addieren noch einiges an Gewicht hinzu und dieses Gewicht verschiebt die Proportionen der Scheiben, die wir seit Monaten nicht geputzt haben.

Ich nehme den grauen Schleier kaum noch wahr, die Spuren des Regens, Schnees und den Staub der Hinterhöfe und Straßen. Mit wenigen Handgriffen wäre das alles verschwunden. Ich müsste nur in unser Bad gehen, den grauen Eimer unter dem Waschbecken hervorholen und den roten schwammartigen Lappen dazulegen. Ich müsste den Plastikeimer mit warmen Wasser und etwas Reinigungsmittel füllen, ihn durch den Flur zurück in das Schlafzimmer tragen und dann die Scheiben abwaschen, zuerst die Außenseiten, denn die sind am stärksten verschmutzt. Danach wären die inneren Scheiben dran und sobald die erste Schmutzschicht entfernt ist, würde ich wieder ins Bad laufen, den Glasreiniger holen und aus der Küche Zeitungspapier, das wir unter der Spüle aufbewahren. Der zweite Reinigungsgang ginge sicher schneller von der Hand als der erste, ich würde mit der Sprühflasche eine weiße Schaumlandschaft auf das Glas werfen und mit dem Zeitungspapier, das feucht wird und sich mit der Flüssigkeit vollsaugt, verreiben. Dieser letzte Arbeitsschritt wäre sehr befriedigend, denn vom Schmutz befreite Scheiben verändern auch die Atmosphäre der Zimmer. Ich erinnere mich noch gut an einen solchen Putzeinsatz damals in Berlin. Am Ende waren die Fenster so sauber, dass wir uns regelrecht den Blicken der Passanten draußen auf dem Fußweg ausgeliefert fühlten. Die Stadt wirkte plötzlich so nah, der Park schien greifbar, alles fühlte sich mit einem Mal hell und nah an und das nur, weil wir nach ein oder zwei Jahren endlich auf die Idee gekommen waren, die Fenster zu putzen.

Man säubert also Glas, man reinigt die Böden, man saugt Staub, man spült das Geschirr, wäscht die Wäsche und hängt sie auf und später nimmt man die Wäsche wieder ab, faltet sie zusammen und trägt sie in einem Wäschekorb in das Schlafzimmer. Dort sortiert man die Kleidungsstücke in den Schrank und in die Kommode und wenn man damit fertig ist, fallen einem die Flusen auf dem falschen Perserteppich auf und deshalb läuft man die wenigen Schritte in den Flur und greift nach dem Staubsauger.

Unter solchen Handlungen verschwindet allmählich der Tag. 

Man macht das Bett, schlägt die Decken zurück, schüttelt die Kissen aus und fragt sich, warum man das eigentlich tut. Hat diese Ordnung wirklich einen Sinn oder ist das alles totaler Quatsch, dieses Ausschütteln von Decken und Kissen und das Nachdenken darüber, ob man das Bettlaken nicht endlich gegen ein frisches auswechseln sollte.

Die am Kopfende des Bettes befestigte Lichterkette leuchtet still und äußert keine Bedenken. Auf dem Nachttisch wartet ein Bücherstapel (Werner Herzog: Eroberung des Nutzlosen, M. Agejew: Roman mit Kokain, David Sedaris: Naked, Garcia Marquez: Laubsturm und Bericht eines Schiffbrüchigen, Virgina Woolf: Orlando, Alphonse Daudet: Port-Tarascon, KO Knausgard: Lieben, ein verstaubter Katalog von Manufactum), es warten einige Münzen dort, zwei Salbentuben, ein Zerstäuber mit Lavendelöl, eine halbe Packung Kekse, ein Kugelschreiber und eine kleine Dose Tigerbalsam.

Wie der Schmutz auf den Scheiben sammeln sich die Dinge an, man stößt in der ganzen Wohnung auf sie. Es gibt keinen Raum ohne Gegenstände, kein leeres Zimmer, nur die Laufwege hält man frei und insgeheim weiß man doch sehr genau, dass all das verschwinden könnte und dabei nichts Wesentliches verloren ginge. Um keinen Gegenstand täte es mir leid. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob das gut ist oder schlecht, vielleicht besitzt dieser Umstand keine moralische Kategorie, womöglich äußert sich darin nur eine stumpfe Gegenwärtigkeit und die Last der Dinge, mit der man sich befrachtet. Am Ende gehen ja alle in vollgestopften Räumen unter, auch in den Krankenhäusern stehen die Zimmer voller Gerätschaften. Niemand stirbt in einem freien Bereich, in einem Raum, der nur er selbst ist, in dem nur ein Mensch existiert, atmet, die Augen schließt, die Nacht vergisst, um am anderen Morgen vielleicht noch einmal zu erwachen.

Ich schalte den Wasserkocher ein und das Rauschen der Heizspirale hört sich wie ein kleines Gewitter an. Wolken steigen auf, die Küche verschwindet, eine Hügelkette treibt wie damals auf der Reise durch das Bild. Es gibt eine Fähre, die blind zwischen zwei Ufern pendelt. Die Leute gehen ans Land und kehren sofort wieder auf das im Ablegen begriffene Schiff zurück, als hätten sie es sich anders überlegt. Unverständliche Signale wehen von beiden Küsten heran, der Kapitän scheint verwirrt und hält sich deshalb doppelt starr an den von niemandem vorgegeben Kurs. Die Zeiten der Abfahrt und Ankunft werden pünktlich eingehalten.

Man richtet sich ein in dieser endlosen Pendelbewegung zwischen den Ufern. Und über dem Kocher dampf es weiter, ein Tiefdruckgebiet entsteht und fällt in sich zusammen, die Wirbel der Luft reißen nicht mehr ab. Jemand läuft in der Wohnung über mir mit schweren Schuhen, als bestiege er einen Berg. Und dann ist plötzlich wieder alles still und ich gehe in unser Schlafzimmer zurück, um die Fenster zu schließen.

Danny, 22. Februar

Vor meinem Fenster legt sich das Licht, es sind noch einige Menschen auf den Balkonen und bepflanzen Blumenkörbe, denn jetzt plötzlich ist es warm und der Frühling fast da und ich höre ein wenig Danny Clay, der so alt ist wie ich selbst und in Los Angeles ganz unwahrscheinliche Musik unter sehr magischen Titeln wie echo park, new jerusalem und ganymede komponiert. Vor einigen Jahren haben wir ein paar Mails gewechselt, wenn mich nicht alles täuscht, hat er an irgendeiner amerikanischen Universität Musik studiert, aber was er jetzt macht, weiß ich nicht. Er wird sich durchschlagen, nehme ich an, lebt von Stipendien und hin und wieder nimmt er eine Platte auf, die etwa zweihundert oder dreihundert Leute kaufen, alle verstreut auf der Welt und dann hört man so eine Danny-Clay-Komposition in Singapur und Wellington, Berlin, Brest und San Francisco. Irre.

Ich habe heute an einer längeren Erzählung geschrieben, die noch keinen Titel besitzt, dafür aber rund achtzig Seiten. Noch einmal achtzig und ich bin fertig, ich kann das Ende bereits sehen und freue mich darauf. Der zweite Roman ist jetzt abgeschlossen, bald werde ich mich an das Exposé machen müssen für die Verlagsrundfahrt und vor diesem Exposé graut es mir bereits, nur ist da eben nichts zu machen. Jeder stirbt ja irgendeinen Tod und mein Tod wird vom Exposéschreiben angekurbelt, von diesen anbiedernden Werbetexten, die am Ende ein namenloser Praktikant zwischen die Finger bekommt und gleich wieder vergisst. 

Aber gut, so ist das nun einmal und lange Jeremiaden bringen auch nichts. Man macht einfach weiter, mein Generalspruch seit ca. 2004. Etwas Besseres ist mir bislang, auch nach weiteren zwanzig durchgemachten Jahren, nicht eingefallen. Man macht weiter, denn das Aufgeben ist keine Option. Ich wünschte, mir hätte sich in der Zwischenzeit ein poetischerer Mantel für diese nicht sehr tief reichende Weisheit offenbart, aber das hat er leider nicht. Irgendwie gefällt mir dieser leicht blödsinnige Spruch in seiner Trotzhaftigkeit auch. Man macht einfach weiter. Darin äußert sich der Starrsinn des Bauern und auch die Weisheit eines Thomas von Aquin. Die wichtigsten Losungen im Leben scheinen ja stets zur Hälfte der Dummheit abgelauscht, ich glaube Herbert Achternbusch würde mir da recht geben.

Jetzt klingelt es aus den Lautsprechern meines Macbooks. Danny Clay spielt Xylophon oder ein Glockenspiel (den Unterschied habe ich nie begriffen) und ich fühle mich sofort ganz wohl dabei und denke, ja, Danny, klimper einfach weiter auf diesen Metallglöckchen herum, ich höre dir gern dabei zu und stelle mir vor, dass du irgendwo in Echo Park ein Apartment besitzt und von einer großen Aufnahme träumst, die dich berühmt machen wird, obwohl du das Rampenlicht natürlich meidest. Dann spielst du mit deinen Kassettenrekordern plötzlich in der Lincoln Hall in New York und setzt dich später ans Klavier und das Publikum äugt ganz begeistert aus dem Raum und hört dir atemlos zu. Selbst die senilen Alten, die man aus allen Winkeln der Metropole rankarrt zu deinem Konzert, sind endlich einmal still, obwohl sie überhaupt nicht wissen, wo sie sich befinden, vielleicht sogar annehmen, dort unten spiele schon wieder so ein nervtötender Europäer. Und später kommen alle im Foyer zusammen und flüstern, sie hätten das ja immer geahnt, sie wussten stets, irgendwann müsse ein neues amerikanisches Genie von sich Reden machen und natürlich stamme ein solches Genie aus dem Westen des Landes, aus Los Angeles, der Stadt des Films, der Erdbeben und operierten Engel und nun könne man sich also wieder nach Hause begeben nach diesem wunderbaren, schmerzhaft schönen Konzert.

Draußen ist die Sonne weg, aber die Luft fühlt sich noch immer frühsommerlich an. Ich glaube, unsere Nachbarn haben Streit, die Nachbarn direkt gegenüber. Ich habe sie schon länger nicht mehr gemeinsam auf der Terrasse gesehen, auch wirken die meisten Gewächse der früher ziemlich üppigen Bepflanzung ziemlich tot. Aber das kann natürlich auch am Winter liegen. 

Dafür treten jetzt andere Menschen auf ihre Balkone, sie schieben den Schmutz durch den Spalt unter der Brüstung und der Staub, gemischt mit vertrockneten Blättern, wird vom Wind in die Hinterhöfen geweht. Ich kann die Worte nicht verstehen, die sie untereinander wechseln, aber zumindest dort drüben, auf den Balkonen, wirkt die Welt in diesem Augenblick ganz in Ordnung. Es herrscht eine echte Abendstimmung, eine richtige Abendphantasiestimmung. Bloß der Herd fehlt und der rauchende Schornstein und Schäfer und Schafe gibt es hier natürlich längst nicht mehr. 

In der Küche rappelt sich unsere Waschmaschine zum altersschwachen Schleuderabschnitt auf und rumpelt merklich vor sich hin. Auch die Gegenstände entwickeln mit den Jahren ihre Schrullen. Unfassbar, worauf man so alles achten muss, welche Sensibilitäten selbst die tote Welt im Verlauf der Zeit hervorbringt. Ich freue mich wie ein Kind über jeden erfolgreich absolvierten Waschgang und rede der Maschine einfühlsam zu. Einmal klappt das noch, sage ich. Du hast jetzt dreißig Jahre durchgehalten, was zählt da noch ein weiteres Jahr? Ein weiteres Jahr ist doch überhaupt nicht der Rede wert.

Altbau, 21. Februar

Wir stehen im Hochparterre eines Altbaus in der Innenstadt, ein richtiges Paradebeispiel eines Altbauhochparterres, denke ich, dunkel, schlauchartig, endlose Zimmerfluchten, eine Küche zum Fürchten, in der es mir vorkommt, als wären hier ein paar Dutzend Leute gestorben und dann so ein winziges Fenster, das natürlich auf einen Hinterhof zeigt, beziehungsweise auf eine niederschmetternde Ziegelwand. Die Wohnung wirkt insgesamt total düster und muffig, eine richtige Beerdigungsangelegenheit. Schon nach fünf Minuten glaube ich, mich unter Wasser zu befinden, in einem Sumpfgebiet, auf Grund gelaufen. Draußen ist es hell und die Sonne scheint, hier drinnen aber herrscht eine Halbdunkelheit, die mich an Berlin erinnert, diese Halbdunkelheit, die nach einigen Wochen sofort auch von den Menschen Besitz ergreift, um sie in komplizierte, übersensible Dauerprojektemacher zu verwandeln. 

Nur in einem Zimmer sehen wir geschliffene Dielen, überall sonst liegt PVC oder einfach ein Teppich aus einer biologisch abbaubaren Ökofaser, wie uns die aktuelle Mieterin erklärt, eine wirklich unglaubliche Faser, die besser ist, als alles, was man sonst so auf dem Teppichmarkt bekommt und während sie weiter die Vorteile dieser unschlagbaren, mundgezwirbelten Ökofaser auflistet, beginnen meine vom Fairtrade-Teppich geschundenen Fußsohlen wilde Schmerzsignale auszusenden. Ich trage dicke Puma-Socken, so richtig scheußliche Sportexemplare, schwarz, aber mit grauen Abteilungen für Ferse und Zehen und obwohl diese dicken Baumwollsocken gegen alles mögliche schützen, kommen sie nicht im Ansatz gegen das zerstörerische Profil der sagenhaften Friedensfaser an, die natürlich nicht ganz billig war, nein, dreitausend Euro hat die Verbrüderungsfaser gekostet und auch aus diesem Grund bat uns das Mädchen, das ich auf Anfang dreißig schätze, beim Betreten der Wohnung unsere Schuhe auszuziehen.

So was finde ich natürlich total bescheuert, richtig provinziell, wer zum Teufel fordert denn zum Ausziehen der Schuhen auf, sind wir unsere Eltern oder vielleicht sogar noch Großeltern? Aber ich lasse mir natürlich nichts anmerken, ich möchte ja eigentlich keinen Streit und deshalb lächle ich bezaubernd und finde die Zimmerhöhe ein paar Augenblicke später wunderbar und auch das Bad hat ja Fenster! Wirklich toll!, rufe ich und das Duschwasser wird auch wirklich heiß? Ja, das wird es. Toll! Fernwärme? Ja. Das ist ja klasse! 

Ich bekomme mich gar nicht mehr ein, obwohl ich sofort weiß, in diesen Sarg unter keinen Umständen zu ziehen, hier schleifen mich keine zehn Pferde rein, lieber campiere ich unter einer Brücke oder wandere aus. Die armen Leute, die hier früher leben mussten, stets im Wissen, über ihnen sei die eigentliche bel étage und damit das wahre, echte, komfortable Leben, hier unten dagegen herrsche bloß so eine Art Bergwerksatmosphäre, der man höchstens tagsüber entkam. Morgens beim Verlassen der Wohnung verließ man auch den Schacht, um seine zehn oder zwölf Stunden in der Fabrik abzusitzen und dann kehrte man abends wieder zurück in diesen Schacht, die Hoffnung im Hirn, alles wäre vielleicht doch endlich eingestürzt, die Balken hätten nicht mehr standgehalten gegen das Erdreich, die so sanfte Mutter, und man selbst sei somit endgültig aus dem Schneider, könne sich ein und für alle Mal aus dem Staub machen. Welt ade, ich verschwinde, danke und viel Glück!

Mein positives Wohnungsfeedback allerdings reizt natürlich auch das Mädchen und sie beginnt zu erzählen. Früher sei das hier die Wohnung ihres Vaters gewesen, der aber sei gestorben und nun –. Sie bricht ab. Für eine Sekunde sieht es ganz danach aus, als würde sie jeden Moment anfangen zu weinen und K und ich stehen nur stumm in der Gegend rum, während ich auch das noch denke. Das darf doch alles nicht wahr sein, wir möchten doch gar nicht wirklich umziehen, sind nur neugierig und ehe man sich versieht, bauen sich Psychotherapiekulissen um einen herum auf. 

Das Mädchen ist sehr hippiemäßig angezogen, sie trägt mehrere durchlöcherte Wollpullover in gedeckten, erdverbundenen Farben und ein paar selbstgehäkelte Rockschichten. Bald möchte sie wissen, ob die Stimmung der Wohnung für uns in Ordnung sei oder ob wir noch Zeit bräuchten, um diese Stimmung auf uns weiter wirken zu lassen. Sehr gern könnten wir auch eine Nacht hier schlafen, um ein besseres Gefühl für das Quantenbewusstsein der Räume zu bekommen und als dieser Vorschlag fällt, schrillen in mir natürlich alle möglichen Alarmglocken. Es ist ja ganz klar, dass in diesem Hochparterre eine richtige Poe-Nacht auf uns wartet, mit schlagenden Herzen unter den Dielen und komplettem Wahnsinn am nächsten Morgen.

„Ich glaube, das wird nicht nötig sein, auch wenn das ein wunderbares Angebot ist“, sage ich, während ich überlege, wie wir aus dieser Sache so schnell wie möglich wieder herauskommen.

„Können wir uns noch einmal die anderen Zimmer ansehen?“, frage ich deshalb. Wir befinden uns mittlerweile in einer Art Werkstatt. Hier wird wahrscheinlich Schmuck fabriziert, sicher bin ich mir allerdings nicht, denn die ganzen Gerätschaften sind mir fremd. 

„Natürlich“, erklärt das Mädchen. „Ihr könnt euch alles so lange ansehen, wie ihr wollt.“

Super, denke ich und steuere durch das Bad voller Grünpflanzen zurück in die Zimmer. K folgt mir nach und ich gebe hier Zeichen, die sie nicht versteht. Also gibt es nur einen Ausweg. Wir kehren zurück und ich führe eine letzte Interessentenunterhaltung, da ich nicht fähig bin, einem anderen Menschen ins Gesicht zu sagen, diese Wohnung wäre nichts für uns. Schließlich hat der andere ja Unannehmlichkeiten mit unserem Besuch und ein so klares Urteil käme damit einer unhöflichen Zeitverschwendung gleich. Das ist natürlich Unsinn, aber so denke ich nun einmal und mache die mir verabreichte Erziehung für alles verantwortlich.

„Gut, wir melden uns dann also am Freitag wieder bei dir.“

„Ja, macht das. Ich möchte den Vermietern bald Bescheid geben.“

„Klar, das wäre gut.“

„Die sind immer etwas langsam, wenn es um Ausbesserungen hier in der Wohnung geht, aber bei einem Mieterwechsel geht es natürlich um die Wurst.“

„Typisch.“

„Genau. Denkt als an die Schufa-Auskunft und natürlich die drei Gehaltsauszüge und an euren Arbeitsvertrag und an die Mieterselbstauskunft und bitte auch an die Mietfreiheitsbescheinigung eures jetzigen Vermieters.“

„Natürlich, das ist doch selbstverständlich. Wir haben ja überhaupt nichts zu verbergen.“

„Ja und ihr habt ja unbefristete Arbeitsverträge.“

„Na klar, ansonsten würden wir uns doch lächerlich machen!“

Als wir endlich draußen sind, atme ich auf.

„Du weißt, wie das mit der Wohnungssuche abläuft, oder?“, frage ich K, während wir nach Hause laufen.

„Wie denn?“, antwortet sie.

„Bei Wohnungen gibt es keine Kompromisse. Ein Veto und die Wohnung wird nicht genommen, egal wer sich dagegen ausspricht.“

„Echt jetzt?“

„Natürlich! Das gehört zum allgemeinverbindlichen Ü30-Wohnungsleitfaden!“

K sagt nichts.

„Und?“, fragt sie dann. „Was denkst du?“

„Auf gar keinen Fall!“, rufe ich und mache mir Luft.

Sie wirkt konsterniert.

„Warum hast du dann die ganze Zeit so getan, als würden wir gleich morgen einziehen? Ich dachte, dir gefällt die Wohnung.“

„Ich konnte doch nicht unhöflich sein!“, gebe ich zurück. „Das Mädchen hat uns schließlich eine halbe Stunde geopfert.“

„Aber jetzt denkt sie, dass sie schon einen Nachmieter hat.“

„Sie bekommt die Wohnung auch ohne uns los. Es herrscht ja nun wirklich kein Mangel an mietwilligen Gutverdienern. Diese ganzen BASF-Leute schwimmen doch im Geld.“

„Ja, aber wir hätten uns die halbe Stunde auch sparen können.“

„Ich weiß. Tut mir leid.“

„Ich fand die Wohnung übrigens ganz schön.“

„Was?“

„Ja, aber du hast dein Veto ja schon gegeben.“

„Mea culpa!“, rufe ich. „Mea culpa!“