29. Januar, Spanien (Schluss)

Der Rest unserer Reise besteht aus einigen zusammengewürfelten Bildern.

Wir landen in einem weiteren Dorf, diesmal einige Kilometer von der Küste entfernt. Der Regen fängt uns wieder ein, auch wenn er sich nicht mehr zu einem Unwetter auswachsen will. Stattdessen fällt er und fällt, wir übernachten unter einer Brücke und kommen zum ersten Mal mit einer sogenannten Brückenentwässerung in Berührung. Unter einem unsichtbaren Rohr schlagen wir nichts ahnend das Zelt auf und werden in der Nacht von einem wahren Wasserfall geweckt.

Unser Klamotten sind nun kontinuierlich klamm und verströmen einen abgestandenen, modrigen Geruch. Tagsüber ist es warm, doch die Sonne bricht kaum noch durch die dichte Wolkendecke und ihre müden Strahlen reichen einfach nicht aus, um unsere Sachen zu trocknen. Schließlich beginnen meine weißen Baumwollshirts nach Schimmel zu stinken und ich werfe einen Großteil von ihnen weg.

Wir schwimmen in einem Fluss, trinken Bier im Wasser, es ist ein ruhiger, schöner Tag. Später schlafen wir am Ufer und weigern uns mit Nachdruck, das Zelt schon wieder aufzubauen. Die Sterne über uns wirken unglaublich, sie strahlen mit einer scharfen Intensität, als versuchten sie etwas unter Beweis zu stellen, als ginge es in gewisser Weise um ihr Leben und Simon und ich liegen unter diesem Sternenhimmel und sprechen über das Ende der Schulzeit, klagen einander unser Leid, unsere Hilflosigkeit, die so groß ist, unsere Schüchternheit, die Mädchen, die nichts von uns wollen, die Schwere des Daseins natürlich, der endlose Spuk der Gedanken, Unsicherheiten, diese wahnsinnige Orientierungslosigkeit. All die Versuche! Wie vergeblich doch so vieles ist!

Und über uns das Pulsieren der Sterne. In meiner Kindheit, sagt Simon, gab es einen ähnlichen Himmel in meinem Zimmer, direkt über meinem Bett. Kleine sternförmige Aufkleber, die sich mit dem künstlichen Deckenlicht vollsogen wie ein Schwamm mit Wasser, um dann in der Dunkelheit grün zu leuchten. Solche Aufkleber hatte ich auch, sage ich. Aber sie erinnern mich nicht an diesen Himmel über uns. Bist du dir da sicher?, fragt Simon. Ich denke schon, erwidere ich.

In den folgenden Tagen regnet es pausenlos. Wir verbrauchen unser letztes Geld für Zugfahrten, die uns an der Mittelmeerküste entlang in Richtung Norden führen. Hin und wieder halten wir uns für einige Stunden in den Bahnhofsgebäuden auf, kaufen in namenlosen Dorfläden und Supermärkten ein, doch bald schon müssen wir weiter, um uns einen Schlafplatz zu sichern. Mittlerweile sind wir seit etwa drei Wochen unterwegs, obwohl wir doch am Beginn unserer Reise von Monaten ausgegangen waren. Aber diese Verschiebung sprechen wir nicht an.

Endlich fällt der Beschluss, in Richtung Straßburg weiterzufahren und damit rückt das Ende unserer Reise ins Bild. Ich erinnere mich noch gut an einen der letzten Streckenabschnitte. Wir fahren mit dem Zug für Stunden nach Nordosten und irgendwann taucht vor den Fenstern unseres Abteils eine wirklich atemberaubende Seenlandschaft auf. Das Wasser spiegelt sich im Licht und je weiter wir kommen, um so mehr verlieren sich auch die Wolken. Die zu uns zurückkehrende Sonne verwandelt das baumlose Fachland in spiegelnde Flächen, in mit Silber ausgegossene Archipele, eine wirkliche Flut an Schönheit strömt von draußen auf mich ein und obwohl ich sie nur schwer ertrage, bleibt das Wegsehen doch unmöglich.

Als wir durch diese Landschaft fahren, spüre ich den heftigen Drang, am nächsten Bahnhof einfach auszusteigen und zurückzuwandern, bis ich diese Traumzone erneut erreiche. Ich möchte hinein in diese Wasserlandschaft, um mich in ihr zu verlieren, ein neues Leben zu führen als Bewohner zwischen den Seen. Dort draußen, glaube ich mit einem Mal fest, liegt das Abenteuer und das Ziel unserer Reise. Doch ich unterdrücke meinen Impuls mit aller Kraft und rede mir ein, dass wir nicht einfach an der nächsten Station aussteigen können, schließlich haben wir unser Ticket bereits bezahlt und kaum noch Geld. Erst später beginne ich zu verstehen, dass unser Ausstieg immer möglich war, die Landschaft war möglich, diese Seen waren möglich, die Vorstellung von mir und Simon und unserem Aufenthalt inmitten des Bildes war eine Möglichkeit, die auf ihre Umsetzung wartete. Nur ein Wort des Aufbruchs hätte fallen müssen, ein kurzer Widerstand gegen die beschlossene Route, mehr nicht.

Wir kommen in Straßburg an und verbringen zwei weitere Tage in der Stadt. Jetzt regnet es wieder, das Wetter hat uns eingeholt und trotz der minutiösen Vorplanungen haben wir doch keine richtigen Regenklamotten eingepackt. Wir laufen ziellos durch die Stadt, sehen uns das Münster an, staunen über diese Riesenhaftigkeit, die ja auch etwas übertrieben wirkt und endlich beschließen wir erschöpft, zurückzukehren nach Deutschland.

Mit dem Zug fahren wir über die Grenze nach Kehl und dann immer weiter in Richtung Berlin. Nach einer endlosen Fahrt und mehreren Umstiegen in ganz Deutschland erreichen wir gegen Mittag meine Wohnung im Wedding. Ein paar Tage später macht sich Simon wieder auf den Weg, denn er muss zurück nach Gera, hat noch andere Verabredungen für den Sommer. Wir verabschieden uns voneinander. Das war doch eine schöne Reise, oder nicht? Ja, eine wirklich schöne Reise. Jetzt haben wir etwas erlebt und davon können wir später erzählen. Mach’s gut, wir sehen uns ja hoffentlich noch einmal in diesem Sommer, oder? Na klar, auf jeden Fall. Der Sommer hat doch gerade erst begonnen.