19. bis 21. Januar, Büro

Ich werde ein ganzes Jahr beschreiben, sage ich mir heute, als ich kurz nach fünf ins Büro zurückkomme, ich werde einfach ein ganzes Jahr lang schreiben und beschreiben, was ist, was es auf sich hat mit dieser Wirklichkeit. Ich sage mir das, als ich aus einem Termin zurückkehre mit irgendwelchen Architekten, die ich insgeheim für Hochstapler halte, für eine kleine Gruppe gemeiner Lügner, die da irgendetwas für irgendwen fabrizieren und selbst nicht genau wissen, was sie eigentlich tun, sich aber auch nicht verpflichtet fühlen, ihr Handeln zu erklären.

Ein ganzes Jahr, sage ich mir. So ein Jahr kann leer sein oder unerträglich voll. Gerade kommt es mir sehr angefüllt vor mit allem, was auf mich wartet, mit dem Roman, mit dem zweiten Roman, mit einem Umzug vielleicht, es ist ganz eigenartig. Und das will ich beschreiben, denke ich, ich beschreibe, was ist, was also so als Wirklichkeit durch das Bild rutscht, durch die dunklen Spaliere gerade außerhalb des Zugabteils, in dem ich sitze, um hinaus zu starren in (1) einen Tunnel, dann (2) einen Bahnhof (Mainz, Römisches Theater), dann (3) ein weiteres Viertel, in dem sich die Straßen glanzlos verlieren, bis der Rhein auf der gegenüberliegenden Seite des Zuges durch die Dunkelheit schwimmt. Doch den Fluss erahne ich eher, als dass ich ihn sehe. 

Als ich vorhin den Bahnhof erreiche, sind alle Uhren abgeklebt. Für einen Moment glaube ich an den Ausbruch einer vagen Rebellion, auf die Kugeln in den Zeitanzeigen, doch schon auf der Rolltreppe stellen sich Wirklichkeit und Vernunft wieder ein. Beide gehen ja manchmal Hand in Hand. Diese Wirklichkeit, eigentlich kann ich sie ja überhaupt nicht ab. Ich bemerke sie kaum, mir fällt das Wirkliche erst auf, wenn es mir zustößt wie ein solcher Schuss auf die Uhren, wenn sich ein Schmerz sozusagen einstellt. Ansonsten läuft die Wirklichkeit parallel zum eigenen Pfad und fällt nur selten ins Gewicht.  Entweder bricht sie über dich herein und dann ist es immer überwältigend oder aber du bemerkst sie nicht einmal wie einen dieser Irren, die abends die Bushaltestellen bevölkern. Manchmal gibt es Risse und das Wirkliche taucht auf, als zwänge es sich durch die Holzlatten eines ziemlich gut gezimmerten Zauns. So wie C, der gerade mit Charlie auf dem Arm in Marseille sitzt, den neuen Roman gelesen hat und mir eine Mail schreibt. Dieses Bild (C auf der Couch mit dem schlafenden Charlie im Arm) das ist etwas Wirkliches, das ich mir sofort vorstellen kann, auch wenn die Kleinigkeiten fehlen (die Beschreibung des Zimmers, die Farbe der Couch, die Farbe von Charlies Haaren, vom Tragetuch, die Geräusche in der Wohnung, ist Cs Freundin da, schläft sie vielleicht gerade in einem anderen Teil der Wohnung, sind die Fenster geöffnet, ist es gerade warm oder kalt im Süden Frankreichs?). Das Wirkliche braucht den Rahmen nicht, es kann für sich existieren in einer ganz einfachen, brüchigen Beschreibung. C mit Charlie im Arm auf einer Couch. Ja, das geht mir aus irgendeinem Grund näher, als der ganze Tag im Büro, der eigentlich nur etwas Unwirkliches besitzt. Unwirklich, weil so viel totes Leben, so viel Zeitverschwendung in ihm steckt. In Marseille lebt etwas, sage ich mir, und erst mit dem Leben macht die Gleichung Sinn, auf deren anderem Ende das Wirkliche steht.

Jetzt sitze ich im Zug und fahre heim, höre DEUTSCH NEPAL, so ein monotones Stampfen und Wummern quer durch die oberdeutsche Landschaft, so ein regelrechtes Marschgezwitscher, in dem Todesphantasien eine helle Wand tapezieren und dann plötzlich wieder TUNNEL, ein Tunnel jagt den nächsten, Tunnel überall, die ganze Welt ist untertunnelt und voller Löcher, überall treibt man diese Durchbrüche in unsere Gebirge, die man im Vorfeld millimeterweise vermessen und verzeichnet hat. Die Landvermesser scheinen ja allgegenwärtig mit ihren Theodoliten und Drohnen, überhaupt führen jetzt selbst die Geologen solche Drohnen in ihrem Arsenal, während die Landschaft vor dem Zugfenster weiter in der Dunkelheit webt und webt und webt, sie webt ein feines Gespinst aus unmöglicher Wolle, eine Art Nachtwolle, riesige schwarze Strümpfe zieht sich die Nacht dort draußen über die Schenkel und stapft dann davon in eine unbestimmte Richtung. Und ich, ich mit meiner FFP2-Maske sehe im Obsidianspiegel des Zugfensters wie eine Ente aus mit einem riesenhaften weißen Schnabel und mache mir aus all dem nicht viel. Dabei hätte ich mich noch vor wenigen Jahren kaum hinaus getraut mit einem solch verunstalteten Gesicht. Ich hätte mich geschämt, wäre die ganze Zeit mit hochrotem Kopf durch die Gegend gelaufen, unfähig auch nur irgendjemandem in die Augen zu sehen.

* * *

Wieder dauert es Stunden, bis ich Schlaf finde, obwohl ich völlig übermüdet bin (auch in der letzten Nacht lag ich bis halb eins wach). K streichelt mir die Stirn und das beruhigt mich. Gegen halb vier wache ich wieder auf und laufe ruhelos durch unser Wohnzimmer. In mir sträubt sich alles gegen das Büro, mein Körper sperrt sich gegen die Zugfahrt am Morgen und den Ablauf des übrigen Tags wie ein Tier, das sich wildgeworden schüttelt. Ich fühle diese Bewegung in mir mit einer Deutlichkeit, die mich selbst verblüfft. Viel zu oft besitzen die eigenen Regungen ja nur unerklärliche Gründe, die auch nach langem Grübeln wenig heller werden. Ich erkenne also die Ursache meiner Unruhe, verstehe gleichzeitig aber auch, wie sehr ich mich anstelle. Drei Tage Büro und mehr nicht, du bekommst genügend Geld heraus und kannst davon leben, warum will das einfach nicht funktionieren? Doch jede Stunde im Museum ist eine Stunde zu viel und mein Körper wehrt sich, egal wie sehr ich ihn mit irgendwelchen halbvernünftigen Argumenten bearbeite, er zerrt weiter wie ein Hund an der Kette, der den Riesenbetrug sehr genau begreift. Seine Wut reißt sich in genau jenem Augenblick krampfhaft los, als man einen vollgestopften Fressnapf vor ihn setzt. 

Ich laufe weiter im Wohnzimmer herum, während draußen noch die Nachtstille herrscht. K schläft ungerührt in unserem Bett, hat von meinem Verschwinden nichts bemerkt. Gegen vier tauche ich wieder zwischen unseren Decken ab. Um sechs klingelt schließlich der Wecker. In den letzten beiden Stunden hat sich meine Abneigung riesenhaft in mir aufgetürmt. Ich schlurfe in Richtung Bad, versuche dabei so leise wie möglich zu sein, gehe in Gedanken aber bereits Arbeitsszenen durch, die in versteinerter Wiederholung auch heute auf mich warten werden. Ich beklage mich bei meinen Kollegen über das Museum, über die Führung, über den unglaublichen Stillstand und meine Kollegen beschweren sich bei mir. Es gebe keine Ergebnisse. Die Direktion sei völlig kopflos. Die zugeteilten Aufgaben entsprächen nie dem persönlichen Arbeitsbereich. Immer wären alles unendlich wichtig, müsste augenblicklich erledigt werden, um dann auf Nimmerwiedersehen im Limbus aufgeschobener Projekte zu verschwinden. Der Großteil des Tages wird mit diesen Klagen gefüttert und ich verfluche mich in der Rolle des resignierten, ewig sich beschwerenden Angestellten, der Stunden damit zubringt, die mangelhafte Einrichtung des Büros und damit seiner Welt zu sezieren. Am Ende geschieht ja doch nichts, es wird sich nichts verändern und jeder weiß davon. Man arbeitet sich an der Bestandsaufnahme ab, als läge in ihr eine Form der Rettung. Doch es gibt nur einen Ausweg und der heißt Flucht, kein Geld und damit eine weitere, diesmal negative Qual. Erbärmlich bleiben letztlich nur die Alten, die das alles lange hingenommen haben und, sobald man auch nur das niemals ernst gemeinte Wörtchen Rebellion erwähnt, müde zu lächeln beginnen. Man wolle sich doch nicht etwa die eigene Karriere verscherzen, denken sie doch an ihre Zukunft. Und das sagen Menschen, die überhaupt nicht mehr arbeiten, die alle Leidenschaft vor Jahrzehnten eingebüßt haben und vom toten Mobiliar kaum noch zu unterscheiden sind. Diese Leute haben immer eine Floskel parat, um das Unerträgliche am Laufen zu halten. Als kleine Mechaniker der Maschine verspritzen sie ihr phlegmatisches Öl, ohne ein Gefühl mehr für die Selbstverleugnung zu besitzen, die  Muster aus Gleichgültigkeit auf ihre Gesichter streicht. Sie sind genauso schuld am Fortbestand des Büros wie ich. Nur haben sie das inmitten ihres hilflosen Scheuklappenrückzugs längst vergessen. 

Später am Tag erinnere ich mich plötzlich an unsere Reise nach Vietnam. Vor den Fenstern fällt der Regen. Seit Stunden regnet es so, die Pfützen auf dem Platz wachsen unaufhaltsam an und es entsteht eine Art Teichlandschaft zwischen den geschlossenen Verkaufsbuden vor der Kirche. In einem solchen, allerdings viel wärmeren Regen stand ich vor wenigen Jahren mit K, südwestlich von Hanoi. Wir hatten vor einem Denkmal gefallener Soldaten Halt gemacht oder vielmehr unter den riesigen Bäumen, die neben dem Denkmal wuchsen und uns vor dem Schauer schützten. Das Denkmal wies auf Gefallene des Vietnamkriegs hin, alles junge Männer, die irgendwo in den Reisfeldern der Umgebung gestorben waren. Die Lage des Denkmals, eingebettet in karstige Berge und von Wasserbüffeln durchzogene Ackerflächen, kam mir sehr schön vor, aber was kann eine solche Nachweltsidee, eine derartige Schönheit am Ende jenen bedeuten, die im Schlamm krepieren, denen die Erinnerung im Augenblick des Totes ganz egal sein muss? 

Auf der Straße fuhren die Dorfbewohner auf Fahrrädern durch das Bild, eingehüllt in bunte Regensachen, die wie aufgespannte Zelte wirkten. Im Hintergrund fanden Arbeiten an einem Friedhof statt. Arbeiter in Alltagskleidung (einige trugen Anzüge, als hätten sie am Morgen eine Hochzeit besucht), warfen Ziegel hin und her, scheinbar absichtslos, ohne jeden Bezug auf eine im Entstehen befindliche Konstruktion, auf ein Grab, einen Tempel, irgendwas. Die Ziegel glitten wie die Regenzelte durch das Bild, folgten einem ganz bestimmten Takt. Und eine halbe Stunde später startete K unseren Roller und wir fuhren davon.

* * *

Weiter, weiter, denke ich heute (es ist Donnerstag, der einundzwanzigste). Ich versuche mich an die Regenschauer meiner Kindheit zu erinnern, aber mir fällt nichts ein. Stattdessen tauchen die Regenfälle in Thailand vor mir auf, K und ich in unseren Plastikplanen mit Kapuze, kurz nachdem wir am Strand gewesen sind. Doch was ist mit den anderen Gewittern, den verschütteten Gewittern in Gera, dort bin ich doch groß geworden. Mir fällt nur ein einziges ein, aber da hat es nicht geregnet, glaube ich, sondern gehagelt. 

Ich stand mit meiner Mutter im Flur des alten Hauses, in das meine Schwester in wenigen Monaten einziehen wird. Meine Eltern haben sich im letzten Jahr ein anderes Haus zugelegt, sind auf ihre alten Tage, wie sie erklären, unvernünftig geworden, es ist ja eine letzte große Anschaffung, sagen sie mir, der ich nicht weiß, wie man als Kind auf einen solchen Satz reagiert. Dieser Satz scheint mir unbeherrschbar zu sein, in seinem Hintergrund spielt sich viel zu viel ab, auf das ich weder eine Antwort geben kann noch zu reagieren weiß. Der Satz zieht über mich hinweg wie ein kühler Luftzug im Mai oder im August. Man schüttelt sich und macht weiter. Früher, sage ich mir, ging meinen Eltern ein solcher Satz nicht über die Lippen. 

Im alten Haus meiner Kindheit aber stand ich an einem Sommernachmittag gemeinsam mit meiner Mutter im kleinen Flur, der den größeren von der Haustür trennte und eine Art Windfang gewesen ist. Wir betrachteten durch das Fenster hindurch den Himmel. Auf dem Fensterbrett wucherten die Kakteen in der Hitze, im Raum war es schwül wie auch draußen, eine drückende Schwüle, halb Backofen, halb Dschungel, die einem, egal wie wenig man sich auch bewegte, ständig den Schweiß ins Gesicht trieb. Hinter dem Fenster blitzte das Dach der Garage und das Nachbarhaus auf und dahinter lag der Himmel in einem so unwahrscheinlichen Grün, das wir sprachlos im Flur blieben, unfähig uns zu bewegen. Das schien mir schon kein gewöhnlicher Gewitterhimmel mehr zu sein, mit seinen grauen, dicken, so schwerfälligen Wolken, hinter denen sich der Donner schüttelt. Dieser giftgrüne Himmel wirkte wie aus einer anderen, fremden Welt. Vielleicht schwirrten damals irgendwelche Partikel durch die Atmosphäre, vielleicht brach sich das Licht ganz eigentümlich, wer weiß. Und es war still, ausgesprochen still sogar, als hätten sich alle um uns herum für immer verabschiedet. Nur hin und wieder rührte sich das Fauchen des Windes draußen, ein heftiger Stoß in die Baumwipfel hinein, die sofort vor Angst zusammenzuckten. In meiner Erinnerung stand ich eine halbe Stunde neben meiner sprachlosen Mutter und brachte selbst kein Wort hervor. Ich hatte Angst vor diesem unnatürlich grünen Gewitter und getraute mich gleichzeitig nicht, meiner Mutter diese Angst einzugestehen. Vielleicht fürchtete ich mich auch vor der Sprachlosigkeit meiner Mutter, die normalerweise jedes Gewitter auf die leichte Schulter nahm, denn es war ja nichts Besonderes. 

Jetzt im Nachgang glaube ich, damals so etwas wie ein Ende gesehen zu haben, das einfach auftaucht in seiner überraschenden Stummheit und unser riesenhaft überspült. Irgendwann brach der Hagel aus den Wolken und trommelte mit unzähligen kleinen Fäusten auf die Straße und das Haus. Aber da befand ich mich bereits wieder in meinem Kinderzimmer. Und dort gab es die vertrauten Gegenstände. Es gab mein Bett, es gab den Stuhl, es gab meinen Schreibtisch mit dem Schrankaufsatz, es gab meine Bilder, die ich aus Zeitschriften ausgeschnitten hatte, es gab die Dachschrägen, den weiß gestrichenen Türrahmen. Alles Anker, an denen man sich befestigt, um nicht davon zu fliegen.

Alles schmilzt

Und auf den Dächern wehen die Fahnen

Da ist ein Winterblau

Eine weiche Ebene im Hintergrund

Die Dächer tragen Spiralen

Und man sagt: ich komme heute später heim

Man macht dies, dann etwas anderes

Spült das Geschirr, wäscht die Wäsche

Mit den Jahren verlagert sich das Gewicht

Die Triumphe bleiben überschaubar

Irgendjemand lächelt dich auf der Straße an

Und bittet um deine Unterschrift

Doch dafür hast du keine Zeit

Und gehst natürlich vorbei

Vielleicht sind diese Aufzeichnungen auch eine riesige Schnapsidee. Ich schwanke unablässig, komme aber zu keinem rechten Ergebnis. Vielleicht ist das alles gut, vielleicht auch nicht. Vielleicht steckt etwas Schönheit darin, das muss doch möglich sein, denke ich, du wirst doch wohl einen schönen Augenblick beschreiben können, den weichen Regen zum Beispiel in Vietnam oder Thailand, diese genügsamen Augenblicksschauer, die wenig mit den Menschen, dafür aber vieles mit der Landschaft zu tun haben. Schauer, die sich nicht gegen die Leute richten wie bei uns, sondern um sie herum fließen in die Landschaften hinein. So einen Regen kannst du doch beschreiben, selbst dann, wenn dir der Regen deiner Kindheit nicht mehr einfallen will. Doch jetzt gerade frage ich mich, was ich hier eigentlich mache, in welches neue Nichts ich schon wieder zu schreiben beginne. Schon wieder ein so leerer Bereich, in den ich das Schreiben stelle, um auf eine Antwort zu warten, auf irgendeine Stimme, die sich regt und sagt, das ist doch gar nicht so schlecht, mach weiter. Aber immer nur die eigene Stimme mit ihren Durchhalteparolen, das ertrage ich nicht bis zum Schluss, dafür bin ich sicher zu schwach. Und dennoch muss man ja weitermachen und an etwas glauben, man muss ja daran glauben, irgendwann und irgendwo anzukommen, auch wenn man nicht sagen kann, wo genau das ist. Man muss auf der Möglichkeit einer Ankunft beharren, es darf nicht alles sinnlos sein und in den Wind gesprochen. Am besten mache ich mich jetzt auf Weg in Richtung Zug und auf dem Weg denke ich über das alles nach. Jetzt ist es 18.05 Uhr. Draußen ist schon Nacht und es regnet etwas. Aber ich trage meine GoreTex-Jacke und bin gegen den Regen geschützt.

18. Januar

Als ich erwache, ist K bereits aus dem Bett verschwunden. Im Schlafzimmer ist es dunkel, der Rolladen ist nicht komplett heruntergelassen, doch durch die vielen kleinen Zwischenräume der Jalousie sickert keinerlei Licht. Draußen scheint noch Nacht zu sein und wenn nicht Nacht, so lässt die Dämmerung jedenfalls weiter auf sich warten. Ich stehe auf, laufe benommen in Richtung Bad und sehe im Vorbeigehen das Licht hinter der Wohnzimmertür. Es ist Montag, sage ich mir, und K bereitet sich auf die Arbeit vor, indem sie auf ihrem Laptop noch eine Serie schaut, bis sie sich in unserer Küche an den provisorischen Arbeitsplatz setzt. 

Vor zwei Wochen, kurz nach Silvester, hat sie ihren Arbeits-PC samt Monitor nach Hause schleppen müssen, nachdem die Museumsleitung den gesamten Stab zur Heimarbeit verpflichtet hat. K hasst es, zu Hause zu arbeiten, für mich ist das ein Traum, endlich erlöst von der Fahrerei und den Kollegen, aber K fällt schon nach kürzester Zeit die Decke auf den Kopf, egal wie viele Yogapausen und Spaziergänge sie auch in ihren Tag hinein arbeitet, am Ende reicht es eben nicht aus. Für sie kommt das Ganze einem richtigen Eingesperrtsein gleich, obwohl sie ja hinaus kann, doch im Gegensatz zu mir, der ich wochenlang zu Hause bleiben könnte, ohne auch nur einen Gedanken an das Draußen und die anderen zu verschwenden, braucht K den Wechsel der Räume und den Kontakt zu ihren Mitmenschen.

In der Küche ist noch etwas Kaffee in unserem Aluminiumkännchen übrig, wahrscheinlich von gestern Abend. Ich werfe den Wasserkocher an, der widerstrebend seinen Dienst aufnimmt, kontrolliere aber immerhin, ob diese gelblichgrauen Kalkflocken noch in seinem Inneren beschwingte Kreise ziehen. Das ist glücklicherweise nicht der Fall, vor ein paar Tagen allerdings musste ich eine Tasse Tee in den Ausguss schütten, die vor Kalkflusen regelrecht überlief. Ich höre auf das Rumoren des Kochers, ein dunkles Brausen, das irgendwann heller wird, öffne die Balkontür und trete in das Chaos hinaus. Altglas sammelt sich in mehreren Kisten, das Herbstlaub der Hinterhofbäume bestäubt jeden Zentimeter, mehrere Paar Kletterschuhe liegen herum, Sporttaschen, nie genutzte Blumentöpfe. Am Balkongeländer hängen unsere drei traurigen Blumenkästen als Mahnung an alle Kleingärtner des Viertels, sich genau zu überlegen, ob eine Bepflanzung den eigenen Kräften entspricht, ob das Durchhaltevermögen also wirklich auch da ist und nicht nur die verführerische Idee in einer Art tropischen Balkongarten zu leben. Denn bei uns ist für jeden weithin sichtbar wirklich alles eingegangen, was nur eingehen kann. Jetzt wächst Moos in den Kästen und dazwischen ein paar angewehte, ziemlich kränklich wirkende Gräser.

Weil es kalt ist, spähe ich nur kurz in den dunklen Hof hinunter. Noch immer stapelt sich der Plastikmüll auf den drei gelben Tonnen und erinnert mich an Szenen aus Neapel, damals, als die Mafia irgendwie keine Lust mehr hatte, den Müll in der Stadt zu beseitigen und einfach streikte. Unsere Vermieterin schrieb uns vor ein paar Tagen, Herr X, der sich bisher immer um den Plastikmüll gekümmert hat und die gelben Tonnen zur entsprechenden Zeit auf die Straße stellte, sei verschwunden und melde sich nicht mehr. Er habe, schrieb sie, den Kontakt abgebrochen. Ob nicht jemand aus dem Haus in der Lage wäre, den Müllberg auf eine Deponie außerhalb der Stadt zu fahren. Natürlich würde der Aufwand entschädigt.

X ist also abgetaucht, sage ich mir ohne größere Verwunderung, X, den ich überhaupt nicht kenne. Er hat sich aus dem Staub gemacht, von einem Tag auf den anderen beschlossen, das alles sein zu lassen. Dieses ewige Hinausstellen irgendwelcher Mülltonnen, soll das mein Leben sein?, denke ich, hat sich X gefragt, ich will doch etwas ganz anderes, ich will doch mehr, ich wollte doch auch irgendwann von allem weg! Und stattdessen rücke ich die vollgestopften Tonnen auf die Straße, vollgestopft mit dem Mist irgendwelcher Studenten und junger Familien, Skyrreste, Bioreste, Fairtradereste. Das kann doch alles nicht wahr sein, ich muss mich absetzen, ich besteige das nächste Schiff, ich fahre auf dem Neckar davon, auf der Missouri die gerade am anderen Ufer vor Anker liegt und Container am Hafen entlädt, weg auf dem Neckar, der in den Rhein fließt und von dort irgendwann ins Meer, ins Offene.

Als der Wasserkocher fertig ist, gieße ich das noch sprudelnde Wasser auf den niedrigen Espressospiegel in meiner Tasse und verschwinde anschließend wieder im Schlafzimmer. Ich lege mich ins Bett und kann für einen Moment nicht glauben, erst morgen wieder auf Arbeit zu müssen. Was für eine Befreiung, endlich mehr Zeit für mich als für diesen Quatsch zu haben, endlich mehr Zeit zum Schreiben, zum Lesen, vielleicht sogar zum Denken. Ich muss da wieder hinein, sage ich mir, zurück in diese Zeit, als das Lesen und das Denken die Hauptbeschäftigungen gewesen sind, die völlig selbstverständlich den Großteil meiner Stunden füllten, ich muss jetzt wieder dort hin und bin gleichzeitig glücklich, zumindest einen Teil meiner Woche zurückerobert zu haben, denn genauso fühlt es sich an. Ich erobere mir meine Zeit zurück, auch wenn die Eroberung natürlich leise von statten geht. Der offene, geräuschvolle Kampf bleibt eben nur eine Option unter vielen. Daneben existieren noch hundert andere Strategien, man muss nur die passende für sich ausfindig machen und das braucht einige Zeit, manchmal auch Jahre. Zumindest bei mir hat es Jahre gedauert und jetzt bin ich sechsunddreißig und probiere ja immer noch und immer weiter herum, denn das Leben und seine Einrichtung, so viel zumindest scheine ich verstanden zu haben, kommt niemals an ein Ende, es ist eine Aufgabe, die wahrscheinlich erst dann ihren Abschluss findet, wenn man die Augen für immer schließt und sich von allem hier unter der Sonne und den Sternen verabschiedet.

Im Bett lese ich weiter in Mishimas Der Goldene Pavillon und stoße zum zweiten Mal auf jene Szene, in der eine junge Frau im Kimono dem von ihr verehrten Offizier eine Teeschale reicht und im Anschluss ihre Brust massiert, um dem Tee einen Spritzer Milch zu versetzen. Das alles kommt so unerwartet und stößt auch so eigenartig ab, dass ich mich sofort frage, ob ich mich an ähnlich schockierende Dinge erinnern kann. Ich überlege lang, denke an Bret Easton Ellis, weiß, dass noch viel viel mehr solcher Szenen in mir schlummern, aber ich erwische sie nicht. Sie sind in mich eingesunken wie in den Grund eines Teichs und wieder einmal macht mich meine grauenhafte Erinnerung rasend, denn ich erinnere mich ja tatsächlich an nichts, schon nach ein paar Wochen habe ich die gelesenen Bücher vergessen und was zurück bleibt, ist nicht mehr als ein unbestimmtes Gefühl, ein Satz, ein Bild.

Ich lese trotzdem weiter, kann mich jetzt aber nicht mehr richtig konzentrieren. Deshalb beschließe ich kurzerhand laufen zu gehen. Mittlerweile ist es zehn und draußen hell. Eine mausgraue Wolkenschicht liegt über der Stadt, als ich in Richtung Fluss unterwegs bin. Es ist kalt, 3 Grad zeigt meine Uhr an und als ich schließlich auf dem asphaltierten Uferweg in Richtung Schleuse jogge, fallen mir wieder die fachmännisch zerlegten Bäume auf, die vor einigen Tagen den Motorsägen der Stadtverwaltung zum Opfer gefallen sind. Trostlos ist dieses Bild jetzt und das Ufer wirkt nackt ohne die Monsterplatanen oder was auch immer das für Bäume waren. Jetzt läuft man durch ein weiteres Brachland, durch eines dieser abweisenden Areale, in denen man als Mensch eigentlich nichts zu suchen hat. Erst an der Ölfabrik wird mir warm und plötzlich fällt mir ein, wie merkwürdig dieses Laufen ist, das ich auch erst nach der Dreißig aufgenommen habe. Als Zwanzigjähriger habe ich Leute wie mich belächelt und sogar verachtet, Sportidioten, Körperkultler und jetzt bin ich auch einer der ihren geworden. Es ist eigentlich unglaublich, wie wenig man doch den verachteten Bildern ausweichen kann, wie sehr es einen hineinzieht in diese großartige Maschine. Manchmal kommt es mir vor, als unterschieden sich die Leben nur in winzigsten, kaum wahrnehmbaren Details, in reinen Oberflächen. Egal wie einzigartig mir das Leben in wenigen Momenten auch erscheint, das Leben aller eigentlich, so gleichartig wirkt es doch mit etwas Abstand zum Objekt. Egal wie individuell sich die jungen Mütter mit den Kinderwagen auch in ihren hinreißenden Versuchen geben, sich zu etwas Einzigartigem zu machen, sie wirken doch am Ende alle gleich in ihrer leuchtenden Hilflosigkeit, dem großen Ganzen zu entgehen.

18.37. Jetzt liegt die Dunkelheit draußen im Hof wie ein schwarzer Film, eine einzige riesige runde Nacht, denke ich und die meisten Räume im gegenüberliegenden Wohnhaus sind erleuchtet. Da drinnen laufen die Geister herum, schwere, aber doch bewegliche Schatten in einer Art Leuchtraumkulisse, kleine Aquarien aus Licht, in denen sich die Ausschnitte des Lebens zusammenfinden. Ich sehe Bücherregale und eine Stehlampe, eine Küche und einen Esstisch, darüber eine Wohnung im Anschnitt, wahrscheinlich das Bad. Merkwürdigerweise bleiben die meisten erleuchteten Räume über lange Zeit leer, die Menschen kommen den Zimmern abhanden und dann kehren sie wieder zurück, ein Aufzug folgt dem Ende der Akte und dann geht wieder alles von vorne los. Die Bewohner bewegen sich durch die Flure, verschwinden in den Winkeln, vielleicht verschwinden sie ja auch ganz, während ich eine geheime Abmachung vermute hinter all der Choreographie, hinter all diesem Verstecken, in das mein Zweifel fällt, der über den Tag zurückgekommen ist. Ob das alles etwas wird, zum Beispiel, mit diesem langen Projekt hier, mit diesem langen Schreiben über ein ganzes Jahr. C macht sich schon lustig, ob ich am Ende auch die Schuhwahl hineinschreiben werde wie Knausgaard, sobald ich aus dem Haus will, um den Müll nach unten zu bringen und ich denke, ja, vielleicht schreibe ich auch einfach über die Wahl meiner Schuhe, so wie ich über die Wahl meiner Jacken schreiben werde. Ich besitze drei Jacken für den Winter, eine mit Fellkapuze, eine aus GoreTex und eine rote Daunenjacke, in der ich aussehe wie eine Boje, im Schnee aber zumindest nicht verloren gehen kann.

17. Januar

Es hat die ganze Nacht geschneit, der Hinterhof ist weiß und K erklärt mir nach dem Aufstehen, sie möchte heute in den Odenwald fahren. Ich habe dazu eigentlich überhaupt keine Lust, halte mich und mein Desinteresse aber zurück und verschwinde in das Wohnzimmer, um nach einem neuen Buch Ausschau zu halten, das mich über die kommende Woche bringen muss (es ist Sonntag). Ich habe gestern ein wenig in Robert Gernhards Ich gelesen, aber schon auf den ersten zwanzig Seiten geht es um deutsche Zeitgeschichte und das werde ich mit Sicherheit nicht durchhalten, so viel steht fest. Also wühle ich im Bücherregal herum und komme so zu einer kleinen Auswahl, die ich dann, auf der Couch zurückgekehrt, vor mir ausbreite. Achternbuschs Revolten, Goetz’ loslabern und Mishimas Der Goldene Pavillon. Nach langem Hin und Her entscheide ich mich für den Harakiri-Japaner.

Ich habe den Goldenen Pavillon vor einigen Monaten bereits angelesen, bin aber damals nur bis Seite 60 gekommen. Als ich wieder einsteige, erinnere ich mich nur entfernt an das Geschehen, tauche in die Sprache Mishimas aber sofort wieder ein, als würde ein Gespräch fortgesetzt, das ein dummer Zufall unterbrochen hat. Wieder fällt mir auf, wie eigenartig unbegründet Terror und Künstler schon auf den ersten Seiten nebeneinander existieren. Was ich damals aber gar nicht begriffen habe, verstehe ich heute zum ersten Mal, nämlich das Fazit des jungen Erzählers nach Uikos Verrat, über den er sagt: „Durch ihren Verrat hat sie endlich auch mich angenommen, jetzt gehört sie mir.“

Das hatte ich damals überhaupt nicht kapiert, obwohl es eigentlich sehr einfach ist. Der Erzähler, der aufgrund seines Stotterns zum Spott seiner Mitschüler wird, fühlt sich außerhalb aller Gemeinschaft, betrachtet die Gemeinschaft auch gewissermaßen mit Abneigung und Hass. Uiko, die ihren Liebhaber (einen desertierten Soldaten) der Militärpolizei verrät, begibt sich ebenso außerhalb der Gemeinschaft, in der Verrat so ein Art Todsünde ist natürlich. Deshalb auch der Satz: „Ihr Verrat war Sternen, Mond und Zedern ebenbürtig.“ Klar, die sind ja auch tot und unendlich weit von den Menschen entfernt. Genau wie der ebenso unmenschliche Verrat.

Wir fahren gegen Mittag los, K hat das Auto ausgeliehen, das gleich am Ende der Straße auf uns wartet. Dort gibt es eine kleine Carsharing-Station, eigentlich nur drei Parkplätze, die durch eine Art Seil von der Straße abgetrennt sind. Auf dem roten Dreitürer liegt der Schnee als Miniaturgebirge, das ich mit einem blauen Paddel schnell wegschaufele, nicht wenig stolz auf meine fachmännischen KFZ-Kenntnisse, denn ich klappe die Scheibenwischer weg, als hätte ich das alles schon tausendmal gemacht und erst danach befreie ich die Front vom Schnee.

Wir fahren knapp dreißig Minuten bis in den Odenwald, zuerst auf der Autobahn, dann durch kleinere Dorfstraßen. Bald gewinnen wir an Höhe, es geht einen Hügel hinauf und schließlich erreichen wir den Wald, Riesenbäume links und rechts, dazwischen die Hänge weiß weiß weiß und es wird kalt und kälter, obwohl über unsere Füße der warme Motorenwind weht und ich schon längst meine Jacke abgelegt habe. Im Radio läuft Rod Stewart und ich bin der Meinung, dass so eine Kackmusik auch nur im Radio laufen kann. Als ich K erkläre, es müsse irgendwo dort draußen Menschen und Paare geben, die einen Song von Rod Stewart als ihren Song bezeichnen, stimmt sie mir zu, gibt allerdings zu bedenken, es ginge immer noch schlimmer. Natürlich hat sie recht, doch ich frage mich, wie schlimm es wirklich noch gehen kann, ob der Brunnen sozusagen keinen Grund besitzt.

Als wir uns dem Wanderparkplatz nähern, werde ich unruhig. Wir fahren eine schmale Serpentine hinauf und links und rechts am Fahrbahnrand ist bereits alles voller Ausflügler. Hinter einer Kurve sehen wir die Familien oben auf den weißgespülten Hängen, eine riesige Kindertraube, die auf Schlitten in Richtung Talsohle knallt und die Eltern und Alten dazwischen. So stelle ich mir ein Skigebiet vor, ein Haufen Irrer, die in K2-Montur die Hänge hochwetzen und das alles für total befreiend und wunderbar aktiv befinden, die Luft ist ja auch so unglaublich frisch.

Nach einer Ehrenrunde biegen wir endlich auf den Parkplatz, obwohl ich fest überzeugt bin und das auch offen erkläre, wenn schon die Straße voll ist, ist es der Parkplatz erst recht. Doch wir haben Glück, schlängeln uns an einer riesigen Kolonne anderer Autos vorbei und parken zwischen den monolithischen SUVs zweier Kleinfamilien. Die Kinder – Finn, Leonard, Charlotte oder Pia – werden in Daunenanzüge gezwängt, haben jede Gegenwehr aber bereits aufgegeben und lassen deshalb alles über sich ergehen. K und ich steigen aus und ziehen uns ebenfalls an. Dann laufen wir in Richtung Wald.

Kurz bevor wir den Weg erreichen, sprechen uns zwei Männer an. Ihr Auto käme nicht mehr aus dem Schnee heraus, sei total festgefahren, ob wir helfen könnten. Ich stöhne innerlich auf. Na klasse, jetzt noch dieses Männergequatsche, wie man am besten im Rückwärtsgang und dann schön was unterlegen und freischaufeln und ja, jetzt mal ein bisschen mehr Gas bitte. Natürlich lasse ich mich breitschlagen, ich gehöre ja irgendwie doch dazu und außerdem sind die beiden nett und noch bevor ich mich an der Motorhaube als Zweitschieber in Stellung begebe, ruft schon so ein Alexander oder Martin, er sei auch dabei, wir sollten nur kurz warten, das hätte er schon tausend Mal gemacht. Scheisse, fluche ich innerlich, jetzt noch so ein handwerkelnder Familienvater, das hat mir gerade noch gefehlt, aber da steht der Superschneeexperte schon an meiner Seite und gibt Kommandos. Vollgas!, ruft er wie ein Oberfeldwebel, los, los!, aber nichts tut sich. Erst, als noch ein anderer Sachverständiger rekrutiert wird („Ja, ja, das passiert, wenn man nicht rückwärts einparkt mit Vorderradantrieb, weil dann kann man gleich im zweiten Gang wieder raus“), wuchten wir diese Mistmöhre endlich gemeinsam auf den Weg. Merkwürdigerweise findet, wie in solchen Momenten normalerweise immer der Fall, keine Verbrüderung statt, wir sagen uns nicht einmal Tschüss, es fällt auch kein Danke oder so. Ich bin nur froh, endlich verschwinden zu können.

Je weiter wir durch den Wald kommen, desto stiller wird es. Die Kiefern wachsen wild nach oben, es schneit ganz leicht und wir begegnen anfangs nur selten anderen Ausflüglern. Es wird kälter mit der Zeit, ich muss mir ein zweites Paar Socken überziehen und stapfe dann davon. K ist begeistert, wirft sich in eine Schneewehe und macht einen Schneeengel, was ich natürlich filme. Es tut gut, auf diese Weise durch den Wald zu laufen, der sich wiedermal ohne Gegenwehr allem und jedem zur Verfügung stellt. Als wir einen Hügel hinter uns bringen, halte ich an, ich habe da etwas im Dickicht entdeckt. Ein Wolf, sage ich, ohne selbst an meine Worte zu glauben, aber K erwidert, es gebe hier keine Wölfe. Wir gehen weiter und entdecken in etwa einhundert Meter Entfernung ein junges Reh, das unseren Blick erwidert, um dann gelangweilt zu verschwinden. Als wir in einen Abschnitt des Waldes kommen, in dem die Bäume immer höher wachsen, fällt mir Stifters Hochwald ein, auch wenn ich die Erzählung nicht ganz zusammenbekomme. Ging es da um dieses Geschwisterpaar, das sich im Wintersturm verirrt? Aber Hochwald, was für ein deutsches Wort, deutscher geht es doch kaum! Eine halbe Stunde später bewirft mich K mit einem Schneeball. Ich revanchiere mich natürlich. Später, auf einem Weg in Richtung Tal, auf dem uns junge Familien mit Kindern begegnen, versucht mich K in einen Abhang zu stoßen, natürlich alles im Spaß. Aber das lasse ich mir nicht gefallen, werfe sie um und seife sie zumindest andeutungsweise ein. Als ich kurz zurück in Richtung der jungen Familien sehe, fällt mir ein Blick der Frau auf, die sich da an etwas zu erinnern scheint. An eine Zeit vor den eigenen Kindern, als es so was vielleicht auch für sie gegeben hat. Aber das alles ist lange her.

16. Januar

Ich wache gegen halb acht auf mit einer Zeile im Kopf, die ich noch im Bad vergesse. Dieser Spuk der eigenen Gedanken, die in der Nacht allein vor sich hinarbeiten und wer weiß welche Figuren, Muster und Kreise in uns ziehen, unwahrscheinliche Gebäude errichten, die der Morgen wieder einreißt, diese ganze Arbeit im Geheimen. Ich stehe vor dem Badspiegel und versuche ein Echo zu erwischen, das Echo dieser verlorenen Zeile, die immer weiter von mir abrückt, je intensiver ich mich auf sie zu konzentrieren versuche. Irgendetwas mit Dunkelheit? Lähmung? 

Ich setze mich mit meinem Rechner auf die Couch im Wohnzimmer. Der Rotweinfleck, den ich angetrunken und ziemlich verzaubert an Silvester auf unserem neuen IKEA-Teppich hinterlassen habe (mundgewebt in so schön konstruktivistischer Farb- und Formgestaltung), ist noch immer zu sehen, obwohl K mit ziemlich teurem Teppichreiniger zugange gewesen ist. Ich sitze und plötzlich erwische ich die Zeile, die mir eben im Bad verloren gegangen ist, als hätte das Sitzen etwas in mir bewirkt. Gedanken, Gedanken, das trübe Licht. War es nicht das? Aber was für eine Zeile soll das sein, geht es mir sofort wieder durch den Kopf, das ist doch überhaupt keine richtige Zeile, nur so eine Art Ansatz und selbst der ist ziemlich schwach.

Dann schalte ich Musik an, Plankton Wat, so eine Psychedelic-Geschichte, die ich irgendwann während einer intensiven Krautrock-Recherche entdeckt habe. Aber schon nach ein paar Minuten geht mir das Gedudel auf die Nerven, diese ewigen mythischen Gitarrensoli, vielleicht ist das doch nicht zu ertragen. Wechsle auf Royben Sawyer, Dronestaffagen, Oszillatorengemenge, ELEKTRISCHE, mal sehen, ob ich darin klar komme, für eine gewisse Zeit. 

Ich müsste eigentlich laufen, sage ich mir, ich muss mich heute bewegen, aber draußen ist es kalt und ich fühle eine merkwürdige Unruhe in mir, einen regelrechten Tatandrang und weiß, dass ich mit dieser Unruhe in der Brust zum Laufen nicht fähig bin. Ich habe das ein paar Mal ausprobiert, kann den gleichmäßigen Laufrhythmus aber nicht halten in einer solchen Stimmung, werde schneller, sobald sich die Gedanken in meinem Kopf beschleunigen, um übereinander herzufallen und dann wieder langsamer und die ganze Zeit verschwindet die Unruhe in mir nicht, so dass auch das Laufen zu einer wirklichen Qual wird, zu einem Hindernis, einer weiteren Verantwortlichkeit (diesmal für den eigenen Körper und seinen Grunderhalt), die man sich selber aufgehalst hat. Aber auch das Sitzen bereitet mir Probleme und das Musikhören. In letzter Zeit höre ich eigentlich nur noch Black Metal und John Fahey, eine verrückte Kombination, es ist wie ein Schwanken zwischen Stumpfheit und How Much Wood Could A Wood Chuck Chuck von Werner Herzog. Gestern habe ich Die Stunde des Todes von Achternbusch gelesen, der ja für Herzog das Herz aus Glas geschrieben hat. Achternbusch ist auch die Wände rauf und runtergelaufen, immer mit der leiselauten Ahnung in Gedanken, wahrscheinlich allein zu stehen und sich gegen das Übermächtige bis zur Selbstzerfleischung richten zu müssen, weil es, wenn man lange Zeit in eine Richtung geht, irgendwann kein Zurück mehr für uns gibt.

11.35. Komme vom Laufen heim, zum ersten Mal unter fünf Minuten für einen Kilometer gebraucht, aber auch entsprechend gehechelt wie ein Herzklappenpatient. Draußen sind wieder viele Leute unterwegs, alle zieht es zu den Gewässern, zu den Flüssen in der Stadt. Die ganzen ewig Unsportlichen bevölkern jetzt die Wege und Wiesen in Triathletenklamottage und kommen gut zurecht. Ich steuere an ihnen vorbei, überhole wo ich kann, aha, es gibt neue Graffitis an einer Wand, so eine abgestandene Kacke, früher fand man das ja ganz nett, aber auch dort tut sich überhaupt nichts, die gleichen Kackbuchstaben wie vor 40 (!!) Jahren in der Bronx, die gleiche Comicfiguren, besoffene Pandas und so und das soll man dann gut finden? Wie wärs, wenn die so genannten Graffitimenschen mal ein paar Diego-Rivera-mäßige Agitationsmaschinen an die Wände ballern und uns alle endlich zum totalen Superkampf aufstacheln, aber ne, dann lieber ein paar verschnökelte ich-bezogene Buchstaben. Dafür ist die Literatur doch da! Kacke.

C schreibt mir aus Marseille, welches Cover er für Gärten gut findet. Das deckt sich auch mit meinem Gefühl und der Meinung von K. Ich erhalte auch ein paar Nachrichten von ihm, offensichtlich ist er gerade wieder mit den Kindern unterwegs. Bin gespannt, wie er auf die große Heulkrampfszene in AK reagiert, in der er ja zentral in Erscheinung tritt. 

15. Januar

Vielleicht wird es mir in diesem Jahr möglich sein, mich ernsthaft als Subjekt zu begreifen, als ein richtiger Agent, Agent des eigenen Lebens, nicht nur Verhandlungsführer, sondern Handlungsreisender, einer der wirklich handelt sozusagen. Gleichzeitig ahne ich im Tagebuch einen großen, umfassenden Betrug. Das Tagebuch ist eine verkehrte Gattung, dieses Sprechen zu sich selbst, ohne jede Figur, aus diesem Grund auch so beliebt bei verpickelten Jugendlichen, denn man muss hier keine Stellung beziehen, man ist ein grenzenloses Ich und Zentrum jedes einzelnen Gedankens.

Auf der Neckarbrücke füttert ein alter Türke eine wirklich beängstigende Möwenschar, wirft halbe Brote über die Brüstung, über die sich diese hungrigen Flugtiere sofort her machen, als hätten sie seit Tagen nichts gegessen, als wären alle Rentner mit schier unerschöpflichen Brotreserven mit einem Mal vom Erdboden verschwunden, was natürlich nicht stimmt, denn hier draußen bei -2 Grad trippeln die Omis und Opis noch munter rum, ohne an Blitzeis und Hüftgelenksfrakturen auch nur einen müden Gedanken zu verschwenden. Ich habe nie ganz verstanden, ob die Tauben- und Möwenpfleger einfach nur ihre verschimmelten Brotbestände loswerden wollen mit dem Gedanken, der Natur und den Biestern etwas Gutes zu tun oder ob es sich eher um verzwickte Einsamkeiten handelt, die sich im Akt des Fütterns ein wenig Nähe verschaffen. Die Tiere kommen ja tatsächlich sehr nah an einen heran, sie haben keine Scheu, sobald es etwas zu futtern gibt, auch wenn das natürlich nicht heißt, es gebe da eine Beziehung zwischen dem älteren Türken und den Tauben, beide existieren, egal wie viel Brot durch den Himmel fliegt, in verschiedenen Welten und verstehen einander nicht.

Vor einigen Tagen habe ich auf Youtube ein kurzes Video über eine Art Steppenfuchs, gesehen, der in Brasilien und Argentinien zu Hause ist, einem Fuchs ähnlich sieht, aber mit viel längeren, merkwürdig staksigen Läufen, dabei aber den Namen Wolf trägt, ohne mit den Wölfen verwandt zu sein. Präriewolf vielleicht, ich kann mich nicht richtig erinnern. Was für ein Tier! Irgendwie überlängt wie so eine Lehmbruckgestalt, ganz schlank wie ein Windhund, aber nicht so deprimierend und verängstigt wie diese Gattung mit ihren obligatorisch eingeklemmten Schwänzen. Kein Wunder, dass der Adel so sehr auf diese Tiere steht, die wirken ja schon auf den ersten Blick wie der prototypische Knecht, runder Rücken, eingezogener Schwanz, von denen geht jedenfalls kein Aufstand aus, dafür sind die Straßenköter und Promenadenmischungen zuständig. Der Steppenfuchs jedenfalls gefiel mir sofort. Mit seinen hohen Läufen kann er über das Steppengraus gut drüber schauen und sieht so seine Beute besser. Außerdem hat er so große Löffel wie ein Hase und bewegt sich zwischen den Menschen sehr vorsichtig. Er kennt den Feind. Deshalb auch die Steppe als Heimstatt.